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Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum…mehr

Produktbeschreibung
Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller "Das Ende von Eddy".
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.7252
  • Verlag: Suhrkamp
  • 13. Aufl.
  • Seitenzahl: 237
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 237 S. 202 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 202mm x 123mm x 23mm
  • Gewicht: 324g
  • ISBN-13: 9783518072523
  • ISBN-10: 3518072528
  • Best.Nr.: 24382222
Autorenporträt
Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Frankreichs und bezieht regelmäßig Stellung zum politischen Zeitgeschehen. Bei Suhrkamp erschien zuletzt: Michel Foucault. Eine Biographie (st 3086).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Robin Celikates liest Didier Eribons Selbstbefragung aus dem Jahr 2009 in "gekonnter" Übersetzung mit Genuss. Die schonungslose Klarheit und soziologisch kontrollierte, mit Foucault, Bourdieu und James Baldwin vorgenommene Introspektion seines Werdegangs vom homosexuellen Arbeiterkind zum Pariser Intellektuellen hat den Rezensenten beeindruckt. Sichtbar wird laut Celikates eine soziale Realität, die den Autor formt, soziale Erfahrungen, unsichtbare Formen der Gewalt. Für den Rezensenten leistet Eribon damit im Bewusstsein der Paradoxien der eigenen Position eine soziologische wie literarische "Politik der Wahrheit", wie sie die französische Linke nicht einzulösen vermochte.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.07.2016
Sonnenseiten
dieses
Lesesommers
Für alle, die noch nicht wissen, welches
Buch sie in den Urlaub mitnehmen sollen –
hier die Empfehlungen der SZ-Redaktion
für Strandtasche, Rucksack und Reisekoffer.
21 Antworten auf die Frage:
Was soll ich lesen?
Die Botschaft des
Wächters
Als junger Anwalt verteidigt er einen Schwarzen, der wegen Vergewaltigung angeklagt ist, und zieht damit Wut, Spott und Verachtung der ganzen Stadt auf sich. Nur seine Tochter „Scout“ bewundert ihn für seinen Mut. Doch als sie zwanzig Jahre später von New York in ihre Heimat nach Alabama zurückkehrt, entdeckt sie in ihrem Vater Atticus Finch plötzlich einen kleinkarierten, verbissenen Rassisten. Wer nach den tödlichen Schüssen von Falcon Heights, Baton Rouge und Dallas versucht, den Rassenhass in den Vereinigten Staaten aus der Geschichte des Landes heraus zu verstehen, liest unruhig und fasziniert „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Das Buch, das fast fünfzig Jahre lang verschollen war und erst 2014 wiederentdeckt wurde, erzählt vom alltäglichen Rassismus in den Südstaaten der Fünfzigerjahre und knüpft an Harper Lees Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“ von 1960 an, der lange für ihr einziges Werk gehalten wurde. Verstörend, witzig, ernst, kurzweilig – alles auf einmal ist dieser Roman. Wunderbar, dass das „Wächter“-Manuskript kurz vor Harper Lees Tod in diesem Frühjahr noch gefunden wurde.
 WOLFGANG KRACH
Vom Dandy zum
/>Kriegsgegner
Dieses Buch ist hundert Jahren alt und doch zum Fürchten aktuell. Es ist
leidenschaftlich, es ist humorvoll, es ist zum Verzweifeln; es ist menschlich. Der junge katalanische Journalist Agusti Calvet (1887 – 1964), er nennt sich Gaziel, reist im Auftrag seiner Zeitung in den Krieg, nach Griechenland und weiter nach Serbien; er reist durch das zerfallende Osteuropa. Er berichtet dabei genau von den Gespenstern, die heute wieder wach geworden sind. Sein Tagebuch erzählt vom Wahn, „die Erde als parzellierte Landkarte zu betrachten und in jedes Feld stolze oder einfach nur wohlklingende Namensschilder zu stecken“. Es berichtet von den Flüchtlingen auf der Balkanroute des Jahres 1915: „Nichts hat mich so erschüttert wie diese Scharen von Bauern, halbnackt, in Lumpen
gekleidet, die aus ihrer Heimat gejagt wurden wie menschlicher Abfall“.
Gaziel, der ein koketter Dandy war und auf dieser Reise ein klarsichtiger Kriegsgegner wurde, schildert eine Welt vor dem Untergang. Sein Buch „Nach Saloniki und Serbien“ ist nun erstmals auf Deutsch erschienen. Statt neuer Badelatschen kaufe man sich dieses Buch. HERIBERT PRANTL
Eisblumen
der Liebe
Im Sommer ein Buch über Franz Schuberts „Winterreise“ zu lesen, ist gar nicht abkühlend, denn in diesem Zyklus von 24 Liedern geht es schließlich um die Liebe eines Zurückgewiesenen. Er wandert fort, durch schneeknirschende Landschaften, schreit seine Gefühle hinaus und wispert sie in sich hinein. Selbst wer Wilhelm Müllers von Schubert vertonte Gedichte auswendig kann, wird sie ganz neu hören und sprechen, wenn er Ian Bostridges Buch gelesen hat. Bostridge ist Historiker, aber auch ein großer Liedsänger, weshalb er nicht nur Schuberts Welt und Zeit beleuchten und die Deutungslinien bis in die Gegenwart ziehen kann, er tänzelt auch zwischen Malerei, Literatur, Musik und den Naturwissenschaften so leichtfüßig hin und her, dass es eine Wonne ist. RENATE MEINHOF
Der Tod
steht ihr gut
Ein Buch über den Tod – nein, kein Krimi – als Sommerlektüre? Jawoll, geht. Denn mit Leichen kann man viel erleben. Und lernen kann man von ihnen noch mehr. Die Autorin dieser „Lektionen aus dem Krematorium“, Caitlin Doughty, ist erst 23 – jung, schön und gebildet. Dass sie zudem über warmherzigen Witz verfügt, kann man auch auf ihrem Youtube-Kanal sehen: „Ask A Mortician“ hatte in den USA schon Kultstatus, bevor sie ihre Erfahrungen als Einäscherungsgehilfin niederschrieb. Ihr Buch ist klug und unterhaltsam wie eine gute Tragikomödie. Keiner muss Angst haben, in diese Seiten des Lebens einzutauchen. 
