Leseprobe zu "Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei"
Nehmen Sie einfach mal für einen Augenblick an, alles, was Sie über das Erreichen von Glück zu wissen glauben, wäre irreführend oder falsch. Und nehmen Sie an, es wären eben diese Überzeugungen, die Sie unglücklich machen. Was wäre, wenn gerade die Anstrengungen, die Sie unternehmen, um das Glück zu finden, Sie von dessen Verwirklichung abhielten? Und was wäre, wenn sich zeigte, dass alle Menschen, die Sie kennen, mit Ihnen im selben Boot sitzen - einschließlich aller Psychologen, Psychiater und Selbsthilfe-Gurus, die so tun, als besäßen sie alle Antworten?
Ich stelle diese Fragen nicht bloß, um Ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Dieses Buch basiert auf einem wachsenden Fundus wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, die nahelegen, dass wir alle in einer mächtigen psychologischen Falle gefangen sind. Unser Leben ist von vielen unzutreffenden und wenig hilfreichen Vorstellungen vom Glück beherrscht - Überzeugungen, die weithin akzeptiert sind, weil doch "jedermann weiß, dass sie wahr sind". Da diese Überzeugungen sinnvoll zu sein scheinen, sind Sie Ihnen in nahezu jedem Selbsthilfebuch, das Sie bisher gelesen haben, begegnet. Doch leider erzeugen diese irreführenden Vorstellungen einen Teufelskreis, in dem wir desto mehr leiden, je mehr wir nach Glück streben. Und diese psychologische Falle ist so gut getarnt, dass wir nicht die leiseste Ahnung haben, dass wir darin gefangen sind.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass es Hoffnung gibt. Sie können lernen, die "Glücksfalle" zu erkennen, und, was noch wichtiger ist, ihr zu entkommen. Dieses Buch wird Ihnen Fertigkeiten und Einsichten vermitteln, mit deren Hilfe Sie dies erreichen können. Es basiert auf einer revolutionären neuen Entwicklung in der Psychologie, einem großartigen Modell für Veränderung, das als Akzeptanz- und Commitmenttherapie oder ACT bekannt ist.
ACT wurde in den Vereinigten Staaten von dem Psychologen Steven Hayes und seinen Kollegen Kelly Wilson und Kirk Strosahl entwickelt. Es hat sich gezeigt, dass diese Methode Menschen bei einer Reihe von Problemen - von Depression und Angstzuständen bis hin zu chronischen Schmerzen und sogar Drogenabhängigkeit - effektiv zu helfen vermag. So haben zum Beispiel die Psychologen Patty Bach und Steven Hayes in einer bemerkenswerten Studie ACT bei Patienten angewandt, die an chronischer Schizophrenie litten. Sie stellten fest, dass nur vier Stunden Therapie ausreichten, um die Quoten der Wiedereinlieferungen ins Krankenhaus zu halbieren! ACT hat sich auch bei minder dramatischen Problemen, mit denen sich Millionen von uns konfrontiert sehen - wie etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder den Stress am Arbeitsplatz zu reduzieren -, als äußerst effektiv erwiesen. Anders als die Mehrzahl der anderen Therapien ist ACT durch breit angelegte wissenschaftliche Forschungen untermauert und wird deshalb bei den Psychologen in aller Welt rasch immer populärer.
Das Ziel von ACT besteht darin, Ihnen zu helfen, ein reiches, erfülltes und sinnvolles Leben zu leben, während Sie effektiv mit dem Leiden umgehen, das Ihnen unweigerlich auf dem Weg begegnet. ACT erreicht dies durch die Verwendung von sechs machtvollen Prinzipien, die es Ihnen ermöglichen, "psychologische Flexibilität" zu entwickeln - eine Fähigkeit, die die Lebensqualität bedeutend steigert.
Ist Glück normal?
