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Philip Roth erzählt die Geschichte eines Lebens, wie es normaler nicht sein könnte und das uns gerade deswegen besonders berührt. Von der ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod in den Sommerferien seines Helden über die familiären Wirren und die beruflichen Erfolge in seine Erwachsenenleben als Designer in einer Werbeagentur bis hin zu der Zeit, als ihm die eigenen Gebrechen zusetzen. Er ist der Vater zweier Söhne aus erster Ehe, die ihn verachten, und einer Tochter aus einer späteren Ehe, die ihn vergöttert. Er liebt, hasst und neidet und muss am Ende erkennen, dass er das wirklic…mehr

Produktbeschreibung

Philip Roth erzählt die Geschichte eines Lebens, wie es normaler nicht sein könnte und das uns gerade deswegen besonders berührt. Von der ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod in den Sommerferien seines Helden über die familiären Wirren und die beruflichen Erfolge in seinem Erwachsenenleben als Designer in einer Werbeagentur bis hin zu der Zeit, als ihm die eigenen Gebrechen zusetzen. Er ist der Vater zweier Söhne aus erster Ehe, die ihn verachten, und einer Tochter aus einer späteren Ehe, die ihn vergöttert. Er liebt, hasst und neidet und muss am Ende erkennen, dass er das wirklich große Glück nie erreicht hat.

Inhaltsbeschreibung folgt
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Best.Nr. des Verlages: 505/20803
  • Seitenzahl: 176
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 171 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 150mm x 20mm
  • Gewicht: 366g
  • ISBN-13: 9783446208032
  • ISBN-10: 3446208038
  • Best.Nr.: 20844515

Autorenporträt

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Für sein Werk wurde er mit allen bedeutenden amerikanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Im Jahre 2001 erhielt er die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters, die Goldmedaille für Belletristik, die alle sechs Jahre für das Gesamtwerk eines Autors verliehen wird. 2006 wurde Philiph Roth mit dem "Pen/Nabokov-Preis" ausgezeichnet, 2007 erhielt er den "Saul-Bellow-Preis" des Schriftsteller-Verbands, 2009 den "Welt"-Literaturpreis und 2011 wurde er mit dem "Man Booker International Prize" ausgezeichnet. Im Jahr 2012 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis in der Kategorie Literatur verliehen.
Philip Roth

Rezensionen

Drei Frauen, drei Kinder und unzählige Geliebte auf der einen, körperlicher Verfall und zahlreiche Krankenhausaufenthalte auf der anderen Seite: Das Spannungsfeld im Leben des namenlosen Protagonisten ist klar umrissen. Philip Roth zeigt auf gerade mal 170 Seiten, wie karg man 73 Jahre menschlichen Lebens beschreiben kann, ohne auf Facetten dieser Existenz zu verzichten. Na gut, vom Arbeitsalltag des Creative Directors erfährt man nicht viel mehr, als dass er irgendwann anfing, seine Sekretärin täglich auf dem Büroboden zu vögeln. Und doch reicht dieses Gerüst an Informationen, um dem Leser das komplette Bild eines Menschen vor Augen zu führen. Eines einsamen, mit sich und seiner Gesundheit hadernden Menschen, der heroisch erhobenen Kopfes auch zum letzten Termin vor dem OP-Saal erscheint - nachdem er sich zuvor noch einmal die Familiengrabstätte auf dem Friedhof angeschaut und Zwiesprache mit den Knochen seiner Vorfahren gehalten hat. Mehr bleibt dem modernen Menschen eben nicht. (jw)
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Besprechung von 13.08.2006
Spiel uns das Lied vom Tod
Lektionen, die man nicht vergißt: "Jedermann", der neue, große, trostlose Roman von Philip Roth

Als Buddha noch ein Prinz war, wurde ihm der Anblick von Alter, Krankheit und Tod vorenthalten, weil sein Vater glaubte, auf diese Weise würde ihm die Weltherrschaft gesichert. Buddha aber sah eines Tages diese drei - Alter, Krankheit und Tod - in Gestalt eines hinfälligen, zahnlosen Greises. Daraufhin wurde er nachdenklich und der, als den ihn die Welt heute kennt.

