Tagebücher 1953 - 1955 - Mann, Thomas
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"Thomas Manns Tagebücher haben unser Bild des Autors und unser Verständnis seines Werks nachhaltig verändert. Dieser "Roman eines Lebens" ist "der umfassendste, welthaltigste, rührendste, aberwitzigste Roman", den der Autor je geschrieben hat "und wie wunderbar geschrieben! Erhellend klar unerbittlich gegen andere und sich selbst." Volker Hage…mehr

Produktbeschreibung

"Thomas Manns Tagebücher haben unser Bild des Autors und unser Verständnis seines Werks nachhaltig verändert. Dieser "Roman eines Lebens" ist "der umfassendste, welthaltigste, rührendste, aberwitzigste Roman", den der Autor je geschrieben hat "und wie wunderbar geschrieben! Erhellend klar, unerbittlich gegen andere und sich selbst." Volker Hage"
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.16069
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 976
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. XXI, 976 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 116mm x 47mm
  • Gewicht: 570g
  • ISBN-13: 9783596160693
  • ISBN-10: 3596160693
  • Best.Nr.: 11790435

Autorenporträt

Thomas Mann, geb. 1875 in Lübeck, wohnte seit 1894 in München. 1933 verließ er Deutschland und lebte zuerst in der Schweiz am Zürichsee, dann in den Vereinigten Staaten, wo er 1938 eine Professur an der Universität in Princeton annahm. Später hatte er seinen Wohnsitz in Kalifornien, danach wieder in der Schweiz. Er starb in Zürich am 12. August 1955. Thomas Mann zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns umfangreiches und vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Für seinen ersten großen Roman Die Buddenbrooks erhielt er 1929 den Nobelpreis für Literatur.
Thomas Mann

Rezensionen

Besprechung von 05.12.1995
Wunderlicher Lebenstraum, bald ausgeträumt
Das verborgene Weltabschiedswerk: Zum letzten Band der Tagebücher Thomas Manns

Zufriedenheit nach bestandenen Abenteuern", notierte Thomas Mann im Sommer 1953 während der Heimkehr von einer Englandreise mit dem ganzen Wohlbehagen an sich selber und seiner Stellung in der Welt: "Seltsam festlich geräuschvolles Abschnurren des Lebensrestes." In der Tat sah er sich in diesen Monaten noch einmal überhäuft mit Auszeichnungen, Ovationen und Ruhm. In England hatte er, nach dem Ehrendoktor von Cambridge, den von Oxford erhalten, Frankreich verlieh ihm das Kreuz der Ehrenlegion und huldigte ihm mit einer Hommage seiner bedeutendsten Köpfe, er wurde von Pius XII. in Privataudienz empfangen, erlebte die erfolgreiche Verfilmung des Romans "Königliche Hoheit" und belustigte sich darüber, daß er bei der Premiere wie eine Fürstlichkeit gefeiert wurde und ebenso reagierte: Er war sichtlich auf dem Gipfel angelangt. Zwei Jahre später, an seinem achtzigsten Geburtstag, wird das von ihm beifällig vermerkte Wort umgehen, "daß selten oder nie ein Mensch so gefeiert worden sei".

Dazu war es nicht ohne sein Zutun gekommen. Sein Leben lang hatte er immer auch der "Großschriftsteller" sein wollen, als der er früh und nicht ohne herabsetzende Absicht ausgerufen worden war, und jene Rolle des Repräsentanten im Auge gehabt, die ihm die Umstände fast verdorben hatten. Am Ende hatte er sich gegen alle Widrigkeiten behauptet und auf manche Besucher dieser späten Jahre wirkte er nahezu wie das Denkmal seiner selbst, abweisend und rätselhaft wie die Standbilder der Größe immer.

Das Hochgeknöpfte, Steife, von Jugend an Honoratiorenhafte seines Wesens kam ihm dabei zugute, und es ist oft bemerkt worden, daß kein Schriftsteller den bürgerlichen Typus so wie er bis fast zur Karikatur dargestellt habe. Doch war das nur die Außenseite. Sein Werk verneinte, was er darstellte, und deckte Mal um Mal die Widersprüche und Unheimlichkeiten auf, die dicht unter den sorgsam gewahrten "Dehors" verborgen lagen. Noch der Begriff des "Zauberers", den die Familie für ihn erfunden hatte, bezog sich nicht nur auf den Erzähler von Geschichten, Figuren und sinnreich verwickelten Situationen, die sich am Ende kunstvoll in Glück oder Unglück auflösten. Vielmehr meinte er zugleich den Menschen, hinter dessen Förmlichkeit etwas nicht Geheures steckte und der mit Karten spielte, in die er niemanden blicken ließ.

