Das Orakel von Port-Nicolas - Vargas, Fred

Fred Vargas 

Das Orakel von Port-Nicolas

Roman

Aus d. Französ. v. Tobias Scheffel
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Produktbeschreibung zu Das Orakel von Port-Nicolas

Ex-Inspektor Louis Kehlweiler sitzt auf Bank 102 an der Pariser Place de la Contrescarpe - um sich die Arbeit zu erleichtern, haben er und seine langjährige Freundin, die alte Hure Marthe, die wichtigsten Bänke der Stadt numeriert - und beobachtet ein Haus. Das heißt, eigentlich sitzt er da und beantwortet Marthes Kreuzworträtselfragen, als sein Blick auf einen winzigen weißen Gegenstand fällt: ein blankgewaschenes Knöchelchen, wie es scheint. Doch man muß schon Kehlweilers blühende Phantasie haben, um daran etwas Ungewöhnliches zu finden. Nach wenigen Tagen hat er dank seiner alten, nicht immer ganz legalen Beziehungen heraus, daß es sich um den kleinen Zeh einer Frau handelt, der von einem Hund verdaut worden ist. Doch eine dazugehörige Leiche gibt es nicht im ganzen Arrondissement - dafür jede Menge Hundehalter, die zu beobachten und deren Gewohnheiten herauszufinden Kehlweiler sich vornimmt. Für eine so unspektakuläre Langzeitbeobachtung braucht man Leute. Die hat Kehlweiler (sie sind für den begeisterten Vargas-Leser keine Unbekannten): drei wissenschaftlich tätige, wenn auch arbeitslose junge Historiker, Mathias, Marc und Lucien. So stößt Kehlweiler schließlich auf einen Pitbullbesitzer, der seine Wochenenden in der Bretagne verbringt. In Port-Nicolas, einem trostlosen Hafenstädtchen, wo in der Tat vor wenigen Tagen eine alte Frau von der Steilküste stürzte ...

Produktinformation


  • Verlag: AUFBAU TB
  • 2009
  • 14. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 285 S.
  • Seitenzahl: 285
  • Aufbau Taschenbücher Nr.1514
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 116mm x 25mm
  • Gewicht: 260g
  • ISBN-13: 9783746615141
  • ISBN-10: 3746615143
  • Best.Nr.: 11239415
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 25.07.2002

Ein Kollege von Sherlock Holmes
Ich will ein Bier: Bei Fred Vargas haben Verbrechen keine Chance

Louis oder Ludwig Kehlweiler, der Held in den Romanen von Fred Vargas, einer französisch schreibenden Archäologin, ist Deutschfranzose. Außer seinen wechselnden Gesichtsausdrücken, einmal anziehend-weich, ein andermal "gotisch" hart und furchteinflößend, ist er an seiner ständig wiederkehrenden Phrase "Ich will ein Bier" zu erkennen, mit der der Roman nach seinen extravaganten Eskapaden in die französische Provinz und die Vichy-Vergangenheit auch gemütlich endet. Mit solchen volkstümlichen Gepflogenheiten ähnelt er eher dem Kommissar Maigret, der sich in allen Volksschichten wohl fühlt, als dem hochmütigen Sherlock Holmes. Kehlweiler ist volkstümlich. Am liebsten sind ihm altmodische Cafés, in denen die sozialen Klassen ungetrennt verkehren, und seine Gehilfen sind wie er Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft, eine alte Nutte mit goldenem Herzen, ein verkrachter, aber freiheitsliebender Mediävist, ein barfüßiger Prähistoriker, der wie seine Studienobjekte, die Vormenschen, über primitive Instinkte verfügt, der hört, sieht und …

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kulturnews - RezensionBesprechung
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(c) bunkverlag
Die besten Krimis sind oft jene, bei denen man eine halbe Ewigkeit braucht, um zu erkennen, dass es sich überhaupt um einen Krimi handelt. Es sind eher Geschichten, die sich mehr oder weniger lose um die Aufklärung eines Verbrechens drehen. Und manchmal ist nicht mal von Anfang an klar, dass es überhaupt ein Verbrechen gibt - so geht es in "Das Orakel von Port-Nicolas" (1996 als Buch erschienen) nicht nur dem Zuhörer, sondern fast jedem. Außer dem ausgemusterten Kommissar Kehlweiler, zwar aus einer Mücke keinen Elefanten, aus einem in Hundekot gefundenen Zehenknochen aber gleich mal einen Mord macht. Diesen klärt er dann, behäbig und am Rande der Allwissenheit, in guter alter Detektivroman-Manier also, gemeinsam mit ein paar arbeitslosen jungen Wissenschaftlern auf. Das skurrile Personal, inklusive der Ex-Hure Marthe und Kehlweilers Kröte, gehört ebenso in einen echten Vargas wie das poetische Herumscharwenzeln. Mit Suzanne von Borsody hat der Der Audio Verlag überdies nicht nur das richtige Buch, sondern auch die richtige Sprecherin ausgesucht. Spröde und gelassen führt sie den Zuhörer durch die autorisierte Lesefassung. (kab)

