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Natalia arbeitet in einem Waisenhaus irgendwo in Südosteuropa, als sie vom rätselhaften Tod ihres geliebten Großvaters erfährt. Nach Erklärungen suchend, erinnert sich die junge Ärztin an jene Geschichten aus seinem Leben, die sich um zwei seltsame, fatale Gestalten drehen - die Tigerfrau, eine schöne Taubstumme in seinem Heimatdorf, die einen geflüchteten Tiger pflegte; und einen charmanten, obskuren Mann, der nicht sterben kann. Während Natalia auf den Spuren des Großvaters durch idyllische und kriegsverwüstete Landschaften reist, werden ihr diese Figuren immer gegenwärtiger. Bald entspinnt…mehr

Produktbeschreibung
Natalia arbeitet in einem Waisenhaus irgendwo in Südosteuropa, als sie vom rätselhaften Tod ihres geliebten Großvaters erfährt. Nach Erklärungen suchend, erinnert sich die junge Ärztin an jene Geschichten aus seinem Leben, die sich um zwei seltsame, fatale Gestalten drehen - die Tigerfrau, eine schöne Taubstumme in seinem Heimatdorf, die einen geflüchteten Tiger pflegte; und einen charmanten, obskuren Mann, der nicht sterben kann. Während Natalia auf den Spuren des Großvaters durch idyllische und kriegsverwüstete Landschaften reist, werden ihr diese Figuren immer gegenwärtiger. Bald entspinnt sich ein ganzer Kosmos an Mythen und Gestalten, und Natalia begreift, welche Wahrheit über die Lebensrätsel ihrer Familie und ihre versehrte Heimat in ihnen steckt ...

Sprachgewaltig, mit unvergesslichen Figuren und einer erzählerischen Virtuosität, die an Gabriel García Márquez erinnert, entwirft Téa Obreht das schmerzlich-schöne Bild einer zwischen gestern und heute gefangenen, mythengläubigen Welt. "Time" schrieb über "Die Tigerfrau": "Liebe, Legende und Tod werden hier so wundervoll geschildert, dass jeder andere Roman in diesem Jahr Gefahr läuft, an der unheimlichen Schönheit dieses Buches gemessen zu werden. Seit Zadie Smith debütierte kein junger Autor mit solcher Kraft und Eleganz."
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Berlin
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 416
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 416 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 138mm x 36mm
  • Gewicht: 513g
  • ISBN-13: 9783871347122
  • ISBN-10: 3871347124
  • Best.Nr.: 34502079
Autorenporträt
Tea Obreht, geboren 1985 in Belgrad, lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Dort veröffentlichte sie erste Erzählungen u.a. im "New Yorker", in "Harper‘s" und der "New York Times". Ihr Debütroman "Die Tigerfrau" (2011), der in den USA und England zu einem sensationellen Überraschungserfolg wurde, erscheint in mehr als dreißig Sprachen. Im Sommer 2011 erhielt Tea Obreht den Orange Prize for Fiction, im Herbst wurde "Die Tigerfrau" für den National Book Award nominiert.
Rezensionen
Besprechung von 11.03.2012
Wahrer als wahr
Bewundernswert frühreif und weise. Oder schwül träumerisch und schrecklich unentschlossen: "Die Tigerfrau", der erste Roman der 26-jährigen Amerikanerin Téa Obreht verzaubert den Balkan

Wer über ein Buch schreiben soll und nirgendwo anzufangen weiß, der sucht nach einem Satz, der die Essenz in wenige Worte fasst, nach einem Zweizeiler, nach ein paar klärenden Worten aus dem Mund einer handelnden Figur. In manchen Büchern wird man auf jeder Seite fündig. Im Debüt von Téa Obreht, deren Namen man, weil sie im ehemaligen Jugoslawien geboren ist, mit rollendem "R" und feuchtem "ch" ausspricht, gibt es nur eine einzige solche Stelle -, die aber grinst den Leser dafür aus der ansonsten von der Erziehung in amerikanischen "Creative Writing"-Workshops glattgeschmirgelten Prosa heraus umso frecher an.