Erst vor diesem Hintergrund wird offenbar, was alles Thomas Mann mit der Zustimmung zur späteren Publikation seiner Tagebücher aufs Spiel gesetzt hat: die ganze mit soviel Umsicht, Ausdauer und Geschick betriebene Inszenierung seines Lebensschauspiels. Denn sie enthüllen ohne eine Spur empfundener Anstößigkeit nicht nur das Private und Intime, erotische Anfechtungen, die Regungen des Undankes, der Herzlosigkeit und andere Schwächen, von denen keiner frei ist, sondern tun mit nachlässiger Gebärde und ohne jedes Pathos der Selbstentblößung auch alles an Glanz und Großartigkeit ab, was ihm so wichtig gewesen war.

Entgangen war ihm die Gefahr keineswegs, in die er damit das absichtsvoll verfertigte Bild brachte, zu dem die Welt überredet werden sollte. Jahre zuvor schon hatte er "über das Falsche, Schädliche und Kompromittierende des Tagebuch-Schreibens" nachgedacht und, als ihm einige frühere Hefte in die Hände fielen, geschrieben: "Grauen vor den alten Dingen." Man kann nur vermuten, warum er mit zunehmenden Jahren mehr und mehr darüber hinwegsah. Vielleicht war es Hochmut, vielleicht Greisenstoizismus, womöglich aber auch eine Not, die jeden Stilisierungswillen zerbrach.

Natürlich ist auch in diesem Band, wie in den voraufgegangenen schon, breit und manchmal umständlich, von den Beiläufigkeiten des Lebens die Rede: vom Wetter und den Spaziergängen, von den Maßschneidern, Friseuren, Besuchern und Dienstboten, auch von den Unpäßlichkeiten und Malaisen des Alters mit all den Tropfen, Salben und Injektionen, auf die er angewiesen war; auch von der "Haßverzehrtheit" der Tochter Erika und ihrer "Neigung zur Selbstzerstörung" oder den "kritischen Schändungen" seines Lebens durch literarische Widersacher. Zugleich aber fallen in die Kulissen dieser pedantisch geregelten und in nie ermüdender Selbstbeobachtung überwachten Welt immer dunklere Schatten ein. Der Autor verzeichnet sie nur. "Morgenschwärze" nach dem Aufstehen, heißt es in einer der ersten Eintragungen. Thomas Mann schreibt dergleichen einfallsweise und ohne hohen Kunstanspruch hin. Und doch hält kaum ein Werk der Weltliteratur auf ähnlich erschütternde Weise die Verzweiflung von Ende und Abgang fest, die Erkenntnis zerrinnender Kraft und der Vergeblichkeit allen Trostes. Vor Jahren hatte er, im Hochgefühl seiner erzählerischen Meisterschaft, nicht ohne Ironie bekannt, er wisse mit "Todesfällen" umzugehen: "Darin bin ich nun einmal stark." Der paradoxe Rang dieser letzten Aufzeichnungen hat damit zu tun, daß er es jetzt nicht mehr war.

Der tiefere, über alle bloßen Anwandlungen hinausreichende Grund seiner Verzweiflung ist unschwer auszumachen. Es war nicht der Tod, an den er gelassen und eher wie an ein Ereignis dachte, dessen rechten Zeitpunkt er unterdessen verpaßt hatte. Was ihn statt dessen unaufhörlich umtrieb, war das Empfinden nachlassender literarischer Energie, die "Arbeitsratlosigkeit . . . die mich beschämt und quält", die Flucht ins "Verbummelte" und in die leere Geschäftigkeit, die keinem Werk mehr diente: "Konfuses, verzetteltes, fruchtloses Dasein", heißt es einmal, und ein andermal: "Es fängt an, schmählich zu werden." Leben und Schreiben waren immer eines für ihn gewesen, und wenn dieses endete, verlor auch jenes sein Recht, kein äußerer Erfolg und kein Jubel halfen über das Grundgefühl einer "elenden Existenz" hinweg. "Schrecklich zu denken", schreibt er am 20. Juni 1953, "daß ich meine Produktionskraft überlebe, da bin und nichts mehr zustandebringe."