Ein Buch für Tüftler
Religionsunterricht betreiben, nennt die alte Marthe, die Hure, das Flipperspiel. Und neben Kreuzworträtsel lösen und eine ruhige Kugel schieben passiert erst mal nicht viel. Im zweiten Kapitel spricht ein Mörder über seine perfekten Morde. Wir sind in einem Krimi, aha.
Im dritten Kapitel geht es um die nummerierten Banken. Der deutsche Leser fragt sich, die Geldbanken oder die Sitzbanken.
Erst im vierten Kapitel betritt der Exkommissar Kehlweiler das Hauptkommissariat mit einem Verdacht.
Ein Buch für Tüftler, die zwischen den Zeilen der witzigen, ausschweifenden Dialoge nach einem Fall suchen können oder ein Buch für Frankreichliebhaber, die die umständliche Art zu erzählen lieben.
Frankreich-Urlaub der ganz besonderen Art
Der Fall wird gelöst, auch wenn er sich anfangs nur auf ein weißes winziges Fundstück beschränkt und einige falsche Fährten, wobei die Dialoge und Begegnungen das größte Verwirrspiel ausmachen.
Am Schluß gesteht nicht der Mörder, sondern der Exkommissar Kehlweiler breitet seine Beobachtungskunst aus, da hinzusehen, wo sonst keiner hinschaut. Es geht um eine geheimnisvolle …

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"Knochentrocken selbst in den absurdesten Momenten und voller Wahnsinns-Typen." (Frankfurter Rundschau)

"Mörderisch menschlich, mörderisch gut." (Frankfurter Rundschau)

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

""Es ist unmöglich, von Vargas nicht gefesselt zu sein", zitiert Tobias Gohlis einen Slogan über die französische Archäologin und Kriminalschriftstellerin und kann dem nach der Lektüre ihres neuen Krimis nur zustimmen. Der handelt von den Ermittlungen des aus dem Polizeidienst entlassenen Detektivs Louis Kehlweiler, der mit seiner Kröte Bufo einen Mord und damit auch einen Teil der eigenen Familiengeschichte aufklärt, berichtet der begeisterte Rezensent. Der Protagonist, ein "Pensionär im Altmännerdialog" geht dabei vor wie ein Archäologe und die Autorin wisse gut, wie man das anstellt. Vargas gilt, weiß Gohlis, als die "beste" Krimiautorin in Frankreich. Zu Recht, denkt auch der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH"
Fred Vargas, Jg. 1958, Mutter eines Sohnes, Archäologin im Hauptberuf, lebt in Paris. Ihre erfolgreichen Krimis schreibt sie fast ausschließlich im Urlaub. 2004 erhielt die sie den Deutschen Krimipreis.

Leseprobe zu "Das Orakel von Port-Nicolas" von Fred Vargas

"Was machst du denn hier im Viertel?" Die alte Marthe schwatzte gern ein bißchen. An diesem Abend hatte sie wenig Gelegenheit dazu gehabt und sich daher am Tresen auf ein Kreuzworträtsel gestürzt, zusammen mit dem Wirt. Der Wirt war ein braver Mann, aber bei Kreuzworträtseln konnte er einen rasend machen. Seine Antworten lagen immer daneben, er hielt die Regeln nicht ein, er achtete nicht auf die Anzahl der Felder. Dabei hätte er von Nutzen sein können, er kannte sich in Geographie aus, was komisch war, weil er Paris nie verlassen hatte, genausowenig wie Marthe. Für Fluß in Rußland mit zwei Buchstaben, senkrecht, hatte er "Jenissej" vorgeschlagen. Na ja, das war besser, als überhaupt nicht zu reden. Gegen elf hatte Louis Kehlweiler das Café betreten. Zwei Monate hatte Marthe ihn jetzt schon nicht mehr gesehen, und im Grunde hatte er ihr gefehlt. Kehlweiler hatte eine Münze in den Flipper geworfen, und Marthe verfolgte den Lauf der dicken Kugel. Dieses Idiotenspiel, mit einem Spalt, der extra dazu da war, die Kugel zu verlieren, mit einer Schräge, die es mit unaufhörlichen Bemühungen zu überwinden galt und die man, kaum war sie erklommen, geradewegs wieder hinunterstürzte, um sich in dem Spalt zu verlieren, der extra dazu da war, - dieses Spiel hatte sie schon immer verdrossen. Es schien ihr, daß die Maschine im Grunde ständig Moralpredigten hielt, eine strenge, ungerechte und deprimierende Moral. Und wenn man ihr mal aus berechtigtem Zorn einen Fausthieb versetzte, tiltete sie, und man wurde bestraft. Und dafür mußte man auch noch zahlen. Man hatte durchaus versucht, ihr zu erklären, daß es sich dabei um ein Vergnügungsspiel handele, aber da war nichts zu machen, es erinnerte sie an ihren Religionsunterricht. "Also? Was machst du hier im Viertel?" "Ich bin gekommen, um nach was zu sehen", sagte Louis.

