Tauben im Gras - Koeppen, Wolfgang

Tauben im Gras

Roman

Wolfgang Koeppen 

 
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Tauben im Gras

"Tauben im Gras", 1951 erstmals erschienen, ist der erste Roman jener "Trilogie des Scheiterns", mit der Wolfgang Koeppen eine erste kritische Bestandsaufnahme der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland gab. Mit Vehemenz und unerbittlicher Schärfe analysiert Koeppen die Rückstände jener Ideologien und Verhaltensweisen, die zu Faschismus und Krieg geführt haben und die schließlich in den fünfziger Jahren die Restauration der überkommenen Verhältnisse protegierten. Dabei ist das literarische Verfahren von "Tauben im Gras" ein kaleidoskopartiges: Der ganze Roman schildert Gestalten und Vorgänge eines einzigen Tages im München des Jahres 1949. Mit einer Fülle genauer atmospärischer Details zeichnet Koeppen den Nachkriegsalltag dieser Stadt, die sein Protagonist, der verhinderte Schriftsteller Philipp, wie ein Schlachtfeld erlebt, wie ein undurchdringliches "Pandämonium".


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2010
  • 43. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 227 S. 178 mm
  • Seitenzahl: 228
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.601
  • Best.Nr. des Verlages: 37101
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 15mm
  • Gewicht: 145g
  • ISBN-13: 9783518371015
  • ISBN-10: 3518371010
  • Best.Nr.: 01697893
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.05.2009

DAS HÖRBUCH
Frei Flattern im Nichts
Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns” als Hörspiel
„Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer”, heißt es am Beginn des Romans „Tauben im Gras” aus dem Jahr 1951. „ Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.” Aufbruch und Neubeginn klingen anders. Da muss es dem vorwitzigen Spätgeborenen scheinen, als hätte Wolfgang Koeppen sich gründlich geirrt, als hätte er seine drei großen Nachkriegsromane Ängsten abgetrotzt, die von heute ausgesehen seltsam irreal wirken. Was er fürchtete, trat nicht ein. Zu einer Militarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft ist es so wenig gekommen wie zu einem neuen Krieg; das braune Gesindel bleibt ohne politische Kraft; dem Gedenken an die NS-Opfer wie einer durchgreifenden Zivilisierung des Alltags hat sich das Land seit Jahrzehnten erfolgreich verschrieben. Nun gut, mag man einwenden, die Gefahr sei dagewesen, als die junge Republik die alten Nazi-Eliten großzügig integrierte und zur Wiederbewaffnung schritt. Und wer wisse schon, wie es ohne die kritischen Stimmen ausgegangen sei.
Mit der einen wie mit der …

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Wolfgang Koeppen, geb. am 23. Juni 1906 in Greifswald, starb am 15. März 1996 in München. Nach einem elfjährigen Aufenthalt in Ortelsburg (Ostpreußen) kehrte er 1919 nach Greifswald zurück. Aus finanziellen Gründen musste er vom Gymnasium auf die Mittelschule wechseln, von der er ohne Abschluss abging. Danach versuchte er sich in ganz unterschiedlichen Berufen: in einer Buchhandlung, im Stadttheater in Greifswald. Als Hilfskoch kam er nach Schweden und Finnland, in Würzburg arbeitete er als Dramaturg. 1927 ließ er sich in Berlin nieder, wo er 1931 zwei Jahre als fest angestellter Redakteur beim Berliner Börsen-Courier arbeitete. Er schrieb Reportagen, Feuilletons, auch erste literarische Arbeiten entstanden. 1934 erschien sein erster Roman. Im selben Jahr siedelte er in die Niederlande über. Er kehrte 1938 nach Deutschland zurück und arbeitete ab 1941 für die Bavaria-Filmgesellschaft in Feldafing am Starnberger See, 1945 siedelte er nach München über.
Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.

