• Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Der Theoretiker und Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem bürgerlichen Wohnungsbau in Berlin. In diesem Band bringt Hoffmann-Axthelm 800 Jahre Stadtgeschichte kenntnisreich auf den Punkt. Fotos und Grundrisse erläutern den umfangreichen Text. Der Theorie-Ban zur aktuellen Architekturdebatte über den Bautypus des Stadthauses…mehr

Andere Kunden interessierten sich auch für

Produktbeschreibung

Der Theoretiker und Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem bürgerlichen Wohnungsbau in Berlin. In diesem Band bringt Hoffmann-Axthelm 800 Jahre Stadtgeschichte kenntnisreich auf den Punkt. Fotos und Grundrisse erläutern den umfangreichen Text. Der Theorie-Band zur aktuellen Architekturdebatte über den Bautypus des Stadthauses.
  • Produktdetails
  • Grundlagen Bd.9
  • Verlag: Dom Publishers
  • Seitenzahl: 311
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 311 S. m. 80 Abb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 210mm x 28mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783869221175
  • ISBN-10: 3869221178
  • Best.Nr.: 32625393

Autorenporträt

Dieter Hoffmann-Axthelm, Stadtplaner, Architekturkritiker, Essayist, geboren 1940 und aufgewachsen in Berlin. Studierte Theologie, Philosophie und Geschichte; in den 90er Jahren Mitarbeit am Planwerk Innenstadt für Berlin, begleitet seit Jahrzehnten Bauen und Werden in Berlin mit kritischem Blick. Mehrere Bücher, zahllose Beiträge u.a. in arch+, Bauwelt, Ästhetik und Kommunikation

Inhaltsangabe

Vorwort Einfü
hrung 1. Die mittelalterliche Wurzel 2. Vor dem Dreiß
igjä
hrigen Krieg 3. Neuanfang nach dem groß
en Krieg 4. Die Verstaatlichung des Wohnungsbaus 5. Kurswechsel unter Friedrich II. 6. Das vormoderne Mietshaus 7. Beginn der Bü
rgerlichen Gesellschaft: Um 1800 8. Das bü
rgerliche Mietshaus 9. Das Wohnhaus im Zeitalter der Hochindustrialisierung 10. Kurze Frü
hmoderne (1895-1918) 11. Das Jahrhundert der Typisierung 12. Die Zukunft des Berliner Stadthauses

Rezensionen

Besprechung von 27.07.2011
Das zweite Gartenhaus im engen Hof zeigt Eigensinn

Vom Bauen an der Spree: Dieter Hoffmann-Axthelm versucht sich an einer Typologie des Berliner Stadthauses quer durch die Geschichte und hat dabei für die Moderne nicht sehr viel übrig.

Wo kommt das Berliner Haus her? Und geht es ... vielleicht immer noch weiter?" Gegen alle historischen, politischen und geographischen Fraktionierungen der Stadt will Dieter Hoffmann-Axthelm den Gegenbeweis eines "zähen Eigenwillens" typologischer Elemente antreten. Fragen zur Typologie der Stadtarchitektur sind gerade in Berlin von hoher politischer Brisanz - und die vorliegende Monographie muss als ein Beitrag zur aktuellen Architekturdebatte gelesen werden.

Im Streit um die bauliche Zukunft Berlins ist die vermeintliche Fortführung etablierter Typologien nicht erst seit Hans Stimmanns Planwerk Innenstadt ein gern genutztes Argument. Der Rekurs auf den Berliner Block mit geschlossener Bebauung, einheitlicher Traufhöhe und steinerner Lochfassade sollte den dynamischen Prozessen der Wiedervereinigung formale Zügel anlegen - mit insgesamt wenig inspirierenden Ergebnissen. Bereits die für 1984 geplante Internationale Bauausstellung hatte - beflügelt von Aldo Rossis Plädoyer für eine beziehungsreiche Stadtarchitektur - eine ambitionierte Wende in der verrufenen Baupolitik der "Frontstadt" eingeleitet, die von Kahlschlagsanierungen und Mietspekulation geprägt war und im Häuserkampf vollends zu eskalieren drohte Eine typologisch geschulte "kritische" Rekonstruktion stellte damals die Auseinandersetzung mit den historischen Stadträumen in ihren heterogenen Schichtungen und Strukturen über etablierte funktionalistische Planungsparameter.

