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"Tauben im Gras", 1951 erstmals erschienen, ist der erste Roman jener "Trilogie des Scheiterns", mit der Wolfgang Koeppen eine erste kritische Bestandsaufnahme der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland gab. Mit Vehemenz und unerbittlicher Schärfe analysiert Koeppen die Rückstände jene Ideologien und Verhaltensweisen, die zu Faschismus und Krieg geführt haben und die schließlich in den fünfziger Jahren die Restauration der überkommenen Verhältnisse protegierten. Dabei ist das literarische Verfahren von "Tauben im Gras" ein kaleidoskopartiges: Der ganze Roman schildert Gestalten un…mehr

Produktbeschreibung

"Tauben im Gras", 1951 erstmals erschienen, ist der erste Roman jener "Trilogie des Scheiterns", mit der Wolfgang Koeppen eine erste kritische Bestandsaufnahme der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland gab. Mit Vehemenz und unerbittlicher Schärfe analysiert Koeppen die Rückstände jener Ideologien und Verhaltensweisen, die zu Faschismus und Krieg geführt haben und die schließlich in den fünfziger Jahren die Restauration der überkommenen Verhältnisse protegierten. Dabei ist das literarische Verfahren von "Tauben im Gras" ein kaleidoskopartiges: Der ganze Roman schildert Gestalten und Vorgänge eines einzigen Tages im München des Jahres 1949. Mit einer Fülle genauer atmospärischer Details zeichnet Koeppen den Nachkriegsalltag dieser Stadt, die sein Protagonist, der verhinderte Schriftsteller Philipp, wie ein Schlachtfeld erlebt, wie ein undurchdringliches "Pandämonium".
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.601
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 37101
  • 43. Aufl.
  • Seitenzahl: 228
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 227 S. 178 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 181mm x 111mm x 16mm
  • Gewicht: 145g
  • ISBN-13: 9783518371015
  • ISBN-10: 3518371010
  • Best.Nr.: 01697893

Autorenporträt

Wolfgang Koeppen, geb. am 23. Juni 1906 in Greifswald, starb am 15. März 1996 in München. Nach einem elfjährigen Aufenthalt in Ortelsburg (Ostpreußen) kehrte er 1919 nach Greifswald zurück. Aus finanziellen Gründen musste er vom Gymnasium auf die Mittelschule wechseln, von der er ohne Abschluss abging. Danach versuchte er sich in ganz unterschiedlichen Berufen: in einer Buchhandlung, im Stadttheater in Greifswald. Als Hilfskoch kam er nach Schweden und Finnland, in Würzburg arbeitete er als Dramaturg. 1927 ließ er sich in Berlin nieder, wo er 1931 zwei Jahre als fest angestellter Redakteur beim Berliner Börsen-Courier arbeitete. Er schrieb Reportagen, Feuilletons, auch erste literarische Arbeiten entstanden. 1934 erschien sein erster Roman. Im selben Jahr siedelte er in die Niederlande über. Er kehrte 1938 nach Deutschland zurück und arbeitete ab 1941 für die Bavaria-Filmgesellschaft in Feldafing am Starnberger See, 1945 siedelte er nach München über.
Wolfgang Koeppen

