Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Miriam Hefti hat Ingeborg Bachmanns "Kriegstagebuch", das Auszüge aus ihrem Tagebuch von 1945 sowie elf an sie gerichtete Briefe des britischen Besatzungssoldaten Jack Hamesh versammelt, nicht nur als aufschlussreiches Dokument für die frühen Jahre der Schriftstellerin gelesen. Indem Bachmanns Aufzeichnungen den Briefen des jungen Soldaten gegenübergestellt werden, entspannt sich ein "stummer Dialog" zweier Einsamer, so die Rezensentin gefesselt. In gewisser Weise werde in der Verbindung der Tochter eines NSDAP-Mitglieds und eines österreichischen Juden, der nur durch einen Kindertransport nach England der Ermordung entkam, schon die Beziehung zu Paul Celan "vorweggenommen" meint Hefti interessiert. Besonders fesselnd fand sie auch den Werdegang von Hamesh, der später nach Palästina ging und sich vom überzeugten Marxisten zum Zionisten wandelte. So spiegelt sich für die faszinierte Rezensentin in diesem Band auch die Einsamkeit und Heimatlosigkeit einer ganzen Generation.
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 | Besprechung von 23.04.2010 |
Der schönste Sommer meines LebensDas Kriegsende hat die Achtzehnjährige nicht als Katastrophe erlebt, sondern als Befreiung: Ingeborg Bachmanns "Kriegstagebuch" und Jack Hameshs Briefe an sie sind eine Entdeckung.
Vor zwei Jahren erschien unter dem Titel "Herzzeit" der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Zu diesem Dokument der Freundschaft zwischen der jungen österreichischen Lyrikerin, die Gedankliches mit dem poetischen Bild so wirkungsvoll ins Gleichgewicht brachte, und dem Dichter des jüdischen Czernowitz, der in seiner "Todesfuge" wie niemand nach ihm das Inferno der Vernichtungslager beschwor, gibt es ein Vorspiel. Das zeigt nun das gerade erschienene "Kriegstagebuch" Ingeborg Bachmanns.
Im Frühsommer 1945 wird die Achtzehnjährige ins Büro der in Kärnten stationierten 8. Britischen Armee (ins Büro der Field Security Section) in Hermagor gerufen, wo sie Jack Hamesh nach ihrer Vergangenheit in der nationalsozialistischen Jugendorganisation des BdM befragt. Ihr Tagebuch beschreibt ihn so: Er "ist klein und eher hässlich, Augengläser, spricht fließend deutsch mit einem Wiener Akzent". Wer ist dieser Jack Hamesh? Er …
 | Besprechung von 17.04.2010 |
Im Garten lesen, bis die Bomben kommen
Ein jüdisch-britischer Besatzungssoldat verliebt sich in eine
achtzehnjährige Kärntnerin: Zur Erstpublikation von Ingeborg
Bachmanns „Kriegstagebuch” aus den Jahren 1944/45
Ob man um die träumerischen Tagebucheinträge eines achtzehnjährigen
Backfischs wirklich so viel Aufhebens machen soll? Um nichts
weniger als sechs handbeschriebene DIN-A-4-Blätter? Auch wenn das
junge Fräulein Ingeborg Bachmann heißt, ist man zunächst doch etwas
verwundert. Und die elf Briefe des sechsundzwanzigjährigen
britischen Besatzungsoldaten Jack Hamesh, die ihnen zur Seite
gestellt sind und drucktechnisch den weitaus größeren Teil
ausmachen, verweigern sich von vornherein einem literarischen
Anspruch. Dennoch – es geht hier zweifellos um einen auratischen
Moment.
Der verdienstvolle Herausgeber Hans Höller befeuert ihn in seinem
Nachwort mit wohl sämtlichen auffindbaren Querbezügen zu Bachmanns
Werk und fügt ihn nahtlos ein in den philologisch längst aufwendig
bestückten Bachmann-Kosmos. Da fällt es immer schwerer, die kurzen
Notate ausschließlich als das zu lesen, was sie zunächst sind:
Selbstvergewisserungen einer …
"Es ist dies, nach der Publikation des Briefwechsels Herzzeit zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vor anderthalb Jahren, wieder eine kleine Sensation, die Literaturgeschichte schreiben wird. Auch dank des vorzüglichen Kommentars von Herausgeber Hans Höller entsteht ein Zeitbild, dessen Tentakel bis in Bachmanns künftiges Werk hineinreichen. Die Besonderheit dieser Tagebuchblätter liegt überhaupt eher im Detail des gelebten Widerstands, im Rausch des unverhofften Friedens, im Glück der Befreiung."
Ina Hartwig Die Zeit
»Was diesen sensationellen Fund so faszinierend macht, ist nich nur die Tatsache, dass man hier die spätere Literatur-Ikone quasi als Jugendliche kennenlernt, einen Blick in ihr mentales Mädchenzimmer werfen kann. Was vielmehr so verblüffend wie anrührend wirkt, ist die Brechung des Historisch-Politischem im Prisma privater, ja intimer Erfahrung. So als geschähe hier absichtslos und unbewusst, was der Dichterin später in der Lyrik gelang: die Erhellung der Wirklichkeit im Licht der Subjektivität.«
Viel Bachmann-Text gibt es nun gerade nicht in diesem Band. Aus den sechs Seiten des "Kriegstagebuchs" werden 107 nur durch ein gründliches Nachwort und durch die elf Briefe des Soldaten Jack Hamesh, mit dem Bachmann eine nicht sehr lang währende Freundschaft/Beziehung verband. Hamesh war Jude und als britischer Soldat mit den Siegern in seine einstige österreichische Heimat zurückgekehrt. Als sie ihre gemeinsame Liebe zur Literatur entdecken, kommen Bachmann und Hamesh sich nahe. Von einem handelsüblichen Achtzehnjährigen-Tagebuch unterscheidet sich, was hier abgedruckt ist, offensichtlich nur, wenn man um die zukünftige Bedeutung seiner Autorin weiß. Recht überzeugend findet es der Rezensent Helmut Böttiger offenbar, wie sich Herausgeber und Bachmann-Kenner Hans Höller bemüht, wo immer es geht, Bezüge und Querverbindung in die Zukunft herzustellen. Was aus Jack Hamesh wurde, nachdem er 1946 nach Palästina ging, ist im übrigen unbekannt.
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Ingeborg Bachmann, geb. 1926 in Klagenfurt, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsgeneration. Ihr Werk umfaßt Romane, Kurzprosa und Lyrik, aber auch Übersetzungen aus dem Italienischen. 1964 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen. Sie starb 1973 in Rom.