Das Werk, an dem er während dieser Aufzeichnungen die längste Zeit arbeitete, war der "Felix Krull". Aber kaum eine Erwähnung des Buches verzichtet auf den Hinweis tiefer Geringschätzung, die er für die vor Jahrzehnten abgebrochene, auf Drängen vor allem der Familie wiederaufgegriffene Jugendarbeit empfindet: "Angewidert und leidend", schreibt er einmal im Blick auf ein Tagespensum und spricht verächtlich von "diesem Quark". Zum Lebensplan, den er sich zurechtgelegt hatte, gehörte die Schicht um Schicht ins Größere und Menschheitliche geführte Steigerung der Gegenstände bis hin zu einem "Weltabschiedswerk", wie es Goethe mit dem "Faust" oder Richard Wagner mit dem "Parsifal" hinterlassen hatten. Der unselige "Krull" verdarb ihm dieses Vorhaben und warf ihn gleichsam aus der so inständig begehrten Nachfolge. In einer seiner Eintragungen hat er selber auf diesen Zusammenhang verwiesen: "So ist es, wenn man sich überlebt. Wagner schrieb mit annähernd 70 sein Schlußwerk, den Parsifal, und starb nicht lange danach. Ich habe ungefähr im selben Alter mein Werk letzter Konsequenz, den Faustus, Endwerk in jedem Sinn, geschrieben, lebte aber weiter. Der Erwählte, noch reizvoll, und die Betrogene sind bereits überhängende Nachträge, schon unnotwendig. Was ich jetzt führe, ist ein Nachleben, das vergebens nach produktiver Stütze ringt. Den Krull als einen Faust aufzufassen, den es zu beenden gilt, ist schwer möglich. Noch zu leben, ist fehlerhaft." Und selbst als der Roman, entgegen allen seinen Befürchtungen über dessen "entwürdigende Wirkung", ein überwältigender Erfolg wird, verwünscht er ihn als ein Werk, "vor dem ich keine Achtung habe".

Eine Zeitlang trug er sich mit dem Plan eines Luther-Buches, vielleicht auch einer Reihe von historischen Charakterszenen aus der Reformationszeit, die das erbitterte, auf Leben, Tod und Seelenheil gerichtete Gegeneinander der Epoche spiegeln und "humoristisch" aufheben sollte. Aber auch da stellten sich rasch Müdigkeit und Lähmung ein, die wie immer ausgedehnten Vorarbeiten schufen die Inspiration nicht, die er brauchte, vergeblich mühte er sich um "das Bild einer Composition und Gestaltung", und nicht einmal ein Titel zeigte sich, wie er bekümmert festhielt. Bewundernd gedachte er Fontanes und seiner "Leichtigkeit im Alter", während bei ihm alles stockte und ins Schwerflüssige geriet, er wisse nicht, wie er "noch zu neuer Arbeit finden" solle: "Mir ist so bange um den Rest meines Lebens."

Verstärkt wurden seine Bedrückungen durch die politischen Aufgeregtheiten der Zeit, in die er sich immer wieder verstrickt sah. Von den Hitler-Jahren hatte er rückblickend bemerkt, sie seien eine "moralisch gute Zeit" gewesen, weil nie strittig war, wofür oder wogegen man sich zu stellen habe. Jetzt kam die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse zurück, und wie einst versuchte er, den eindeutigen Parteinahmen auszuweichen, die seinem Wesen zutiefst fremd waren. Zwar hatte er sich in den Weimarer Jahren dazu genötigt, doch war er dabei nie das Gefühl der Selbstverleugnung losgeworden. Sein Soupçon richtete sich, wie seit den "Betrachtungen eines Unpolitischen" und trotz aller Erfahrungen der Emigration, immer wieder gegen "den Westen", es waren alte, kulturnationale Reflexe, die in ihm wieder wach wurden und sich auf dunkle Weise eine Art Heil aus dem Osten versprachen. Die Hysterien der McCarthy-Umtriebe lieferten seinem Affekt zusätzliche Begründungen, Amerika treibe unausweichlich dem Faschismus entgegen, schrieb er, und wolle nirgendwo den Frieden. Seine gereizte Verachtung galt dem "Adenauer-Deutschland", das sich so vorbehaltlos den Vereinigten Staaten ergeben und mit der Bundestagswahl von 1953 "aus Führerkult und Wille zum Wohlleben den dritten Weltkrieg gewählt" habe. Mitunter scheint es, als entsetze ihn die "Korruption und Heuchelei" des Westens mehr als das "blutige Schema" der Herrschaftspraxis im Osten, gegen das er sich keineswegs blind machte.