Im siebten Kapitel, in einer der vielen vom Ursprungsplot in die jüngere und nicht mehr ganz so junge Vergangenheit abzweigenden Geschichtchen, geht es um den sensiblen Metzgersjungen Luka. Er wandert aus dem Bergdorf Galina in die Hafenstadt Sarobor, um sein Können auf der Gusla, einer traditionellen, einsaitigen Mischung aus Laute und Bratsche, zur Schau zu stellen. Als ihm ein Mädchen beim Spielen in einer Kneipe zuschaut und fragt, warum seine "arme kleine Fiedel" nur eine Saite habe, da brennt Luka zwar einen Moment lang das Gesicht, doch er erwidert, ganz der Dichter, der er werden will: "Fünfzig Saiten singen ein Lied, aber eine einzelne kennt tausend Geschichten." Das Mädchen fragt nicht weiter nach, die beiden freunden sich an, wollen später - trotz Lukas Interesse an jungen Männern - heiraten und setzen so etwas in Gang, das dann erst irgendwann ganz am Ende des Buchs doch wieder etwas mit der Geschichte zu tun haben soll, bei der man eigentlich angefangen hatte.

Schreibweisheiten.

Dieser Satz, der von den "tausend Geschichten", fasst das ganz gut zusammen, was man an dem Erstling der erst 26-jährigen Autorin entweder bewundernswert frühreif und weise oder schwül träumerisch und schrecklich unentschlossen finden kann.

Obreht hält sich nämlich einerseits an die Weisheit der "Creative Writing"-Professoren "to write what you know", was in Fällen von Einwandererkindern meistens heißt, etwas über das Herkunftsland der Eltern zu schreiben, ob man darüber nun wirklich etwas weiß oder nicht - und andererseits an die Weisheit des Schlachtersprösslings Luka. Mit ihrer einen, gutgestimmten sprachlichen Saite, den kurzen, rundredigierten Raymond-Carver-Sätzen aus dem Uniworkshop, erzählt sie Geschichten, die etwas mit dem Balkan zu haben, auf dem sie 1985 geboren wurde. Es sind vielleicht nicht tausend, aber doch viel mehr als eine. Zuerst ist da die von der Ich-Erzählerin Natalia, einer jungen, in einen der vielen Kriege hineingeborenen Medizinstudentin, die von dem Tod ihres Großvaters erfährt, als sie gerade Waisenkinder eines entlegenen Klosters mit Impfstoffen versorgt. (Überhaupt liegen hier die allermeisten Tatorte "abgelegen" oder "ab vom Schuss" und befinden sich allesamt in einem auffällig namenlosen Balkanland.)

Sobald berichtet ist, dass der Großvater, zeitlebens nüchterner Mediziner, liebevoller Ehemann und überzeugter Nicht-Radikaler, unter falschen Vorwänden zum Sterben in ein ("hinter dem Mond" gelegenes) Krankenhaus gefahren ist, beginnt Natalia die Suche nach der Vergangenheit dieses Mannes, der sie aufgezogen hat. Nur kurz sieht es aus, als wäre diese Suche eine tatsächliche, ein ernsthaftes Wühlen in der Geschichte und den Geschichten dieser Region, der ehrliche Versuch, sich als mehr oder weniger Außenstehende und Nichthistorikerin in die Gefühlswelt eines Weltteils einzugraben. Doch der erste Satz des ausgerechnet mit "Der Krieg" überschriebenen zweiten Kapitels lautet eben nicht: "Alles was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt in der Geschichte", sondern: "Alles was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt in zwei Geschichten: der von der Tigerfrau und der von dem Mann, der nicht sterben konnte."

Und in den beiden Geschichten, die danach nicht an einem Stück, sondern immer mal wieder erzählt werden, wird es dann genau so jugendbuch- und märchenhaft, wie es ihre Titel vermuten lassen. Die eine erzählt aus der Kindheitserinnerung des Großvaters, von einer taubstummen jungen Frau aus dessen (weit hinterwäldlerischem) Heimatdorf. Die Taubstumme freundet sich nach dem nicht besonders mysteriösen Tod ihres Ehemanns mit einem menschelnden, aus dem Zoo entlaufenen Tiger an, wird schwanger und ist den phantasielosen Dörflern nun vor allem deswegen und nur am Rande auch wegen ihrer türkischen Herkunft und ihrer Behinderung verhasst.