Mit dem Tod hört alles auf, aber mit dem Tod fängt auch alles an - er ist, im cartesischen Sinne, die Voraussetzung für eine erste Philosophie, oder, wie Schopenhauer sagte, er ist ihr "Musaget" - jener Philosoph, dessen eigenes Nachdenken so in Gang gebracht wurde: "In meinem 17ten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Die Wahrheit, welche laut und deutlich aus der Welt sprach, überwand bald die auch mir eingeprägten jüdischen Dogmen, und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens seyn könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am Anblick ihrer Qual sich zu weiden."

Der Tod hält die Philosophie und die Literatur in Gang. Man kann versuchen, ihn mit einem denkerischen Trick aus der Welt hinauszukomplimentieren, wie Epikur das tat ("der Tod geht mich nichts an"); ma kann sein Wirken sanft bemänteln wie Matthias Claudius ("Bin Freund, und komme nicht zu strafen"); und man kann ihn als komische Figur zeichnen wie Thomas Mann im "Zauberberg".

Warum geht man fremd?

Von allem ist Philip Roth gleich weit entfernt. Sein "Jedermann", der nun in einer gewohnt eleganten Übersetzung erscheint, erlebt den Tod als das, was er ganz sicher ist und bedeutet: die physische Vernichtung. Das schmale Buch ist vielleicht nicht die geistreichste, aber sicher die zwingendste, jede Beschwichtigung draußen lassende Meditation darüber, die man sich vorstellen kann und wohl auch je in Romanform dargeboten wurde.

Roth' namenloses Alter ego läßt, wie der junge Schopenhauer, die jüdischen Dogmen hinter sich, weil er ans Hebräische als die "stärkste Antwort, die man dem Tod geben konnte", nicht glaubt: "Religion war eine Lüge, die er schon früh im Leben durchschaut hatte; er nahm Anstoß an allen Religionen, ihr abergläubisches Getue schien ihm sinnlos und kindisch; was er nicht ausstehen konnte, war ihre komplette Unerwachsenheit - die Babysprache, die Rechtschaffenheit und die Schafe, die eifrigen Gläubigen."

Das ist, wie auch Roth-Verehrer zugeben müssen, keine sonderlich anspruchsvolle Kritik. Aber bei Roth war das intellektuell Anspruchsvolle immer überschattet von etwas, was man als das Dämonische ansprechen könnte und er selber vielleicht auch zeitlebens so empfand. Die Präzision seiner Prosa ist eine oberflächliche Qualität, wenn alles, was er sagt, beunruhigend wirkt. Diese Unruhe kommt vom Sex und von dem häßlichen Bruder, den er dazu nun, im Alter von dreiundsiebzig Jahren, endlich gefunden hat: dem Tod.

Man mag vieles von dem, was er bisher geschrieben hat, für erotoman oder für quasi-pornographisch halten; noch die ausdrücklichsten Stellen aber waren Ausdruck einer Verzweiflung, die den von Freud griffig formulierten Zusammenhang zwischen Tod und Sexualität ahnte, den auch jeder bessere Hollywoodfilm parat hat: "Warum gehen Männer fremd?" wird in Norman Jewisons "Mondsüchtig" Chers Filmmutter gefragt, und die antwortet: "Weil sie Angst vor dem Tod haben." Bei Roth ist Sex die "Vergeltung am Tod" (in "Das sterbende Tier") und "die "erlösende Verschmutzung", die "uns immer wieder daran erinnert, aus welchem Stoff wir gemacht sind" ("Der menschliche Makel"). Schon die Titel der früheren Romane wiesen auf etwas heillos Defektes hin, das Roth nie moralisch, sondern immer nur biologisch begriff.

Das treibt er jetzt auf die Spitze: "Es gab nur unsere Körper, geboren, um zu leben und zu sterben nach Bedingungen, geschaffen von Körpern, die vor uns gelebt hatten und gestorben waren." Hinter dieses Stoffliche als die letzte Gewißheit kann niemand zurück; wenn es sich auflöst, ist alles vorbei.

