Leseprobe zu "Sonntags bei Tiffany" von James Patterson
Michael rannte, so schnell er konnte, die Straßen entlang - vorbei am Verkehrsstau - zum New York Hospital, wo Jane im Sterben lag, als er plötzlich von einer Szene aus seiner Vergangenheit verfolgt wurde, von einer wirren Abfolge überwältigender Erinnerungen, die ihn beinahe aus seinen Turnschuhen rissen. Er erinnerte sich, wie er mit Jane im Astor Court des St. Regis Hotel unter kaum vorstellbaren Umständen gesessen hatte.
Er erinnerte sich an alles - an Janes Früchtebecher mit Kaffeeeis und heißer Karamellsoße, an das, worüber sie gesprochen hatten -, als wäre es gestern gewesen. Die ganze Geschichte war kaum vorstellbar. Nein, nicht nur kaum, sondern alles andere als vorstellbar.
Wieder eines dieser unbegreiflichen Geheimnisse des Lebens, dachte Michael, während er noch einen Zahn zulegte.
Wie die Tatsache, dass Jane ihm jetzt nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, wegstarb.
Es war einmal in New York Jede Kleinigkeit dieser Sonntagnachmittage ist in mein Gedächtnis eingebrannt, doch statt bei der Sache mit mir und Michael gleich auf den Punkt zu kommen, werde ich mit dem weltbesten, leckersten und vielleicht sündigsten Eisbecher beginnen, der im St. Regis Hotel in New York City serviert wird.
Ich nahm immer das Gleiche: zwei faustgroße Kugeln Kaffeeeis, verwirbelt mit einem Strang heißer Karamellsoße, die dicker, klebriger und zäher wird, wenn sie die Eiscreme berührt. Darauf kam echte Sahne. Selbst im Alter von acht Jahren kannte ich den Unterschied zwischen echter Schlagsahne und dem gefälschten Nichtmilchprodukt aus der Sprühdose.
Auf der anderen Seite meines Tisches im Astor Court saß Michael, unanfechtbar der hübscheste Mann, den ich kannte oder, ich korrigiere, bis dahin kennengelernt hatte. Und der netteste, freundlichste und vielleicht klügste Mensch.
An jenem Tag beobachtete er mich mit seinen leuchtend grünen Augen, als ich mit unverhohlener Freude dem Kellner in weißer Livree entgegenblickte, der den Eisbecher mit quälender Langsamkeit vor mich stellte.
Michael bekam eine Schale mit Melonenkugeln und Zitronensorbet. Seine Fähigkeit, den Freuden eines Früchteeisbechers zu widerstehen, konnte mein kindliches Gehirn noch nicht begreifen.
"Vielen Dank", sagte Michael, der seine Liste beneidenswerter Eigenschaften durch ein hohes Maß an Höflichkeit ergänzte.
Woraufhin der Kellner _ nichts erwiderte.
In den Astor Court ging man, wenn man im St. Regis Hotel ein schickes Dessert haben wollte. An diesem Nachmittag saßen hier wichtig aussehende Menschen, die wichtig wirkende Gespräche führten. Im Hintergrund spielten zwei Geiger auf Symphonieorchesterniveau, als wären sie im Lincoln Center.
"Okay", sagte Michael schließlich. "Zeit, mit dem Jane-und-Michael-Spiel zu beginnen."
Mit strahlenden Augen klatschte ich in die Hände.
Das Spiel funktionierte so: Einer von uns deutete auf einen Tisch, der andere musste sich überlegen, um was für Leute es sich handeln könnte. Der Verlierer bezahlte das Dessert.
"Und los!" Michael streckte den Finger in Richtung dreier junger Mädchen in fast identischen hellgelben Leinenkleidern.
Ohne zu zögern sagte ich: "Debütantinnen. Erste Saison. Gerade den Abschluss an der High School gemacht. Vielleicht in Connecticut. Vielleicht - wahrscheinlich - Greenwich."
Michael legte den Kopf in den Nacken und lachte. "Du hast eindeutig zu viel Zeit mit Erwachsenen verbracht. Aber sehr gut, Jane. Ein Punkt für dich."
