EUR 8,99
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar

  • Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Poetik ist etwas für "Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane", so Juli Zeh 2013 in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen: "Poetik klingt immer so, als wüsste der Autor, was er da tut - dabei weiß er bestenfalls, was er getan hat." Diese Erkenntnis im Kopf lässt es sich befreit aufspielen und wunderbar poetologisieren, über die Bedeutung der Erinnerung für das Schreiben zum Beispiel: "Ein Ereignis ist nicht das, was passiert ist, sondern das, was erzählt werden kann." - Eine "Anti-Poetologie" - frech, klug und witzig…mehr

Produktbeschreibung
Poetik ist etwas für "Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane", so Juli Zeh 2013 in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen: "Poetik klingt immer so, als wüsste der Autor, was er da tut - dabei weiß er bestenfalls, was er getan hat." Diese Erkenntnis im Kopf lässt es sich befreit aufspielen und wunderbar poetologisieren, über die Bedeutung der Erinnerung für das Schreiben zum Beispiel: "Ein Ereignis ist nicht das, was passiert ist, sondern das, was erzählt werden kann." - Eine "Anti-Poetologie" - frech, klug und witzig

  • Produktdetails
  • btb Bd.74814
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 196
  • 2015
  • Ausstattung/Bilder: 2015. 208 S. 187 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 116mm x 20mm
  • Gewicht: 216g
  • ISBN-13: 9783442748143
  • ISBN-10: 3442748143
  • Best.Nr.: 40795378
Autorenporträt
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Roman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem "Deutschen Bücherpreis" (2002), dem "Rauriser Literaturpreis" (2002), dem "Hölderlin-Förderpreis" (2003), dem "Ernst-Toller-Preis" (2003), dem "Carl-Amery-Literaturpreis" (2009) und dem Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (2009). 2013 wurde sie mit dem"Thomas Mann Preis" für ihr "vielfälgiges Prosawerk" geehrt, 2014 mit dem "Hoffmann-von-Fallersleben-Preis" für zeitkritische Literatur. Juli Zeh lebt in Leipzig.
Juli Zeh
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Jede Menge Undertstatement konstatiert Jörg Magenau in Juli Zehs Poetikvorlesungen, die eigentlich gar keine sind und auch keine sein wollen, wie Magenau die Autorin wiedergibt. Aber Negation ist schließlich immer auch ein bisschen affirmativ, und Antipoetik ist eben auch Poetik, meint Magenau: "Literatur ist, wenn man's trotzdem macht." Bei Zeh heißt das: Aus Post an Kollegen und Journalisten entsteht Zehs Verständnis vom Schreiben als Erfahrung, Bewegung, offener Prozess und politische Intervention. Der Autor tritt auch auf, erklärt Magenau, und zwar als Literaturbetriebsnudel. Es steht eigentlich alles drin in diesem Buch, was zu so einer Poetikvorlesung gehört, ob Zeh das nun gefällt oder nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.10.2013
Wie man negiert,
woran man teilhat
Ein Buchmessenbrevier: Juli Zehs Poetikvorlesungen
VON JÖRG MAGENAU
Treideln bedeutet eigentlich, ein Schiff mit Hilfe von Tieren oder Menschen vom Ufer aus einen Fluss entlang zu schleppen. Die alten Treidelpfade, heute häufig zu Radwegen umgenutzt, erinnern an diese vorindustrielle Praxis der Lastenbeförderung. Daneben setzt das Grimm’sche Wörterbuch treideln mit trödeln gleich. Als Titel von Poetikvorlesungen könnte man also an einen Autor denken, der seine Last, das Schifflein Literatur, auf dem Fluss der Wirklichkeit stromaufwärts zu ziehen versucht, oder daran, dass da jemand absichtslos die Zeit vertut.
