Das Methusalem-Komplott - Schirrmacher, Frank
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Frank Schirrmacher 

Das Methusalem-Komplott

Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß. Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen. Ausgezeichnet mit dem Corine - Internationaler Buchpreis, Kategori

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Produktbeschreibung zu Das Methusalem-Komplott

Niemand wird gerne alt. Inzwischen altert jedoch die Menschheit in nie gekanntem Ausmaß. Das individuelle Schicksal wird zum politischen und ökonomischen Schicksal fast aller Staaten der Erde. Es ist höchste Zeit zum Umdenken. Die heutigen Jungen müssen - schon aus Überlebensinstinkt - die Diskriminierung des Alters bekämpfen, andernfalls werden sie in dreißig Jahren in die seelische Sklaverei gehen. Denn negative Altervorstellungen führen zur selbstverschuldeten Unmündigkeit. Frank Schirrmacher erstellt in seinem Bestseller anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse eine erschreckende Diagnose unserer Gesellschaft und ruft zu einem Komplott gegen den biologischen und sozialen Terror der Altersangst auf.



Produktinformation


  • Verlag: HEYNE
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 219 S.
  • Seitenzahl: 224
  • Heyne Bücher Nr.60009
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 135mm x 20mm
  • Gewicht: 210g
  • ISBN-13: 9783453600096
  • ISBN-10: 3453600096
  • Best.Nr.: 13410146
"Dieses Buch ist wunderbar zu lesen ... es ist polemisch, witzig, gescheit und ohne großen statistischen Quatsch." Elke Heidenreich/Lesen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.03.2004

FRANK SCHIRRMACHER, einer der Herausgeber dieser Zeitung, sieht für die jungen Männer und jungen Frauen von heute, die morgen die vielen Alten sein werden, nur noch eine Chance: Sie müssen, schon aus Überlebensinstinkt, gegen die rabiate Diskriminierung des Alters vorgehen. Tun sie es nicht, dann werden sie in dreißig Jahren in die seelische Sklaverei gehen. Frank Schirrmacher stellt in seinem Buch unserer Gesellschaft eine erschreckende Diagnose: Sie wird schon in wenigen Jahren ihre Alterung als einen Schock erfahren, der mit dem Weltkrieg vergleichbar ist. Nur eine militante Revolution unseres Bewußtseins kann uns wieder verjüngen. Das Buch ruft zu einem Komplott gegen den biologischen und sozialen Terror der Altersangst auf. Die Wissenschaft hat längst das negative Image des Alterns von Männern und Frauen korrigiert. Wir müssen, so die zentrale These, eine spektakuläre Kulturwende einleiten. (Frank Schirrmacher: "Das Methusalem-Komplott". Karl Blessing Verlag, München 2004. 220 S., geb., 16,- [Euro].)

