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Mörderische Intrigen, geheime Bündnisse und unablässige Rivalitäten bestimmten das Leben hinter den Kremlmauern. Aber man feierte auch, spieltemit den Kindern und fuhr gemeinsam in die Sommerfrische ans Schwarze Meer. Stalins eisige Macht im Kreml wäre ohne seinen »Hofstaat« nicht möglich gewesen Unveröffentlichte Briefe, u.a. von seiner zweiten Frau Nadja, geheime Tagebücher, Notizen und Protokolle von Ministern und Beratern wie Molotow oder Beria erzählen uns in Simon Sebag Montefiores Bestseller auf höchst anschauliche Weise den Alltag am Hof des roten Zare…mehr

Produktbeschreibung

Mörderische Intrigen, geheime Bündnisse und unablässige Rivalitäten bestimmten das Leben hinter den Kremlmauern. Aber man feierte auch, spieltemit den Kindern und fuhr gemeinsam in die Sommerfrische ans Schwarze Meer. Stalins eisige Macht im Kreml wäre ohne seinen »Hofstaat« nicht möglich gewesen. Unveröffentlichte Briefe, u.a. von seiner zweiten Frau Nadja, geheime Tagebücher, Notizen und Protokolle von Ministern und Beratern wie Molotow oder Beria erzählen uns in Simon Sebag Montefiores Bestseller auf höchst anschauliche Weise den Alltag am Hof des roten Zaren
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17251
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 896
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 896 S. 32 Fototaf.
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 141mm x 53mm
  • Gewicht: 874g
  • ISBN-13: 9783596172511
  • ISBN-10: 3596172519
  • Best.Nr.: 20852420

Autorenporträt

Simon Sebag Montefiore, geb. 1965, studierte Geschichte in Cambridge. In den neunziger Jahren unternahm er ausgedehnte Reisen in die ehemalige Sowjetunion, besonders in den Kaukasus, die Ukraine und Zentralasien. Er lebt in London.

Rezensionen

Besprechung von 12.01.2006
Brombeere, Eisenarsch und Pianist
Die Geschichte Stalins und seiner Entourage in den dreißiger und vierziger Jahren

Im Mittelpunkt des Buches von Simon Sebag Montefiore stehen die großen Akteure. Der "wahre Stalin" ist für den britischen Historiker gerade nicht die von Trotzki diagnostizierte "Verkörperung bürokratischen Mittelmaßes", sondern "ein energischer, zielstrebiger Melodramatiker und als solcher in jeder Hinsicht außergewöhnlich". Er habe es "meisterhaft" verstanden, das Politbüro, in dem "überwiegend hitzige Egomanen" saßen, "durch Schmeichelei, Belobigung, Manipulation und Einschüchterung gefügig zu machen". Zum engsten Kreis des Kreml-Herrschers gehörten: der "altkluge Musterschüler" Molotow, seit Mitte der zwanziger Jahre Mitglied des Politbüros, seit 1930 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, später auch Außenminister, "stämmig, untersetzt, mit hoher Stirn, eisigen, nußbraunen, hinter seiner runden Brille blinzelnden Augen", der stotterte, "wenn er in Rage geriet (oder mit Stalin sprach)"; der ebenso altgediente, eitle Woroschilow, seit 1935 Marschall der Sowjetunion, der "Uniformen über alles liebte", "in seiner üppigen Datscha weiße Flanellhosen trug", "ganz in Weiß" auch Tennis spielte; der "ungestüme, lärmende, gut aussehende, gelernte Schuster" und vielseitig einsetzbare Kaganowitsch, jüdischer Herkunft; Walerian Kujbyschew, der Chefökonom, "mit wildzerzaustem Haar, einer Leidenschaft für Alkohol, Frauen und, wie es sic gehört, Poesie"; der "schlanke, scharfsinnige, adrette" Armenier Mikojan, langjähriger Volkskommissar für Binnen- und Außenhandel; Sergo Ordschonikidse, "ein kraftstrotzendes, leidenschaftliches, damals für die Schwerindustrie zuständiges Arbeitstier", das wie Stalin aus Georgien kam; der "wollüstige, rotblonde, georgische" Kreml-Leiter Jenukidse, der seine Genossen "durch Affären mit blutjungen Ballerinen schockierte".