Insoweit sind diese Aufzeichnungen auch eine Sammlung vielfach horrender politischer Fehlurteile, die bis hin zur Gruppe 47 reichen, in der er nicht viel anderes als ein Produkt der "amerikanischen Lieblingskolonie ,Westdeutschland'" zu sehen vermochte, ein "freches und unmoralisches Wohlsein nach Schandtaten", urteilte er. Wie stets mischten sich in seinen Äußerungen zur Politik nie aufgegebene Ressentiments mit Entscheidungsunlust sowie mit überaus persönlichen Motiven. Zwar durchschaute er die "Verlogenheit", mit der Ost-Berlin ihn umwarb, aber tiefer verstimmte ihn, daß das offizielle Westdeutschland zu seinem neunundsiebzigsten Geburtstag stumm blieb. Als er den hochdotierten Stalin-Friedenspreis aus Sorge vor unliebsamer politischer Inanspruchnahme ablehnt, klagt er, worauf alles er schon, der "freien Welt" zuliebe, verzichtet habe, und rechnet aus, daß die Summe inzwischen rund 300000 Schweizer Franken betrage. Am Ende rettet er sich in eine enthoben-verachtungsvolle Hypochondrie, er lebe nun einmal in einer "Zeit des Schreckens", vermerkt er, "die Zukunft gehört überall dem Totalitarismus"; und an anderer Stelle: "Ekelhafte Welt". Die Ergriffenheit, mit der er sich noch lange der Audienz bei Pius XII. erinnerte, hatte sichtlich auch mit der Faszination durch eine Autorität zu tun, die, anders und größer als er, unerreichbar für allen Epochenstreit war. "Kniete nicht vor einem Menschen und Politiker", heißt es da, "sondern vor einem weißen geistlich milden Idol, das zwei abendländische Jahrtausende vergegenwärtigt . . . Leidend und ungläubig erhoben. Elend, Begnadung."

Darüber hinaus hatte die innere Bewegung, in die ihn die Begegnung versetzte, auch mit seinem lebenslang bewundernden Verhältnis zu allem historisch oder lebensgeschichtlich Überragenden zu tun, und als er etwas später in der Zeitung auf einen Artikel über Michelangelo und Beethoven stößt, vermerkt er: "Es spricht für mich, glaube ich, daß ich mich mit der Größe so gern beschäftige." Am offensichtlichsten hat das essayistische Werk Thomas Manns, schon in der Wahl der Gegenstände, seiner Empfänglichkeit für das Herausragende Ausdruck gegeben: Immer wieder sind es Porträts oder zum Porträt drängende Themen, die sein Interesse anziehen. Aber auch die bedeutenden Romane sind ohne verehrende, seien es thematische oder kompositorische, Anknüpfungen nach hierhin oder dorthin nicht zureichend zu verstehen, und womöglich ist sein Gesamtwerk mehr der Bewunderung für meisterliche Vorbilder als dem eigenen, elementaren Ausdrucksverlangen abgewonnen.

Ihm selber blieb dieser Gedanke, der unvermeidlicherweise die Frage seines eigenen Ranges aufwarf, keineswegs verborgen. In die Antwort, die er darauf gab, ist sicherlich etwas von dem Altersgram eingegangen, der ihn um diese Zeit erfüllte. Aber mehr wohl noch von der Kälte des Blicks, die ihm in der Darstellung seiner Romanfiguren so oft vorgeworfen und als Ausdruck misanthropischer Kunstbosheit gedeutet worden war. Jetzt richtete er diesen Blick gegen sich selber und sein Werk, und seine Wahrnehmung war nicht weniger mitleidlos, wie überhaupt zu sagen ist, daß sich kaum je ein selbstgerührter, larmoyanter Ton in diesen Aufzeichnungen findet.