SUSANNE HERMANSKI
Die große Stadt
als Schicksal
In einer Zeitung findet George Baldwin die Meldung, dass es am Bahnübergang Eleventh Avenue wieder einen Unfall gegeben habe, ein Milchkutscher wurde verletzt. Daraus ließe sich doch, denkt der junge Anwalt, dem es an Mandanten fehlt, „eine hübsche kleine Schadenersatzklage“ machen. Er findet die Familie des Kutschers McNiel, beginnt eine Affäre mit dessen Frau, erstreitet eine stolze Entschädigungssumme. Der Milchmann steigt auf, wird Gewerkschaftsführer, der Anwalt hat Erfolg und findet doch nirgends richtig Halt. Dies sind nur zwei von vielen Lebensläufen, die John Dos Passos in seinem New-York-Panorama erzählt und durcheinanderwirbelt. „Manhattan Transfer“ erschien 1925 und machte den Autor sofort berühmt. Die Fülle der Schauplätze, Charaktere, Perspektiven, die Technik der Montage, das Spiel mit Tonfällen, der Appell an den Voyeurismus des Lesers – alles dient der Schilderung der großen Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie ist das Schicksal und gleichgültig gegenüber den Schicksalen ihrer Bewohner. Dirk van Gunsteren hat „Manhattan Transfer“ neu übersetzt: eine Einladung, sich lustvoll zu verlieren, in der Stadt und im Roman. 
JENS BISKY
Die feinen
Unterschiede
Ein Vater stirbt. Ein Sohn macht sich auf die Suche. Was nach einem Roman- oder Filmanfang klingt, ist der autobiografische Kern eines unglaublich spannenden und bestürzend aktuellen soziopolitologischen Sachbuchs: Didier Eribon, kosmopolitischer, schwuler Pariser
Soziologe, hatte mit seiner homophoben Familie radikal gebrochen. Mit über fünfzig kehrt er erstmals in seine Heimatstadt Reims zurück, sucht, mit der Mutter das Fotoalbum durchgehend, nach Spuren seiner proletarischen Kindheit. Eine Studie über Herkunftsverleugnung, sexuelle und soziale Scham und die alles entscheidenden feinen Unterschiede in der französischen Elite. Ein autobiografischer Text, der sehr diskret und nie narzisstisch ist. Vor allem aber findet Eribon, als er sich in Reims umsieht, eine politisch verwüstete Landschaft vor: Die einfachen Arbeiter, die früher im Kollektiv links gewählt haben, sind nun, jeder für sich, zum Front National gewechselt. Aus „Notwehr“, wie
Eribon konstatiert: Die unteren Schichten versuchen so, ihre Lebensdemütigungen zu kompensieren. Beunruhigend und aufschlussreich in Zeiten von Brexit und Populismus. ALEX RÜHLE
Mit einem Fauchen
im Herzen
Elf Jahre nach ihrem Tod 2004 wurde sie – nein, nicht wiederentdeckt, dazu war sie zu unbekannt, sondern überhaupt erst entdeckt als die wohl beste amerikanische Erzählerin ihrer Generation. Eine Auswahl der rund achtzig Shortstorys, die Lucia Berlin geschrieben hat, erschien 2015 in den USA und wurde zum Bestseller. Antje Rávic Strubel hat den Band nun ins Deutsche übersetzt. Es sind harte, lakonische Geschichten aus den Eingeweiden Amerikas, literarische Polaroids von Frauen, die nah am Abgrund balancieren und sich umso fester ans Leben krallen: mit grimmigem Humor und „einem heftigen Fauchen im Herzen“. Große Absturz-
Literatur! CHRISTOPHER SCHMIDT
Kein Ende
ohne Anfang
Die Britin Jane Gardam ist fast 90 Jahre alt, sie hat bereits 25 Bücher geschrieben, doch rätselhafterweise erschien erst im vergangenen Jahr „Ein untadeliger Mann“ auf Deutsch. Es erzählt die Lebensgeschichte eines Anwalts, der London verlässt, um in Hongkong Karriere zu machen – von seiner Jugend, Karriere und Liebe. All das wird vom Ende her betrachtet, man lernt „Old Filth“ (F.i.l.t.h. für „Failed in London try Hongkong“) als alten, schrulligen, also sehr klassischen Briten kennen. Sein Leben ist fast vollendet, und Old Filth blickt zurück, während er sich die letzten Meter vorwärts bewegt. Seine Frau ist gestorben, wird aber in seinen Erinnerungen lebendig. Ihre gleichzeitige An- und Abwesenheit ist ein Hauptmotiv des Romans. Von den ersten Zeilen an schwingt Bedauern mit, das von Seite zu Seite mehr ans Herz geht
– und doch nie in den Kitsch rutscht. Aber die ganz große Erzählkunst entfaltet sich in der Verschränkung von gestern und heute, darin, wie Jane Gardam im perfekten Rhythmus die Handlungsebenen wechselt. Und so melancholisch das Buch beginnt, so tröstlich endet es, auch wenn alles auf das Unvermeidliche hinläuft.
 DAVID PFEIFER
Im Vorzimmer
der BRD
Irma Nelles lernte Rudolf Augstein im Jahr 1973 kennen, sie hatte gerade als Sekretärin im Bonner Büro des Spiegel angefangen. Nelles ist eine junge Frau, seit ein paar Jahren verheiratet, Mutter von zwei Kindern und reichlich gelangweilt von ihrem Lebensentwurf. Zwischen Augstein, dem Herausgeber des berühmten Hamburger Nachrichtenmagazins, und der Sekretärin Nelles entwickelt sich in den folgenden Jahren eine Freundschaft, die einem oft sehr wunderlich erscheint. Viele Jahre später wird sie seine Büroleiterin – und beschreibt in ihrem Buch auf wunderbar sensationslose Weise einen der mächtigsten deutschen Journalisten. KATHARINA RIEHL
Warum es besser ist,
ein Offizier zu sein
Krieg ist furchtbar, mörderisch, absurd. Krieg kann aber auch komisch sein,