Auch Hoffmann-Axthelm fasst den architektonischen Typus nicht formalistisch auf, sondern als ein Organisationsprinzip, als eine Summe lokaler Übereinkünfte. Im chronologisch geordneten Hauptteil wird eine Fülle von Material zur Berliner Baugeschichte ausgebreitet, eine beeindruckende Synthese, obwohl sie sich nicht immer auf der Höhe der verstreut publizierten Spezialforschung präsentiert. Die bauliche Entwicklung Berlins wird dabei in eine enge Beziehung zur Baupolitik und vor allem zu sozialen Fragen gesetzt. In dieser von der mittel-alterlichen Gründung bis heute aufgespannten Perspektive gerät indessen die Kernthese immer wieder aus dem Blick, nämlich die konsequente Herausarbeitung einer Typologie des Berliner Stadthauses in seinen Varianten und historischen Wandlungen. Der zu erbringende Nachweis struktureller Konstanz, die behauptete Zugehörigkeit der unterschiedlichen und oft sehr detailliert beschriebenen Befunde zu einer Familie, gelingt so nur punktuell. Die dichten Kapitel lesen sich über weite Strecken eher wie eine informierte und strukturell aufgeschlossene europäische Geschichte des Wohnens am Beispiel Berlins.

Tatsächlich lässt das Wenige, was zum Wohnen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Berlin bekannt ist, kaum typologische Eigenständigkeit erkennen. Wie in vielen märkischen Kolonistenstädten standen über Jahrhunderte giebel- und traufständige Häuser friedlich nebeneinander. Nach dem Epochenbruch des Dreißigjährigen Kriegs vollzieht sich der Hausbau dann, energisch gefördert durch die preußischen Herrscher, in augenfälliger Parallelität etwa zum nahe gelegenen Potsdam. Die anspruchsvollen Wohnungsbauprogramme Friedrich Wilhelms I. und erste einheitliche Bauordnungen führen hier wie dort zu einer Vereinheitlichung des Straßenbildes. Gleich ausgerichtete und achsensymmetrische Putzfassaden werden zur Norm, wie anders als in Berlin noch heute in der Potsdamer Neustadt anschaulich ist. Die Studie macht deutlich, wie stark die im achtzehnten Jahrhundert etablierten Wohnformen, von der Kaserne bis zum Kolonistenhaus, Produkte staatlicher Lenkung sind. Gleichzeitig kommt es mit der Entstehung eines freien Wohnungsmarktes zu hoher städtischer Verdichtung und Vermischung. Eine Antwort auf die Frage, wie die konstatierte "Abmagerung" der Typenvielfalt unter der Wucht des staatlichen Zugriffs mit der These der Herausbildung eines spezifisch berlinerischen Milieus zusammenzudenken ist, bleibt der Autor indessen schuldig.