Die andere Geschichte, die von dem Mann, der nicht sterben konnte, kommt ebenfalls aus der Erinnerung des Großvaters. Als gelungene, aber leider einzige formale Reaktion überhaupt auf das ständige Mal-hier-mal-da-Erzählen ist sie im spröderen, mit regelmäßigen Du-weißt-ja-Natalias gespickten Ton des Großvaters gehalten. "Der Mann, der nicht sterben konnte" kann tatsächlich im ganz wörtlichen Sinne nicht sterben, was damit zu tun hat, dass er tatsächlich im ganz wörtlichen Sinne mit dem Tod verwandt ist, ihn zum Onkel hat, um genau zu sein. Von eben jenem Onkel mit Unsterblichkeit bedacht, zieht er mit einem Kaffeebecher durchs Land und warnt Sterbende vor ihrem baldigen Ende.

Und das sind noch nicht alle Märchen. Es geht auch um einen Jäger, der sich möglicherweise in einen Bären verwandeln kann, und eine unfachmännisch bestattete Leiche, die möglicherweise Unheil über Dorfbewohner bringt. Nur zwischendrin taucht immer mal wieder der Krieg auf und was er mit alten und jungen Menschen anstellt - außer sie umzubringen.

Wassergeister.

Téa Obrehts früher Erfolg wurde möglich, weil einflussreiche Literaturredakteure des "New Yorker" ihre Kurzgeschichten abdruckten und sie 2010 zur jüngsten Autorin in dem vieldiskutierten Generationsdefinierungsversuch "20 under 40" machten. Auch in diesen Geschichten gibt es Wassergeister und Ähnliches, auch hier wird immer wieder betont die Grenze zwischen Wirklichkeit und Märchen überschritten. In diesen kurzen Geschichten, die im Gegensatz zur "Tigerfrau" gar nicht erst behaupten oder andeuten, sie könnten zum Verständnis von irgendetwas außerhalb ihrer selbst beitragen, liegt Obrehts Stärke: Hier kann man sich zwar auch fragen, was es über eine Generation sagt, wenn eine ihrer ersten lauten, literarischen Stimmen es grundsätzlich vermeidet, etwas vom Jugendlichsein zu erzählen. Aber man kann sie auch ohne unangenehmes Gefühl annehmen, die Einladung in den Märcheneskapismus.

Glaubt man den vielen Interviews, die Obreht nach dem Gewinn des wichtigen Orange Prize for Fiction gegeben hat, war "Die Tigerfrau" auch zuerst einmal viele verschiedene Kurzgeschichten, einige noch aus den Seminaren der Studienzeit, einige aus dem Hinterkopf, die dann nachträglich "verwebt" wurden. Aber warum nur mussten diese grundverschiedenen Geschichten so unbedingt aneinandergetackert werden? Nur durch ihre Zwangsheirat löst dieses Buch seine seltsame Mischung aus Sympathie und Ärger aus. Für sich genommen, ist die Charakterstudie des langsam zurückverwildernden Zootigers berührend. Aber kann man sie in die Pflicht nehmen, die wahrere Wahrheit der Nato-Bomben zu sein? Der wichtige amerikanische Kritiker Ron Charles hat in seiner Kritik der "Tigerfrau" geschrieben, das Buch offenbare Wahrheiten, von der die amtliche Geschichte nichts wissen könne, "truths that history can't touch". Es gibt aber auch einen Raum, der zwischen amtlicher Geschichte und Tigern, Bären und dem Neffen des Todes liegt. So gesehen, wird der ganze Hokuspokus zur Entschuldigung, es nicht auch mal geradeaus versucht zu haben mit den Wahrheiten, die abseits der Geschichtsbücher liegen.

Lebende Tote.

