Erinnerungsorte Frankreichs - Nora, Pierre (Hrsg.)

Pierre Nora (Hrsg.) 

Erinnerungsorte Frankreichs

Mit e. Vorw. v. Etienne Francois

Hrsg. v. Pierre Nora
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Erinnerungsorte Frankreichs

'Das Gedächtnis klammert sich an Orte wie die Geschichte an Ereignisse.' Nach dem großen Erfolg der Deutschen Erinnerungsorte erscheint nun erstmals in deutscher Sprache eine Auswahl aus dem umfangreichen Werk, das als Grundlage und Vorbild all dieser Versuche einer neuen Gedächtnistopographie gelten kann: Les lieux de mémoire. In insgesamt sechzehn Essays beschreiben die Autoren ausgewählte zentrale Erinnerungsorte Frankreichs: der Nation, der Republik und des Landes mit seinen vielfältigen Facetten. Der Bogen spannt sich vom königlichen Hof, Jeanne d'Arc und den Errungenschaften der Französischen Revolution über Verdun und Vichy bis hin zu Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' und der Tour de France. Dabei geht es nicht um Ereignisgeschichte, sondern um eine Symbolgeschichte, die nach dem Fortleben dieser 'Orte' im kollektiven Gedächtnis (nicht nur) der Franzosen fragt.

Glänzend geschrieben, bieten diese Beiträge ein lebendiges Panorama der Erinnerungslandschaft unserer Nachbarn und zeigen, daß diese bemerkenswerte Form der Geschichtsschreibung stets über nationale Grenzen hinausblickt.


Produktinformation

  • Verlag: Beck
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 667 S. m. 38 Abb.
  • Seitenzahl: 667
  • Deutsch
  • Abmessung: 243mm x 172mm x 42mm
  • Gewicht: 1180g
  • ISBN-13: 9783406522079
  • ISBN-10: 3406522076
  • Best.Nr.: 14457082
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 13.02.2006

Die Entdeckung der Geschichten

Es war zuerst Gerücht, dann Ahnung und schließlich Gewißheit: In Frankreich war ein Band erschienen wie ein Hoffnungsstreif für alle, die die Fenster einer größtenteils stickig gewordenen deutschen Geschichtswissenschaft aufstoßen mußten, um atmen zu können, um nicht zu verzweifeln am bohrenden Gefühl des Ungenügens und an der noch tastenden Suche nach einer Art Geschichtsschreibung, die anderes hervorbrächte als Gliederpuppen. Es gab in der avancierten Germanistik Deutschlands und im Großunternehmen der "Geschichtlichen Grundbegriffe" in den achtziger Jahren faszinierende Beispiele für eine Zusammenschau von Kultur-, Mentalitäts-, Sozial- und Politikgeschichte, die in ihrer Kombination je ein ganz neues Gesicht erhielten. Und nun kam dieses französische Gerücht.

Kaum in Frankreich, kaufte man den Band. Dreihundert Franc kostete er, hundert Mark. Das war viel. Es stellte sich aber bald heraus, daß der Band weit mehr wert war, als er kostete. Er trug den heute geläufigen Obertitel "Lieux de mémoire", und der erste Teil dieses mehrbändigen Unternehmens hieß "La République". Er handelte von den "Drei …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Sieben Bände habe die zwischen 1984 und 1992 erschienene Originalausgabe umfasst, erläutert Rezensent Joseph Hanimann, von der die vorliegende Auswahl einen "überzeugenden Querschnitt" biete. Ursprünglich sei das französische Standardwerk als rein beschreibende Geschichtsschreibung konzipiert gewesen, referiert der Rezensent die Herausgeberin, doch sei man vom Objekt der Darstellung, der Gedenkkultur, "eingeholt" worden. Die deutsche Auswahl und Umstellung zu den Themenfeldern "Republik" und "Nation" mit Beiträgen zur "Marseillaise" oder zum "Eiffelturm" ergibt aus Sicht des Rezensenten ein "raueres" Profil der Republik als im französischen Original. Dort werde noch einer breiten Geschichte der "Anti-Republik" gedacht, von der hier nur noch Vichy übrig bleibe. Sieben von fünfzehn Beiträgen, so der Rezensent, beschäftigten sich mit dem Thema "Les France", das auch in der französischen Ausgabe am umfangreichsten ausfalle. Hanimann hebt insbesondere Alain Corbins "schöne Gegenüberstellung 'Paris - Provinz'" und Pierre Noras Doppelstudie "Gaullisten und Kommunisten" hervor. Und Maurice Agulhon zeichne in seinem Beitrag "Paris" die einzigartige symbolische Topografie der französischen Hauptstadt nach. Für "Frankreichliebhaber", schließt der Rezensent, liege hier allemal ein "wunderbares Lesebuch" bereit.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 15.11.2005

Frankreich im Plural
Jetzt in deutscher Auswahl: Querfeldein durch Pierre Noras „Erinnerungsorte”
Warum erst jetzt? Der Verwunderung mancher über diese kaum mehr erwartete Übersetzung antwortet die verwunderte Frage anderer: Warum überhaupt? Damit ist das Außerordentliche dieses Werks angedeutet. Es hat weit über Frankreich hinaus unser Geschichtsbild der letzten zwanzig Jahre mitgeprägt. Begonnen zu einem Zeitpunkt, wo die akademische Datengeschichtsschreibung endgültig von der diachronischen Weitwinkelforschung der „Annales”-Schule überholt, wo die progressistisch motivierte Historiografie erschöpft und die postmoderne Perspektivenkombinatorik in Mode war, haben Pierre Noras „Lieux de mémoire” in ihrer langen Entstehungszeit eine entscheidende Wende zugleich gespiegelt und mitgetragen.
Es war die Wende von der Geschichtsbetrachtung zur Gedenkkultur, von der „Tour de France”, welche die Waisenkinder André und Julien im phänomenalen Bestseller von 1877 durch die noch junge Dritte Republik zu Fuß unternahmen, zur modernen Tour de France auf dem Rad. Eine Wende vom nationalstaatlich zelebrierten Kollektivgedächtnis zur …

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Pierre Nora ist Professor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris und Programmdirektor des französischen Verlags Gallimard. Er ist Mitglied der Académie francaise.

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