F.A.Z.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 14.04.2004

Der Überbauer
Der Journalist Frank Schirrmacher wird mit einem Bestseller zum Deuter der Nation
Niemand wird behaupten können, in der deutschen Gesellschaft werde zu wenig geredet. Es wird vielmehr so viel geredet, dass es richtig aufklatscht: Über die Frauen des Boris Becker, über die Haarfarbe des Kanzlers, über die Genitalitäten des Dieter Bohlen, über die Begegnung eines Gurkenlasters mit dem Fernsehgeschöpf Daniel Küblböck. Die Geschwätzigkeit ist ebenso zum Zeichen der Republik geworden wie Reformunfähigkeit, Elitenverfall, Gesundheitschaos und . . . ja, die Überalterung.
Auch darüber lässt sich in den Zirkeln des TV-Zirkus’ gut reden. Es braucht dazu nur einen des Wortes mächtigen agent provocateur mit klangvollem Namen sowie einer steilen These – und schon wird aus einem Altersheim vielleicht ein Fitnesspark. Frank Schirrmacher, 44, einer von fünf Herausgebern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist seit kurzem Sachbuch-Bestsellerautor, dessen AltersWerk Das Methusalem-Komplott es auf Anhieb an die Spitze der Spiegel-Buchhitparade geschafft hat. Zuvor hatten das Hamburger Nachrichtenmagazin und Bild die atemlose, teils …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Kein gutes Haar lässt Rezensent Stefan Reinecke an Frank Schirrmachers Buch "Das Methusalem-Komplott", in dem der FAZ-Herausgeber ob der immer älter werdenden Gesellschaft Alarm schlägt. Das Schreckenszenario, das Schirrmacher in einem einzigen "MG-Feuer von Hyperbeln, steilen Vergleichen und nervtötenden Kriegsmetaphern" beschwört, nötigt Reinecke immer wieder süffisante Kommentare ab, etwa wenn Schirmacher erklärt: "Nicht nur Menschen, ganze Völker werden altern". Dabei will Reinecke überhaupt nicht leugnen, dass das Phänomen einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft ein ernstes Problem darstellt - ein Problem freilich, dem Schirrmachers Buch, das vor "Alarmismus", "Dramatisierungsfloskeln", "krachender Rhetorik" und "Angstbildern" nur so strotzt, seines Erachtens nicht gerecht wird. Interessant findet Reinecke den Text lediglich als "Symptom einer Krise", "als Versuch, die Figur des Intellektuellen unter verschärften medialen Bedingungen zu verteidigen". Doch auch dieser Versuch geht für Reinecke in die Hose: "Der Typus Schirrmacher", analysiert Reinecke, "ist ein Intellektueller im Schrumpfstadium". So hält er Schirrmacher vor, sein Kerngeschäft, die Reflexion, vor lauter Wille zur Wirkung aufgegeben zu haben.

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Kaum haben wir den Schock des Rentendesasters einigermaßen verdaut, steht einer auf und warnt vor ganz anderen Gefahren, die uns im Alter drohen: Nicht nur die ökonomischen, sondern vor allem die sozialen und psychischen Folgen des Alterns werden unsere Gesellschaft kaputtmachen. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat viele Informationen zusammengetragen und spannend aufbereitet, mit deren Hilfe er zum Umdenken anregen will. Nur wenn die Angehörigen der zahlenmäßig starken Generation der Baby-Boomer jetzt etwas am Selbstbild der Alten ändern, werden sie selbst noch einen lebenswerten 80., 90. oder gar 100. Geburtstag feiern können. Ein sehr gutes, provozierendes, leicht lesbares Buch. Etwas Kritik muss dennoch erlaubt sein: Spätestens nach 100 Seiten gibt es nicht viel Neues mehr, sondern man begegnet immer wieder den gleichen Thesen, Anekdoten und Formulierungen. Aber Schirrmacher öffnet die Augen für ein verdrängtes Phänomen, darum empfiehlt getAbstract.com dieses Buch ausnahmslos jedem, der sich für die Zukunft unserer Gesellschaft interessiert.
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"Glaubt man den Publizisten Frank Schirrmacher (,Das Methusalem-Komplott') und Claudius Seidl (,Schöne junge Welt'), wird in Zukunft die gefühlte Zwölfjährigkeit bis ins hohe Rentenalter verlängert. Insofern sind Horden von weißbärtigen Boardern nur eine Frage der Zeit."

"Eine Frage von allgemeinerem Interesse ist, ob Claudius Seidls "Schöne junge Welt" gegen Frank Schirrmachers ,Methusalem-Komplott' ankommt. Auf den ersten Blick jedenfalls hat der Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein Gegenbuch zum Bestseller seines Herausgebers geschrieben. Schirrmacher beschreibt, wie ein gewaltiger gesellschaftlicher Krisenknoten sich schürzt. Seidl erzählt von einer unblutigen Revolution der Lebensläufe, die jedem einzelnen mehr Glückschancen eröffnet. Bei genauerem Hinsehen jedoch ergänzen sich die beiden Bücher. Eine Eigenschaft der alternden Gesellschaft ist ja, daß die alten Zausel, aus denen sie sich zusammensetzt, ewig jung bleiben und auf teuren Partys lange Beine mit spitzen Pumps am unteren Ende anstarren wollen. Beide Bücher zusammen eröffnen den Blick auf die irgendwie süße und klebrige Zukunft unserer Gesellschaft als Methusalem-Kompott."
Frank Schirrmacher, Jahrgang 1959, Studium in Heidelberg und Cambridge, Promotion. Seit 1994 ist er einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 2004 sagte er dem Altersrassismus den Kampf an - für sein Buch "Das Methusalem-Komplott" erhielt er u. a. den "Corine-Sachbuch-Preis" und die Auszeichnung "Journalist des Jahres 2004". Mit "Minimum" landete er 2006 erneut einen publizistischen Coup und setzte das Thema des Jahres. 2007 erhielt er als erster Journalist den "Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache" und wurde 2009 mit dem "Ludwig-Börne-Preis" ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Blessing "Payback". Frank Schirrmacher lebt in Frankfurt und Potsdam.