Das menschliche Tier

Das ist es schon am Anfang. In der trostlosen Einstiegsszene wird der Namenlose zu Grabe getragen, unterschiedlich betrauert von den Anwesenden: einer seiner drei ehemaligen Ehefrauen, seiner liebevoll an ihm hängenden Tochter, den zwei wegen einschlägiger, rothnotorischer Verfehlungen nun fast schadenfrohen Söhnen und dem älteren, kerngesunden Bruder Howie. Aha, denkt man, Roth kommt uns wieder mit seinen alten Versatzstücken aus Ehebruch und Einsamkeit. Und so ist es auch. Doch wo ihm diese Elemente und Etappen des Lebens früher für sich genommen schon erzählenswert schienen, hat er diesmal das (körperliche) Ende seines Helden energisch und monoman im Blick. Der Jedermann wird sterben, das steht fest; die Frage ist nur, wie - am Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs oder etwas anderem?

Die über große Strecken souverän und fast hartherzig geraffte Geschichte eines Werbetexters - seine zweiundzwanzig krankenfreien Jahre werden in einem Absatz abgehandelt - hat es auf ein Ende mit Schrecken abgesehen. Dieser, wie Roth Jahrgang 1933, kommt schon in seiner ansonsten recht unbeschwerten Kindheit mit dem Tod in Berührung: mit einer an der Küste vor New Jersey makaber angeschwemmten Matrosenleiche. Damit ist der Sohn eines (klischeehaft?) jüdischen Juweliers fürs Leben praktisch schon verloren.

Jeder kennt die erste Begegnung mit einer Leiche und vergißt sie nie mehr. Das erste Rendezvous mit dem Tod hat Jedermann hinter sich, da bemerkt er eine Schwellung in der Hose, die auf diskret-unheimliche und eigentlich nicht mehr komische Weise andeutet, wie nahe Eros und Thanatos zusammenliegen: "Er wußte weder, was ein Leistenbruch war, noch welche Bedeutung er einer Schwellung so nahe an seinen Genitalien beimessen sollte." Das Leiden beginnt, eine endlose, auch den Leser strapazierende Krankengeschichte, in der ein Blinddarmdurchbruch noch das harmloseste ist. Das alles sind sehr exemplarische, in ihrer Summe freilich überdurchschnittliche Vorgänge, erduldet von einem Durchschnittsmenschen, der folglich auch nicht mehr, wie frühere Roth-Helden, Nathan Zuckerman oder Coleman Silk zu heißen braucht. Mit diesem Verzicht markiert dieser große Autor einen Anspruch, der über die Identifikation hinausreicht - er hat es auf Einschüchterung abgesehen. Hier läuft etwas ab, was zumindest vom Ergebnis her jedermann blüht. Wann denkt man an den Tod? Wenn man jung und wenn man alt ist; dazwischen, in den eigentlich kräftigen, "fitten" und durch einen erfüllenden Beruf abgelenkten Jahren gibt es normalerweise keinen Anlaß dazu. Das Memento mori ist uns dann nur theoretisch zugänglich, in der Fülle unserer Kraft wischen wir es beiseite wie eine lästige Bemerkung - es sei denn, man ist entsprechend veranlagt. Wie ein Virus fliegt es den Jedermann an, und der wird es nicht mehr los. "Erschreckende Begegnungen mit dem Ende? Ich bin vierunddreißig! Sorge dich um die Vergänglichkeit, sagte er sich, wenn du fünfundsiebzig bist!" So alt wird er gar nicht. Einmal dem falschen Totenläuten gefolgt - es ist nie wiedergutzumachen. Jedermann, anders als bei Hofmannsthal völlig unverblendet, wird laufend krank, die Operationen erfolgen in immer kleineren Abständen.