"Also gut." Ich deutete auf einen anderen Tisch. "Dieses Paar da drüben. Das aussieht wie die Cleavers in Leave it to the Beaver. Erzähl mir ihre Geschichte."
Der Mann trug einen graublau karierten Anzug, die Frau eine leuchtend rosa Jacke mit grünem Faltenrock.
"Ehepaar aus Nord-Carolina", ratterte Michael sogleich los. "Wohlhabend, Inhaber einer Tabakladenkette. Er ist geschäftlich hier. Sie begleitet ihn, um einen Einkaufsbummel zu machen. Jetzt erzählt er ihr, dass er die Scheidung einreichen will."
"Oh." Ich blickte auf den Tisch hinab und stieß kräftig die Luft aus, während ich den Löffel in meinen Eisbecher tauchte und ihn mir dann in den Mund schob. "Ja, anscheinend lassen sich alle Paare scheiden."
Michael biss sich auf die Lippen. "Ach nein, warte, Jane. Ich habe Unrecht. Er bittet sie nicht um die Scheidung. Er sagt ihr, er hat eine Überraschung - er hat eine Kreuzfahrt geplant. Auf der Queen Elizabeth II. nach Europa. Es sind ihre zweiten Flitterwochen."
"Klingt schon besser." Ich lächelte. "Ein Punkt für dich. Hervorragend."
Ich senkte den Kopf und bemerkte, dass mein Früchteeisbecher irgendwie fast verschwunden war. Wie immer.
Michael blickte sich theatralisch im Restaurant um. "Da sind welche, die errätst du nie", sagte er.
Er zeigte auf einen Mann und eine Frau nur zwei Tische entfernt.
Ich blickte hinüber.
Die Frau war etwa vierzig Jahre alt, gut gekleidet und atemberaubend hübsch. Man hätte sie für eine Filmschauspielerin halten können. Sie trug ein leuchtend rotes Designerkleid und passende Schuhe zu ihrer großen, schwarzen Handtasche. Alles an ihr sagte: Seht mich an!
Der Mann, mit dem sie am Tisch saß, war jünger, blass und sehr dünn. Er trug einen blauen Blazer, dazu einen gemusterten Seiden-Plastron, den man sich noch nicht einmal umgebunden hätte. Beim Sprechen gestikulierte er kräftig mit den Händen.
"Das ist nicht lustig", beschwerte ich mich, musste aber trotzdem grinsen und die Augen verdrehen.
Weil die beiden meine Mutter, Vivienne Margaux, die berühmte Broadway-Produzentin, und der diesjährige Promi-Friseur, Jason, waren. Jason, die Gewächshauspflanze, die keine Zeit für einen Nachnamen hatte.
Wieder blickte ich zu ihnen hinüber. Eines war sicher: Mama hätte angesichts ihrer Schönheit selbst Schauspielerin sein können. Als ich sie einmal gefragt hatte, warum sie keine geworden war, hatte sie geantwortet: "Schätzchen, ich will nicht nur auf dem Zug mitfahren, ich will ihn lenken."
Jeden Sonntagnachmittag, wenn Michael und ich im St. Regis beim Dessert saßen, nahmen auch meine Mutter und einer ihrer Freunde ihren Kaffee und ihr Dessert dort ein. Somit konnte sie tratschen oder sich beschweren oder Geschäfte abwickeln, mich aber trotzdem im Auge behalten, ohne direkt bei mir sein zu müssen.
Nach dem St. Regis ließen wir unsere Sonntage bei Tiffany ausklingen.
Meine Mutter liebte Diamanten, trug sie überall, sammelte sie wie andere ihre Kristalleinhörner oder seltsame japanische Katzen aus Keramik mit einer hochgehobenen Pfote.
Natürlich fanden diese Sonntage meine Zustimmung, weil Michael dabei war. Michael, der mein bester Freund auf der Welt war, vielleicht der einzige, den ich als Achtjährige hatte.
Mein imaginärer Freund.
Ich rückte näher zu Michael. "Soll ich dir was sagen?", fragte ich. "Das ist echt der Hammer."
"Was?", wollte er wissen.