Öl aus den Adern der Erde, Steinöl, Quellenblut, Fett der Saurier, Panzer der Echsen, das Grün der Farnwälder, die Riesenschachtelhalme, versunkene Natur, Zeit vor dem Menschen, vergrabenes Erbe, von Zwergen bewacht, geizig, zauberkundig und böse, die Sagen, die Märchen, der Teufelsschatz: er wurde ans Licht geholt, er wurde dienstbar gemacht. Was schrieben die Zeitungen? Krieg um Öl, Verschärfung im Konflikt, der Volkswille, das Öl den Eingeborenen, die Flotte ohne Öl, Anschlag auf die Pipeline, Truppen schützen Bohrtürme, Schah heiratet, Intrigen um den Pfauenthron, die Russen im Hintergrund, Flugzeugträger im Persischen Golf. Das Öl hielt die Flieger am Himmel, es hielt die Presse in Atem, es ängstigte die Menschen und trieb mit schwächeren Detonationen die leichten Motorräder der Zeitungsfahrer. Mit klammen Händen, mißmutig, fluchend, windgeschüttelt, regennaß, bierdumpf, tabakverbeizt, unausgeschlafen, alpgequält, auf der Haut noch den Hauch des Nachtgenossen, des Lebensgefährten, Reißen in der Schulter, Rheuma im Knie, empfingen die Händler die druckfrische Ware. Das Frühjahr war kalt. Das Neueste wärmte nicht. Spannung, Konflikt, man lebte im Spannungsfeld, östliche Welt, westliche Welt, man lebte an der Nahtstelle, vielleicht an der Bruchstelle, die Zeit war kostbar, sie war eine Atempause auf dem Schlachtfeld, und man hatte noch nicht richtig Atem geholt, wieder wurde gerüstet, die Rüstung verteuerte das Leben, die Rüstung schränkte die Freude ein, hier und dort horteten sie Pulver, den Erdball in die Luft zu sprengen, Atomversuche in Neu-Mexiko, Atomfabriken im Ural, sie bohrten Sprengkammern in das notdürftig geflickte Gemäuer der Brücken, sie redeten von Aufbau und bereiteten den Abbruch vor, sie ließen weiter zerbrechen, was schon angebrochen war: Deutschland war in zwei Teile gebrochen. Das Zeitungspapier roch nach heißgelaufenen Maschinen, nach Unglücksbotschaften, gewaltsamem Tod, falschen Urteilen, zynischen Bankrotten, nach Lüge, Ketten und Schmutz. Die Blätter klebten verschmiert aneinander, als näßten sie Angst. Die Schlagzeilen schrien: Eisenhower inspiziert in Bundesrepublik, Wehrbeitrag gefordert, Adenauer gegen Neutralisierung, Konferenz in Sackgasse, Vertriebene klagen an, Millionen Zwangsarbeiter, Deutschland größtes Infanteriepotential. Die Illustrierten lebten von den Erinnerungen der Flieger und Feldherren, den Beichten der strammen Mitläufer, den Memoiren der Tapferen, der Aufrechten, Unschuldigen, Überraschten, Übertölpelten. Über Kragen mit Eichenlaub und Kreuzen blickten sie grimmig von den Wänden der Kioske. Waren sie Akquisiteure der Blätter, oder warben sie ein Heer? Die Flieger, die am Himmel rumorten, waren die Flieger der andern.