zumindest in der Literatur. Evelyn Waugh, geboren 1903 in London, im Juni 1966, also vor fünfzig Jahren, gestorben, war ein garstiger englischer Oberklasse-Intellektueller mit der Gabe, alles zu verspotten, auch sich selbst. Der Diogenes-Verlag legt seine Bücher neu auf, darunter das bewundernswerte „Ohne Furcht und Tadel“, ein dicker, enorm lesenswerter, nachgerade kurzweiliger Wälzer aus drei Teilen (erstmals erschienen in den Jahren 1952, 1955 und 1961). Es ist der autobiografisch unterfütterte Roman über die Kriegsjahre des Guy Crouchback, der dem Empire zwischen 1940 und 1945 unter anderem auf Kreta, in Ägypten und in Jugoslawien dient. Das Empire wiederum tritt Crouchback in Form heldenhafter oder grotesker, feiger oder überbürokratisierter Kameraden entgegen, die ihm das Leben meistens schwerer machen als die Deutschen. Man lernt in dieser Trilogie unter anderem, wie man nicht lieben sollte, warum es besser ist, ein Offizier zu sein, und wie man den Krieg gewinnt, obwohl das
Leben entweder langweilig oder gefährlich ist. KURT KISTER
Kraft der
Knappheit
Ein 16-Jähriger, der sich auf den Weg macht, nur weg von der Brutalität des Vaters und den Schrecken der Schule.
Ein alter Mann, der nach dem Tod der Tochter sein bürgerliches Leben hinter sich gelassen hat und als Penner in einem Bahnwagen vegetiert. Ein Mädchen, das nachts bei McDonald’s putzt, um seinem reichen Elternhaus zu entkommen. Sie alle treffen sich in einem kleinen Kaff in Australien, und sie werden sich gemeinsam aus Einsamkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit retten. Trotz des berührenden Happy Ends schließt die Knappheit der lyrischen Sprache Steven Herricks jede Sentimentalität aus.
ROSWITHA BUDEUS-BUDDE
Manneskraft aus
der Savanne
Ein halbes Jahr war der junge Biologe Léo Grasset 2013 in der Savanne, im Hwange-Nationalpark in Simbabwe; von den Erfahrungen und Erkenntnissen dort erzählt er in „Giraffentheater“. Es ist eine fröhliche, gleichwohl dreckige Wissenschaft, die gern von der unerwarteten Seite her ihren Anlauf nimmt. „Der Honigdachs ist bekannt dafür, dass er, wenn er große Tiere angreift, vor allem auf deren Hoden losgeht.“ Aber auch: „Es heißt, er könne die Bedürftigen heilen: Ein Blick auf einen Honigdachs genüge, um wieder zu Stärke und Manneskraft zu finden.“ „Dirty Biology“ heißt Grassets Blog im Internet, irgendwie dreckig, trickreich, fies. FRITZ GÖTTLER
Fallen für Ratten,
Wölfe, Träume
Es gibt jede Menge unvergessliche Gestalten, den anarchischen Mo zum Beispiel, der noch jedes Eiapopeia-Menschenrechtsmeeting unterwandert, stiehlt, lügt und mit schlechten Antikriegsbildern dealt. Oder den Fallensteller aus der Titelgeschichte, der Fallen für alles hat, für Ratten, für Wölfe, auch für Träume. Oder aber auch den Laien-Zauberer aus dem Sägewerk, der mit stiller Entschlossenheit vor einem gnadenlos abgelenkten Publikum sein Zauberdebüt gibt. Aber wer auch nur ein bisschen Sympathie für unsere Freunde aus dem Osten hat, der wird den Russen in sein Herz schließen, einen mäßig guten Billardspieler, die Zähne gebleicht, Lyrik auf den Lippen, ein Vieh, ein Zar, „der seine Schwächen nicht versteckt, wie miese Herrscher es tun.“ Der Russe gewinnt die Billardpartie, mit Glück, ist eben ein Spieler, wie alle Figuren in Saša Stanišićs Erzählungsband „Fallensteller“. Stanišić, der 1992 aus den Resten Jugoslawiens nach Deutschland kam, hat Geschichten mit doppeltem Boden geschrieben, glitzernd wie der Schnee in der Uckermark. Sein größter Trick aber ist: eine unbändige Lust auf diese sensationelle Nummernrevue, die Leben heißt.
 SONJA ZEKRI
Gestochen
scharfer Nebel
Ein Bettler spricht einen russischen
Exilanten in einem Pariser Park an,
irgendwann in den Zwanzigerjahren. Der Bettler bekommt zehn Francs, verneigt sich und geht davon, und dem Exilanten bleibt die Szene im Gedächtnis: „Die Aprilsonne neigte sich schon, und meine Phantasie – wie eine schlechte Uhr ging sie ein paar Minuten vor – ließ entlang des Gitters am Jardin du Luxembourg jenes Dämmerlicht aufkommen, das ein wenig später anbrechen sollte und zu der Zeit noch gar nicht angebrochen war.“ Mit großer Präzision wandelt in solchen Sätzen ein Erzähler zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte – aber nicht ist. Er ist ein Meister im Entwerfen von sprachlich genau erfassten, aber dann wie in Nebelgebilden verschwimmenden Beobachtungen, und so wie dieser Satz ist schließlich die ganze
Geschichte: Gaito Gasdanows erstmals 1947 publizierter Roman „Die Rückkehr des Buddha“ ist – wiederentdeckt wie das ganze Werk des russischen Exilautors, der mit „Das Phantom des Alexander Wolf“ (1948) berühmt wurde – eine Art Kriminalgeschichte, deren eigentliches Geheimnis in der Sprache verborgen ist. THOMAS STEINFELD
Mit Diana von
Oxford nach Athen
Irgendwer schlägt vor, einen Abstecher zum Balkan zu machen. Also brechen drei junge Engländer, die sich aus Oxford kennen, Anfang August 1925 zu einer Reise auf den Kontinent auf. Ihr Automobil nennen sie Diana. Die Route führt von Hamburg über Bayern, Österreich und Italien nach Athen. Den Reisebericht verfasst Robert Byron, der seinen Vorfahren, Lord Byron, nicht mag. Er gibt, mal klug, mal altklug plaudernd, Einblick in den lässigen Snobismus der Reisenden – und in ein Europa, das vom Weltkrieg gezeichnet ist. Am Ende entdeckt Byron etwas Unerwartetes: „das Bewusstsein, nicht nur Engländer zu sein, sondern auch Europäer“.
 LOTHAR MÜLLER
Ein falsches
Lächeln
Der Albtraum überfällt Frau, Mann und Kind: Die Zähne fallen aus – Grusel im Schlaf. Die aus Mexiko stammende Autorin Valeria Luiselli hat das Gegenmittel auf den Markt gebracht, ein valentineskes Buch mit dem Titel „Die Geschichte meiner Zähne“. Das Werk ist auch Lesern zu empfehlen, die nie Albträume haben: Gustavo Sánchez ist ein erfolgreicher Auktionator, braucht aber ein neues