Leseprobe zu "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher

Sie gehören dazu

Sie wissen es zwar noch nicht: aber Sie gehören dazu. Da Sie imstande sind, dieses Buch zu lesen, zählen Sie zu denjenigen, denen der Einberufungsbescheid sicher ist. Die große Mobilmachung hat begonnen. Im Krieg der Generationen sind Sie dabei. Sammeln Sie sich und seien Sie getrost: Sie gehören auf die Seite der Menschen, denen es in den nächsten Jahrzehnten aufgegeben ist, eine Revolution anzuzetteln.

Es klingt dramatisch, und das ist es auch. Tatsächlich ist unsere Lage unhaltbar geworden. Noch befestigen wir unsere Rettungshaken am Alltag. So schlimm, sagen wir, kann es nicht sein. Der Nachrichtensprecher liest die Nachrichten und flüchtet nicht verstört aus dem Studio. Die Redakteure schreiben ihre Leitartikel und Kolumnen. Die jungen Leute auf der Straße sind zivil und umgänglich. Mütter schieben ihre Kinderwagen. Man hört noch keine Einschläge, die Front, sagen wir, ist noch fern.

Am Horizont der Zukunft aber baut sich eine der erbittertsten Streitmächte gegen die Alten auf, die es je gegeben hat. Sie marschiert auf uns zu, die wir heute 20, 30 oder 60 Jahre sind, denn wenn der Krieg beginnt, werden wir die Älteren sein. Und die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, nimmt dem Alternden alles: das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biographie. Unsere Lebensentscheidungen basieren auf Grundrissen und Daten eines vergangenen Jahrhunderts. Gingen wir mit dem Raum so um wie mit unserer Lebenszeit, würden wir mit Postkutschen reisen.

Wir müssen jetzt handeln. Nur noch wenig Zeit trennt uns selbst von der Stigmatisierung. Bis dahin sollten wir die Vorstellungen des Alters aus der Steinzeit - wo sie jetzt sind - in die Zukunft geholt haben. Es geht um nichts weniger als eine Revolution, vergleichbar mit den großen Befreiungsbewegungen der Vergangenheit.

Im Augenblick sammeln wir noch kritische Masse. Wenn in fünf bis zehn Jahren der Punkt des Umschlagens erreicht ist, wird wie mit Zauberhand eine veränderte Gesellschaft im Gesichtskreis jedes Einzelnen erschienen sein. Wie oft berichten Menschen von der Plötzlichkeit, mit der das Alter sie wachrüttelt. Ungläubig schlägt man die Augen auf, als wäre man nicht seit Jahren vorgewarnt, und plötzlich ist man alt. So wird es unserer Gesellschaft ergehen. Die unerschütterliche Logik der Abreißkalender sagt uns, dass die Drohung mit jedem neuen Geburtstag für uns alle wächst. Und doch tun wir so, als wäre es nicht unsere Zeit, die gerade abläuft.