  Bei Juli Zeh spielen die etymologischen Wort-Gründe zunächst keine Rolle, vielleicht setzt sie das einfach voraus und möchte ihren Hörern den Ballast der Ableitungen ersparen. Für sie ist Treidel eine Romanfigur, die bei ihrem ersten Auftreten noch dem Autor Hans-Ulrich Treichel ähnlich sieht. Der gehörte einst zu Zehs Lehrern am Leipziger Literaturinstitut. Mit Hilfe einer kleinen Lautverschiebung wird aus ihm eine fiktive Figur, deren Gestalt (antriebsarmer Mittvierziger) sich mehr und mehr vom Vorbild löst. Seine Geschichte dient dazu, den schriftstellerischen Arbeitsprozess des Geschichtenerfindens, -entwickelns und -schreibens plastisch vorzuführen.
  Am Ende ist Treidel völlig erledigt. Ein Roman wird aus ihm nicht mehr werden, nachdem er Vorlesungsdemonstrationsobjekt werden musste. Nur das Treideln als fortgesetzte Suchbewegung bleibt übrig und wird schließlich zur Großmetapher der Schriftsteller-Existenz: „Wir stemmen uns, die Last unserer Biografien hinter uns herziehend, gegen den Strom der unerbittlich auf uns zufließenden Zeit. Treideln voran, obwohl es kein Ankommen gibt. Kein Ziel, sondern nur den sicheren Tod. Das Leben zum Tode, der noch nicht einmal ein Ende ist, sondern nur ein Nichts.“ Juli Zeh neigt dazu, alles Heroische und Pathetische abzulehnen, um es beiläufig dann aber doch wieder einzuführen.
  Eigentlich hatte sie keine Lust auf Poetikvorlesungen und das damit verbundene repräsentative Autorengetue. Das ist sehr sympathisch, aber auch ein bisschen kokett, denn schließlich tut sie ja dann doch, was man von ihr verlangt, wenn auch im Zuge der Verneinung. Ihre Poetikvorlesungen entstehen im Gestus der Verweigerung, als Widerstand gegen etwas, was sie zugleich absolviert. Schließlich hat sie nicht nur keine Poetik, sondern lehnt es auch ab, eine zu haben, ja behauptet kurzerhand, dass es gar keine gäbe: „Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden.“ Da müsste sie eigentlich zu Hause bleiben.
  Nun ist es aber ein schöner Trick der Sprache, dass man das, was man ablehnt, im Zuge der Negation dann doch hervorbringt, so wie Juli Zeh das Wort „Heizölrückstoßabdämpfung“ unterbringt, indem sie mitteilt, dass sie das nicht tun wolle. Schon ist es drin. Ganz ähnlich funktioniert auch ihr Gesamtkonzept: Negation als Prinzip des Vollzugs. Das funktioniert bei Poetikvorlesungen, Buchmessen, Festivals und hat Vorteil, dass die Sprecherin sich distanzieren kann von dem, was sie ja eigentlich nicht tun will. Am Ende aber ist ein Akt von Pflichtübererfüllung zu konstatieren: Das Buch zu den Vorlesungen lag schon gedruckt vor, als sie noch gar nicht gehalten waren. Da mussten die Studenten eigentlich gar nicht mehr hingehen, sondern konnten bequem vorauslesen, was sie verpassen würden.
  Weil sie keine Vorlesungen halten wollte, schrieb Juli Zeh Briefe oder Mails an mehr oder weniger fiktive Figuren, um diese Schriftlichkeiten dann vorzulesen. Sie beginnt mit dem Ablehnungsschreiben an die Frankfurter Goethe-Universität, fügt Schreiben ans Finanzamt (die einiges von der prekären Existenzform freiberuflicher Autoren verraten), an einen dümmlichen Journalisten, einen beschränkten Deutschlehrer, vor allem aber an Schriftstellerkollegen hinzu, die wohl die einzigen ernst zu nehmenden Gesprächspartner darstellen. Alles andere ist Betrieb, Zumutung, Literaturverhinderung. Sich in Briefform zu äußern bedeutet, ins Unreine zu sprechen. Es ist die Lizenz zum Labern. Aber eben auch die Freiheit, ins Unreine zu sprechen.