Rezensionen

Besprechung von 23.05.2009
DAS HÖRBUCH
Frei Flattern im Nichts
Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns” als Hörspiel
„Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer”, heißt es am Beginn des Romans „Tauben im Gras” aus dem Jahr 1951. „ Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.” Aufbruch und Neubeginn klingen anders. Da muss es dem vorwitzigen Spätgeborenen scheinen, als hätte Wolfgang Koeppen sich gründlich geirrt, als hätte er seine drei großen Nachkriegsromane Ängsten abgetrotzt, die von heute ausgesehen seltsam irreal wirken. Was er fürchtete, trat nicht ein. Zu einer Militarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft ist es so wenig gekommen wie zu einem neuen Krieg; das braune Gesindel bleibt ohne politische Kraft; dem Gedenken an die NS-Opfer wie einer durchgreifenden Zivilisierung des Alltags hat sich das Land seit Jahrzehnten erfolgreich verschrieben. Nun gut, mag man einwenden, die Gefahr sei dagewesen, als die junge Republik die alten Nazi-Eliten großzügig integrierte und zur Wiederbewaffnung schritt. Und wer wisse schon, wie es ohne die kritischen Stimmen ausgegangen sei.
Mit der einen wie mit der anderen Ansicht kann der Leser sich zurücklehnen, beruhigt im „Treibhaus” oder dem „Tod in Rom” blättern und sich freuen, dass wir es weit gebracht haben. Jubiläumsstimmung. Als Geburtstagsgeschenke lassen sich auch die drei Hörspiele nach Wolfgang Koeppens Romanen verstehen. Sie setzen zum Glück auf Formsinn statt auf Gesinnung Wer sich ihrem Sog hingibt, aufmerksam lauscht, der merkt rasch, dass er es nicht mit Tendenzliteratur zu tun hat. Von hier geht kein Appell zur Änderung der Welt aus. Die Frage lautet nicht „Wohin treibt die Bundesrepublik?”, sondern „Wie treibt sie?”. Das Gesellschaftskritische ist bei Koeppen ein künstlerisches Verfahren unter anderen. Es ging ihm um „das Gültige”, „die Essenz des Daseins, das Klima der Zeit, die Temperatur des Tages”.
Danach sucht er in jedem der drei zwischen 1951 und 1954 erschienenen Romane. Um es zu finden, entwirft er hochartifizielle Welten. Manches spricht dafür, München als Schauplatz von „Tauben im Gras” zu identifizieren. Aber Koeppen hatte seine Gründe, der Stadt keinen Namen zu geben. Allgemeines sollte gezeigt, aus Sprache ein Universum erschaffen werden, der Redestrom sollte Figuren erstehen lassen. Das ist für jede Hörspielfassung, die notwendig kürzen muss, ein Risiko. Leonhard Koppelmann und Wolfgang Adler haben es mit großem Geschick auf sich genommen, behutsam inszeniert und Schauspieler gefunden, die in der Lage sind, allein mit ihrer Stimme Gegenwärtigkeit zu erzeugen.
„Tauben im Gras” hat keine durchgehende Handlung, führt in kurzen Episoden, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, menschliche Verhaltensweisen vor. Die Hörfassung konzentriert sich ganz auf das Geschehen zwischen Besatzungssoldaten und Besetzten, auf die Geschäfte, die Liebeleien, den alltäglichen Rassismus, auf Missgunst, Mangel, Illusionen. Während derart zugespitzt, die Zahl der Figuren vermindert wurde, hat man – was wunderbar funktioniert – die Erzählerstimmen vervielfacht.
Die Flucht in den kurzen Prozess
Gerade in diesem Roman schreibt Koeppen ein sehr schönes, wortreiches, musikalisches Deutsch – und doch liegt über allem eine Atmosphäre des Unausgesprochenen, Verdrucksten, des Nicht-Zu-Wort-Kommens. Nicht nur der Schriftsteller Philipp leidet unter Ausdrucksnot. Den Figuren scheint selbst der Zugang zum eigenen Ich auf vielerlei Art verstellt. Zum diesem freudlosen, lieblosen Leben gehört Gewaltbereitschaft, die Flucht in den kurzen Prozess.
Ohne Ausweg ist auch das Schicksal des Bundestagsabgeordneten Keetenheuve im „Treibhaus” der kleinen Bundeshauptstadt. Hüten sollte man sich, die Geschichte als Schlüsselroman zu verstehen. Im Wechselspiel der Stimmen des Erzählers – Axel Milberg – und des Abgeordneten – Rüdiger Vogler – wird Ohnmacht zur Erfahrung. Satire und Kritik sind eher Teil des Problems als Wege zum Handeln und Wirken. Der gegen die Wiederbewaffnung streitende Abgeordnete – Dilettant in der Liebe, beim Baudelaire-Übersetzen wie in der Politik – ist kein Sympathieträger. Seine Melancholie wie seine Geilheit sind Teil der Adenauer-Zeit, nicht deren Widerpart. Gerade die Selbstmordszene am Schluss geizt nicht mit Kitsch und Kolportage. Koeppen will zeigen, nicht belehren. Er erzählt mit den Figuren.
Das ist im letzten der drei Romane anders. „Der Tod in Rom”, eine Wiederaufnahme Thomas Mannscher Motive, wirkt in vielem überzeichnet, überladen von Nazi-Trash und fahler Symbolik. Täter, Opfer und Kinder des Dritten Reiches treffen in Rom aufeinander. Dank der grandiosen Sprecher wirkt das Hörspiel überzeugender als der Roman. Thomas Thieme nimmt dem SS-Mann Judejahn das Satyrspielhafte, als fanatisch Getriebener wird der Mann plausibel. Dessen Sohn, Adolf, gewinnt durch Markus Meyer berührende Naivität. So triumphiert auch in der operettenhaften Geschichte ein Grundmotiv der drei ästhetisch waghalsigen Romane: Erlösungsbedürftigkeit. JENS BISKY
WOLFGANG KOEPPEN: Tauben im Gras. Das Treibhaus. Der Tod in Rom. Hörspielbearbeitung und Regie: Leonhard Koppelmann, Walter Adler. Sprecher: Ulrich Noethen, Axel Milberg, Thomas Thieme, Irm Hermann u.v.a. Der Hörverlag, München 2009. 6 CD, ca. 425 Minuten, 29,95 Euro.
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Verlorene Seelen

Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras”

Wie Tauben im Gras, heißt es in Wolfgang Koeppens Roman von 1951, betrachteten gewisse Zivilisationsgeister die Menschen, „indem sie sich bemühten, das Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen, den Menschen frei von Gott zu schildern, um ihn dann frei im Nichts flattern zu lassen, sinnlos, wertlos, frei . . .”. Ein Zitat im Zitat: Gesprochen im Amerika-Haus in München vom englisch-amerikanischen Nobelpreisträger, dem Dichter Edwin, in dem sich T.S. Eliot, einer der großen Literaten der Nachkriegszeit, erkennen lässt. Edwin-Eliot zitiert die Amerikanerin Gertrude Stein, die, viel weniger fromm als Eliot, das Taubensymbol für die menschliche Seele und ihre Verlorenheit in einer entgötterten Welt bemüht.

„Verlorene Seelen”, so könnte man den Romantitel in weltanschaulichen Klartext übersetzen. Er rückt damit in die Nähe von Diagnosen von menschlicher „Unbehaustheit” oder vom „Verlust der Mitte”. Doch Koeppen ist nicht Kulturkritiker, sondern ein großer, sehr trauriger und sehr komischer Erzähler. Er versetzt das Taubenbild in eine konkrete Situation: Mr. Edwin spricht krächzend durch eine streikende Mikrofonanlage in einer amerikanischen Kultureinrichtung, die in der einstigen NSDAP-Zentrale Münchens eingerichtet ist; unter den Zuhörern des Vortrages – ein gesellschaftliches Ereignis in der ruinierten Stadt – sammeln sich die Gestrandeten und Überlebenden der deutsche Katastrophe: der Hauptdarsteller eines kitschigen Erzherzogfilms, eine Gesellschaftsdame, die ihr Geld mit Kuppelei verdient, ein gescheiterter Schriftsteller, Schwarzhändler, Besatzungsoffiziere, Zeitungsleute, eine so bunte wie fadenscheinige Gesellschaft. Das Wirtschaftswunder hat noch nicht begonnen, die Schlagzeilen sprechen von neuen Weltkrisen in Korea und Persien, der nächste Krieg scheint bevorzustehen.

Herr Edwin wird später auf der Suche nach Abenteuern von den Münchner Strichjungen Kare, Schorschi und Sepp zusammengeschlagen und beraubt – was der Leser eher beiläufig erfährt. Dreißig Personen und über hundert Episoden hat man in diesem gut 200 Seiten langen Buch gezählt, das seine Schicksale in einen atemlosen, parataktisch reihenden Stil einschmilzt, der nicht Handlungen, sondern ihre Bewusstseinsspiegelungen zeigt. In einem einzigen langen Satz hatte Koeppen seinen Roman, der den Verlauf eines einziges Tages im Februar 1951 schildert, unterbringen wollen, und was entstanden ist, zeigt immer noch Züge dieses formalen Ehrgeizes.

Trotzdem ist dieses kühnste aller München-Bücher nicht schwerblütig und angestrengt, sondern sarkastisch, unterhaltend im Geiste von Amerikanern wie Faulkner und Dos Passos. Es zeigt das moderne Deutschland, als es noch klein und dreckig wie ein ausgebufftes Ruinenkind war, in der Blüte eines muffigen Rassismus, der sich nun nicht mehr gegen Juden, sondern gegen „Besatzungsneger” richtet. Man wird sich vielleicht sehr gern an die anrührende Liebesgeschichte zwischen einem schwarzen Offizier und einer deutschen Frau erinnern, die ein Kind von ihm erwartet. Sie wollen aus München fort, um in Paris ein Lokal zu gründen, „in dem niemand unerwünscht ist”. Dieser Traum war zwischen Hofbräuhaus und Heiliggeistplatz damals nicht möglich. GUSTAV SEIBT

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