"Ich glaube, ich weiß, worüber meine Mutter und Jason reden. Über Howard. Ich glaube, Vivienne hat ihn satt. Aus Alt mach Neu."
Howard war mein Stiefvater und der dritte Ehemann meiner Mutter. Jedenfalls der dritte, von dem ich wusste.
Ihr erster Mann war Tennisprofi aus Palm Beach. Er hatte ein Jahr lang gehalten.
Dann war Kenneth gekommen, mein Vater. Er hatte sich besser angestellt als der Tennisprofi - und drei Jahre lang ausgehalten. Er war echt süß, und ich liebte ihn, doch er war geschäftlich viel auf Reisen. Manchmal hatte ich das Gefühl, er hatte mich vergessen. Einmal hatte ich gehört, wie meine Mutter zu Jason sagte, Kenneth habe kein Rückgrat. Sie wusste nicht, dass ich gelauscht hatte. Sie hatte gesagt: "Er ist ein gut aussehender Waschlappen, der es nie zu was bringen wird."
Howard war schon zwei Jahre dabei. Er machte nie Geschäftsreisen, und seine Arbeit schien ausschließlich darin zu bestehen, Vivienne zu helfen. Er massierte ihre Füße, wenn sie müde war, kontrollierte, ob ihr Essen auch wirklich kein Salz enthielt, und stellte sicher, dass unser Fahrer samt Wagen rechtzeitig zur Stelle war.
"Wie kommst du darauf?", fragte Michael.
"Kleinigkeiten", antwortete ich. "Vivienne hat ihm immer Sachen gekauft. Schicke Slipper von Paul Stuart und Krawatten von Bergdorf Goodman. Aber jetzt hat sie ihm schon eine Ewigkeit nichts mehr geschenkt. Und gestern Abend hat sie zu Hause gegessen. Allein. Mit mir. Howard war nicht zu Hause."
"Wo war er?", bohrte Michael nach, den Blick voller Mitgefühl und Sorge.
"Ich weiß nicht. Als ich Vivienne gefragt habe, hat sie nur gesagt: >Wer weiß das schon, und wen kümmert das?<" Ich hatte die Stimme meiner Mutter nachgeahmt und schüttelte den Kopf. "Okay", fuhr ich fort. "Neues Thema. Rate mal, was Dienstag für ein Tag ist."
Michael tippte sich ein paar Mal ans Kinn. "Keine Ahnung."
"Komm schon, du weißt das ganz genau, Michael. Das ist nicht lustig."
"Valentinstag?"
"Hör auf!", schimpfte ich und trat ihn vorsichtig unter dem Tisch. Er grinste nur. "Du weißt ganz genau, was am Dienstag ist. Es ist mein Geburtstag."
"Ach ja. Puh, du wirst alt, Jane."
Ich nickte. "Ich denke, meine Mutter gibt eine Party für mich."
"Hm", machte Michael.
"Na ja, eigentlich ist mir die Party ziemlich egal. Ich hätte viel lieber einen richtigen eigenen Hund."
Michael nickte.
"Cat hat deine begann ich zu sagen, hielt aber mitten im Satz inne.
Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Vivienne den Scheck unterschrieb. Gleich würden sie und Jason an unserem Tisch stehen und mich mit sich fortzerren. Auch dieser für mich und Michael wundervolle Sonntagnachmittag im St. Regis näherte sich dem Ende.
"Da kommt sie, Michael", flüsterte ich. "Mach dich unsichtbar."
Vivienne, Jason im Schlepptau, schlenderte zu unserem Tisch, als wäre sie die Besitzerin des St. Regis. Niemand im Astor Court hätte geglaubt, dass diese wunderschöne Frau mit dem perfekten Make-up, der perfekten Haut und der perfekten Tönung auch nur im Entferntesten mit dieser pummeligen Achtjährigen mit dem krausen Haar und Karamellsoße auf den Wangen verwandt wäre.
Aber das waren wir. Mutter und Tochter.
Vivienne küsste mich auf die Wange und machte sich an die Arbeit. An die Arbeit mit mir.
"Jane-Herzchen Fast immer nannte sie mich "Jane-Herzchen", als hieße ich wirklich so. "Musst du immer zwei Desserts bestellen?"
