Wenn wir Tiere wären - Genazino, Wilhelm

Wilhelm Genazino 

Wenn wir Tiere wären

Roman

Gebundenes Buch
 
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Wenn wir Tiere wären

Das Leben in der modernen Welt verlangt zu viel: tägliche Anwesenheit am Arbeitsplatz, inklusive Engagement und freundlichem Gesicht, die Benutzung von Verkehrsmitteln und den Besuch von Supermärkten. Und dann auch noch das Privatleben. Unausweichlich kommt der Moment, in dem ein Mann nicht mehr weiterweiß - und ehe man sichs versieht, sind es statt einer sogar drei Frauen. Ach, wenn wir doch Tiere wären und die täglichen Zumutungen einfach übersehen könnten! Wilhelm Genazino erzählt ironisch, witzig und böse von einem Mann, der den Alltag nur ertragen kann, indem er das ordentliche Regelwerk durchbricht.


Produktinformation

  • Verlag: Hanser
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 158 S.
  • Seitenzahl: 158
  • Best.Nr. des Verlages: 505/23738
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 21mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783446237384
  • ISBN-10: 3446237380
  • Best.Nr.: 33334149

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Jochen Jung mag sie offenbar sehr gern, diese wundersame Erzählwelt des Wilhelm Genazino, die von Menschen bevölkert wird, deren Leben nicht größer und glücklicher ist als das eigene. Im vorliegenden Roman geht es um einen Architekten in einer namenlosen Kleinstadt, der sich nicht wirklich sein Leben zu organisieren schafft, allenfalls die Frauen, die er für seine sexuelle Befriedigung braucht. Was dem Rezensenten an dieser Geschichte fasziniert, sind die "wunderbaren Fundstücke", die Genazino am Wegrand aufsammelt und ein feinsinniger Humor, der Jung sehr an Loriot erinnert.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.07.2011

Die Sehnsucht nach Rollmöpsen
In seinem neuen Roman „Wenn wir Tiere wären“ flüchtet Wilhelm Genazino flügelschlagend aus dem Alltag
Es ist schon beeindruckend, mit welcher Konsequenz die Figuren Wilhelm Genazinos immer einsamer werden. Sie wehren sich zwar gegen die Unzumutbarkeiten des täglichen Lebens und die Peinlichkeitsschwellen, aber so, wie die gesellschaftliche Entwicklung unaufhaltsam fortschreitet, wird auch das Schamgefühl der Genazino-Menschen immer größer. Obwohl in seinen Romanen Politik keine Rolle spielt, sind sie ein schmerzhaft genauer Spiegel der Veränderungen. Über Fußgängerzonen, Einfamilienhäuser und Arbeitsverhältnisse erfährt man nirgendwo Heftigeres als bei Genazino. Sein Abseits wird rasend.
Die Bücher dieses Autors sind nie gleich. Noch dazu hat in den letzten Jahren eine schleichende Radikalisierung stattgefunden. Es gibt natürlich jedes Mal so etwas wie den typischen Genazino-Protagonisten, es gibt Ähnlichkeiten im Uneinssein mit den Einverständnissen der Mitbürger, Kommunalpolitiker und Geschäftsleute, aber die Balance, in der diese Randfigur sich und die Umgebung auszutarieren trachtet, wird immer prekärer. …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 30.07.2011

Zu weich für Hertie

Der hysterische Mann: Wilhelm Genazino schickt seinen kauzigen Protagonisten in eine überreizte Welt, in der nur Tiere glücklich sein können.

Von Sandra Kegel

Als Kind ging er, wenn sein Leben ins Stottern geriet, auf den Rummelplatz. Und noch als Erwachsener tröstet es ihn, sich zwischen den Buden herumzutreiben. Die Musik und der Vergnügungslärm wirken auf den Melancholiker wie ein Antidepressivum. "Obwohl er das Gegenteil versprach", meint der Besucher, "war der Rummelplatz in Wahrheit ein Volksdepressionsplatz". Von dieser Erkenntnis gestärkt, verlässt er den Jahrmarkt wieder. Und ist sogar ein wenig zufrieden.

Das geschieht ihm selten genug. Und damit ist er im Kosmos seines Schöpfers Wilhelm Genazino nicht allein. In seinem jüngst erschienenen Roman "Wenn wir Tiere wären" erzählt der achtundsechzigjährige Büchnerpreisträger aufs Neue, ebenso traurig wie komisch, von einem Großstadtbewohner, der aus der Zeit gefallen scheint und dem das Talent zur reibungslosen Bewältigung des Alltags fehlt.