Es wird nicht besser dadurch, dass Obreht es allem Anschein nach anders könnte. Nicht nur der phantastische Teil stünde für sich allein viel besser da. Auch auf die zaghaften Versuche, sich der Generation zu nähern, der Obreht vor dem Umzug nach Amerika mal angehörte, könnte man sich besser konzentrieren, wenn nicht an jeder Kreuzung ein paar lebende Tote stünden. Eine der stärksten Stellen im Buch berichtet von einer Jugendliebe der Erzählerin Natalia, einem jungen Musikkassettenhändler: "Als ich ein paar Wochen lang gespart hatte und mir ,Graceland' kaufen wollte, sagte er: ,Es ist Krieg, dein Geld ist nichts wert . . .' Wir küssten uns noch drei Monate lang, in denen sich mein Besitz an Musik verdreifacht haben muss, und dann war Ori, wie viele Jungen in seinem Alter, plötzlich verschwunden."

Für einige Vertreter des lateinamerikanischen magischen Realismus der sechziger Jahre, einer Gattung, zu der alle möglichen Kritiker Obreht engste Verwandtschaft bescheinigen, mag es durchaus überlebensnotwendig gewesen sein, politische Analyse und Aufmüpfigkeit mit einem Schleier aus Legende und Zauberei unzensierbar zu machen. Doch in einer Situation, in der die größten Märchen über die Kriege auf dem Balkan immer noch aus Den Haag kommen, hätte sich auch eine Künstlerin vielleicht an das erinnern können, was einer ihrer eigenen Charaktere in den letzten Zeilen der "Tigerfrau" lernen muss: "Auch der blinde Orlo mit seinen . . . Tricksereien hatte Macht, gewiss; aber wahre Macht lag, wie der Apotheker jetzt begriff, im Eindeutigen und Konkreten."

GREGOR QUACK.