Jason, der Promi-Friseur, versuchte zu helfen. "Sei doch nicht so, Vivienne. Das zweite Dessert war Melone. Das ist doch nicht schlimm. Klar, ein paar Kohlenhydrate, aber "Jane-Herzchen, wir haben uns über dein Gewicht unterhalten _", begann meine Mutter.
"Ich bin erst acht Jahre alt", unterbrach ich sie. "Wie wär's, wenn ich dir verspreche, dass ich später magersüchtig werde?"
Michael lachte so heftig, dass er beinahe vom Stuhl kippte.
Sogar Jason lächelte.
Vivienne verzog keine Miene. Wie immer versuchte sie, nicht die Stirn zu runzeln, weil sie nicht so schnell Falten bekommen wollte. Jedenfalls nicht vor neunzig oder so.
"Sei nicht so altklug, Jane-Herzchen." Sie drehte sich zu Jason. "Sie liest viel zu viele Bücher."
O ja, wie schrecklich, dachte ich.
Vivienne wandte sich wieder mir zu. "Wir werden später über deine Essgewohnheiten weiterreden. Privat."
"Allerdings ist die Melone gar nicht für mich gewesen", wandte ich ein. "Die hat Michael bestellt."
"Ah, ja." Vivienne klang gelangweilt. "Michael, der wunderbare, allgegenwärtige imaginäre Freund." Sie sprach zum Stuhl neben mir, der leer war, weil Michael auf der anderen Seite saß. "Hallo, Michael, wie geht's denn?"
"Hallo, Vivienne", grüßte Michael, der wusste, dass Vivienne ihn weder sehen noch hören konnte. "Mir geht's prima, danke."
Plötzlich zog Jason an meinem Haar.
"Hey!", beschwerte ich mich.
"Damit müssen wir endlich was machen", sagte er. "Vivienne, gib mir eine Stunde für dieses Haar. Es gibt keinen Grund, warum jemand so rumlaufen soll. Sie wird hinterher wie ein Vogue-Model aussehen."
"Toll!", schwärmte Michael. "Genau darauf hat die Welt gewartet - auf ein achtjähriges Mädchen, das aussieht wie ein Vogue-Model."
Ich zuckte zusammen und zog mein Haar aus Jasons Finger.
"Komm, Jane-Herzchen", forderte Vivienne mich auf. "Heute Abend habe ich volles Programm. Ich muss mich um die Proben kümmern." Ihr neuestes großes Broadway-Musical, Das Problem mit Kansas, hatte in wenigen Tagen Premiere.
"Aber zuerst können wir wie immer bei Tiffany vorbeifahren, meine Liebe. Unsere gemeinsame Zeit."
"Was ist mit Janes Haar?", beharrte Jason. "Für welchen Tag soll ich die Verschönerungsaktion einplanen?"
Michael schüttelte den Kopf. "Du bist perfekt, so, wie du bist, Jane. Du brauchst keine Verschönerung. Das darfst du nie vergessen."
"Werde ich nicht", versprach ich.
"Was wirst du nicht?", fragte Vivienne. Sie nahm eine Serviette, tunkte sie ins Wasserglas und putzte mir die Karamellsoße von den Wangen. "Eine Verschönerung ist eine tolle Idee, Jane-Herzchen. Es könnte bald eine große, schicke Party für dich geben."
Sie hat daran gedacht! Eine Geburtstagsparty! Plötzlich hatte ich ihr alles andere verziehen.
"Jetzt komm schon. Ich höre Tiffany rufen." Vivienne wirbelte auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen herum und stakste zum Ausgang, dicht gefolgt von Jason.
Michael und ich erhoben uns. Er beugte sich vor und küsste mich auf den Kopf, direkt auf das krause Haar, das Jason derartige Qualen bereitete.
"Wir sehen uns morgen", verabschiedete er sich. "Ich vermisse dich jetzt schon."
