Leseprobe zu "Schau heimwärts, Engel, 2 MP3-CDs" von Thomas Wolfe
... ein Stein, ein Blatt, eine nie gefundene Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergessenen Gesichtern.
Nackt und allein gingen wir ins Exil. In ihrem dunklen Schoß kannten wir das Gesicht unserer Mutter nicht, und aus dem Gefängnis ihres Fleisches hatten wir in das unaussprechliche und unsagbare Gefängnis dieser Erde zu gehen.
Wer von uns kennt seinen Bruder? Wer von uns hat seinem Vater ins Herz geblickt? Wer von uns blieb nicht auf ewig gefangen? Wer von uns bleibt nicht für immer ein Fremder und allein?
Vergeudet und verloren, in heißem Irrlichtern, verloren, unter glänzenden Sternen auf dieser so matten, glanzlosen Asche, verloren! Uns sprachlos erinnernd suchen wir die große, vergessene Sprache, den verlorenen Himmelspfad, einen Stein, ein Blatt, eine nie gefundene Tür. Wo? Wann? O verloren und vom Winde betrauert, Geist, kehr wieder zurück.
Ein Schicksal, das Engländer unter Deutsche führt, ist seltsam genug; doch wenn es von Epsom nach Pennsylvania führt und in den Hügelkranz um Altamont, wo der Hahn stolz im Korallenrot kräht und ein Marmorengel milde lächelt, webt eine dunkle Fügung mit, die in der öden Welt neue Wunder wirkt.
Die Summe dessen, was wir sind, hat keiner von uns je ermessen; man versetze uns zurück in Blöße und Nacht und wird vor viertausend Jahren auf Kreta die Liebe keimen sehen, die gestern in Texas ihr Ende fand.
Die Saat unseres Untergangs wird in der Wüste aufgehen, das Gegengift wächst aus dem Gebirgsfelsen, und durch unser Leben spukt eine Schlampe aus Georgia, weil in London ein Taschendieb dem Galgen entging. Jeder Moment ist die Frucht von vierzigtausend Jahren. Die minutengesättigten Tage summen wie Fliegen heimwärts in den Tod, und jeder Moment ist wie ein Ausblick auf alle Zeiten.
So auch dieser: Ein Engländer namens Gilbert Gaunt, der sich später Gant nannte (wohl aus Rücksicht auf die Aussprache durch die Yankees), kam 1837 auf einem Segelschiff von Bristol nach Baltimore und ließ den Ertrag des Wirtshauses, das er erworben hatte, bald seine sorglose Kehle hinunterrinnen. Er zog weiter westwärts nach Pennsylvania, hielt sich leidlich damit über Wasser, dass er Kampfhähne gegen Bauernhofgockel antreten ließ, und musste oft genug seinen Champion tot auf dem Platz zurücklassen und sich nach einer Nacht Arrest ohne klingende Münze in der Hosentasche, dafür zuweilen mit dem Abdruck einer tüchtigen Farmerfaust im dreisten Gesicht, aus dem Staub machen. Aber irgendwie kam er immer davon, und als er schließlich zur Erntezeit bei den Deutschen landete, war er von der Üppigkeit ihres Landes dermaßen angetan, dass er hier vor Anker ging. Binnen eines Jahres heiratete er eine herbe junge Witwe mit einer schmucken Farm, die wie all ihre Landsleute von seinem weltläufigen Auftreten und seiner grandiosen Beredsamkeit beeindruckt war, besonders wenn er nach Art des großen Edmund Kean den Hamlet gab. Sie fanden alle, er hätte Schauspieler werden sollen.
Der Engländer zeugte Kinder - eine Tochter und vier Söhne -, lebte sorglos und unbeschwert dahin und ertrug die scharfen, aber aufrichtigen Bemerkungen seiner Frau geduldig. So vergingen die Jahre, der klare, ein wenig stechende Blick trübte sich hinter eingesunkenen Lidern, die Gicht lähmte den Schritt des hochgewachsenen Engländers, und eines Morgens, als seine Frau ihn aus dem Schlaf nörgeln wollte, fand sie ihn tot - von einem Schlaganfall dahingerafft. Er hinterließ fünf Kinder, eine Hypothek und in seinen seltsam dunklen, nun wieder stechend klaren und weit aufgerissenen Augen etwas, was nicht gestorben war: ein unbändiges und unergründliches Fernweh.
Mit diesem Vermächtnis lassen wir den Mann aus England ruhen und wenden uns nun dem Erben zu, dem er es weitergab, seinem zweiten Sohn, einem Jungen namens Oliver. Wie dieser Junge vor der Farm seiner Mutter am Wegrand stand und die mit Staub bedeckten Rebellen auf ihrem Marsch nach Gettysburg an sich vorbeiziehen sah; wie seine kalten Augen sich verschatteten, als er den großen Namen "Virginia" hörte; wie er in jenem Jahr, als der Krieg zu Ende war und er gerade einmal fünfzehn, eine Straße in Baltimore entlanglief und in einer kleinen Werkstatt glattpolierte Grabmale aus Granit erblickte, aus Stein gehauene Lämmer und Cherubim und einen Engel auf entkräfteten, kalten Füßen, mit einem Lächeln milder Statueneinfalt - das ist eine längere Geschichte. Immerhin weiß ich, dass die kalten, ausdruckslosen Augen sich wegen jenes unbändigen, unergründlichen Fernwehs verschattet hatten, das in den Augen des Toten noch lebendig war und ihn von Fenchurch Street über Philadelphia hinausgeführt hatte. Als der Junge den großen Engel mit dem Lilienstängel aus Stein erblickte, überkam ihn fröstelnd eine namenlose Leidenschaft. Die langen Finger seiner großen Hände krallten sich zusammen. Er spürte, dass es ihn mehr als nach allem anderen in der Welt danach verlangte, mit Bedacht den Meißel zu führen. Er wollte das Dunkle und Unaussprechliche, das er in sich hatte, dem kalten Stein aufprägen. Er wollte einen Engelskopf meißeln.
Oliver betrat die Werkstatt und fragte einen großen, bärtigen Mann mit Holzhammer um Arbeit. Der Steinmetz nahm ihn in die Lehre. Er arbeitete fünf Jahre lang in dem staubigen Hinterhof. Er wurde ein Steinmetz. Als er ausgelernt hatte, war er zum Mann geworden.Er kam nie dahinter. Er lernte nie, wie man einen Engelskopf meißelt. Die Taube schon, das Lamm, die gefalteten glatten Marmorhände des Todes und Lettern, schön und fein - aber nicht den Engel. Und all die vergeudeten und verlorenen Jahre - die wilden Jahre in Baltimore voller Arbeit und heilloser Trunkenheit, dazu die Bühnendarbietungen von Booth und Salvini, die für den Steinmetzen fatale Folgen hatten, da er das ganze noble Wortgeklingel im Gedächtnis behielt und vor sich hin murmelte, wenn er durch die Straßen lief und dazu theatralisch mit riesigen Händen gestikulierte -, all dies ist ein blindes Tasten und Taumeln in unserem Exil, das Bild unseres Sehnens, wenn wir in sprachlosem Rückerinnern die große vergessene Sprache suchen, den verlorenen Himmelspfad, einen Stein, ein Blatt, eine Tür. Wo? Wann?