In diesen Kreis wuchsen als Schützlinge Kaganowitschs während der dreißiger Jahre auch Jeschow und Chruschtschow hinein. Jeschow trat an die Spitze des NKWD. Er war "dürr und nur einseinundfünfzig groß" und mußte selbst "in einem Regime der Kleinwüchsigen fast als Pygmäe gelten". Als Bisexueller tobte er sich in "Orgien mit Prostituierten" ebenso aus wie in "hemmungslosen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht, seien es tapfere Schneiderleins, Frontsoldaten oder hochrangige Bolschewiken". Chruschtschow wurde nach Bewährungsjahren in der Ukraine Erster Sekretär Moskaus; als "kometenhaft aufgestiegener Dorftrampel" habe er "mit den hellen Schweinsaugen, der klobigen Statur und dem offenen Goldzahnlächeln eine mächtige Energie und primitive Derbheit" verkörpert. Blieben noch Beria, der Nachfolger Jeschows: ein "vielseitig begabter Mann mit erstklassiger Intelligenz", "sprudelnder Quell pietätloser Witze", "sadistischer Folterer" und "priapistischer Schürzenjäger, den die Machtfülle später zu einer Bestie unter den Triebtätern pervertierte"; dann Malenkow, zuständig für die Parteikader: "mit bleichem Mondgesicht", "dunklen, leicht mongolischen Augen", "weiblich breiten Hüften und einer Fistelstimme"; schließlich Schdanow, zuständig für die Kulturpolitik, Frohnatur adeliger Herkunft, Klavierspieler, bildungsbeflissen und extremer Pedant zugleich.

Hinzuzurechnen wären ihnen die Angehörigen, Ehefrauen und Kinder, Bediensteten und Wachmannschaften. Für Sebag Montefiori bildeten sie eine große "Familie", in alter Freundschaft und anhaltender Feindschaft einander herzlich verbunden, deren Netzwerk durch gemeinsame Romanzen, das sibirische Exil und die Waffengänge des Bürgerkriegs geknüpft worden war. Die Assoziation "mafioser Strukturen" liegt nahe und ist offenkundig gewollt. Da man sich lange kannte, hatte man für manche Familienmitglieder auch schon mal einen Spitznamen parat. Vertraut mit den Interna, hat sie Sebag Montefiore übernommen; da ist dann Ordschonikdse der "Genosse Sergo", Molotow wegen seines Sitzfleisches wiederholt der "Eisenarsch", Jeschow (ein russisches Wortspiel mit seinem Namen) die "Brombeere", Malenkow mit seinen "weiblichen" Hüften "Melanie", Schdanow der "Pianist". Sie waren aufgestiegen als "kleine, isolierte, stets gewaltbereite Minderheit, die nervös ein riesiges, in Trümmern liegendes, ebenfalls von Feinden belagertes Reich regierte" - als "kleiner Kreis von skrupellosen, idealistischen Magnaten", die sich weiterhin in ihrer Kontrolle über das Land bedroht sahen.

Die Geschichte Stalins und seines Hofes - mit dem Übergang von einer Oligarchie zur Diktatur - ist der Gegenstand des Buches. Es beschreibt, wie die Kreml-Familie die blutigen dreißiger Jahre, den Krieg und die Nachkriegszeit erlebte, zwischen Luxus und Angst, als Täter und Opfer zugleich. Sie war beteiligt an den Aktionen der "Organe" gegen "Kulaken", "Verräter und Saboteure", Militärs, das Jüdische Antifaschistische Komitee, die Kreml-Ärzte - und gleichzeitig in den eigenen Reihen, in jeder Familie, selbst von Folter, Lagerhaft und Hinrichtung betroffen beziehungsweise durch Drohung mit Exekution in den Selbstmord getrieben.