  Auch wenn Juli Zeh behauptet, keine Poetik zu haben, kommt sie auf die lange Strecke von fünf Vorlesungen nicht ganz darum herum. Auch Antipoetik ist eine Poetik. Diese entwickelt sie nicht aus der Literatur und der Interpretation, sondern aus dem Schreiben. Alles deutschstundenhafte Bedeutungsgefuchtel nach dem Motto „Was will der Autor uns damit sagen“ weist sie mit großem Engagement zurück. Das ist so überzeugend und richtig, wie es auch billig ist: Durch weiter geöffnete Scheunentore kann man gar nicht laufen.
  Interessanter werden die Vorlesungen da, wo sie die Negation hinter sich lassen und aufs Schreiben kommen: als Erfahrung, als Bewegung, als offener Prozess. Da handelt es sich um einen Werkstattbericht, auch wenn Juli Zeh diesen Begriff vermutlich als zu poetikvorlesungshaft ablehnen müsste. Positionen werden bezogen, nicht um sie als Ästhetik zu befestigen, sondern um sie spielerisch zu erproben und dann wieder zu verlassen. Es gibt keine Poetik, aber, wenn es gut geht, Poesie. Und die ist immer im Fluss, vieldeutig, offen.
  Man darf also nicht auf Merksätze hoffen, sondern muss sich für den Denkprozess interessieren, um Juli Zehs Vorlesungen mit Lust und Gewinn zu lesen. Präzise Beobachtungen finden sich besonders dort, wo es um den Autor als Figur des Literaturbetriebs geht. Da funktioniert das Prinzip Teilhabe aus der Negation heraus besonders gut. So untersucht Juli Zeh das Problem des politischen Engagements, weil sie sich gerne auch politisch äußert – auch wenn sie behauptet, das nur ungern zu tun. Die Rahmenbedingungen, die das eigentlich unmöglich machen, sieht sie klar, wenn sie Politik als einen Vorgang beschreibt, der „zwischen Administration und Showbusiness“ zerrieben wird, mit alternativer Sachzwanglogik auf der einen, Spektakeljournalismus auf der anderen Seite. Das ist „eine Konstellation, innerhalb derer immer weniger Raum für ernsthafte Auseinandersetzung bleibt“.
  Der Autor als unabhängiger Einzelner hat da eigentlich keine Chance, einen Ort jenseits des Showbusiness zu finden, von dem aus er sprechen könnte. Und doch leitet Juli Zeh aus ihrer von keinem Lobbyismus und Proporzdenken beschränkten Freiheit den „Wunsch, wenn nicht sogar die Pflicht“ ab, „die künstlerische Freiheit als Plattform für gelegentliche Anmerkungen zum politischen Geschehen zu nutzen“. Wie das dann funktionieren könnte, interessiert sie schon nicht mehr. Das subjektive Gefühl reicht als Begründung, den zuvor konstatierten fehlenden objektiven Möglichkeiten zum Trotz.
  Aber ihr geht es ja auch nicht um Theorieproduktion, sondern ums Schreiben als Bewegung. Oder, mit einem Satz, den sie zustimmend zitiert: „Literatur ist die Theorie der Praxis.“ Man könnte auch sagen: Literatur ist, wenn man’s trotzdem macht. Aber das klänge schon wieder viel zu heroisch für eine Heldin des Schreibens, die es vorzieht, ihr Heldentum im Understatement aufscheinen zu lassen.
Juli Zeh: Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013. 198 Seiten, 18,95 Euro.
Juli Zeh hat keine Poetik –
und sie will auch gar keine haben
Manchmal läuft Juli Zeh durch
sehr weit geöffnete Scheunentore
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Wie man negiert,
woran man teilhat