Mein Leben als Rentner

Warum erzählt Roth uns das alles so peinlich genau? Weil es uns erst in der suggestiven Verdichtung ein Gefühl für dessen kraß physische Dimension gibt. Wo früher viel Energie auf die Schilderung körperlicher Freuden verwendet wurde, erscheinen diese nur noch als Abglanz eines verbrauchten und im Grunde schon von Anfang an vergifteten Lebensgefühls. Mit allem konnten seine Helden leben, mit Lug und Trug und Ehebruch und anderen falschen Dingen, wenn nur die Sexualität funktionierte, in der sie alle ganz bei sich waren. Die Unmittelbarkeit des Erlebens, die Roth ihnen damit gönnte, richtet sich nun auf den Tod. In der Unfreiheit und zur Not auch im Alter konnten sie sich einrichten - erst wenn die Gesundheit als letzte, wichtigste Ressource aufgebraucht ist, wird es richtig ernst. Die sich rapide und bis zur Panik steigernde Angst läßt zuletzt keinen anderen Gedanken mehr zu: "Plötzlich trieb er im Nichts, im Klang der Silbe ,nichts' und in der Nichtigkeit, haltlos trieb er umher, und grauenhafte Angst machte sich breit." So ist es also ein Roman über den Nihilismus? Man könnte es meinen. Roth verkehrt Freuds Behauptung, kein Lebewesen, auch der Mensch nicht, glaube im innersten seines Wesens an seinen eigenen Tod, ins Gegenteil und führt den Jedermann an den Punkt, "an den zu kommen er nicht einmal im Traum gedacht hatte".

Sobald man wirklich begriffen hat, was Sterblichkeit bedeutet, fängt die Zeit an zu rasen: "Die ferne Gegenwart war zur Gegenwart geworden." Schonungslos verweigert Roth dabei jenes falsche Epikureertum, das uns lustig weismachen will, daß das ganze Problem eigentlich nur ein erkenntnistheoretisches ist. Und doch bleibt sein Jedermann über weite Strecken seltsam stoisch. Er registriert, wie alte Kollegen dahinsiechen und unheilbare Malschüler, die ihm auch keine Zerstreuung mehr bringen, sich umbringen. In dieser Haltung liegt die Würde des Romans begründet, der ansonsten eine einzige, strikt antimetaphysisch ausgerichtete und ganz und gar trostlose Zurechtweisung ist.

Es gibt viele gute Bücher über das Sterben und das, was ihm vorausgeht, die mit Drastik und Ausführlichkeit nicht geizen. Philip Roth hat, im wirklichen Leben dazu angeregt durch den Tod seines Freundes Saul Bellow, das wohl konsequenteste geschrieben. Er hat schon raffinierter erzählt, aber dies ist eine Lektion, die wir nicht vergessen.