Gebiss. Er versteigert seine alten Zähne (und zwar als die von Platon, Montaigne, Rousseau) und besorgt sich neue, angeblich die von Marilyn Monroe. Valeria Luiselli hat eine traumhaft verrückte, lustige Geschichte geschrieben. Wer sich in der Literatur auskennt, wird doppelten Spaß haben. FRANZISKA AUGSTEIN
Sound des
Lebens
Zu den schönsten Momenten des Urlaubs gehört die Frage: Mit welchem Buch fange ich an? „Auerhaus“ von Bov Bjerg macht es einem da leicht. Von der ersten Zeile an entsteht ein so eigener, wunderbarer Sound, dass man ihn kaum je vergessen wird. Sechs Freunde – Höppner, Frieder, Vera, Cäcilia, Harry und Pauline – alle im Abiturientenalter, wollen ihrem Elternhaus oder der „Klapse“ entkommen. Gemeinsam beziehen sie ein heruntergekommenes Haus in der schwäbischen Provinz und beginnen „ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen, mit Essenbesorgen“ – und mit den drängenden Fragen, die auf Heranwachsende einstürzen. Sie lesen Comics, Philosophen, Psychologen und Suizidanleitungen. Es geht um Eifersucht, Liebe und Sex, um Klauen als Wissenschaft, um Drogen, vor allem aber um das wahre Leben, das auch ein jähes Ende finden kann. So wie der Autor Rolf Böttcher sich mit „Bov Bjerg“ ein Pseudonym zugelegt hat, das beste Rockmusik verheißt, so hat er mit diesem Roman eine große Komposition aus Wahrhaftigkeit, Melancholie und Lebenswitz erschaffen, die keinen Ton zu viel und keinen Gedanken zu wenig hat. HENDRIK MUNSBERG
Das Geheimnis
der Witwe
Kann es sein, dass eine Lüge zur Wahrheit wird, wenn man nur lange genug daran festhält? Die Lebenslüge als wahres Leben? Diese Frage steht im Zentrum des Thriller-Debüts „Die Witwe“ von Fiona Barton. Die Autorin hat jahrelang für die Daily Mail als Gerichtsreporterin gearbeitet, sie kennt sich – das merkt man dem Roman an – bestens mit jenen Gespinsten aus, die Tatverdächtige als Fakten ausgeben. Die will man jetzt unbedingt von eben jener „Witwe“ erfahren. Jean heißt sie, eine unscheinbare Frau, die durch ihren Mann Glen mit einem schlimmen Verbrechen in Verbindung gebracht ist: Mord an einem Kind. Jedenfalls verdächtigt die Polizei ihn dringend. Doch dann stirbt Glen. Sofort stürzt sich eine bellende Presse auf die Witwe, jetzt kann sie es ja sagen, ob ihr Mann der Mörder war. Was weiß sie? Doch Jean tischt die gewünschte Geschichte nicht auf, spricht nur einmal davon, dass mit dem Gattentod „der Blödsinn endlich ein Ende“ habe. Ist sie Komplizin? Dumm? Oder selber Opfer? Lügt sie raffiniert – oder macht sie sich etwas vor? „Die Witwe“ zieht reichlich Suspense aus diesen kunstvoll in der Schwebe gehaltenen Fragen. 
BERND GRAFF
Keiner tut gern tun,
was er tun darf
Bernd Cailloux erzählt in seinen Büchern von den sogenannten wilden Jahren. Wäre man selbst ein wildes Jahr, würde man sich allerdings über Cailloux ärgern, denn er nimmt dem Leser die Illusion, früher sei alles toller gewesen. Jetzt hat der gloriose Erzähler Cailloux ein kleines Buch mit Haschisch-Geschichten gemacht. Aber für die blanken Hedonisten ist das nichts: Es geht um die verstohlenen Momente der Jugend, um die Sorge, entdeckt zu werden, um die Lächerlichkeit sowieso. Am Schluss kriegen die Legalisierungs-Spießer zum Glück auch noch eine rein: Haschischrauchen ist Abenteuer, sagt Cailloux, und muss deshalb verboten bleiben.
 HILMAR KLUTE
Deutsch lernen
mit den Schlümpfen
Diese Geschichtensammlung hat alles, was ein Strandbuch braucht: Sie ist kurz, kurzweilig, hat einen sommerlichen Umschlag, und lustig ist sie auch. Was allein schon als Leistung der 1984 geborenen syrischen Autorin Rasha Abbas gelten kann. Schließlich schreibt sie in „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ über ein Thema, bei dem man eher Schwermut erwartet. Die meist ins Surreale überzogenen Ich-Texte handeln vom Ankommen als Geflüchtete in Deutschland. Mit einer Mischung aus Renitenz und Erfindungsreichtum nähert sich die Heldin ihrer neuen Heimat. Um Deutsch zu lernen, schaut sie die Schlümpfe. Und Behördengänge meistert sie im Computerspiel-Modus. 
VERA SCHROEDER
Immer dem
Milky Way folgen
Zum Überleben braucht der Mensch vier Dinge: Wasser, Essen, Wetterschutz und Wärme. Mehr nicht. Bekommt er dann mal ein Milky Way zwischen die Zähne, kann das pures Glück bedeuten – „wildes körperliches Glück“, ausgelöst durch einen Schokoriegel. Auch die Wonne einer warmen Dusche nach wochenlangem Marsch durch die Mojave-Wüste oder das Sierra-Nevada-Hochgebirge gehört zu dieser Sorte Glückserfahrung, wie sie Christine Thürmer in „Laufen. Essen. Schlafen.“ beschreibt, ihrem sehr anschaulichen Erfahrungsbericht als Langstreckenwanderin auf den drei
großen amerikanischen Hiking-Trails zwischen Mexiko und Kanada. Einst eine knallharte Unternehmenssaniererin mit Sekretärin und Dienstwagen, brach die Geschäftsfrau 2004, nachdem ihr selber gekündigt worden war, zu ihrem ersten Trip auf – allein. Wie sich die Fränkin als „German Tourist“ einen Namen erwandert in der Szene der „Thru-Hiker“, wie sie insgesamt 12  700 Kilometer zu Fuß zurücklegt und dabei Wind und Wetter, Moskitos und Bären trotzt, ist ein Abenteuer, dem man gerne folgt – vor allem, wenn man sich dabei entspannt zurücklehnen kann. 
CHRISTINE DÖSSEL
Harper Lee:Gehe hin,
stelle einen Wächter.
Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
DVA Verlag, München 2015,
320 Seiten, 19,99 Euro.
    