Es ist die Erfahrung, die Ihnen seit Kindesbeinen vom Straßenverkehr geläufig ist. Irgendwann fahren nur noch die jeweils neuesten Modelljahrgänge herum, und gerade diese Abfolge präpariert für uns das Gefühl vergehender Zeit. Der Opel Rekord von 1962, die Ente von 1968 und der VW-Käfer sind wie die Ziffern auf einem Kalender. Uns geschieht das Gegenteil: Immer mehr Menschen bleiben immer länger beieinander, und die Zeit scheint stillzustehen. Viele von uns werden gleichzeitig mit ihren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern auf der Welt sein. Zum ersten Mal entsteht etwas, was in der Evolution nicht vorgesehen, ja von ihr mit allen tödlichen Tricks verhindert werden sollte: eine nicht mehr fortpflanzungsfähige Gruppe, die ihren biologischen Zweck längst erfüllt hat, nicht mehr repariert wird und von der Natur auf Abruf gestellt wird, bildet die Mehrheit innerhalb einer Gesellschaft. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird die Zahl der Älteren größer sein als die der Kinder.

Sammeln Sie sich und seien Sie getrost, denn Sie gehören auf die Seite dieser Älteren. Wir alle haben die große Aufgabe unseres Lebens noch vor uns. Wir werden vielleicht schwächer sein als jetzt, aber wir werden in der Überzahl sein.

Es geht um unsere Seelen, aber es geht nicht um Sentimentalitäten. Es geht um unser Selbstbewusstsein und unsere Sicherheit und damit um die Stabilität der Gesellschaft, in der wir leben werden. Und es geht um Eigennutz auch im Interesse der kommenden Generationen. Die Diskriminierung des Alterns und des Alters wird weltweit zu einem ökonomischen und geistigen Standortnachteil. Im Jahre 2050 werden allein in China so viele über 65-Jährige leben wie heute auf der ganzen Welt. Angesichts solchen Wachstums an Alter wird jene Gesellschaft am erfolgreichsten sein, deren religiöse oder kulturelle Überzeugungen das Alter schöpferisch machen können. Wir sind, so paradox es klingen mag, als Alternde in einer alternden Gesellschaft zugleich Anführer und Opfer einer neuen Globalisierungswelle. Im Kern geht es um das Bestreben jedes einzelnen Menschen auf dieser Welt, so lange leben zu können wie möglich. Das ist das eine. Das andere aber ist das wachsende Bedürfnis der Welt, den Menschen genau dieses Bestreben auf mehr oder minder deutliche Weise auszureden. In manchen Ländern dieser Erde nimmt man den Älteren Haus, Hof und Nahrung; in anderen Gesellschaften, zu denen wir gehören, beraubt man sie des Selbstbewusstseins und der Lust am Leben.

Auch mit der Umwälzung all unserer Erfahrungen, Werte, Erkenntnisse ist es nicht getan. Was wir für richtig und gut halten, was wir Erfahrung nennen, was uns groß und stark gemacht hat - all das zerreiben die Walzen des Alterungsprozesses. Er ist der rücksichtslose Gleichmacher. Denn was zählen vergangene Erfolge, Schönheit, Lebenserfahrung und selbst Reichtum im Zeichen des Alters? Wie die Hobbits im Auenland leben wir ahnungslos dahin, bei Spiegeleiern, Pfeifentabak und all dem, was zur Wärme des Lebens gehört. Aber am Horizont zeigt sich schon die neue Macht, die unser Leben und unsere Lebensform für immer ruinieren will.

Nehmen Sie es ernst: Es geht um die Hälfte Ihres gelebten Daseins, um eine Lebensspanne, die mindestens so lange dauert wie Geburt, Kindheit, Jugend und Ausbildung. Vergessen Sie all die Fehlalarme der letzten Jahrzehnte. "Anders als etwa bei der Klimakatastrophe, kann es keinen Zweifel geben, wann und wo das globale Altern beginnt", schreibt der ehemalige amerikanische Wirtschaftsminister Peter G. Peterson, und die Bevölkerungsforscher geben ihm Recht. Unser Altern wird nicht gemütlich sein. Es wird keine Ohrensessel, Kaminfeuer und Vorratskammern geben. Wir können nicht zu Hause bleiben. Wir müssen losziehen, solange wir noch stark und selbstbewusst sind. Selten hat eine Gesellschaft so klar sagen können wie die unsere: Wir müssen in den nächsten 30 Jahren ganz neu lernen zu altern, oder jeder Einzelne der Gesellschaft wird finanziell, sozial und seelisch gestraft. Es geht um die Befreiung jenes unterdrückten und unglücklichen Wesens, das wir verdrängen und das heute noch nicht existiert. Es geht um unser künftiges Selbst.