Einmal notiert er sich ein paar Sätze aus einem Schreiben an die Literaturhistorikerin Anni Carlsson, die ihm ein Manuskript über Richard Wagner geschickt hatte, und mißt bezeichnenderweise das eigene Zustandebringen an dem des Komponisten: "Wagner, der ,sieche' Gralshüter", hält er fest, "der ,Zerbrechende', der alte Sünder, war . . . einer der größten Vollbringer der Welt, ein Werk-Mensch, Werk-Held sondergleichen - und ach, wie liebe und bewundere ich das Vollbringertum, das Werk - jetzt zumal, im Alter, wo es damit für mich aus ist. Ich kann von Glück sagen, daß ich doch mit 25, mit 50, mit 60 und 70 Jahren, mit ,Buddenbrooks', ,Zauberberg', ,Joseph' und ,Faustus' etwas wie einen kleinen Vollbringer abgeben konnte." Dann folgt das kühle, apodiktische Eingeständnis, das im Rückblick auf die eigenen Hervorbringungen nun zusehends häufiger auftaucht: "Wahrhaftig, ich war nicht groß. Aber eine gewisse kindliche Intimität meines Verhaltens zur Größe brachte in mein Werk ein Lächeln der Allusion auf sie, das Wissende, Gütige, Amüsable heute und später erfreuen mag." Und in einem weiteren, im Anhang abgedruckten Brief aus dieser Zeit verwahrt er sich bei einem jungen Verehrer gegen den Vergleich mit Tolstoi und fügt hinzu, sein Werk habe "etwas auf Größe heiter, ja listig Anspielendes . . ., - das aber niemanden verführen sollte (mich verführt es schon garnicht), dies Werk selbst

Fortsetzung auf der folgenden Seite

für ,groß' zu halten. Bestenfalls ist es ein Abglanz, ein Widerschein." Schon mehr als ein Jahr früher hatte er im Tagebuch beim Wiederlesen der "Brüder Karamasoff" deren "wilde Größe" gerühmt, die ihn "die kultivierte Mittelmäßigkeit" der eigenen literarischen Bemühung empfinden lasse.

Die Zweifel verließen ihn nun, trotz aller Ehrungen, die weiterhin auf ihn herabgingen, nicht mehr: "Ängstigendes Gefühl einer solennen Auflösung meines Lebens", schreibt er. Am Ende blieb kaum mehr als der Stolz, so viele Jahre lang, trotz Emigration, ewigen Wohnungswechseln, familiären Sorgen und den ungezählten gesundheitlichen Plagen, stets bei seinem Werk geblieben zu sein und durchgehalten zu haben. Verschiedentlich klingt der Trost an, daß dies die für ihn erreichbare Form der Größe gewesen sei. Jedenfalls fand er einige Genugtuung bei dem Gedanken, jenes bürgerliche Ethos von Arbeit, Ausdauer und Zu-Ende-Bringen bewahrt zu haben, das er an seinen bürgerlichen Kunst-Helden von Goethe bis Richard Wagner so gerühmt und als verwandtes Erbteil erkannt hatte. Nicht ohne Grund taucht in diesem Journal mehrfach die wehmütige Erinnerung an den Vater auf, der nicht mehr erleben konnte, daß aus seinem in die Literatur entlaufenen Sohn doch noch "etwas Anständiges" geworden sei. Erst vor dieser Überlegung wird das Ausmaß des Unglücks begreiflich, in das ihn seine Schaffensunlust versetzte: sie drohte, ihm zu nehmen, was er sich noch, trotz aller Selbstzweifel, zugute hielt. "Die Sorge um meine Arbeitszukunft bedrückend bis zum Elend", heißt es in einer der letzten Eintragungen, wenige Wochen vor seinem Tod.

Noch einmal tauchte damit Lübeck wieder auf, die Erinnerung an die Jahre, die Freunde und die Schauplätze seiner Jugend. Im Sommer 1953 war er zum ersten Mal in die Vaterstadt zurückgekehrt und, zwischen "Huldigungen und Versicherungen der Dankbarkeit" von allen Seiten, mehrfach durch die vertrauten Straßen gefahren; er hatte das "Buddenbrookhaus" besucht, Travemünde und den Schulhof des Katharineums, alles im "Gefühl letzten Wiedersehens" und erfüllt von dem Bewußtsein, daß kaum einer noch da war, zu dem das "Weißt du noch?" zu sagen wäre, und schließlich waren aus der Bilderflut die Gesichter der Freunde aufgetaucht, Armin Martens und Willi Timpe, deren er bewegt gedachte: "Ewige Knabenliebe", schrieb er. Zwei Jahre später, aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstags, war ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt angetragen worden. Und obwohl Erika aufgebracht widersprach, hatte er sich zu der beschwerlichen Reise entschlossen und von "biographischer Rundung" gesprochen, dem "Gedanken an ,Papa'" und dem Recht des Alters zu "sentimentalen Regungen": Er wollte zum Frieden kommen, womöglich auch die Märchen-Erfahrung wiederholen, von der er im Alter gern gesprochen hat: die Umkehrung einstigen Außenseitertums und des Überworfenseins mit der Welt in Jubel und öffentliche Devotion. "Wunderlicher Lebenstraum", notierte er einmal und setzte hinzu, daß er "bald ausgeträumt sein" werde.