    
      
            
  
  
  
Gaziel: Nach Saloniki
und Serbien. Eine Reise in den Ersten Weltkrieg. Berenberg Verlag,
Berlin 2016.
272 Seiten, 25 Euro.
Ian Bostridge:
Schuberts Winterreise. Lieder von Liebe und Schmerz. Aus dem
Englischen von Anabel Zettel. Verlag C.H. Beck, München 2015.
405 Seiten, 29,95 Euro. E-Book 24,99 Euro.      
   
        
Caitlin Doughty: Fragen Sie ihren Bestatter.
Lektionen aus dem
Krematorium. Aus dem Englischen von Sky
Nonhoff. Verlag C.H.
Beck, München 2016.
270 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.
John Dos Passos:
Manhattan Transfer.
Roman. Aus dem
Englischen von Dirk
van Gunsteren. Rowohlt
Verlag, Reinbek 2016.
544 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 21,99 Euro.     
  
        
              
    
  
  
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem
Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp
Verlag, Berlin 2014.
240 Seiten, 18 Euro.
                  
       
Lucia Berlin: Was ich
sonst noch verpasst
habe. Stories. Aus dem
Englischen von Antje
Rávic Strubel.
Arche Literatur Verlag, Zürich 2016. 384 Seiten, 22,99 Euro.
              
    
Jane Gardam:
Ein untadeliger Mann. Roman. Aus dem
Englischen von Isabel Bogdan. Carl Hanser
Verlag, München 2015.
352 Seiten, 22,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.
                
      
  
Irma Nelles:
Der Herausgeber.
Erinnerungen an Rudolf Augstein. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 320 Seiten, 22,95 Euro
E-Book 16,99 Euro
Evelyn Waugh:
Ohne Furcht und Tadel.
Aus dem Englischen
von Werner Peterich.
Diogenes Verlag,
Zürich 2016.
992 Seiten, 29 Euro,
E-Book 25,99 Euro.
      