Unsere Zukunft

Kein Mensch wird gerne alt. Diese persönliche Empfindung wird in den nächsten fünf Jahrzehnten auf nie gekannte Weise zu einer öffentlichen, die individuelle Verwundung durch das Altern wird zu einer Massenerscheinung werden.

Jeder, der jetzt schon älter ist als Mitte 30, kennt die privaten Tragödien: Er beginnt in unserer Gesellschaft zu leiden. Er leidet an seinem Aussehen, am Arbeitsmarkt, an ersten Leistungseinbußen und Krankheiten, an der Sterblichkeit schlechthin.

Es gibt ein Leiden, das uns der älter werdende Körper verursacht. Wie ein Auto, das einmal der Stolz der Straßen war und alle Blicke auf sich zog, nun, im Laufe seines Älterwerdens seinem Besitzer zwar noch nützlich, aber zunehmend eine Last und sogar peinlich wird; und gewiss kennen Sie die Modelle, die mit Spoilern und zusätzlichen Scheinwerfern jene Kraft und Jugend ausstrahlen sollen, die sie laut Zulassung längst verloren haben. Aber es gibt ein noch gefährlicheres Leid, das die Gesellschaft dem alternden Lebewesen bereitet. Sie jagt das alternde Auto auf der Autobahn, wenn es nicht freiwillig zur Seite geht, sie stört sich an seinen Geräuschen, sie hält es für eine Umweltbelastung und entzieht ihm am Ende aus Sicherheitsgründen die Zulassung, auf öffentlichen Straßen und Plätzen in Erscheinung zu treten. Wir brechen den Vergleich hier ab; es reicht zu wissen, dass wir aus Gründen, auf die wir später eingehen werden, Verachtung und Wut herausfordern, wenn wir uns in einem alten oder verbrauchten Körper, Gehäuse oder Kostüm bewegen.

Wer heute lebt, nimmt an einem in der Menschheitsgeschichte einzigartigen und von uns allen nicht vorhersehbaren Abenteuer teil. Nicht nur Menschen, ganze Völker werden altern. Die Bewohner des alten Europa erleben dabei ein besonderes Paradox, nämlich den Angriff von zwei Fronten. Sie leben länger, und sie bekommen weniger Kinder. Die Bevölkerungsdynamik wird vom Sterben geprägt sein, nicht mehr von der Geburt. Gesellschaft und Kultur werden so erschüttert sein wie nach einem lautlosen Krieg. Deutschland wird älter und zahlenmäßig schwächer werden - nach Schätzungen der UN im Jahre 2050 um zwölf Millionen Menschen. Das sind mehr als die Gefallenen aller Länder im Ersten Weltkrieg. Im Tierreich wäre diese Population zum Aussterben verurteilt. In der Anthropologie nennt man solche Arten: lebende Tote.

Politik zählt nicht, jedenfalls nicht im Augenblick. Die politische Lebensspanne beträgt 46 Monate, die Dauer einer Legislaturperiode. Gegen den Rat der Bevölkerungswissenschaftler rechnet sie sich mit der Lebenserwartung der Menschen reich - sie setzt sie niedriger an und gewinnt damit in der Gegenwart Luft zum Atmen. Peter G. Peterson berichtet in einem Artikel für 'Foreign Affairs', wie die Politiker im 20. Jahrhundert auf das unmittelbar bevorstehende Problemunserer kollektiven Alterung zu reagieren pflegten. "Von privaten Gesprächen mit den Regierungschefs der großen Wirtschaftsmächte kann ich bestätigen, dass sie alle sehr genau darüber Bescheid wissen, welche erschreckenden demographischen Trends sich ankündigten. Aber bislang wirken sie wie paralysiert." Petersons Aufsatz, der sich noch heute wie das Manifest einer alternden Welt liest, ist, wie wir sehen werden, nicht zufällig dort erschienen, wo einige Jahre zuvor ein Text publiziert wurde, der die amerikanische Politik tief greifend verändern sollte: Samuel Huntingtons 'Clash of Civilizations', der nach dem Ende des Ost-West-Konflikts einen neuen Krieg der Kulturen, einen existentiellen Konflikt zwischen einem fundamentalistischen Islam und einem technologischsäkularen Westen heraufziehen sah.

