• Broschiertes Buch

2 Kundenbewertungen

Thilo Sarrazin hat mit seinen umstrittenen Thesen die öffentliche Meinung gespalten, aber auch die Integrationsdebatte neu in Gang gebracht. Das war überfällig. Zu viel lief schief. Das denkt auch Lamya Kaddor. Doch pauschale Anklagen helfen ihrer Ansicht nach nicht weiter. Aufgewachsen als Tochte frommer arabischer Einwanderer, will sie als eine der ersten islamischen Religionspädagoginnen in Deutschland mit ihrem sehr persönlichen Buch einen Beitrag für eine fundierte Debatte leisten. Die Stimme einer neuen Generation…mehr

Produktbeschreibung

Thilo Sarrazin hat mit seinen umstrittenen Thesen die öffentliche Meinung gespalten, aber auch die Integrationsdebatte neu in Gang gebracht. Das war überfällig. Zu viel lief schief. Das denkt auch Lamya Kaddor. Doch pauschale Anklagen helfen ihrer Ansicht nach nicht weiter. Aufgewachsen als Tochter frommer arabischer Einwanderer, will sie als eine der ersten islamischen Religionspädagoginnen in Deutschland mit ihrem sehr persönlichen Buch einen Beitrag für eine fundierte Debatte leisten. Die Stimme einer neuen Generation.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.34677
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 206
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 206 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 124mm x 16mm
  • Gewicht: 229g
  • ISBN-13: 9783423346771
  • ISBN-10: 3423346779
  • Best.Nr.: 32597418

Autorenporträt

Lamya Kaddor vertritt das "Centrum für Religiöse Studien" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie ist eine der muslimischen SprecherInnen für das "Forum am Freitag" auf der Homepage des ZDF.

Rezensionen

Besprechung von 08.03.2013
Kein Bildnis von Gott
Vom Islam und seiner reichen Geschichte oder:
Warum Prophet Muhammad einen Schleier trägt
VON PETRA STEINBERGER
Es gehört schon einiges dazu, 1400 Jahre Religionsgeschichte auf grade mal 60 Seiten zusammenzufassen, ohne dass das Unternehmen allzu platt wird, zu beschönigend, zu banal. Dieser Gefahr allerdings ist Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin, meist recht gut ausgewichen. Islam. Geschichte, Glaube und Gesellschaft ist eine knappe Einführung in die Grundlagen des Islam, nicht allzu kritisch – aber von Kritik hat der Islam in den letzten Jahren sowieso genug abbekommen.
  Das liegt vor allem an den allseits bekannten Ereignissen – ob 9/11 oder Ehrenmorde, ob afghanische Taliban oder die iranische Atombombe – und an ihrer Darstellung in den Medien. Nicht, dass es keine differenzierten Berichte gäbe. Das Problem ist, dass es immer so wirkt, als sei diese Religion der Auslöser. Was ja nicht heißt, dass sie ursächlich mit all diesen Vorgängen verbunden ist. Aber weil diese Religion immer und immer wieder in einem Atemzug mit ihnen genannt, also in einen sprachlichen Zusammenhang mit ihnen gesetzt wird, lösen Worte wie Muslime oder Islam in den Köpfen vieler Menschen oft ungute Assoziationen aus. Das ist in den meisten Fällen gar nicht beabsichtigt – funktioniert aber leider so.
  Und was bei Erwachsenen funktioniert, schlägt bei Kindern mindestens ebenso gut an – nur noch versteckter. Dabe sollte gerade eine derart unbewusst erzeugte Ablehnung einer, überhaupt jeder Religion doch unbedingt verhindert werden. Deshalb ist Sachlichkeit wichtig bei einer Hinführung an dieses Thema. Also bitte keine Schwelgereien, keine Religionsromantik, keinen Glaubenskitsch. Und keine Apologetik, was in diesem Buch vorbildlich unterblieben ist. Nur scheint die Vorsicht manchmal dazu geführt zu haben, dass das Buch nun ein wenig zu sachlich erscheint – zu weit weg vom Leben. Man hätte sich, gerade für Kinder, ein wenig mehr Geschichten gewünscht, kleine Vignetten, die komplexe Zusammenhänge in Bildern auflösen und so besser im Gedächtnis haften bleiben als abstrakte Daten.
  Geschichten wie diese, die sich auf den allerersten Seiten versteckt hat: dass es im Islam das Gebot gibt, sich von Gott kein Bildnis zu machen. Und da Muhammad in diesem Gebot als der Prophet mit eingeschlossen ist, wird er, bis auf wenige Ausnahmen, traditionell mit Gesichtsschleier dargestellt. Oder die Geschichte vom Dschinn Iblis, der Adam, den ersten Menschen, verführte (ein bisschen so wie die Schlange im christlichen Paradies).
  Man könnte nun überlegen, ob es Sinn gemacht hätte, bei der kurzen Erklärung des Begriffes „Fatwa“, also Rechtsgutachten, ein paar Zeilen über Salman Rushdie dazuzuschreiben. Oder bei dem Kapitel über „Ungläubige im Koran“ die Tatsache, dass es teils heftige Diskussionen darüber gibt, ob beispielsweise die Sekte der Ahmadiyya in Pakistan noch als muslimisch gilt oder nicht – was ja, da es vom pakistanischen Staat verneint wurde, für deren Mitglieder Sanktionen mit sich bringt. Man hätte vielleicht mehr über die Stellung der Frauen erzählen können – immerhin einer der Punkte, die von Islamgegnern häufig genannt werden. Ebenso hätte man vielleicht auf die sehr heftig geführte innerislamische Debatte über die Reformierbarkeit des Islam oder über eine islamische Aufklärung etwas tiefer eingehen können.
  Andererseits : Hätte man solch neuralgische Punkte, und davon gibt es im Islam, wie in jeder Religion, unzählige, tatsächlich ausführlicher behandelt, wären es wohl nicht mehr 60 Seiten, sondern 600 geworden. Doch der Autorin war anderes wichtiger. Hoffen wir also, dass muslimische Vorbilder wie Mesut Özil oder Franck Ribéry ebenso wie dieses Buch dazu beitragen, die versteckten Klischees aus den Köpfen heraus- und Respekt hineinzupacken.
Lamya Kaddor: Islam. Geschichte, Glaube und Gesellschaft. Gerstenberg 2012. 64 S., 14,95 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 17.03.2010
Wie Allah der Gewalt entkommt