Der Erzherzog wurde angekleidet, er wurde hergestellt. Hier ein Orden, da ein Band, ein Kreuz, ein strahlender Stern, Fangschnüre des Schicksals, Ketten der Macht, die schimmernden Epauletten, die silberne Schärpe, das Goldene Vlies, Orden del Toison de oro, Aureum Vellus, das Lammfell auf dem Feuerstein, zum Lob und Ruhm des Erlösers, der Jungfrau Maria und des heiligen Andreas wie zum Schutz und zur Förderung des christlichen Glaubens und der heiligen Kirche, zur Tugend und Vermehrung guter Sitte gestiftet. Alexander schwitzte. Übelkeit quälte ihn. Das Blech, der Tannenbaumzauber, der gestickte Uniformkragen, alles schnürte und engte ihn ein. Der Garderobier fummelte zu seinen Füßen. Er legte dem Erzherzog die Sporen an. Was war der Garderobier vor den blankgewichsten Schaftstiefeln des Erzherzogs? Eine Ameise, eine Ameise im Staub. Das elektrische Licht in der Umkleidekabine, diesem Holzverschlag, den man Alexander anzubieten wagte, kämpfte mit der Morgendämmerung. Was war es wieder für ein Morgen! Alexanders Gesicht war käsig unter der Schminke; es war ein Gesicht wie geronnene Milch. Schnäpse und Wein und entbehrter Schlaf gärten und gifteten in Alexanders Blut; sie klopften ihm von innen den Schädel. Man hatte Alexander in aller Frühe hierhergeholt. Die Gewaltige lag noch im Bett, Messalina, seine Frau, das Lustroß, wie man sie in den Bars nannte. Alexander liebte sein Weib; wenn er an seine Liebe zu Messalina dachte, war die Ehe, die er mit ihr führte, schön. Messalina schlief, aufgeschwemmt das Gesicht, die Augentusche verwischt, die Lider wie von Faustschlägen getroffen, die grobporige Haut, ein Droschkenkutscherteint, vom Trunk verwüstet. Welche Persönlichkeit! Alexander beugte sich vor der Persönlichkeit. Er sank in die Knie, beugte sich über die schlafende Gorgo, küßte den verqueren Mund, atmete den Trunk, der nun wie ein reines Spiritusdestillat durch die Lippen drang: "Was ist? Gehst du? Laß mich! Oh, mir ist schlecht!" Das war es, was er an ihr hatte. Auf dem Weg zum Badezimmer trat sein Fuß in Scherben. Auf dem Sofa schlief Alfredo, die Malerin, klein, zerzaust, hingesunken, niedlich, Erschöpfung und Enttäuschung im Gesicht, Krähenfüße um die geschlossenen Augen, mitleiderregend. Alfredo war amüsant, wenn sie wach war, eine schnell verbrennende Fackel; sie sprühte, witzelte, erzählte, girrte, scharfzüngig, erstaunlich. Der einzige Mensch, über den man lachen konnte. Wie nannten die Mexikaner die Lesbierinnen? Es war was wie Maisfladen, Tortilleras, wohl ein flacher gedörrter Kuchen. Alexander hatte es vergessen. Schade! Er hätte es anbringen können. Im Badezimmer stand das Mädchen, das er aufgegabelt, das er mit seinem Ruhm angelockt hatte, mit dieser schiefen Visage, die jedermann kannte. Schlagzeilen der Filmblätter: Alexander spielt den Erzherzog, der deutsche Superfilm, der Erzherzog und die Fischerin, die hatte er gefischt, aufgefischt, abgetischt. Wie hieß sie noch? Susanne! Susanne im Bade. Sie war schon angezogen. Billiges Konfektionskleid. Strich mit Seife über die Laufmasche im Strumpf. Hatte sich mit dem Guerlain seiner Frau begossen. War mißmutig. Maulig. Das waren sie nachher immer. "Na, gut bekommen?" Er wußte nicht, was er sagen sollte. Eigentlich war er verlegen. "Dreckskerl!" Das war es. Sie wollten ihn. Alexander, der große Liebhaber! Hatte sich was! Er mußte sich duschen. Das Auto hupte unten wie verrückt. Die waren auf ihn angewiesen. Was zog denn noch? Er zog noch. Alexander, die Liebe des Erzherzogs. Die Leute hatten die Nase voll; sie hatten genug von der Zeit, genug von den Trümmern; die Leute wollten nicht ihre Sorgen, nicht ihre Furcht, nicht ihren Alltag, sie wollten nicht ihr Elend gespiegelt sehen. Alexander streifte den Schlafanzug ab. Das Mädchen Susanne sah neugierig, enttäuscht und böse auf alles, was an Alexander schlapp war. Er dachte 'schau dir es an, erzähl, was du willst, sie glauben es dir nicht, ich bin ihr Idol'. Er prustete. Der kalte Strahl der Dusche schlug seine schlaffe Haut wie eine Peitsche. Schon wieder hupten sie unten. Die hatten es eilig, sie brauchten ihren Erzherzog. In der Wohnung schrie ein Kind, Hillegonda, Alexanders kleines Mädchen. Das Kind schrie "Emmi!" Rief das Kind um Hilfe? Angst, Verzweiflung, Verlassenheit lagen in dem Kinderschrei. Alexander dachte 'ich müßte mich um sie kümmern, ich müßte Zeit haben, sie sieht blaß aus'. Er rief: "Hille, bist du schon auf?" Warum war sie so früh schon auf? Er prustete die Frage ins Handtuch. Die Frage erstickte im Handtuch. Die Stimme des Kindes schwieg, oder sie ging unter im wütenden Hupen des wartenden Wagens. Alexander fuhr ins Atelier. Er wurde angekleidet. Er wurde gestiefelt und gespornt. Er stand vor der Kamera. Alle Scheinwerfer leuchteten auf. Die Orden glitzerten im Licht der Tausendkerzenbirnen. Das Idol spreizte sich. Man drehte den Erzherzog Eine deutsche Superproduktion.