Wir helfen den Politikern bei ihrem kollektiven Selbstbetrug durch unsere merkwürdige vorauseilende Koketterie mit dem Tode. Aus irgendwelchen Gründen tun wir nämlich so, als wären wir nicht gemeint. Viele glauben, sie erleben diese Zukunft nicht mehr. Andere misstrauen grundsätzlich der Demographie, obgleich die Gegenstände der Berechnung - die geborenen Menschen - ja schon mathematische Tatsachen geworden sind. Nicht nur die Politik, wir selbst rechnen uns unsere Lebenserwartung herunter, gerade so, als könnten wir die letzten Lebensjahrzehnte nur im Nebel ertragen. Jeder, der lesen kann, weiß, dass das Problem unserer Zukunft als Europäer und als Deutsche das gleiche Problem ist, das wir als Individuen haben: das Problem unserer gestiegenen Lebenserwartung. Wir aber, als gelte es einen aufkeimenden Verdacht zu zerstreuen, beeilen uns ungefragt, jedermann zu versichern, dass wir so alt gar nicht werden wollen.

Seien Sie - merkwürdige Bitte - einmal für einen Augenblick ganz und gar Egoist. Vergessen Sie für einen Augenblick die Altersrhetorik, die sich in Wendungen wie "So alt will ich gar nicht werden" und ähnlichen rhetorischen Ersatzhandlungen manifestiert - ein innerer Selbstabschaffungs-Monolog, auf dessen tiefere Ursachen wir noch zu sprechen kommen werden -, übersetzen Sie einfach in Alltagssprache, was Ihnen heute über Altern, Alter, Rente, Demographie ans Gehör dringt. Das Ergebnis dieser Übersetzung lautet: Ihr eigenes Altern, nicht das abstrakte Altern des statistischen Bundesamtes, wird bereits heute als Naturkatastrophe behandelt.

Die Rechenfehler der Politik sind verheerend für die wirtschaftliche Planung des Einzelnen wie für die Zukunft aller. In Wahrheit werden schon bald, wie das statistische Jahrbuch des Spiegel meldet, die ersten Lebenszeitmillionäre auftauchen. Im Alter von 114 Jahren hat ein Mensch eine Million Stunden gelebt. Uns wird die Paranoia der reichen Erblasser befallen, weil wir nichts anderes zu vererben haben als die Befreiung der Erde von unserer Existenz. In den Mienen und im Augenspiel der wenigen Jungen lesen wir das Urteil oder den Vorwurf, die Hoffnung oder Frage, in jedem Fall die Erinnerung an unser großartiges Versprechen: Warum seid ihr nicht tot?

Und dann sind da noch die Kinder der Kinder, jene, die ab dem Jahre 2025 zur Welt kommen müssten. Unsere Enkel. "Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten's besser aus." Der Spruch aus dem Bauernkrieg, von dem uralten Philosophen Ernst Bloch populär gemacht, galt immer als Beispiel dafür, wie die Abfolge der Generationen Zukunft schafft. Wir werden 'nicht' sein: ein Volk von Großvätern und Großmüttern. Wenn Sie an Schaukelstühle, Märchen und den Strickstrumpf denken, sind Sie in einem falschen Jahrhundert. Es wird zwar noch Großeltern geben, aber viel weniger Enkel. Der Soziologe Peter Schimany spricht bereits von einem "historisch neuen Knappheitsverhältnis", in dem es zu einem Mangel an Verwandten überhaupt, insbesondere aber zu einem Verschwinden der Enkel kommt. Die Großelternrolle, mit der so viele Ältere früher ihre gesellschaftliche Nützlichkeit unter Beweis stellen konnten, wird seltener gespielt werden können. Viele Großeltern teilen sich wenige Enkel. Die 12-Jährigen von heute werden einmal nicht nur die am stärksten besetzten Jahrgänge der 60-Jährigen sein. Sie werden in einer Gesellschaft leben, in der die 80-Jährigen und Älteren nicht mehr wie heute vier Prozent (3,2 Millionen), sondern zwölf Prozent der Bevölkerung (9,1 Millionen) stellen. Die Hälfte des Landes wird älter als 48 Jahre alt sein, nach anderen Berechnungen sogar älter als 52 Jahre. Das ist eine Gesellschaft, die fast nichts mehr mit der heutigen zu tun haben wird. Sie wird noch über die gleichen Autobahnen und Eisenbahnschienen verfügen, aber ihre seelische Infrastruktur - die Beziehungen zwischen den Generationen - wird völlig verwandelt sein.