Steven Herrick: Wir
beide wussten, es war was
passiert. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2016.
208 Seiten, 14,99 Euro. E-Book 11,99 Euro.
Léo Grasset: Giraffentheater.
Anekdoten aus der Savanne. Aus dem Französischen
von Till Bardoux. Klaus
Wagenbach Verlag, Berlin 2016. 144 Seiten, 17 Euro.
          
      
      
  
    
Saša Stanišić: Fallensteller. Erzählungen. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 288 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro
Gaito Gasdanow:
Die Rückkehr des Buddha. Roman. Aus dem
Russischen von Rosemarie Tietze. Carl Hanser Verlag,
München 2016.
224 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.
              
              
    
    
    
Robert Byron: Europa 1925. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Die Andere Bibliothek, Berlin 2016.
360 Seiten, 42 Euro.
Valeria Luiselli: Die
Geschichte meiner Zähne. Aus dem Spanischen
von Dagmar Ploetz.
Verlag Antje Kunstmann, München 2016.
192 Seiten, 18,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.
    
    
  
            
Bov Bjerg:Auerhaus. Roman. Blumenbar
im Aufbau Verlag,
Berlin 2015. 240 Seiten,
18 Euro. E-Book
13,99 Euro.
Fiona Barton: Die Witwe. Ein liebender Ehemann oder ein kaltblütiger
Mörder . . . Was weiß sie wirklich? Roman.
Wunderlich Verlag,
Reinbek 2016.
432 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 14,99 Euro.
                
      
      
 
   
Bernd Cailloux:
Surabaya Gold – Haschischgeschichten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 139 Seiten, 10 Euro.
Rasha Abbas: Die Erfindung der deutschen Grammatik. Kurzgeschichten. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2016. 160 Seiten, 12,50 Euro. E-Book 3,99 Euro.
          
Illustration: Tina Berning
        
      
                  
Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen. Eine Frau, drei Trails und 12 700 Kilometer Wildnis. Malik Verlag, München 2016.
288 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 12,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 15.03.2017
Die Scham zur Sprache bringen

Wie kann ein schwuler Soziologe etwas gegen den Ausschluss der unteren Klassen aus dem politischen Diskurs tun? Durch Selbststudium. Zur Methode von Didier Eribons "Rückkehr nach Reims".

Didier Eribon gehört zu den wichtigsten Vertretern der Queer and Gay Studies in Frankreich, in den Vereinigten Staaten lehrt er an Universitäten wie Harvard und Columbia. 2008 erhielt er den renommierten Brudner-Preis für LGBT-Forschungen der Yale-Universität. Seine Bücher "Reflexion sur la question gay", 1999 erschienen, und "Une morale du minoritaire. Variations sur une thème de Jean Genet" von 2001 sind bereits klassische Texten der LGBT Studies. Seit Mitte der Nullerjahre beschäftigt er sich außerdem mit dem, was er als konservative Revolution ("révolution conservatrice") bezeichnet: die seiner Ansicht nach durch konservative und rechte Stiftungen und Thinktanks gesteuerte Zersetzung des linken emanzipatorischen und klassenkämpferischen Diskurses und die Kollaboration der linken Regierungsintellektuellen seit Präsident François Mitterrand bei dieser Zerstörung.

Wer Eribon nur aus der Debatte um sein Buch "Rückkehr nach Reims", 2016 bei Suhrkamp erschienen, im deutschen Feuilleton kennt, wird sich nun vielleicht wundern: Der Professor für Soziologie an der Universität Amiens erzählt in diesem Buch seinen mühsamen Aufstieg aus der Arbeiterschicht parallel zum immer schnelleren Abdriften dieser Arbeiter- und Unterschicht vom Parti Communiste zum Front National. In der deutschen Diskussion wird er deswegen gern als Zeuge der Anklage einer Kritik an einem linken Diskurs aufgerufen, der wegen seiner Konzentration auf Minderheitenthemen die Anliegen der Arbeiterschaft aus den Augen verloren und sie so dem Front National, den Brexiteers, Trump und der AfD in die Arme getrieben habe. Für manche Türhüter des Diskurses fungiert Eribon als eine Art inoffizieller Sprecher dieser Abgehängten, Deplorables, Wutbürger oder unter welchem Rubrum die besorgte Öffentlichkeit diese Menschen gerade verhandelt.

In Frankreich wurde der Band bereits 2009 veröffentlicht. In Deutschland interessierte sich damals niemand für das wütende Buch eines schwulen Soziologie-Professors einer französischen Provinzuniversität. Erst fast acht Jahre später wird es hier zum Bestseller. Offensichtlich finden seine deutschen Leser in der aktuellen politischen Situation in Eribons Soziologie der Gesellschaft als Ver-Urteilung etwas, was sie in der deutschen Debatte vermissen: einen Blick auf die "unteren Schichten", der die letzten zwanzig, dreißig Jahre des sozial- und wirtschaftspolitischen Diskurses mit seiner Reform- und Ruck-Rhetorik als absichtsvolle Vertreibung der nichtbürgerlichen Schichten aus dem politischen Diskurs und als Delegitimierung ihrer sozio-ökonomischen Interessen sichtbar macht. Deren politische Apathie wird mit Eribon genauso verstehbar wie die Hinwendung zu rechtspopulistischen Parteien. Eribons gegen sich selbst und gegen die anderen Figuren des Buches rücksichtlos ehrlicher und sehr persönlicher Zugang scheint für viele Leser wiederum den Zugang zu einem Buch zu ermöglichen, das in weiten Teilen eine soziologische Analyse der französischen Klassengesellschaft seit den fünfziger Jahren im Geist von Pierre Bourdieu ist. Kein typisches Bestseller-Material.