Nachdem der Staat sich weitgehend aus der Reglementierung des Hausbaus zurückgezogen hatte, blieb das bürgerliche Mietshaus prägende Konstante städtischen Wohnens - ein mit Blick auf die künftige Entwicklung Berlins zur Mietermetropole lokalgeschichtlich entscheidender Schritt. Der jetzt etablierte Haustyp, der alle sozialen Schichten unter einem Dach versammelt, vom Hausbesitzer in der Beletage bis zu den Dienstboten in der Dachkammer, ist allerdings ein gesamteuropäisches Phänomen, und man vermisst eine fundierte Analyse, inwieweit sich das frühe Berliner Mietshaus von Beispielen in Dresden oder Paris unterscheiden soll. Dies gilt auch für den um die vorletzte Jahrhundertwende kanonisierten Typus, dem Jonas Geist schon vor Jahren eine monumentale Monographie gewidmet hat. Lokale Besonderheiten wie das Berliner Zimmer oder das Frankfurter Bad sind bis heute offenkundig, werden in ihrer Entstehung und erstaunlichen Konstanz aber kaum ernsthaft analysiert. Dies ist umso erstaunlicher, als für Hoffmann-Axthelm das Berliner Mietshaus, das mit geschlossener Blockstruktur und engen Höfen bis heute weite Gebiete der Stadt prägt, so etwas wie die Inkarnation des Berlinerischen und den Leittyp des Berliner Wohnhauses darstellt, demgegenüber der Autor die weitere Geschichte der Moderne nur als eine Geschichte des Verfalls begreifen kann. Von einer Überwältigung des Typus durch Architektur ist die Rede und, nicht unzutreffend, von einer Ablösung der Typologie durch Morphologie und Gestaltbildung.

Aus dieser Perspektive wird die gesamte Kernzeit der Moderne unterschiedslos zur Epoche der Typenvernichtung: die von Julius Posner so leidenschaftlich rehabilitierte Reformarchitektur und die heute als Weltkulturerbe gefeierten Siedlungen der klassischen Moderne ebenso wie der NS-Wohnungsbau und die Großwohnanlagen der Nachkriegszeit - "eigenschaftslose Behälter, in dem die Bewohner orts- und spurenlos verschwinden". Das zwanzigste Jahrhundert steht unter Generalanklage der Rationalisierung, der Durchsetzung industrieller Standards, die mit dem Ende lokaler Bindungen einhergeht. Die Wiederentdeckung der Typologie, des Ortes und des Lokalen in der Postmoderne kommt hier nur als Strohfeuer vor, die bereits genannte Internationale Bauausstellung in Berlin als untauglicher Versuch willkürlicher Importe.

Für die zeitgenössische Architektur, das ist die Stoßrichtung der Argumentation, ist jener typologische Rest zu mobilisieren, der als eine "nicht auszurottende Schicht sozialen Eigensinns" geblieben ist. Tatsächlich weiß man noch heute in einer Berliner Straße in der Regel ohne weiteres, dass man in Berlin ist. Und tatsächlich stellen sich in erfolgreichen aktuellen Bauprojekten vermehrt unterschiedliche Grobformen lokaler Typologien wieder ein: in Berlin Hof und Parzelle oder bei der Hamburger Hafencity der bereits seit hundert Jahren etablierte Großblock. Noch fesselnder hätte das Buch werden können, wäre der Autor diesen Beobachtungen konzentrierter nachgegangen, etwa im Anschluss an aktuelle Ansätze in der Stadtforschung, die solche erstaunlich stabilen Wahlverwandtschaften zwischen baulicher Umgebung und urbaner Praxis unter dem Arbeitsbegriff städtischer Eigenlogik in den Blick nimmt.

Hoffmann-Axthelm belässt es bei einem Plädoyer für ein neues urbanes Bauen, das städtische Architektur als ein "Ineinander von historischer Grundlage und heutiger Nutzung und Belastungsfähigkeit" begreift. Dem "Stadtbewohner" trägt er auf, sich die Bauherrnfunktion wieder anzueignen - und dem Architekten, jeweils zu prüfen, wie viele funktionale und soziale Stränge ein Gebäude aus seiner modernen Isolierung heraus wieder zu verknüpfen vermag. Der Aufruf, energisch am Typus weiterzuarbeiten, wird aber nicht leicht zu befolgen sein, angesichts der Vielfalt und der Brüche, die der Autor in seinem anregenden Buch aufgezeigt hat.

GERHARD VINKEN

Dieter Hoffmann-Axthelm: "Das Berliner Stadthaus". Geschichte und Typologie 1200-2010.