Die gesprengten Fesseln der Lebenserwartung

Unser Alltags- und politisches Bewusstsein unterschätzt nicht nur das Ausmaß des demographischen Bebens, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Risse in unserer Welt zeigen werden. Der Eintritt der Babyboomer ins Rentnerdasein wird in der ganzen westlichen Welt einen Altersschub auslösen und wie ein nie verglühender Raketentreibsatz über Jahrzehnte Millionen von Menschen, Einzelne, die sich zu ganzen Völkern summieren, über die Datumsgrenze des 65. Lebensjahrs katapultieren; nicht nur in eine neue ökonomische und soziale, sondern auch in eine fremde seelische Welt. Den Countdown dieser gewaltigen Mission haben die amerikanischen Bevölkerungsinstitute mit großem Alarm vordatiert: "In den USA haben die Versuche, den Terrorismus zu bekämpfen, andere eminente soziale Probleme in den Hintergrund gerückt. Aber die Uhr tickt, und die Babyboomer nähern sich der Pensionierung ... Bisher glaubte man, dass die ersten Boomer im Jahre 2011 in den Ruhestand treten, und die Alterswelle uns dann erst erreicht. Heute ist die Annahme realistischer, dass die erste Welle uns bereits im Jahre 2008 trifft."

Übersetzt man sich die Schätzungen in Bilder, dann wird die Erde wie ein riesiges Altersheim durchs Weltall kreisen. Wie viel Senilität, Vergesslichkeit, Altersdemenz, wie viel Krankheit wird in diesem kollektiven Bewusstsein sein? Wie viel Angst und schlechtes Gewissen, Selbsthass und - Hass?

In den USA wird alle 7,5 Sekunden ein Babyboomer 50. Alle 7,5 Sekunden ereignet sich eine Mikrokatastrophe. Alle 7,5 Sekunden bekommt das Leben, in den Worten Mark Aurels, schlechte Gesellschaft. Die Babyboomer, die zwischen 1950 und 1964 geborenen Generationen, werden spätestens in dem Moment, in dem sie in Rente gehen, die ganze westliche Welt in einen Ausnahmezustand versetzen.

Dessen revolutionäre Sprengkraft kann die Statistik nicht erfassen. Wie jeder weiß, ist die Statistik seelenlos. Sie nennt den alt, der in Rente geht. Der Altenquotient beziffert das Verhältnis von Ernährern und Ernährten. Aber die Geister des Alterns kommen viel früher als der Bescheid der Rentenanstalt, ja, sie siedeln sich oft schon Jahrzehnte vorher im Seelenhaushalt der Menschen an, erst noch versteckt in den dunkelsten Nischen des Kellers, bald zwischen Schränken und hinter Spiegeln, schließlich beherrschen sie das Haus und alle seine Versorgungskanäle.

Leseprobe zu "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher

Warum wir uns sogar schuldig fühlen zu altern (S. 170-171)

Die nach dem Krieg geborenen Deutschen haben in der Zeit ihrer Jugend – in der alten Bundesrepublik – stets mit dem Gefühl ihrer Auslöschung gelebt. Wer damals auf der Welt war, erinnert sich noch heute an das Klima ständiger Selbstabschaffungsängste, Dasein war Schuld, unser pures Vorhandensein eine Last. Wir wissen, was es bedeutet, Teil eines Problems zu sein. Wir sind Teil der Überbevölkerungs- und Umweltvergiftungskatastrophe, wir sind verantwortlich für das Ozonloch oder das Waldsterben, wir vergeuden täglich Ressourcen. Wir fühlen uns schuldig an der Natur, oder genauer gesagt: an dem biologischen System, dem wir nun ausgerechnet auch unser Altern zu verdanken haben. Jeder aus der Generation der »19« ist von dem Schuldgefühl durchdrungen, einen Frevel an der Natur zu begehen. Wir haben nicht nur das Gefühl, in eine Welt hineingeboren zu sein, deren ökologische Balance gestört ist; wir haben auch die Gewissheit, durch unsere bloße Existenz an der Vergiftung der Welt mitzuwirken.