Die Glocken riefen zur Frühmesse. Hörst-du-das-Glöckleinläuten? Teddybären hörten zu, Puppen hörten zu, ein Elefant aus Wolle und auf roten Rädern hörte zu, Schneewittchen und Ferdinand der Stier auf der bunten Tapete vernahmen das traurige Lied, das Emmi, die Kinderfrau, langgezogen und klageweibisch sang, während sie den mageren Körper des kleinen Mädchens mit einer rauhen Bürste schrubbte. Hillegonda dachte 'Emmi du tust mir weh, Emmi du kratzt mich, Emmi du ziepst mich, Emmi deine Nagelfeile sticht mich', aber sie wagte der Kinderfrau, einer derben Person vom Lande, in deren breitem Gesicht die einfache Frömmigkeit der Bauern böse erstarrt war, nicht zu sagen, daß ihr weh getan wurde und daß sie litt. Der Gesang der Kinderfrau, hörst-du-das-Glöcklein-läuten, war eine immerwährende Mahnung und hieß: klage nicht, frage nicht, freue dich nicht, lache nicht, spiele nicht, tändele nicht, nütze die Zeit, denn wir sind dem Tod verfallen. Hillegonda hätte lieber noch geschlafen. Sie hätte lieber noch geträumt. Sie hätte auch gern mit ihren Puppen gespielt, aber Emmi sagte: "Wie darfst du spielen, wenn dich Gott ruft!" Hillegondas Eltern waren böse Menschen. Emmi sagte es. Man mußte für die Sünden der Eltern büßen. So begann der Tag. Sie gingen zur Kirche. Eine Straßenbahn bremste vor einem jungen Hund. Der Hund war struppig und ohne Halsband, ein herrenloser, verlaufener Hund. Die Kinderfrau drückte Hillegondas kleine Hand. Es war kein freundlicher, beistehender Druck; es war der feste unerbittliche Griff des Wächters. Hillegonda blickte dem kleinen herrenlosen Hund nach. Sie wäre lieber hinter dem Hund hergelaufen als mit der Kinderfrau in die Kirche gegangen. Hillegonda preßte die Knie zusammen, Furcht vor Emmi, Furcht vor der Kirche, Furcht vor Gott bedrückte ihr kleines Herz; sie machte sich schwer, sie ließ sich ziehen, um den Weg zu verzögern, aber die Hand des Wächters zerrte sie weiter. So früh war es noch. So kalt war es noch. So früh war Hillegonda schon auf dem Wege zu Gott. Die Kirchen haben Portale aus dicken Bohlen, schwerem Holz, eisernen Beschlägen und kupfernen Bolzen. Fürchtet sich auch Gott? Oder ist auch Gott gefangen? Die Kinderfrau faßte die kunstgeschmiedete Klinke und öffnete spaltbreit die Tür. Man konnte gerade zu Gott hineinschlüpfen. Es duftete bei Gott wie am Weihnachtstag nach Wunderkerzen. Bereitete sich hier das Wunder vor, das schreckliche, das angekündigte Wunder, die Vergebung der Sünden, die Lossprechung der Eltern? 'Komödiantenkind' dachte die Kinderfrau. Ihre schmalen, blutlosen Lippen, Asketenlippen in einem Bauerngesicht, waren wie ein scharfer, für die Ewigkeit gezogener Strich. 'Emmi ich fürchte mich', dachte das Kind. 'Emmi die Kirche ist so groß, Emmi die Mauern stürzen ein, Emmi ich mag dich nicht mehr, Emmi liebe Emmi, Emmi ich hasse dich!' Die Kinderfrau sprengte Weihwasser über das zitternde Kind. Ein Mann drängte durch den Spalt der Tür. Fünfzig Jahre Mühe, Arbeit und Sorge lagen hinter ihm, und nun hatte er das Gesicht einer verfolgten Ratte. Zwei Kriege hatte er erlebt. Zwei gelbe Zähne verwesten hinter seinen immer flüsternden Lippen; er war in ein endloses Gespräch verstrickt; er sprach zu sich: wer sonst hätte ihm zugehört? Hillegonda folgte auf ihren Zehen der Kinderfrau. Düster waren die Pfeiler, das Mauerwerk war von Splittern verwundet. Kälte, wie aus einem Grab, wehte das Kind an. 'Emmi verlaß mich nicht, Emmi Hillegonda Angst, gute Emmi, böse Emmi, liebe Emmi', betete das Kind. 'Das Kind zu Gott führen, Gott straft bis ins dritte und vierte Glied', dachte die Kinderfrau. Die Gläubigen knieten. Sie sahen in dem hohen Raum wie verhärmte Mäuse aus. Der Priester las den Meßkanon. Die Wandlung der Elemente. Das Glöcklein läutete. Herr-vergib-uns. Der Priester fror. Wandlung der Elemente! Macht, der Kirche und ihren Dienern verliehen. Vergeblicher Traum der Alchimisten. Schwärmer und Schwindler. Gelehrte. Erfinder. Laboratorien in England, in Amerika, auch in Rußland. Zertrümmerung. Einstein. Blick in Gottes Küche. Die Weisen von Göttingen. Das Atom photographiert: zehntausendmillionenfache Vergrößerung. Der Priester litt unter seiner Nüchternheit. Das Flüstern der betenden Mäuse rieselte wie Sand über ihn. Sand des Grabes, nicht Sand des Heiligen Grabes, Sand der Wüste, die Messe in der Wüste, die Predigt in der Wüste. Heilige-Maria-bitt-für-uns. Die Mäuse bekreuzten sich.