Die grundsätzliche Verlegenheit seiner Protagonisten angesichts ihrer Existenz ist seit vielen …

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"Ein ebenso skurriler wie vergnüglicher Roman. Das Buch leuchtet mit sanfter Leichtigkeit in die nachtschwarzen Abgründe des Daseins." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 23.07.11 "Der neue Genazino ist ganz der Alte: Ein Meisterwerk." Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 23.07.11 "In seinem jüngst erschienen Roman erzählt der achtundsechzigjährige Büchnerpreisträger aufs Neue, ebenso traurig wie komisch, von einem Großstadtbewohner, der aus der Zeit gefallen scheint und dem das Talent zur reibungslosen Bewältigung des Alltags fehlt. ... Ein kluges, witziges und böses Buch." Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.11
Wilhelm Genazino, geb. 1943 in Mannheim, lebt heute als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. 1998 erhielt er den 'Großen Literaturpreis' der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2004 den 'Georg-Büchner-Preis'. 2007 wurde Wilhelm Genazino mit dem 'Kleist-Preis' und der 'Corine' ausgezeichnet. 2010 erhielt er den 'Rinke-Sprachpreis' und im Jahr 2012 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

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Bewertung von LitSolo aus Frankfurt am Main am 29.12.2011 ***** ausgezeichnet
Vom Stil zur Masche
Rezension der Erzählung „Wenn wir Tiere wären“ von Wilhelm Genazino
Wer keine hohen Ansprüche an eine Erzählung stellt, keinen erkennbaren Handlungsfaden, gar eine Struktur, keine Hauptperson, in die sich ein Leser gern nach und nach hineindenkt, und keinen durchweg stimmigen Erzählton erwartet, der mag mit Wilhelm Genazinos „Wenn wir Menschen wären“ zufrieden sein. Der einigermaßen hohe Ansprüche an einen Roman stellende Rezensent gesteht jedoch: dass er einigen Gefallen an der Figur des Ich-Erzählers gefunden hat, der wie immer schon bei Genazino ein ziellos durch die Straßen und durchs Leben bummelnder Zeitgenosse ist, „der übliche Soldat der Wirklichkeit, der aufnimmt, was sich ereignet“ ; dass ihn die verwickelten Reflexionsfäden dieses Soldaten der Wirklichkeit über einen stringenten Plot hinwegtrösten konnten; dass er an einigen gelungenen Stellen auch mit einem Auflachen zu salutieren hatte.
Im Vergleich zu einem anderen fiktiven Soldaten der Wirklichkeit jedoch, der Figur des Frank Lehmann in Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ nämlich, fehlt es Genazinos Erzählung an Komik, an stilistischer Lockerheit und vor allem an Authentizität. Wenn der Rezensent sich auch nicht an Textstellen bei Regener erinnert, über die er lauthals gelacht hat, so ist ihm doch der Eindruck geblieben, dort einen Autor kennen gelernt zu haben, der Situations- und Charakterkomik konnte. Das frische, ungekünstelte Geschnodder der Lehmann-Figur unterscheidet sich auch – so meint zumindest der Rezensent – deutlich von dem zuweilen recht angestrengt im Alltagsmüll herumsuchenden und endlich fündig werdenden Balkongegucke und Mal-links-mal-rechts-rum-Nachgedenke in „Wenn wir Tiere wären“. Dass der Rezensent dem Ich-Erzähler Genazinos sein soldatisches Lebensprotokoll irgendwann nicht mehr glaubte, lag zum einen an ein paar erzählerischen Nachlässigkeiten, z.B. das Alter des Protagonisten, die Kontinuität einiger Charakterisierungen und die absichtliche oder unabsichtliche Wiederholung von Einzelbeobachtungen betreffend, zum anderen an der dem Rezensenten immer offensichtlicher sich zeigende Routine, mit der hier ein Büchner-Preisträger seinen Stil zur Masche verkommen ließ.
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Bewertung von erckenschwicker aus Tussenhausen am 03.08.2011 ***** ausgezeichnet
Genazino wieder einmal mehr erstklassig!