Ein Buchmessenbrevier: Juli Zehs Poetikvorlesungen

VON JÖRG MAGENAU

Treideln bedeutet eigentlich, ein Schiff mit Hilfe von Tieren oder Menschen vom Ufer aus einen Fluss entlang zu schleppen. Die alten Treidelpfade, heute häufig zu Radwegen umgenutzt, erinnern an diese vorindustrielle Praxis der Lastenbeförderung. Daneben setzt das Grimm’sche Wörterbuch treideln mit trödeln gleich. Als Titel von Poetikvorlesungen könnte man also an einen Autor denken, der seine Last, das Schifflein Literatur, auf dem Fluss der Wirklichkeit stromaufwärts zu ziehen versucht, oder daran, dass da jemand absichtslos die Zeit vertut.

  Bei Juli Zeh spielen die etymologischen Wort-Gründe zunächst keine Rolle, vielleicht setzt sie das einfach voraus und möchte ihren Hörern den Ballast der Ableitungen ersparen. Für sie ist Treidel eine Romanfigur, die bei ihrem ersten Auftreten noch dem Autor Hans-Ulrich Treichel ähnlich sieht. Der gehörte einst zu Zehs Lehrern am Leipziger Literaturinstitut. Mit Hilfe einer kleinen Lautverschiebung wird aus ihm eine fiktive Figur, deren Gestalt (antriebsarmer Mittvierziger) sich mehr und mehr vom Vorbild löst. Seine Geschichte dient dazu, den schriftstellerischen Arbeitsprozess des Geschichtenerfindens, -entwickelns und -schreibens plastisch vorzuführen.

  Am Ende ist Treidel völlig erledigt. Ein Roman wird aus ihm nicht mehr werden, nachdem er Vorlesungsdemonstrationsobjekt werden musste. Nur das Treideln als fortgesetzte Suchbewegung bleibt übrig und wird schließlich zur Großmetapher der Schriftsteller-Existenz: „Wir stemmen uns, die Last unserer Biografien hinter uns herziehend, gegen den Strom der unerbittlich auf uns zufließenden Zeit. Treideln voran, obwohl es kein Ankommen gibt. Kein Ziel, sondern nur den sicheren Tod. Das Leben zum Tode, der noch nicht einmal ein Ende ist, sondern nur ein Nichts.“ Juli Zeh neigt dazu, alles Heroische und Pathetische abzulehnen, um es beiläufig dann aber doch wieder einzuführen.

  Eigentlich hatte sie keine Lust auf Poetikvorlesungen und das damit verbundene repräsentative Autorengetue. Das ist sehr sympathisch, aber auch ein bisschen kokett, denn schließlich tut sie ja dann doch, was man von ihr verlangt, wenn auch im Zuge der Verneinung. Ihre Poetikvorlesungen entstehen im Gestus der Verweigerung, als Widerstand gegen etwas, was sie zugleich absolviert. Schließlich hat sie nicht nur keine Poetik, sondern lehnt es auch ab, eine zu haben, ja behauptet kurzerhand, dass es gar keine gäbe: „Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden.“ Da müsste sie eigentlich zu Hause bleiben.

  Nun ist es aber ein schöner Trick der Sprache, dass man das, was man ablehnt, im Zuge der Negation dann doch hervorbringt, so wie Juli Zeh das Wort „Heizölrückstoßabdämpfung“ unterbringt, indem sie mitteilt, dass sie das nicht tun wolle. Schon ist es drin. Ganz ähnlich funktioniert auch ihr Gesamtkonzept: Negation als Prinzip des Vollzugs. Das funktioniert bei Poetikvorlesungen, Buchmessen, Festivals und hat Vorteil, dass die Sprecherin sich distanzieren kann von dem, was sie ja eigentlich nicht tun will. Am Ende aber ist ein Akt von Pflichtübererfüllung zu konstatieren: Das Buch zu den Vorlesungen lag schon gedruckt vor, als sie noch gar nicht gehalten waren. Da mussten die Studenten eigentlich gar nicht mehr hingehen, sondern konnten bequem vorauslesen, was sie verpassen würden.

  Weil sie keine Vorlesungen halten wollte, schrieb Juli Zeh Briefe oder Mails an mehr oder weniger fiktive Figuren, um diese Schriftlichkeiten dann vorzulesen. Sie beginnt mit dem Ablehnungsschreiben an die Frankfurter Goethe-Universität, fügt Schreiben ans Finanzamt (die einiges von der prekären Existenzform freiberuflicher Autoren verraten), an einen dümmlichen Journalisten, einen beschränkten Deutschlehrer, vor allem aber an Schriftstellerkollegen hinzu, die wohl die einzigen ernst zu nehmenden Gesprächspartner darstellen. Alles andere ist Betrieb, Zumutung, Literaturverhinderung. Sich in Briefform zu äußern bedeutet, ins Unreine zu sprechen. Es ist die Lizenz zum Labern. Aber eben auch die Freiheit, ins Unreine zu sprechen.