Aus der Arbeitsverlegenheit der letzten Monate hatte er sich durch den Entschluß gerettet, die Festrede zum hundertfünfzigsten Todestag Schillers zu halten. Er las Carlyle, Nohl und, zu den historischen Arbeiten des Dichters, Ranke, holte noch einmal die Werke selber hervor, er erwähnt unter anderem "Die Räuber", den "Wallenstein", die Gedichte und "mit Rührung die ,Jungfrau von Orleans'. . . von Jugenderinnerungen bewegt". Schon die bloße Arbeit des Exzerpierens versetzte ihn in jene schöpferische Laune, die er so schmerzlich vermißt hatte. Die im Dokumententeil des Bandes abgedruckten "Notizen zu Schillers Sprache" lassen in ihrer gedrängten Diktion etwas von dem produktiven Glück ahnen, das mit dem Gegenstand und der Aufgabe endlich zurückkam. "Erlebnis erster Sprachbegeisterung durch ihn", schreibt er, spricht von Schillers "oft verzwickter Gescheitheit der Redeweise", dem "rhetorisch schmetternden . . . Intellektualismus" seines dramatischen Ausdrucks, der "moralistischen Tirade", die bei dem Dichter dazugehöre, seinem "virtuosen Realismus" und wie er allzeit "in der Sache, im Werk, im Menschheits- und Kulturgedanken rein aufging". Etwas von Schillers schönem Fieber erfaßte während der Arbeit auch ihn, zum letzten Mal erschütterte und inspirierte ihn fremde Größe zum "Eigenen".

Doch was er schließlich zustande brachte, war ein Essay, der sich unterderhand ins Breite und Weitschweifige verlaufen hatte und trotz allen sprachlichen und gedanklichen Glanzes mehr eine Zusammenstellung beflügelter Einfälle war als ein komponiertes Werkstück. Erst durch langwierige Bearbeitung, vor allem mit Hilfe Erikas, formte er daraus den Text der Rede, die er im Mai 1955 in Stuttgart und Weimar vortrug. Doch er selber ließ sich weder vom Beifall, den er wie immer hervorrief, noch von den Beteuerungen der Umgebung in seinem kritischen Urteil beirren. Jedenfalls nannte er die Arbeit "armselig", auch "unneu und hausbacken", und gewann nun wohl endgültig die Gewißheit, daß es mit seiner schöpferischen Energie zu Ende sei. Als während der Schlußredaktion innerhalb weniger Tage der Tod dreier Menschen gemeldet wurde, denen er freundschaftlich verbunden gewesen war, registrierte er knapp: "Einer nach dem anderen. Und wann ich?" Überblickt man die Jahre mit ihren Beängstigungen, ihrer Leere und der als Demütigung empfundenen Arbeitsschwäche, blieb als Trost einzig die Musik. Wann immer die Umstände es erlaubten, beschloß er die Tage mit dem Grammophon und fand so etwas wie Glück oder Erleichterung in dem Gefühl, daß der alte Zauber noch seine Wirkung tat, die Bestrickungen und Schauer sich wieder einstellten, die vor allem von der Musik Richard Wagners kamen, seine Sehnsucht danach war nie ermüdet. Wie eh und je überließ er sich der "herrlichen Dreiklang-Welt" des "Rings", folgte begeistert, wie es einmal heißt, gerührt und "mit großer Liebe" dem "Parsifal", auch Beethoven und Mahler werden genannt und zusehends häufiger das Liederwerk von Schubert, Schumann und den Spätromantikern bis Hugo Wolf: auch dies eine Art Rückkehr ins Gewesene oder doch der Versuch, sich die "Stunden tiefen einsamen Glücks" und der Einblicke "in rührende und große Bedeutsamkeiten" zu vergegenwärtigen, von denen er geschrieben hatte. Einmal hörte er mehrfach innerhalb weniger Tage das Todeslied aus den "Vier ernsten Gesängen" von Johannes Brahms mit der Schlußzeile "O Tod, wie wohl tust du!", ein andermal spielte er Schuberts "Musensohn" von einer beim Umzug aus Kalifornien zerbrochenen Platte, "unersetzlich", klagte er. Doch wichtiger war ihm die Erinnerung, die wie so vieles auch dies wiederherstellte.