Dom publishers, Berlin 2011. 311 S., Abb., br., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 02.08.2011
Als die Maurermeister
noch das Sagen hatten
Dieter Hoffmann-Axthelms große Geschichte
des städtischen Wohnens am Beispiel von Berlin
Die Spezialliteratur über europäische Großstädte hat nahezu alle Epochen, Gattungen und Architektenviten untersucht und dabei jeden Pflasterstein umgedreht. Doch über das Wohnen in städtischen Häusern weiß die Architektur- und Kunstgeschichte wenig zu sagen, weil die massenhafte Produktion von Unterkünften unterhalb der Schwelle des ästhetisch Bemerkenswerten liegt. Zwar brachte die moderne Sozialgeschichte viel Licht ins Dunkel der Alltagswelten, aber meist als Kontrasterzählung von Unten und Oben, die weder das Durchschnittsleben der namenlosen Bauherren und Bewohner noch die Routinen der Baupraxis behandelt.
In seiner umfassenden Geschichte des Berliner Stadthauses vom Mittelalter bis heute zieht der Stadttheoretiker und -planer Dieter Hoffmann-Axthelm die Summe seiner dreißig Jahre währenden Beschäftigung mit den elementaren Strukturen des städtischen Gesellschaftslebens. Nach seiner grundlegenden Universalanalyse „Die dritte Stadt“ von 1993 – die Suhrkamp dringend wieder auflegen sollte –, steigt der philosophisch, kultur- und stadthistorisch versierte Privatgelehrte endgültig vom Hochsitz der Theorie und gräbt die niedersten Formationen des menschlichen Habitats aus: Haus- und Feuerstellen, Buden und Läden, Höfe und Keller. Und das geschieht ausgerechnet in Berlin, das kein mittelalterliches Stadtjuwel, sonder ein Produkt der Ostkolonisation ist, und wo grenzenlose Abrisswut kaum vormoderne Bausubstanz übrigließ.
Über Berlin vor 1800 urteilte einst der Kunsthistoriker Karl Scheffler wenig schmeichelhaft: „Es war im Wesen von Fürst und Volk noch etwas Verbauertes: In Adeligen war was vom Raubritter, im Kaufmann etwas Hausiererhaftes, im Ackerbürger etwas vom Squatter und im Handwerker etwas vom Gelegenheitsarbeiter.“ Dagegen will Hoffmann-Axthelm wie einst Walter Benjamin die Schönheit seiner Stadt noch in der tiefsten Entstellung suchen. Während die volkskundlich geprägte Bauforschung das Stadt- aus dem Bauernhaus ableitete, extrahiert der Autor aus Plänen, Katastern und Veduten ein Phantombild der mittelalterlichen Stadt, das freilich wenig Berlin-spezifisch ist. Demnach waren die Wohngebäude noch keine neuzeitlich abgeschlossenen Kästen, sondern bildeten mit Außentreppen, Höfen, Küchenhäusern und mehren Zugängen fließende Übergänge. Daraus entwickelt der Autor ein Hauptmerkmal europäischer Urbanität: Anders als antike und orientalische Vorläufer öffnen sich die Häuser zur Stadt und setzen von der inneren Erschließung bis zur äußeren Fassadenmembran eine wachsende Dynamik der Scheidungen von Sichtbarkeit und Intimität in Gang.
Leitkonzept des Autors ist die Typologie, die er, anders als Architekten, nicht als ästhetisches Erlebnis, sondern als Leistungsform des sozialen Gebrauchs versteht. Typus ist für ihn die „Summe örtlicher Übereinkünfte, wie ein Haus gelebt und genutzt wird“. Als Indizien untersucht er Erschließungssysteme: Eingang, Einfahrt, Treppenhaus, Hof, Hinterhaus, Flur, Wohnung. Dabei handelt es sich allesamt um multifunktionale Grundelemente für Geschäft, Empfang, Kommunikation und soziale Distinktion, denen auf dem Weg vom Typus zur modernen Typisierung – der Aufspaltung in technische Detaillösungen – der Garaus gemacht wird.