Philipp verließ das Hotel, in dem er die Nacht verbracht, aber kaum geschlafen hatte, das Hotel Zum Lamm, in einer Gasse der Altstadt. Er hatte wach auf der harten Matratze gelegen, dem Bett der Handlungsreisenden, der blumenlosen Wiese der Paarung. Philipp hatte sich der Verzweiflung hingegeben, einer Sünde. Das Schicksal hatte ihn in die Enge getrieben. Die Flügel der Erinnyen schlugen mit dem Wind und dem Regen gegen das Fenster. Das Hotel war ein Neubau; die Einrichtung war fabrikfrisch, gelacktes Holz, sauber, hygienisch, schäbig und sparsam. Ein Vorhang, zu kurz, zu schmal und zu dünn, um vor dem Lärm und dem Licht der Straße zu schützen, war mit dem Muster einer Bauhaustapete bedruckt. In regelmäßigen Abständen flammte der Schein eines Leuchtschildes, das Gäste für den gegenüberliegenden Ecartéklub anlocken sollte, ins Zimmer: ein Kleeblatt entfaltete sich über Philipp und entwischte. Unter dem Fenster schimpften Spieler, die ihr Geld verloren hatten. Betrunkene torkelten aus dem Bräuhaus. Sie pißten gegen die Häuser und sangen die-Infanterie-die-Infanterie, verabschiedete, geschlagene Eroberer. Auf den Stiegen des Hauses war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Das Hotel war ein Bienenstock des Teufels, und jedermann in dieser Hölle schien zur Schlaflosigkeit verdammt. Hinter den windigen Wänden wurde gejohlt, gerülpst und Dreck weggespült. Später war der Mond durch die Wolken gebrochen, die sanfte Luna, die Leichenstarre.