Bourdieus soziologische Theorie verbindet einen hohen konzeptionellen Abstraktionsgrad mit einer eminent praktisch angelegten Methode. Die Formung des Individuums und sein in gewisser Weise dialektisches Verhältnis zu den gesellschaftlichen Strukturen, die es erst hervorbringen, bilden den Kern seiner Soziologie. Dabei steht Bourdieu in einigem Gegensatz zu Foucault - ein Gegensatz, den beide offen ausgetragen haben und der auch eine wichtige Rolle für die Selbstverortung Eribons in der "Rückkehr nach Reims" spielt. Vor allem der späte Foucault geht davon aus, dass sich in der Spätmoderne die gesellschaftlichen Machtformationen in instabile Mikrophysiken der Macht auflösten und so dem Subjekt große Spielräume bei der Selbstgestaltung ermöglichten. Eine Position, die sich auch als linksliberal beschreiben ließe.

Bei Bourdieu hingegen erscheinen die Gesellschaft und ihre konkreten Strukturen als etwas, was Individuen bis hinein in ihr Persönlichstes, ihr Begehren, ihre Partnerwahl, selbst ihr Lieblingsessen und ihre Körperhaltung, formiert. Diese Formierung weist dem Einzelnen den entsprechenden gesellschaftlichen Platz zu und sorgt dafür, dass man diesen Platz auch als eigene Wahl zu sehen lernt oder als quasi naturgegeben erlebt. Ein gesellschaftlicher Aufstieg wie der von Eribon oder auch von Bourdieu selbst ist deswegen so etwas wie ein Wunder, ein Fehler im System oder ein Zeichen dafür, das sich irgendetwas systemintern verschiebt - auf jeden Fall erklärungsbedürftig und so etwas wie eine Sonde in die Eingeweide der Macht.

In seiner 2002 als "Ein soziologischer Selbstversuch" gedruckten Abschiedsvorlesung hat Bourdieu die eigene Biographie so eingesetzt: Was hat es ihm, dem Arbeiter- und Bauernkind aus dem hintersten Béarn, das nicht einmal richtig Französisch sprach, möglich gemacht, auf dem Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France zu landen, einer der mächtigsten Positionen im französischen Wissenschafts- und Bildungswesen? Für Eribons Rückkehr in die eigene Vergangenheit, und das heißt vor allem zu seiner Kindheit und Jugend in einer bildungsfernen, schwulenfeindlichen und rassistischen Arbeiterfamilie in Reims, gibt Bourdieus Text das Vorbild ab - gegen das Eribons Erzählung sich gleichzeitig absetzt.

Denn für Eribon gibt Bourdieu in seiner soziologischen Autoanalyse auf den entscheidenden Punkt keine befriedigende Antwort. Nämlich: Wie gelang es dem Schüler Bourdieu, der auf seinen sozialen, ökonomischen und kulturellen Außenseiterstatus und seine Hilflosigkeit gegenüber den als angemessen geltenden Codes mit aggressivem Verhalten gegen Mitschüler und Lehrer reagierte, sich dieser selbstzerstörerischen Dynamik zu entwinden? Wo hat er die Disziplin für den rasanten Bildungsaufstieg gefunden? Welches Begehren, welche Kraft hat ihn diese Verwandlung schaffen lassen? Schließlich ist das dysfunktionale Verhalten von Jungs aus den Unterschichten gleichzeitig gesellschaftlich gewollt und sanktioniert - so verschwanden (und verschwinden) die wenigen, die es auf die erste Stufe der gymnasialen Laufbahn schaffen, nämlich auch genauso schnell wieder, und die "Geige spielenden Bürgersöhnchen" (Bourdieu) bleiben unter sich.

Eribon, der genauso wie Bourdieu mit Schuleschwänzen, frechem Mundwerk und körperlicher Aggressivität auf die Zumutungen des Gymnasiums reagierte, rekonstruiert die Schwärmerei für einen bürgerlichen Klassenkameraden als die Tür, die ihm den Weg in die Selbsterschaffung als jugendlicher Intellektueller eröffnet hat. Und das heißt ganz praktisch: die ihn dazu instand setzte, ein guter, disziplinierter Schüler zu werden und seinen Abschluss zu schaffen. Begeisterung für Literatur und Philosophie, vor allem aber der Habitus des existentialistischen Intellektuellen wird zum unangreifbaren Abgrenzungs- und Distanzierungsmittel gegen die schwulenfeindliche Gesellschaft, die ihn überall umgibt - und ist der Weg, sich selbst als Schwulen zu erfinden, schwul zu werden. Er entdeckt die schwule Kultur und ihre Genealogie, mit der Zentralfigur Jean Genet, und gelangt quasi zwangsläufig zu Foucault, als Philosoph und als Person. Die Scham über das eigene, nicht gesellschaftskonforme Begehren wird zur Transformationskraft, die es dem jungen Eribon ermöglicht, sich, wie er selbst mit foucaultianischem Pathos formuliert, die eigene Existenz zu erfinden. Ausgerechnet die Zugehörigkeit zur schwulen Pariser Community stellt ihm dann das soziale und kulturelle Kapital zur Verfügung, mit dem er sich eine intellektuelle Karriere aufbauen kann, erst als Journalist, dann als Akademiker.