Lichtpunkte aus zurückliegenden Jahren. Ende Juni flog er nach Amsterdam und über Den Haag nach Noordwijk, wo er den Sommer 1939 verbracht hatte. "Fühle mich hier so wohl, wie ich es noch vermag", schrieb er ins Tagebuch. Doch zehn Tage später fühlte er, wie ihm das Gehen schwer wurde, der hinzugezogene Arzt stellte eine Thrombose fest, die freilich dem Kranken verheimlicht wurde, und stimmte schließlich zu, ihn in ein Züricher Hospital zu transportieren. Unvermittelt werden die Eintragungen seltener und brechen schließlich für eine Woche ab. Am 29. Juli verfaßt er die letzte Notiz. Sie berichtet von der Krankheit, auch von "erstaunlichen Fortschritten", zugleich aber von "oft großer Niedergeschlagenheit" sowie von einem Gespräch mit dem Arzt über Hannos Tod, und glücklich vermerkt er dessen Äußerung, daß seine Darstellung "eine sehr gute medizinische Einsicht" verrate. Die Schlußsätze lauten: "Das Wetter kühl und regnerisch. - Füttern der Spatzen . . . Lese Einsteins ,Mozart'. - Lasse mir's im Unklaren, wie lange dies Dasein währen wird. Langsam wird es sich lichten. Soll heute etwas im Stuhl sitzen. - Verdauungssorgen und Plagen."

Das Urteil über die jetzt abgeschlossenen vorliegenden Tagebücher wäre unfertig ohne den Hinweis auf die beispielhafte, von allen Rezensenten auch der voraufgegangenen Bände zu Recht gerühmten Editionsarbeit von Inge Jens, die seit 1982 beim Tod Peter de Mendelssohns die Herausgabe des Journals übernahm. Ihre Sorgfalt und unermüdliche Spurensuche verhelfen nicht nur dem Leser zum Verständnis der verkürzten, oft schwer entschlüsselbaren Eintragungen, sondern ordnen und weiten das Notizen-Durcheinander erst zum Werk. Mit Ausnahme der frühen Aufzeichnungen von 1918 bis 1921, die aus nie geklärten Gründen die verschiedenen Vernichtungsaktionen überstanden, umfassen die Tagebücher die Zeit vom 15. März 1933 bis zum 29. Juli 1955, zehn Bände insgesamt mit weit über fünftausend Seiten. Sie verändern zwar das Bild des Dichters und seines Werkes nicht wesentlich, fügen ihm aber doch eine Fülle von Einzelheiten und Widersprüchen hinzu, so daß hinter der Figur und ihrem "nie aufgegebenen Rest von Rolle", glaubwürdig wie nirgends sonst, der Mensch sichtbar wird.

In einem Brief an seine amerikanische Gönnerin Agnes Meyer, der im Apparat des Bandes wiedergegeben ist, hat Thomas Mann seine Vorliebe für Hans-Christian Andersens Erzählung vom "Standhaften Zinnsoldaten" bekannt und hinzugefügt: "Er ist im Grunde das Symbol meines Lebens." Aber dergleichen war stets nur für die Welt gesagt. Was hinter aller Standhaftigkeit und den steifen Posen des Märchensoldaten stand, hat er in diesen Tagebüchern aufgedeckt. Die Überlegung, was alles er mit der Zustimmung zu ihrer Veröffentlichung aufs Spiel gesetzt habe, ist nicht vollständig ohne den Anschlußgedanken, was alles er damit gewann. Nicht nur das womöglich menschlichste und ergreifendste Buch, das er hinterließ, sondern tatsächlich jenes "Weltabschiedswerk", um das er sich schon betrogen geglaubt hatte und dessen Entstehung ihm bis zuletzt verborgen geblieben war.

Thomas Mann: "Tagebücher 1953-1955". Herausgegeben von Inge Jens. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. 977 Seiten, geb., 128,- DM.

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