EDO REENTS

Philip Roth: "Jedermann". Roman. Deutsch von Werner Schmitz. Carl-Hanser-Verlag, München 2006. 172 Seiten, gebunden, 17,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 17.08.2006
Das dicke Ende kommt immer zum Schluss
Wenn das Fleisch fort ist, bleiben nur noch die Knochen: Philip Roth schreibt einen Roman über „Jedermann”
Der letzte Satz dieses Buches ist ein Witz. Aber einer von grimmigem Ernst. Ein Witz, der die unerbittliche Wahrheit des Lebens fast tautologisch ausspricht. Der Protagonist stirbt während einer Operation unter Narkose, und dann heißt es: „Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn.” Und mit „von Anbeginn” ist natürlich nicht gemeint: von Anbeginn seiner Krankenhauseinweisung, sondern von Beginn des Lebens an. Tja, da lebt man siebzig Jahr’, und am Ende kommt es tatsächlich so, wie man es von der ersten Minute des Denkens an hat kommen sehen: Man stirbt. Gewissermaßen mit einer verzweifelt-rechthaberischen Empörung auf den Lippen: Hab ich es nicht schon immer gesagt!
Philip Roths neuer Roman „Jedermann” schöpft alles aus dieser Unvermeidlichkeit, als wollte er seinen Lesern mitteilen: „Gebt euch nur keinen trügerischen Hoffnungen hin. Ich habe nochmal alles ganz genau durchgerechnet, und es bleibt dabei: Es gibt keine Rettung. Wir müssen alle sterben.”
Alles schwarz, nur kein Grau
Das ästhetische Prinzip von Roths neuem Roman lautet: Schwarzmalen. Auch nur kleinste Partikel von Grau, die das Bild vom Altern und vom Sterben aufmischen könnten, werden nicht geduldet. Als wären sie falscher metaphysischer Trost, den di unerbittliche Wahrhaftigkeit dieses Buchs auszumerzen sich vorgenommen hat.
Es ist ein kurzer Roman, er hat nur 172 locker bedruckte Seiten. Er beginnt auf dem Friedhof mit der Beerdigung des namenlos bleibenden Protagonisten, des „Jedermann”, schaut dann zurück auf frühere Krankheiten und Operationen, erzählt auch knapp von den drei, jeweils geschiedenen Ehen des Helden, auch vom Tod der Eltern und der Krankheit einiger Kollegen, um sodann mit der Sterbeszene auf dem OP-Tisch zu enden.
Dabei kreist auch dieser Roman wie fast alle Roth-Bücher um das eine Thema: Lebendigkeit. Nur dass er sie diesmal ex negativo, nämlich in der Erfahrung ihres Schwindens, in den Blick nimmt. Lebendigkeit ist alles - und wenn sie nachlässt, hat man nichts mehr zu lachen. Aber auch gar nichts mehr: „Das Alter”, heißt es einmal, „ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker.”
Philip Roth hat ein starkes Bild für die Lebendigkeit gefunden: Sein Held ist - wo sonst, wir sind ja weiterhin in der wunderbaren Roth-Welt - in New Jersey aufgewachsen. Als Kind verbrachte er Stunden in der heftigen Brandung des Atlantiks. Zeit seines Lebens liebte er das Meer. Wenn er als Junge, nach stundenlangem Kampf mit den Wellen, erschöpft an den Strand zurücktaumelte, dann leckte er „an seinem Unterarm, um die vom Ozean erfrischte und von der Sonne verbrannte Haut zu schmecken. Das ekstatische Gefühl, einen ganzen Tang lang bis zur Betäubung von der See umhergeschleudert worden zu sein, der Geschmack und der Geruch, das alles berauschte ihn so sehr, dass nicht viel gefehlt hätte, und er hätte zugebissen, um ein Stück aus sich herauszureißen und seine fleischliche Existenz ganz und gar auszukosten.”
Diese Selbstbegeisterung über die Dasein bezeugende Frische und Appetitlichkeit des eigenen Körpers muss nachlassen, wenn dieser gebrechlich und schlaff wird. Aber wofür lebt man dann? Für nichts, sagt Roth. Das Fleisch schmilzt, nur die Knochen bleiben - wie es an anderer Stelle heißt. Das ist schon richtig. Und es ist ja nicht so, dass man Roth widersprechen wollte. Es stimmt schon: Wir müssen alle sterben, und das ist nicht schön. Aber irgendwie trumpft er zu rechthaberisch auf mit dieser - nun ja: Erkenntnis. So als wäre jede Alters-Frohgemutheit ein naives Leugnen des Nihilismus in seinem wahren Ausmaß.