In der westlichen Welt haben wir heute einen höheren Lebensstandard, als die Menschheit je zuvor erlebt hat. Wir besitzen eine bessere medizinische Versorgung, besseres Essen, bessere Wohnungen, bessere sanitäre Einrichtungen, mehr Geld, mehr Sozialeinrichtungen und besseren Zugang zu Bildung, Gerechtigkeit, Reisen, Unterhaltung und Möglichkeiten, Karriere zu machen. Die Mittelklasse lebt heute in der Tat besser als der königliche Adel noch vor nicht allzu langer Zeit. Und dennoch scheinen die Menschen heute nicht besonders glücklich zu sein. In den Selbsthilfeabteilungen der Buchhandlungen in den sich Hunderte von Büchern über Depression, Angst, Stress, Beziehungsprobleme, Suchtprobleme und so weiter. Außerdem bombardieren uns "die Experten" in Fernsehen und Radio mit Ratschlägen, wie wir unser Leben verbessern können. Die Anzahl der Psychologen, Psychiater, Ehe- und Familienberater, Sozialarbeiter und "Wellness-Coaches" nimmt von Jahr zu Jahr zu. Doch trotz all dieser Hilfen und Ratschläge scheint das menschliche Unglück nicht abzunehmen, sondern rapide zu wachsen! Läuft da nicht irgendetwas falsch?
Die Statistiken sind bestürzend: Beinahe 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden an einer anerkannten psychologischen Störung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depression zurzeit die viertgrößte, teuerste und das Leben am stärksten beeinträchtigende Krankheit der Welt ist. Bis zum Jahr 2020 soll sie auf dem zweiten Platz stehen. Ein Zehntel der erwachsenen Weltbevölkerung leidet an klinischer Depression und jeder fünfte wird irgendwann in seinem Leben daran leiden. Des Weiteren wird jeder vierte Erwachsene irgendwann in seinem Leben an Drogen- oder Alkoholabhängigkeit leiden. So gibt es allein in den Vereinigten Staaten heute über zwanzig Millionen Alkoholiker.
Doch erstaunlicher und ernüchternder als all diese Statistiken ist, dass beinahe jeder Zweite in seinem Leben ein Stadium durchläuft, in dem er ernsthaft in Betracht zieht, sich umzubringen, und mit diesem Gedanken über zwei Wochen oder länger ringt. Noch erschreckender ist, dass jeder Zehnte an einem bestimmten Punkt tatsächlich versucht, sich zu töten.
Denken Sie einmal einen Augenblick über diese Zahlen nach. 15 Denken Sie an Ihre Freunde, an Ihre Familie und an Ihre Mitarbeiter. Fast die Hälfte von ihnen wird an einem bestimmten Punkt so von Leid überwältigt werden, dass sie ernsthaft einen Selbstmord in Erwägung zieht. Jeder Zehnte wird es tatsächlich versuchen! Es ist ganz offensichtlich: Anhaltendes Glück ist nicht normal!
Warum ist es so schwer, glücklich zu sein?
Um diese Frage zu beantworten, lassen Sie uns in der Zeit zurückgehen. Der menschliche Geist mit seiner erstaunlichen Fähigkeit, zu analysieren, zu planen, zu kreieren und zu kommunizieren, hat sich während der letzten Hunderttausend Jahre - seit unsere Spezies, der Homo sapiens, zum ersten Mal auf diesem Planeten erschienen ist - weit entwickelt. Unser Geist hat sich jedoch nicht entwickelt, damit wir uns "gut fühlen", damit wir Witze erzählen, Gedichte schreiben oder "Ich liebe dich" sagen können. Unser Geist hat sich entwickelt, damit wir in einer Welt voller Gefahren überleben können.
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein früher Jäger und Sammler. Was sind Ihre grundlegendsten Bedürfnisse, um zu überleben und sich fortzupflanzen? Es gibt ihrer vier: Nahrung, Wasser, Behausung und Sex. Aber keines dieser Dinge nützt Ihnen etwas, wenn Sie tot sind.