Der Wirt fragte ihn: "Bleiben Sie noch?" Er fragte es grob, und seine kalten Augen, todbitter im glatten ranzigen Fett befriedigter Freßlust, gesättigten Durstes, im Ehebett sauer gewordener Geilheit, blickten Philipp mißtrauisch an. Philipp war am Abend ohne Gepäck in das Hotel gekommen. Es hatte geregnet. Sein Schirm war naß gewesen, und außer dem Schirm hatte er nichts bei sich gehabt. Würde er noch bleiben? Er wußte es nicht. Er sagte: "Ja, ja." "Ich zahle für zwei Tage", sagte er. Die kalten, todbitteren Augen ließen ihn los. "Sie wohnen hier in der Fuchsstraße", sagte der Wirt. Er betrachtete Philipps Meldezettel. 'Was geht es ihn an', dachte Philipp, 'was geht es ihn an, wenn er sein Geld bekommt.' Er sagte: "Meine Wohnung wird geweißt." Es war eine lächerliche Ausrede. Jeder mußte merken, daß es eine Ausrede war. 'Er wird denken ich verstecke mich, er wird sich genau denken, was los ist, er wird denken, daß man mich sucht.'

Es regnete nicht mehr. Philipp trat aus der Bräuhausgasse auf den Böttcherplatz. Er zögerte vor dem Haupteingang des Bräuhauses, am Morgen einem geschlossenen Schlund, aus dem es nach Erbrochenem dunstete. Auf der anderen Seite des Platzes lag das Café Schön, der Klub der amerikanischen Negersoldaten. Die Vorhänge hinter den großen Spiegelfenstern waren zur Seite gezogen. Die Stühle standen auf den Tischen. Zwei Frauen spülten den Unrat der Nacht auf die Straße. Zwei alte Männer kehrten den Platz. Sie wirbelten Bierdeckel, Luftschlangen, Narrenkappen der Trinker, zerknüllte Zigarettenpackungen, geplatzte Gummiballons auf. Es war eine schmutzige Flut, die mit jedem Besenstoß der Männer Philipp näher rückte. Hauch und Staub der Nacht, der schale tote Abfall der Lust hüllten Philipp ein.Frau Behrend hatte es sich gemütlich gemacht. Ein Scheit prasselte im Ofen. Die Tochter der Hausbesorgerin brachte die Milch. Die Tochter war unausgeschlafen und hungrig. Sie war hungrig nach dem Leben, wie es ihr Filme zeigten, sie war eine verwunschene Prinzessin, zu niederem Dienst gezwungen. Sie erwartete den Messias, die Hupe des Erlöserprinzen, den Millionärssohn im Sportwagen, den Fracktänzer der Cocktail-Bar, das technische Genie, den vorausschauenden Konstrukteur, den Knock-out-Sieger über die Zurückgebliebenen, die Feinde des Fortschritts, Jung-Siegfried. Sie war schmalbrüstig, hatte rachitische Gelenke, eine Bauchnarbe und einen verkniffenen Mund. Sie fühlte sich ausgenutzt. Ihr verkniffener Mund flüsterte: "Die Milch, Frau Obermusikmeister."