Diese Selbstgestaltung als schwuler Intellektueller bedeutet aber auch maximale Distanzierung von der eigenen Herkunftsfamilie, mit der er drei Jahrzehnte lang bis zum Tod seines Vaters keinen Kontakt mehr hatte. Denn worüber Eribon lange nicht sprechen kann, trotz seiner Freundschaft mit Bourdieu, ist die eigene Herkunft. Er schämt sich seiner Eltern wegen ihrer Unbildung und ihrer Invektiven gegen Tunten, Schwulis und Kanaken nicht nur, es scheint buchstäblich keine Sprache zu geben, mit der er von sich, über sie oder gar mit ihnen sprechen kann. Aus der sexuellen scheint eine soziale Scham geworden zu sein, die doppelt unaussprechlich ist: Die quasi offizielle Sprache der klassischen Linken, in der man über das soziale Elend sprechen könnte und darüber, was es mit den Betroffenen macht, ist schon lange dogmatisch so verknöchert, dass sie nur noch falsch erscheint.

Parallel - wir sprechen über die achtziger und neunziger Jahre - beginnt sich, gerade in den linksliberalen Redaktionen, in denen Eribon als Journalist arbeitet, der "neo-reaktionäre" Diskurs breitzumachen. Soziale und ökonomische Forderungen werden als Neiddebatte verunglimpft, über das unelegante Auftreten von Gewerkschaftern und Führern des Parti Communiste macht man sich lustig, kollektives politisches Engagement an der und für die Basis wird als naiv diskreditiert. Der global vernetzte, technokratische Manager wird zum Ideal des Politikers, gerade bei den Sozialisten. Gleichzeitig werden Begriffe wie Nation, Familie oder Elite auch von linken Staatsintellektuellen reaktiviert. Sie bereiten so den Boden für den Front National.

Eine Sprache, um über die "classes populaires" und deren politische Forderungen zu reden, ohne sich anzubiedern oder gleich ins rechtspopulistische Vokabular abzudriften, muss also erst wiedergewonnen oder vielleicht sogar neu geschaffen werden. Eribon wendet sich dazu nicht nur Bourdieu zu, sondern auch der Literatur. "Wie ein Verrückter" beginnt er Romane, Memoiren und Essays von Autoren zu lesen, die quasi seine Erfahrung gemacht haben. Wichtige Referenz sind die autobiographischen Romane von Annie Ernaux über ihre Kindheit und Jugend als Tochter aus kleinbürgerlichem Provinzmilieu. Hier findet Eribon eine Sprache und ein Modell der "soziologischen Introspektion", wie er die Technik der theoriegeleiteten Analyse der eigenen Erfahrung nennt, um die eigene Geschichte aus der individuellen Scham heraus in die Sprache zu bringen und als soziologisches Faktum analysieren zu können. Die "Rückkehr nach Reims" ist ihr erstes Ergebnis.

Wahrscheinlich ist es auch diese Form, die soziologische Analyse als persönliche Erfahrung einzelner Individuen zu erzählen, die Eribons Buch zum Überraschungsbestseller gemacht hat. Denn das, was es als Beschreibung und Analyse der (Selbst-)Ausschließung der unteren Schichten aus dem politischen Diskurs und ihrer Delegitimierung als politischer Subjekte bringt, ist keineswegs neu - auch nicht in Deutschland. Was in Frankreich seit den achtziger Jahren bis zu seinem Tod 2002 von Pierre Bourdieu untersucht und mit zum Teil scharfen politischen Interventionen gegen den massiven Gegenwind aus Medien und Politik in die öffentliche Debatte eingebracht wurde, gab und gibt es auch in Deutschland. Zu nennen wären zum Beispiel Forscher wie Wilhelm Heitmeyer, Christoph Butterwegge, Sighard Neckel, Heinz Bude oder Michael Hartmann. Eribons "Rückkehr nach Reims", die man leicht auch als Education sentimentale eines Jungen aus der schlechteren Gesellschaft lesen kann, schafft also etwas, was die deutsche Soziologie und Politologie nicht geschafft hat.

Und Eribon trifft nun auf ein Publikum und auf Journalisten, die einigermaßen ratlos und furchtsam vor dem Phänomen stehen, dass "diese Leute" sich via rechtspopulistischen Bewegungen massiv zurück in den politischen Diskurs drängen und erfolgreich die wirtschafts- und lifestyle-liberale Hegemonie in Frage stellen - von der Einwanderung über den Freihandel bis hin zur repräsentativen Demokratie selbst. Es bleibt trotzdem eines der erstaunlichsten Phänomene der deutschen Eribon-Rezeption, dass er ausgerechnet von denjenigen Titeln zum gefeierten Sprachrohr der Unterschichten gegen eine in Willkommenskultur und LGTB-Anliegen gefangene Linke stilisiert wird, die sich ein paar Ausgaben später über die mangelnden Kenntnisse von Chantal und Lisa in Sachen Goethe und Schiller mokieren und Martin Schulz sein nichtgemachtes Abitur ankreiden. Eribon selbst wird das am wenigsten wundern.

CHRISTINA DONGOWSKI

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"'Rückkehr nach Reims' beschreibt die Ratlosigkeit der liberalen, großstädtischen Milieus im Umgang mit der rückständigen, abgehängten, rechts wählenden Provinz. Hellsichtig und düster, wütend und brillant."
Tobias Rapp, DER SPIEGEL 23/2016
» ... ein überragend aufschlussreiches Buch über Frankreich seit Mitterand und den Aufstieg des Front National.«Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung 21.05.2016