Hoffmann-Axthelms zentrales Narrativ ist seine Kritik an der wachsenden Ermächtigung des Staates. Das Preußische Landrecht löste 1791 die Untertanen aus ihren ständischen Abhängigkeiten und bezog sie direkt auf den Staat als Obrigkeit und Erzieher. Fortan wurden Hausbesitz und Hausstand rechtlich getrennt. Anstelle des Instituts des „ganzen Hauses“ mit allen abhängig Wohnenden blieb vom Hausherrn nur noch das Familienoberhaupt übrig. Das ist die Keimzelle der Kleinfamilie, die in der Schrumpfform der zur postalischen Adresse gewordenen Wohnungstür entlang feuerpolizeilich abgeschlossener Treppenhäuser ihr Dasein fristet.
Berliner Stadthäuser wurden im 18. Jahrhundert zum Verwaltungsprodukt, das mit regionalen Gewohnheiten und Handwerkstechniken brach. Hintergebäude mit Abort, Stall, Schuppen, Werkstätten kamen im behördlichen Hausmodell nicht mehr vor. Allerdings brachte die Schwächung Preußens nach dem Zusammenbruch 1806 die Stein-Hardenbergsche Städteordnung hervor. Dadurch emanzipierte sich das Bürgertum von staatlicher Reglementierung, und Hauseigentümer wurden zu Trägern der kommunalen Selbstverwaltung.
Mit Industrialisierung und Bevölkerungsexplosion – Berlin wuchs zwischen 1860 und 1900 von fünfhunderttausend auf zwei Millionen Einwohner – setzte die Massenfertigung von Wohnhäusern ein. Hier konstatiert der Autor „das Ende der sozialen Darstellungskraft des Typus, der mitteilt, wer in einem Haus wohnt und wie er darin arbeitet“. Auf der Basis von Arrondierungen riesiger Ackerflächen, bei denen die Stadt lediglich Fluchtlinien, Verkehrswege und Versorgungstechnik vorgab, entstanden Hunderttausende neue Mietshäuser, die Hoffmann-Axthelm trotz ausgedünnter Typenvielfalt als „einzigartige Erfolgsgeschichte“ beschreibt. Darin knüpft er an Jonas Geist und Klaus Kürvers an, die 1980 mit ihrer epochalen Berlin-Trilogie das Mietshaus gegen die moderne Stadtkritik verteidigten.
Obwohl die Serienproduktion haustechnische Optimierungen und behördliche Mustergrundrisse erzwang, bleiben für Hoffmann-Axthelm die Maurermeister die Sachwalter des Typus, während Architekten nur Stiloberflächen entwarfen. Den Investitionsboom nach der Reichsgründung 1871 vergleicht der Autor mit der IT-Spekulationswelle der 1990er Jahre: genauso viele geplatzte Träume, aber mit weitaus robusteren Hinterlassenschaften. Denn in jedem Haus steckte das Einzelschicksal seines Bauherrn, und vor der Erfindung von Rentenversicherungen waren Mietshäuser die wichtigste Altersvorsorge, die umso krisenfester ausfiel, je mehr die Immobilie mit verschiedenen sozialen Schichten und Gewerbe durchmischt war.
Auf das Größenwachstum reagierten schließlich die neuen Terraingesellschaften, die die Parzellierung, Bauplanung und auch Errichtung übernahmen und die Bauherrenschaft zum bloßen Käufer anonymisierten. Doch das Wohnungselend des Zille-Milieus oder von Raabes „Sperlingsgasse“ blieben altstädtische Phänomene fernab der neuen Mietshäuser. Das bürgerliche Erschrecken vor den Riesenkästen erklärt Hoffmann-Axthelm mit der Häufung von Menschen einer Klasse mit vielen Kindern, dörflichen Lebensgewohnheiten und nichtehelichen Verbindungen.