Aus Dokumenten und Selbstzeugnissen, Erinnerungen von Zeitgenossen und Hinterbliebenen fügt Sebag Montefiore ein Panorama dieser stürmischen Zeit zusammen. Schon ein flüchtiger Blick in die Anmerkungen zeigt, wie unendlich viel Arbeit in diesem Buch steckt. In den Anhang verpackt, verweisen sie auf umfangreiche Archivbestände, die in den neunziger Jahren freigegeben und vom Autor im früheren Parteiarchiv in Moskau und im Staatsarchiv der Russischen Föderation durchgesehen wurden. Deutlich wird, daß auch die breite Memoiren- und Tagebuchliteratur, die Briefwechsel und Dokumentationen ausgewertet wurden, von denen viele erst in jüngster Zeit erschienen. Außerdem suchte Sebag Montefiore die Schauplätze des Geschehens auf - in Moskau, Georgien und Abchasien - und sprach mit zahlreichen Zeitzeugen, die ihm oft weitere Materialien zur Verfügung stellten.

Meisterhaft wird die Geschichte Stalins und seiner Entourage in den dreißiger und vierziger Jahren erzählt. Dennoch hat das Buch etwas Erratisches an sich. Es ist weder eine Stalin-Biographie noch eine Geschichte des Stalinismus. Zu einer Stalin-Biographie würde auch die Vorgeschichte gehören, die Stalin, seine Oligarchen und das Land erst in diese Lage brachte: mit der Revolution in einem Lande, in dem alle Voraussetzungen für die bolschewistischen Experimente fehlten; mit einer Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, die die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich hatte; mit einem Anspruch und einer Wirklichkeit, die das Land auch in die internationale Isolation führten. Schließlich reichte die Geschichte des Terrors weit über jenen 8. November 1932 zurück, der mit dem Selbstmord von Stalins zweiter Frau Nadja Allilujewa im Buch als "Prolog" beschrieben wird. Von einer Darstellung des Stalinismus würde man andererseits erwarten, daß sie das Verhältnis von Ideologie, Politik und Gewalt systematischer angeht, prinzipieller hinterfragt, als es hier geschieht. Denn Sebag Montefiore stellt nur einen kleinen Kreis ideologisch Überzeugter und sozial Privilegierter dar, und zwar auf der Basis ihrer Zeugnisse und Selbstzeugnisse, der Erinnerung von Zeitzeugen und Hinterbliebenen.

HELMUT ALTRICHTER

Simon Sebag Montefiore: Stalin. Am Hof des Roten Zaren. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 874 S., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Simon Sebag Montefiore hat es geschafft, uns ein ungewöhnlich persönliches Bild vom alltäglichen Leben im Kreml zu geben. Eine packende Darstellung." Prof. Robert Service, Oxford

"Eine lebendige, überaus lesbare Darstellung korrumpierender Macht und derer, die sie ausüben - voll von düsteren und bezeichnenden Anekdoten und bislang unbekannten Zeugnissen." Sunday Times

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein wenig scheint Cord Aschenbrenner dieses Buch an eine Elefantenparade zu erinnern. Die gesamte Kamarilla von Stalins Kreml lässt der in Cambridge ausgebildete Historiker Simon Sebag Montefiore hier aufmarschieren. Gekonnt erzähle er von dem "beispiellosen Ungeheuer" und führe genüsslich "Verderbtheit, Rohheit und Opportunismus" seiner Entourage vor, schreibt Aschenbrenner. Dafür habe der Historiker jede Menge Archive gewälzt und die Nachkommen von Stalins Höflingen befragt. Allein: Erklärt oder analysiert werde hier nichts, manches erscheint dem Rezensenten sogar platt. Alles in allem ergeben die gesammelten Anekdoten eine Art Dokufiction, die der Rezensent nicht ganz ernst genommen hat.

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