"Vincent ist was aufgefallen." "Etwas, das sich lohnt?" Louis antwortete nicht, er mußte sich konzentrieren, die Flipperkugel rollte geradewegs auf das Nichts zu. Er er wischte sie mit einer Klappe, und sie bewegte sich träge klackernd wieder hinauf. "Du spielst lahm", bemerkte Marthe. "Stimmt, aber du redest ja auch die ganze Zeit." "Muß man ja. Wenn du deinen Religionsunterricht da betreibst, verstehst du nicht, was man dir sagt. Du hast mir nicht geantwortet. Etwas, das sich lohnt?" "Kann sein. Wird sich zeigen." "Was ist es? Politisch, zwielichtig, unbestimmt?" "Gröl nicht so rum, Marthe. Eines Tages kriegst du noch Schwierigkeiten. Sagen wir, was Ultrareaktionäres an einem Ort, wo man es nicht vermuten würde. Das beschäftigt mich." "Was Richtiges?" "Ja, Marthe. Was Richtiges, mit Siegel und allem Drum und Dran. Natürlich muß man's noch überprüfen." "Wo ist das? Bei welcher Bank?" "Bank 102." Louis lächelte und startete eine Kugel. Marthe dachte nach. Sie fand sich nicht mehr zurecht, sie war aus der Übung. Sie verwechselte Bank 102 mit den Bänken 107 und 98. Louis hatte es einfacher gefunden, den öffent lichen Bänken in Paris, die ihm als Beobachtungsstationen dienten, Nummern zuzuteilen. Den interessanten Bänken, versteht sich. Tatsächlich war das praktischer, als ihre genaue topographische Lage im einzelnen aufzulisten, um so mehr, als die Lage von Bänken im allgemeinen ungenau ist. Aber im Laufe von zwanzig Jahren hatte es Veränderungen gegeben, Bänke, die in Ruhestand geschickt wurden, und neue, um die man sich kümmern mußte. Man hatte auch Bäume numerieren müssen, wenn an Schlüsselstellen der Hauptstadt keine Bänke vorhanden waren. Es gab auch vorübergehende Bänke für kleinere Geschichten. So war man schließlich bei Nr. 137 angekommen, weil eine frü here Nummer nie wiederverwendet wurde, und das vermischte sich nun in ihrem Kopf. Aber Louis war dagegen, daß man sich Notizen machte. "Ist 102 die mit dem Blumenhändler dahinter?" fragte Marthe stirnrunzelnd. "Nein, das ist die 107." "Mist", bemerkte Marthe. "Gib mir wenigstens einen aus." "Hol dir an der Bar, was du willst. Ich hab noch drei Kugeln zu spielen." Marthe war nicht mehr so leistungsfähig. Mit siebzig Jahren konnte sie nicht mehr so wie früher zwischen zwei Kunden in der Stadt umherstreifen. Und außerdem verwechselte sie die Bänke. Aber sie war eben Marthe. Sie brachte nicht mehr viele Informationen, aber sie hatte ein hervorragendes Gespür. Ihr letzter Tip war bestimmt zehn Jahre her. Er hatte einen ordentlich heilsamen Schock ausgelöst, und das war ja das Wichtigste. "Du trinkst zuviel, meine Liebe", bemerkte Louis, während er amAbzug des Flippers zog. "Kümmer dich um deine Kugel, Ludwig."

Blick ins Buch "Das Orakel von Port-Nicolas"

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