Téa Obreht: "Die Tigerfrau". Übersetzt von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 416 Seiten, 19,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Patricia Hecht versichert, dass dieser Roman in der deutschen Übertragung dem großen, der Autorin vorauseilenden Ruf durchaus gerecht wird. Gerademal 26jährig schafft die aus Belgrad stammende, in den USA lebende Tea Obreht es laut Hecht, 60 Jahre ihrer Familiengeschichte mit Schauer- und Volksmärchen und allerlei fantastischen Figuren zu verbinden, das Ganze leicht und bildhaft, wie Hecht schreibt, in der Art des magischen Realismus. Scheint Hecht die Beschreibung von Land und Leuten eher konventionell (auch das kann Obreht also), kreuzen Aberglaube, Kaffeesatzlesen etc. immer wieder die Wirklichkeit - für Hecht ein Gewinn.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 20.03.2012
Das Geheimnis des Großvaters
Ein Talent, ohne Zweifel: Téa Obreht erzählt in ihrem Debütroman „Die Tigerfrau“ vom Balkan in Zeiten des Krieges
Als Natalia dreizehn wird, beginnt sie sich für ein Ritual zu schämen, das sie mit ihrem Großvater verbindet. Die beiden besuchen die Tiger im Zoo einer Stadt, die keinen Namen hat, sich aber wie Belgrad anfühlt. Schon das macht den Zoo hochsymbolisch, eröffnet die 1941er-Bombardierung der jugoslawischen Hauptstadt durch die Wehrmacht, bei welcher der Zoo schwer getroffen wurde, doch den eindrücklichsten und umstrittensten Film zum Jugoslawien-Krieg: Emir Kusturicas „Underground“.
Die amerikanische Autorin Téa Obreht, 1985 in Belgrad geboren, setzt eine viel harmlosere Szene an den Anfang ihres hochgelobten Erstlings: Ein Tiger nimmt sich einen ungeschickten Wärter vor, der aber entkommt.
Die Ich-Erzählerin, damals ein kleines Mädchen, glaubt, dass der Großvater absichtlich stehen blieb, um sie den Kampf sehen zu lassen, der sie auch beeindruckt. Doch mit der Zeit beginnt sie den alten Herrn als nicht standesgemäße Begleitung zu empfinden. Es ist ihr recht, dass der Kriegsausbruch die Schließung des Zoos nach sich zieht. Dass der Großvater nicht nur für sie dorthin spaziert ist, dass ihn eine geheimnisvolle Geschichte mit „der Tigerfrau“ verbindet, realisiert sie später.
Der Titel, der dem des amerikanischen Originals entspricht, das jetzt in dreißig Sprachen übersetzt wird, klingt eher billig, sodass überrascht ist, wer das Buch zu lesen beginnt: Téa Obreht ist jung und erinnert sich an ihre Belgrader Zeit als Kind. Das ergibt eine ungewöhnliche Perspektive auf einen der literarisch meist ausgeweideten politischen Konflikte der letzten Jahre. Differenziert und, soweit es geht, unvoreingenommen, schildert Obreht das Alltagsleben in den Anfängen des Kriegs, der für Kinder und Jugendliche zuerst nur eine Ausrede war: „Wenn die Eltern sagten: Ab mit dir zur Schule, durfte man erwidern: Aber es ist Krieg und stattdessen zum Fluss runtergehen.“ Auch wer um drei Uhr nachts „mit nach Rauch stinkenden Haaren“ heim kam, konnte sich auf die „besondere Situation“ verlassen. Mitschüler verschwanden „ohne Vorwarnung, ohne Abschied, wie Flüchtlinge es eben tun – aber ich trottete nach wie vor jeden Morgen mit meinem Pausenpaket zur Schule“. Der Kriegsschauplatz lag 1200 Kilometer entfernt: „Diese ersten sechzehn Monate des Krieges hatten fast nichts Reales an sich, und das machte sie unglaublich, unwiderstehlich.“
Eine erfrischende Direktheit ist in solchen Erinnerungen, die mehr erzählen als manche Analyse. Inzwischen pflegt Natalia Kriegsopfer in einem Waisenhaus. Da hört sie von der Großmutter, dass der Großvater in einem unbekannten Kaff gestorben sei. Da in dieser Familie immer Paare Geheimnisse haben, um Dritte zu schonen, und Natalia die Vertraute des Großvaters blieb, vermutet die Großmutter, dass die Enkelin von seinem Tod weiß. Er habe behauptet, zu ihr zu fahren? Natalia wusste, dass der Großvater Krebs hatte, aber auf dem Weg zu ihr war er nicht. So schickt Obreht ihre Heldin auf die klassische Suche nach den letzten Momenten des Toten.
Der war alternativ-balkanisch. Will heißen: kein Fanatiker, sondern rational. Mit einer Muslimin verheiratet, gehört der freundliche alten Mann bei Obreht zu den renommiertesten Belgrader Ärzten. Auch nach dem Ende von Titos Reich pflegt er seine Patienten, unabhängig von ihrer Herkunft. Ein Teil seines Ruhms rührt daher, dass er dem „Marschall“, wie Tito im Buch heißt, einmal das Leben gerettet hat. Aber viel gehalten haben soll er auch von ihm nicht. In der „nationalen Zeit“ muss er seine Praxis schließen – aber zieht jeden Morgen mit seiner Tasche los.