  Auch wenn Juli Zeh behauptet, keine Poetik zu haben, kommt sie auf die lange Strecke von fünf Vorlesungen nicht ganz darum herum. Auch Antipoetik ist eine Poetik. Diese entwickelt sie nicht aus der Literatur und der Interpretation, sondern aus dem Schreiben. Alles deutschstundenhafte Bedeutungsgefuchtel nach dem Motto „Was will der Autor uns damit sagen“ weist sie mit großem Engagement zurück. Das ist so überzeugend und richtig, wie es auch billig ist: Durch weiter geöffnete Scheunentore kann man gar nicht laufen.

  Interessanter werden die Vorlesungen da, wo sie die Negation hinter sich lassen und aufs Schreiben kommen: als Erfahrung, als Bewegung, als offener Prozess. Da handelt es sich um einen Werkstattbericht, auch wenn Juli Zeh diesen Begriff vermutlich als zu poetikvorlesungshaft ablehnen müsste. Positionen werden bezogen, nicht um sie als Ästhetik zu befestigen, sondern um sie spielerisch zu erproben und dann wieder zu verlassen. Es gibt keine Poetik, aber, wenn es gut geht, Poesie. Und die ist immer im Fluss, vieldeutig, offen.

  Man darf also nicht auf Merksätze hoffen, sondern muss sich für den Denkprozess interessieren, um Juli Zehs Vorlesungen mit Lust und Gewinn zu lesen. Präzise Beobachtungen finden sich besonders dort, wo es um den Autor als Figur des Literaturbetriebs geht. Da funktioniert das Prinzip Teilhabe aus der Negation heraus besonders gut. So untersucht Juli Zeh das Problem des politischen Engagements, weil sie sich gerne auch politisch äußert – auch wenn sie behauptet, das nur ungern zu tun. Die Rahmenbedingungen, die das eigentlich unmöglich machen, sieht sie klar, wenn sie Politik als einen Vorgang beschreibt, der „zwischen Administration und Showbusiness“ zerrieben wird, mit alternativer Sachzwanglogik auf der einen, Spektakeljournalismus auf der anderen Seite. Das ist „eine Konstellation, innerhalb derer immer weniger Raum für ernsthafte Auseinandersetzung bleibt“.

  Der Autor als unabhängiger Einzelner hat da eigentlich keine Chance, einen Ort jenseits des Showbusiness zu finden, von dem aus er sprechen könnte. Und doch leitet Juli Zeh aus ihrer von keinem Lobbyismus und Proporzdenken beschränkten Freiheit den „Wunsch, wenn nicht sogar die Pflicht“ ab, „die künstlerische Freiheit als Plattform für gelegentliche Anmerkungen zum politischen Geschehen zu nutzen“. Wie das dann funktionieren könnte, interessiert sie schon nicht mehr. Das subjektive Gefühl reicht als Begründung, den zuvor konstatierten fehlenden objektiven Möglichkeiten zum Trotz.

  Aber ihr geht es ja auch nicht um Theorieproduktion, sondern ums Schreiben als Bewegung. Oder, mit einem Satz, den sie zustimmend zitiert: „Literatur ist die Theorie der Praxis.“ Man könnte auch sagen: Literatur ist, wenn man’s trotzdem macht. Aber das klänge schon wieder viel zu heroisch für eine Heldin des Schreibens, die es vorzieht, ihr Heldentum im Understatement aufscheinen zu lassen.

Juli Zeh: Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013. 198 Seiten, 18,95 Euro.

Juli Zeh hat keine Poetik –
und sie will auch gar keine haben

Manchmal läuft Juli Zeh durch
sehr weit geöffnete Scheunentore

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

…mehr