Lamya Kaddor steht für ein aufgeklärtes muslimisches Milieu. Ihr Buch ordnet die Islamdebatte neu.

Von Karen Krüger

Muslimisch, weiblich, deutsch - der Kombination dieser Attribute, so mag hierzulande manch einer reflexhaft glauben, wohnt sozialer Sprengstoff inne. Denn sie ist beileibe nicht jene, die einem beim Gedanken an eine aufgeschlossene Deutsche als Allererstes in den Sinn kommen will. Das Klischee möchte, dass Musliminnen, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht ist da egal, ein Kopftuch tragen. Und dieses wird dann schnell mit konservativer Rückständigkeit, mit mangelndem Wissen über das deutsche Werte- und Normensystem und mit Patriarchat und Papiergesellschaft assoziiert. Der Gedankenschluss ist nicht falsch; Beispiele, die ihn belegen, gibt es genug. Genauso wenig ist er aber richtig, denn weder gibt es einen einheitlichen Islam noch eine einheitliche muslimische Lebensweise. Nicht alle Muslime legen den Islam als eine dogmatisch zu verstehende Gesetzesreligion aus, gerade hierzulande bemühen sich immer mehr Muslime um eine weltoffene, liberale Perspektive. Doch was hilft das, wenn die andere Seite das öffentliche Bild von Muslimen in Deutschland prägt?

"Muslimisch, weiblich, deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam" heißt das Buch, mit dem Lamya Kaddor eine zu wenig wahrgenommene Form des muslimischen Lebens in Deutschland vorstellen will. "Ich bin gläubige Muslimin und das hindert mich nicht daran, eine gute Demokratin zu sein" schreibt die muslimische Religionspädagogin, deren Familie in den siebziger Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist und die den Islam nur als "ein Mosaiksteinchen" ihrer Identität beschreibt, sich aber dennoch als "Berufsmuslimin" bezeichnet. Mit anderen Wissenschaftlern baute sie das "Centrum für Religiöse Studien" an der Universität Münster auf, unterrichtete mehrere Jahre Islamkunde in deutscher Sprache an einer Grund- und an einer Hauptschule und handelte sich als Mitherausgeberin von "Saphir", dem ersten deutschen Schulbuch zum Islam, sowie mit ihrem "Koran für Kinder" viel Lob, von Vertretern der islamischen Verbände aber auch viel Tadel ein.