Gegen die anonyme, serielle Stadtproduktion des 19. Jahrhunderts entwickelte die Frühmoderne ihre Raum- und Stadttheorien, die den Baukörper zur individuellen, rundum wahrnehmbaren Einheit machten. Anstelle von Typologie praktizierten die Architekten nur noch morphologische Gestaltbildung. Wohngebäude entstanden nicht mehr im Raster von Bürger- und Baurecht, sondern sollten als Raumbildner das Stadtganze umformen. Mit der Neuerung der offenen, entmischten Bauweise verschwanden Quergebäude und Wohnhöfe ebenso wie der für sich selbst agierende Bauherr und das Einzelgrundstück. Die Wohnanlage wurde schließlich Siedlung und damit zum „homogenen Erziehungsmilieu“, um der Arbeiterklasse ihre proletarischen Manieren auszutreiben.
Der Absturz des privaten Bauens nach dem Ersten Weltkrieg stärkte den Staat als kollektiven Auftraggeber, was den Wohnreformern wie gerufen kam. Das gespenstische Pathos der Grundrissentwürfe, mit der die Avantgarde das Nutzerverhalten regulierte, schuf Tätigkeitsflächen entlang spezialisierter Raumzuschnitte. Die erziehende und lenkende Zuständigkeit der Architektur brachte keine dauerhaften, umnutzungsfähigen Häuser mehr hervor. Danach trieb die NS-Wohnungspolitik die Verstaatlichung weiter, nur ohne moderne Architektursprache. Der Massenwohnungsbau wurde seit dem Führererlass 1940 zur Staatsaufgabe. Das sieht der Autor als Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus, der in West- und Ostdeutschland nach 1945 seine wahre Blüte erlebt. Ob kapitalistische oder sozialistische Vergesellschaftung – für Hoffmann-Axthelm bringt beides die maximale Privatisierung des Lebens hervor.
Im Resümee wandelt sich der Autor vom Bauforscher zum Systemphilosophen und überrascht anstelle von Heimweh mit der Einsicht, erst die aufgeklärte Moderne sei zur historischen Selbstkritik fähig und könne in Kenntnis unwiederbringlicher alter Hausstrukturen aus dem Reservoir der Geschichte tragfähige Stadtelemente zusammenbauen. Sein Ruf nach privater Bauherrenschaft und dem „liberalen Prinzip Eigentum als Korrektiv“ klingt wie ein neues Patentrezept für Wohlhabende. Aber in Wahrheit ist es ein typologischer Grundbaustein und so alt wie die europäische Stadt selbst.
MICHAEL MÖNNINGER
DIETER HOFFMANN-AXTHELM: Das Berliner Stadthaus. Geschichte und Typologie 1200 – 2010. DOM publishers, Berlin 2011. 311 Seiten, 28 Euro.
In kürzester Zeit entstanden
Hunderttausende neue Mietshäuser
– eine Erfolgsgeschichte
Robuste Hinterlassenschaft: Kreuzberger Hinterhof, 1978. Foto: Paul Glaser
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In gewisser Weise betrachtet Rezensent Gerhard Vinken den hier angestrengten Versuch einer Typologie des Berliner Stadthauses als gescheitert. Denn die Kernthese des Autors - das Postulat einer langen und hartnäckigen Tradition spezifisch Berliner Bauelemente - werde durch das ausgebreitete Material mitnichten gestützt. Stattdessen empfiehlt der Rezensent, das Buch eher als eine "europäische Geschichte des Wohnens am Beispiel Berlins" zu lesen. Denn als eine solche sei die Untersuchung Gold wert, meint Vinken, der ihr eine hohe Informationsdichte bescheinigt und insbesondere die Inblicknahme sozialer und politischer Aspekte der Berliner Architekturgeschichte lobt. Skepsis bringt der Rezensent allerdings Hoffmann-Axthelms Einschätzung der Moderne entgegen, die ungeachtet diverser Einzelerscheinungen als "Epoche der Typenvernichtung" abqualifiziert werde. Und auch hinsichtlich der vom Autor geforderten Weiterentwicklung des Typus ist der Rezensent eher kritisch eingestellt, eben weil er die von Hoffmann-Axthelm selbst bezeugte Mannigfaltigkeit Berliner Baukunst schätzt.

© Perlentaucher Medien GmbH