Eine Generation, die sich wie auf Zehenspitzen bewegt, um das Gleichgewicht nicht weiter zu beeinträchtigen, und dort, wo sie eines wiederhergestellt hat, erkennt, dass sie es in hunderttausend anderen Fällen ruinierte. Was wir sind und wie wir gelernt haben, uns zu sehen – das sagt in unvergleichlich einfachen Worten der Evolutionsbiologe Niles Eldredge: Er vergleicht unser menschliches Wirken mit dem Einschlag der Meteoriten, die mehrfach das Leben auf der Erde vernichteten: »Ohne Zweifel haben wir mit unserer Ozonzerstörung, unserem Treibhauseffekt und unseren großflächigen Rodungen zur landwirtschaftlichen Nutzung tatsächlich die Rolle der kreidezeitlichen Asteroiden übernommen. Wir arbeiten mit natürlichen Vorgängen der Umwelt zusammen, die bereits im Gange sind, und könnten durchaus den Vormarsch auf das nächste Massenaussterben beschleunigen…

Die Art, um deren Erhalt es letztlich geht, ist unsere eigene.«128 Solche Sätze verwundern uns nicht. Wir finden sie kritisch und mutig. Als Konsequenz entwickeln wir ein modernes Schuldgefühl, dessen zentrale Anklagepunkte lauten: Man wird geboren, man lebt, atmet, fährt Auto und stirbt nicht früh genug. Das Schuldgefühl gegenüber dem Leben – oder dem, was wir »Natur« nennen – ist die Erbsünde unserer Generation. Fast alle leiden wir täglich, stündlich unter ihr: nach jedem Einkauf, jeder Dusche, jeder der »Sünden«, die sich tief in unser Unterbewusstsein eingenistet haben, und die, so klein sie sein mögen, immer einen globalen Furcht-und-Zittern- Bezug haben – so muss es dem mittelalterlichen Menschen mit der Angst vor dem Fegefeuer ergangen sein. Unsere Schuldlust ist deshalb paradox, weil wir – anders als die Generationen vor uns, (bislang jedenfalls) kein Unheil über die Welt gebracht haben: Wir Deutschen haben fast ein Lebensalter lang keine Kriege angezettelt, keine Menschen gejagt, wir haben selten aufgetrumpft und keine fremden Völker unterworfen. Wir haben, mit einem Wort, eigentlich alles besser gemacht als unsere Vorfahren.


Leseprobe zu "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher

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Inhaltsangabe

Inhalt
- Sie gehören dazu
- Unsere Zukunft
Teil 1
- Die Heraufkunft der alternden Gesellschaft
- An- und Abfahrtzeiten der Generationen
- Deutschland im Vergleich zur Welt
- Der Krieg der Kulturen
- Der Krieg der Generationen
Teil 2
- Das Komplott
- Das Ende des Jugendkults
- Jugend, Schönheit, Fortpflanzung
- Warum wir uns so schämen, alt zu werden
- Das soziale Altern
- Das ökonomische Altern
- Die Cyber-Jugend
- Die Kosten unseres Sterbens
- Das geistige Altern
- Die Methusalem-Generation
Teil 3
- Die Mission
- Hollywood in der Revolte
- Kinderbücher, Witze, Glückwunschkarten
- Entmündigung durch Sprache
- Warum wir uns sogar schuldig fühlen zu altern
- Ein Kampf um den Kopf
- Ratschläge des alten Herzens
Teil 4
- Die neue Selbstdefinition
- Nach uns
- Ein paar Mitverschwörer
Danksagung
Anmerkungen
Personenregister

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