Bis dahin ist „Die Tigerfrau“ eine angenehm aufgeklärte, feinfühlige Opa-Enkelin-Geschichte. Doch zum Bestseller-Ruhm, der ihr vorauseilt, gehört das Lob, Obreht schreibe den „magischen Realismus“ von García Márquez fort. In der Tat hat der Roman eine zweite, mythische Seite, die anfangs kraftvoll sichtbar wird, als die Großmutter Natalia anlässlich der Todesnachricht die Geschichte von den „40 Tagen der Seele“ erzählt, derzufolge die Überbleibsel eines Verstorbenen vierzig Tage lang nicht angerührt werden dürfen, weil die Lebenden darauf spekulieren können, dass die Seele dann aus Heimweh zurückkehrt.
Im Lauf des Romans kommen eine Menge solcher Geschichten dazu, alle phantasievoll erzählt. Etwa die des Mannes, der nicht sterben kann, weil er seine Aufgabe als Bote des Todes nicht erfüllt, und der das Sterben einer Frau, in die er sich verliebt hat, zweimal verhindert – eine Variation auf Vampirgeschichten und den „Fliegenden Holländer“. Oder die von der Mesalliance zwischen der Tigerfrau, einem taubstummen Mädchen, und dem eher an Männern interessierten musischen Metzger Luca. Hier spielt Obreht mit dem Motiv der vertauschten Braut: Der amazonenhaften Schwester der Tigerfrau hatte der Schlachter gefallen, weil auch sie nicht Liebe, sondern Musik machen wollte. Als sie aber kurz vor der Heirat geküsst wird, ist es um sie geschehen. Der wütende Vater kostümiert die taubstumme Schwester und übertölpelt den Bräutigam. Die vom Mann verprügelte Taubstumme wird zur „Tigerfrau“, indem sie sich dem entlaufenen Tier widmet, das 1941 um die Häuser streicht.
Obreht selbst macht diese Geschichten groß, indem sie Natalia erzählen lässt, dass zwischen ihnen „alles“ vorhanden sei, um ihren Großvater zu verstehen. Das Problem des Buches jedoch ist, dass es beim besten Willen nicht möglich scheint, die beiden Geschichten mit dem, was sonst vom Großvater und seinen Ansichten erzählt wird, zu verbinden. Bedeutet der Tiger etwas, im Rahmen des Kriegs? Ist er die Verkörperung der einst gezähmten Gewalt, durch die Gewalt der deutschen Bomben freigesetzt? Wären also die Nazis Schuld am Jugoslawien-Krieg? Eine klassische serbische Interpretation. Aber waren es nicht eher innerbalkanische Geschichten? Und wenn der Tiger Gewalt symbolisiert, warum liebt der friedliche Großvater ihn dann?
Wenn Shir Khan aber einfach lieb wäre, von bösen Menschen eingesperrt, was bedeutet sein Herumirren dann? Man kann kein derart prominentes Symbol einfach ins Leere tigern lassen. Und je mehr magisch-mythische Geschichten Obreht einfügt, desto unschärfer wirkt der Zusammenhang des Ganzen. Auch die Story des Mannes, der nicht sterben kann, ist schön erzählt, aber wenn man sie in die Nähe des Kriegs und seiner möglichen Ursachen rückt, wie im Buch, kommt man nicht weiter als bis zu nebulösen Reden vom Tod, der regiert.
Könnte es sein, dass der reale Großvater Stefan Obreht, dem das Buch gewidmet ist, die Geschichten wirklich erzählt hat, die ihm seine Enkelin in den Mund legt? Wenn ja, wäre das wunderbare Material von der Enkelin vielleicht noch nicht genügend in den Roman integriert. Man muss sich keineswegs für Realität oder Phantasie entscheiden, aber der magische Realismus entsteht erst, wenn er die beiden zu verbinden versteht. Dass Téa Obreht ein Erzähltalent ist, steht freilich fest. In seinen einzelnen Geschichten ist dieser erste Roman einer 25-Jährigen ein Genuss. HANS-PETER KUNISCH
TÉA OBREHT: Die Tigerfrau. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2012. 416 Seiten, 19,95 Euro.
Téa Obreht Foto: Béatrice de Géa
Nach der Bombardierung des Zoos in Belgrad am 6. April 1941 durch die Deutsche Wehrmacht zogen die Tiere durch die Stadt. In seinem Film „Underground“ (1995) hat der Regisseur Emir Kusturica in einer symbolischen Sequenz die Partisanen, die Tierwächter und die streifenden Tiere zusammengeführt. Das hier gezeigte Bild entstand 1993 während der Dreharbeiten in Prag.
Foto: Peter Marlow/Magnum Photos
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Die aufregendste literarische Entdeckung seit Jahren. Colum McCann
Téa Obreht ist ein Erzähltalent.
"Ein Geflecht aus Mythen und Legenden, das mit der Erzählgegenwart des Jugoslawienkrieges auf wundersam allegorische, schmerzlich schöne Weise verwoben wird. Kaum zu glauben, dass dieser weise, zauberische Debütroman von einer 25-Jährigen geschrieben wurde."