„Jedermann” heißt bekanntlich auch Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes”. Und wenn es, vom Titel abgesehen, sonst kaum intertextuelle Bezüge zwischen beiden Texten gibt, so scheint doch etwas poetologisch Grundlegendes auf Roths Werk abgefärbt zu haben: Wie Hofmannsthal mit seinem geistlichen Mysterienspiel hat Roth einen allegorischen Text geschrieben. Und das ist die Krux. Was immer in dem Roman auftaucht, scheint geschaffen worden zu sein, um die Idee der Vergänglichkeit auf unwiderlegliche Weise zu illustrieren. Obwohl der Roman vor medizinischem Fachvokabular wimmelt und der Körper als zerfallende Materie gründlichst beschrieben wird, hat Roth - und zwar vorsätzlich, ja geradezu soweit ihm dies überhaupt möglich ist . . . - keine Figuren aus Fleisch und Blut geschaffen, sondern eine allegorische Gestalt entworfen, an der ihn nur jene Seiten interessieren, die unter dem Aspekt ihrer Todesverzweiflung von Belang sind.
Der heroische Atheist
Wie aus einzelnen Altarbildern setzt sich so dieser Roman zusammen: Da ist die Tafel, auf der man den sterbenden Jedermann sieht, dort die mit dem reuigen Jedermann, der sich seine geschiedenen Ehen vorhält, weil er nun im Alter die Einsamkeit nicht erträgt, es gibt den sentimentalen Jedermann, der seine Kindheitserinnerungen reaktiviert, und den stolzen Jedermann, der seinen Söhnen aus erster Ehe (für sich genommen ein starkes Bild!), die ihm die Scheidung nicht verzeihen, seine Krankheit verschweigt, um ihrer Rachsucht den Triumph seines Niedergangs nicht zu gönnen, und den Jedermann, der am Grab seines Vaters ganz auf die Ordnungsgemäßheit des Bestattungsrituals abstellt. Die Fülle des Lebendigen, die Roth sonst immer unter der Hand wuchert, fehlt in diesem Roman. Das ist Absicht, macht es aber nicht besser.
Oder vielleicht muss man es so sagen: Philip Roth hat in seinem 74. Lebensjahr einen Quod-erat-demonstrandum-Roman geschrieben. Wie der Mathematiklehrer unter seine Rechenaufgabe auf die Tafel hätte Roth unter sein Manuskript „q.e.d.” schreiben können. Und bewiesen hat er mit erheblichem (nicht unanrührendem!) Grimm die Einsicht: Das dicke Ende kommt immer zum Schluss.
Es gibt kein Jenseits. Es gibt keine Sinnstiftung. Wir haben nur die Immanenz unseres Fleisches. Die Freuden des Fleisches. Wo dieses schmilzt, bleibt nichts übrig. Dies ist Roths großes Thema. Er ist ein heroischer Atheist. Die Fülle des Lebendigen gegen das Nichts des Todes zu stellen, dafür setzt er, der Unvergleichliche, sein unerschöpfliches Erzählgenie seit fünfzig Jahren ein. In seiner Welt zwischen New Jersey und Manhattan werden wir selbst lebendig. In „Das sterbende Tier”, diesem großartigen, radikalen Fleischesroman von 2003, heißt es: „Alt zu sein bedeutet für alle, die noch nicht alt sind, dass man gewesen ist. Aber wenn Sie alt sind, bedeutet es, dass Sie trotz ihrer Gewesenheit, zusätzlich zu ihrer Gewesenheit, über Ihre Gewesenheit hinaus noch immer sind. Ihre Gewesenheit ist sehr lebendig.” Diese verzweifelte Lebendigkeit hat Roth mit seinem „Jedermann” ein wenig zu mechanisch eingefangen.IJOMA MANGOLD
PHILIP ROTH: Jedermann. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München 2006. 172 Seiten, 17,90 Euro.
Von der Sonne verbrannt, von den Wellen erfrischt, aber ohne Verbindung zur Ewigkeit: Am Strand von New Jersey.
Foto: Picture Press
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Herrlich illusionslos sei Philip Roth auch in seinem siebenundzwanzigstem Buch, notiert Rezensentin Andrea Köhler eingenommen. Nur der Tod selbst sei als schmerzfreier Herzstillstand unehrenhaft beschönigt inszeniert. Ansonsten blicke der wie gewohnt autobiografisch gefärbte Erzähler bei Philip Roth auf sein eigenes Begräbnis zurück, um sein Leben samt zugehörigem Personal Revue passieren zu lassen. Auch Roth komme wie all seine Kollegen, die schon einen Toten erzählen haben lassen, über die Stimme eines Lebenden nicht hinaus, stellt Köhler fest, sie attestiert Roth aber, in dieser Hinsicht "auf sehr berührende Weise" zu scheitern. Roth schreibe mit all seiner im Laufe von 26 Romanen gemusterten Lakonie über den Tod, die Fehler des Lebens und die Krankheiten. An einigen wenigen "strahlenden" Stellen aber, wenn es um die idyllisch verklärte Kindheit gehe, kommt der Rezensentin ein Hauch von "Wehmut" entgegen. Bei der gelungenen Überrtragung dieser zweiten, versteckten Ebene wird Köhler dann auch die Qualität von Werner Schmitz' Übersetzung klar.

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"Tatsächlich hat sich Philip Roth jetzt, im Alter, selbst übertroffen." - Der Spiegel
Philip Roth, der große Erotomane und kalte Zyniker, entwickelt hier eine ungeheure Zärtlichkeit für das Leben an sich. FAZ