Wenn wir Tiere wären ... Kein Stoßseufzer, oder zumindest nur für ganz kurze Augenblicke. Der Architekt Michael setzt sich schonungslos den kleinen Eindrücken der Wirklichkeit aus, reflektiert das Dasein in der Auseinandersetzung mit alltäglichen Kleinlichkeiten, die durch seine minutiösen Beobachtungen in sein Innenleben drängen und sein Außenleben (mit)bestimmen. Er bewegt sich zwischen dem fortwährenden, seit Kindheit anhaltendem Drang nach Flüchten, nach Unverbindlichkeit, nach Unbehelligtgelassenwerden, vor allem auch nach Freiheit auf der einen Seite und aber ebenso der Sehnsucht nach einer Tiefe des Erlebens und des Gelingens andererseits.
Aber sind all diese Ebenen so einfach voneinander zu trennen, voneinander fernzuhalten? Natürlich nicht. Und so gerät der Suchende und Leidende in ständige Verwicklungen beim Bewältigen des Spagats zwischen Lebensgestaltung und Gelebtwerden. Einfacher ausgedrückt: Wo bleiben die eigenen Möglichkeiten qualitativen Seins vor dem Hintergrund fremdbestimmender Einflüsse und der tiefen Suche nach Selbstbestimmung?
Und dann noch all die Bindungsproblematik mit den Frauen (oder vielfach auch nur mit den erhofften, in der Phantasie ablaufenden Begegnungen), all die Spannungsmomente im Kontext von Liebe und reiner Lust, dann doch wieder die Bedenken vor den Wagnissen des Alleinseins ... Michael hat es nicht leicht, macht es sich vor allem auch nicht leicht. Wobei die Schwierigkeiten sich aus all den vielen Unausweichlichkeiten ergeben, die der Alltag so seinem Beobachtungshorizont zumutet.

Psychologisch perfekt, inhaltlich wohl schonungslos offen und ehrlich, sprachlich perfektioniert – all das macht dieses Buch nicht nur zu einem reinen Leseerlebnis, sondern auch zu einem Spiegel, Letzteres natürlich nur für diejenigen, die Selbstschau nicht scheuen und ihre eigentliche Beschäftigung mit dem Leben nicht überwiegend mit dem Fingerzeig auf andere ausfüllen.

Es sind also nicht die großen Ablenkungsgeschehnisse, die in ihrer (häufig gelenkten) Zerstreuungsabsicht und Gigantomanie uns Menschen letztlich doch nur an der Oberflächlichkeit verweilen lassen, die aus nämlichem Grunde zu Einsichten und Selbsterkenntnis führen können, sondern vielmehr die einfach klingenden, aber in der Umsetzung doch häufig schwierig zu bewältigenden – selbst wenn sie oft unausweichlich die Begegnung mit dem Individuum erzwingen! – , banalen Alltagseindrücke, die dann zu der tieferen Begegnung mit dem Selbst führen (können).
Daß hier das Leiden und in der Folge das Verdrängen dieses Leidens durch Suche nach Ablenkung oder auch “nur” durch Hinwendung zu anderen Kompensationsmechanismen vorgezeichnet ist, sollte nicht verwundern. Hier bekommt dann auch das Ausleben der sexuellen Lust (oder wenigstens das Sehnen danach) wiederum die leicht nachvollziehbare Verortung im Alltäglichen.

Genazino erfreut auch in diesem Buch wieder durch plastische, durchaus leicht nachvollziehbare Wortschöpfungen und bei seinem Umgang mit Sprache ist es schon bedeutsam, daß kein einziger Druckfehler sich in die Veröffentlichung einschleicht. Immerhin sind bei ihm das gekonnte Spielen mit Sprache, das akribische Suchen um den adäquaten Ausdruck, eine der Qualitäten und damit ein besonderer Wert, der sein Arbeiten kennzeichnet. Gleichwohl dürfte der Satz Was das endlich die Wahrheit? (Seite 131) doch wohl eher einem Versehen des Lektorats zuzuordnen sein. Und so sollte es wohl lauten: War das endlich die Wahrheit? Und die Wahrheit gibt es ohnehin nicht in objektivierbarer Form, sie ist zumindest für den Hauptakteur Michael seine zutiefst eigene Wahrheit, sofern er ihr überhaupt auch nur irgendwie näher gekommen ist. Vielleicht wollte er dies auch gar nicht.

Unbedingt lesen! – und sich dann auch nicht über das vielleicht etwas überraschende Ende groß wundern: Es ist sicherlich stimmig für den Lebensablauf dieser Romanfigur!

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