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3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.3 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen   sehr gut)
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Bewertung von Maroline T. aus Jülich am 14.02.2013   ausgezeichnet
Der Roman Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen entstand bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Es schildert ca 18 Stunden in einer deutschen Großstadt der Nachkriegszeit. Es ist zu vermuten, dass München gemeint ist.
Die Handlung ist nicht leicht zu schildern, denn Koeppen arbeitet ziemlich verwirrend, da er immer nur kurze Momentaufnahmen darbietet. So führt er etwa 40 Figuren ein, die nahezu alle in irgendeiner Weise miteinander zu tun haben. Doch dies versteht der Leser erst, wenn er konzentriert ziemlich viele Seiten des Romans gelesen hat.
Die Handlung läuft immer wieder zu auf eine große Kreuzung mitten in der Großstadt. Dort treffen dann immer wieder einige Figuren aufeinander.
Es sind nahezu alles gebrochene Figuren, denen der 2. Weltkrieg zugesetzt hat.
Emilia hat ihr Vermögen verloren und ist zur Alkoholikerin geworden, Philip ist Schriftsteller, der unter einer Schreibblockade leidet und so kein Geld verdient, Washington ist Schwarzer Soldat und vom Rassismus bedroht, der auch nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland wütet. Carla ist seine Geliebte, die ein Kind von ihm erwartet und Angst vor der Zukunft mit diesem schwarzen Baby hat. Sie möchte es lieber abtreiben lassen. Als sie ihre Mutter um Rat bittet, schlägt ihr nur Hass und Rassismus entgegen. Wird ihr Kind in einer solchen Umgebung eine Chance haben?
Es gibt noch viele weitere Figuren, die wie ein Geflecht dargeboten werden. Das ist hochinteressant, weil Koeppen ganz nah an den Figuren dran bleibt, man sieht in sie hinein und erlebt ihren traurigen Alltag fast 1:1 mit.
Koeppen will damit den Menschen zeigen, dass der Krieg zwar vorbei ist, aber man ihn noch nicht verarbeitet hat. Wenn die Menschen nicht bereit sind, sich zu ändern, so ist ein 3. Krieg durchaus realistisch. Es gibt aber auch einen Lichtblick in diesem Roman. Hoffnung, die durchaus realistisch vom Autor geschildert wird.
Besonders gut gefallen hat mir der Roman, weil er nicht aus zeitlichem Abstand, sondern tatsächlich in den 50er Jahren geschrieben wurde und man ein realistisches Bild der damaligen Gesellschaft erhält, aber eben im Gewand der Literatur.

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Bewertung von laura.bothe1@web.de aus Hamm am 07.01.2012   ausgezeichnet
Mal wieder ein Buch für die Schule;-)

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Bewertung von AnnaLi aus Essen am 22.09.2010   gut
Ich habe das Buch im Rahmen einer Unterrichtsreihe im Fach Deutsch kaufen müssen. Ich muss sagen, dass ich es mir privat nie gekauft hätte, da ich schon die Zusammenfassung und auch das Titelbild wenig ansprechend finde. Obwohl ich das Buch auch nach dem Lesen nicht in hohe Kategorien einordnen würde, da die Thematik einfach nicht mein Ding ist, ist es sehr erwähnenswert, dass es eines der besten und spannensten Bücher ist, die ich während meiner Schullaufbahn gelesen habe.

Meine persönliche Auffassung von einem guten Buch außer Acht gelassen, ist der Roman "Tauben im Gras" durchaus ansprechend und spannend zu Lesen und Lesern, die an der Problematik interessiert sind, durchaus zu empfehlen.

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