Lamya Kaddor trägt kein Kopftuch, nicht weil sie sein Tragen nicht als eine religiöse Vorschrift wertet, sondern "weil es den eigentlichen Sinn, den Gott damit verbunden hat, in der Zeit und in der Welt, in der ich lebe, nicht mehr erfüllen kann". In dieser Haltung äußert sich die Grundannahme der Zweiunddreißigjährigen: Die Welt verändert sich, und mit ihr muss sich auch der Islam verändern. Anderenfalls driften Religion und Realität immer mehr auseinander. Auf Dauer könne der Islam für die Gegenwart nur seine Bedeutung bewahren, wenn eine neue Auslegung seiner Grundsätze gelinge. Im Falle der Kopftuchfrage erschließe sich das Gebot aus orthodoxer Sicht zwar aus dem Koran und sei außerdem über Jahrhunderte hinweg durch männliche Religionsgelehrte untermauert worden. Wenn Frauen deren theologischer Argumentation folgten und sich aus freien Stücken für das Kopftuch entschieden, müsse man das deshalb akzeptieren.

Anders verhalte es sich bei einem Koranverständnis, dass die Offenbarungen als Denkanstöße für Veränderungen konkreter Situationen versteht. Nach der historisch-kritischen Lesart Kaddors wurde den Frauen das Tragen eines Schleiers geraten, um ihnen Schutz in der arabischen Gesellschaft zur Zeit Mohammeds zu gewähren, und war an deren ethischen und moralischen Vorstellungen ausgerichtet. Deshalb müsse heute die Frage bezüglich des Bekleidungsverbots im Islam lauten: "Erfüllt das Kopftuch in Deutschland heute noch denselben Zweck?" Sie antwortet mit Nein. "Den Schutz meiner körperlichen Unversehrtheit übernehmen heute in Deutschland Recht und Gesetz. Doch auch in Hinblick auf meine moralische Unversehrtheit bin ich angesichts der Freiheiten, die mir der moderne Rechtsstaat bietet, mehr denn je selbstverantwortlich. Das Kopftuch kann mir diese Verantwortung nicht abnehmen."

Nach Ansicht der Religionspädagogin befinden sich die Muslime in Deutschland in einer Sackgasse, da sie die Meinungsführerschaft einer "fundamentalistischen Minderheit" überlassen haben. Die bisher schweigende Mehrheit der deutschen Muslime müsse sich organisieren, damit nicht länger religiöse Hardliner wie die Dititb oder Millî Görüs, in denen überdies Männer die relevanten Positionen besetzen, die Deutungshoheit innehaben.

Mit ihrem Buch gibt Lamya Kaddor wichtige Einblicke in ein aufgeklärtes muslimisches Milieu, von deren Vertretern man sich wünscht, dass sie sich viel stärker in die Islamdebatte einmischen würden.

Lamya Kaddor: "Muslimisch, weiblich, deutsch!". Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C.H. Beck, München 2010. 206 S., geb., 17,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensentin Canan Topçu verrät nicht explizit, ob sie die religiösen Analysen der Autorin Lamya Kaddor überzeugen. Allerdings erhebt sie keine Einwände, und wenn sich Kaddor selbst gleich doppelt als Autorität empfiehlt, nämlich als Islamwissenschaftlerin und Gläubige, scheint das für Topcu seine Richtigkeit zu haben. Was der Rezensentin vor allem zu imponieren scheint, ist, dass Kaddor für sich selbst durchaus in Anspruch nimmt, aufgeklärt und muslimisch zugleich zu sein. Im Ürbigen belässt sie es dabei, einige Thesen von Kaddor anzureißen, etwa dass sie Islaminterpretationen kritisiere, "die mit der Unterdrückung der Frau einhergehen". Sehr zupass scheint Topcu zu kommen, dass Kaddor nicht den Verbänden und Islamkritikern die Definitionsmacht darüber lassen will, was diese Religion ausmacht.

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