Leseprobe zu "Sonntags bei Tiffany" von James Patterson
Michael rannte, so schnell er konnte, die Straßen entlang - vorbei am Verkehrsstau - zum New York Hospital, wo Jane im Sterben lag, als er plötzlich von einer Szene aus seiner Vergangenheit verfolgt wurde, von einer wirren Abfolge überwältigender Erinnerungen, die ihn beinahe aus seinen Turnschuhen rissen. Er erinnerte sich, wie er mit Jane im Astor Court des St. Regis Hotel unter kaum vorstellbaren Umständen gesessen hatte.
Er erinnerte sich an alles - an Janes Früchtebecher mit Kaffeeeis und heißer Karamellsoße, an das, worüber sie gesprochen hatten -, als wäre es gestern gewesen. Die ganze Geschichte war kaum vorstellbar. Nein, nicht nur kaum, sondern alles andere als vorstellbar.
Wieder eines dieser unbegreiflichen Geheimnisse des Lebens, dachte Michael, während er noch einen Zahn zulegte.
Wie die Tatsache, dass Jane ihm jetzt nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, wegstarb.
Es war einmal in New York Jede Kleinigkeit dieser Sonntagnachmittage ist in mein Gedächtnis eingebrannt, doch statt bei der Sache mit mir und Michael gleich auf den Punkt zu kommen, werde ich mit dem weltbesten, leckersten und vielleicht sündigsten Eisbecher beginnen, der im St. Regis Hotel in New York City serviert wird.
Ich nahm immer das Gleiche: zwei faustgroße Kugeln Kaffeeeis, verwirbelt mit einem Strang heißer Karamellsoße, die dicker, klebriger und zäher wird, wenn sie die Eiscreme berührt. Darauf kam echte Sahne. Selbst im Alter von acht Jahren kannte ich den Unterschied zwischen echter Schlagsahne und dem gefälschten Nichtmilchprodukt aus der Sprühdose.
Auf der anderen Seite meines Tisches im Astor Court saß Michael, unanfechtbar der hübscheste Mann, den ich kannte oder, ich korrigiere, bis dahin kennengelernt hatte. Und der netteste, freundlichste und vielleicht klügste Mensch.
An jenem Tag beobachtete er mich mit seinen leuchtend grünen Augen, als ich mit unverhohlener Freude dem Kellner in weißer Livree entgegenblickte, der den Eisbecher mit quälender Langsamkeit vor mich stellte.
Michael bekam eine Schale mit Melonenkugeln und Zitronensorbet. Seine Fähigkeit, den Freuden eines Früchteeisbechers zu widerstehen, konnte mein kindliches Gehirn noch nicht begreifen.
"Vielen Dank", sagte Michael, der seine Liste beneidenswerter Eigenschaften durch ein hohes Maß an Höflichkeit ergänzte.
Woraufhin der Kellner _ nichts erwiderte.
In den Astor Court ging man, wenn man im St. Regis Hotel ein schickes Dessert haben wollte. An diesem Nachmittag saßen hier wichtig aussehende Menschen, die wichtig wirkende Gespräche führten. Im Hintergrund spielten zwei Geiger auf Symphonieorchesterniveau, als wären sie im Lincoln Center.
"Okay", sagte Michael schließlich. "Zeit, mit dem Jane-und-Michael-Spiel zu beginnen."
Mit strahlenden Augen klatschte ich in die Hände.
Das Spiel funktionierte so: Einer von uns deutete auf einen Tisch, der andere musste sich überlegen, um was für Leute es sich handeln könnte. Der Verlierer bezahlte das Dessert.
"Und los!" Michael streckte den Finger in Richtung dreier junger Mädchen in fast identischen hellgelben Leinenkleidern.
Ohne zu zögern sagte ich: "Debütantinnen. Erste Saison. Gerade den Abschluss an der High School gemacht. Vielleicht in Connecticut. Vielleicht - wahrscheinlich - Greenwich."
Michael legte den Kopf in den Nacken und lachte. "Du hast eindeutig zu viel Zeit mit Erwachsenen verbracht. Aber sehr gut, Jane. Ein Punkt für dich."
"Also gut." Ich deutete auf einen anderen Tisch. "Dieses Paar da drüben. Das aussieht wie die Cleavers in Leave it to the Beaver. Erzähl mir ihre Geschichte."
Der Mann trug einen graublau karierten Anzug, die Frau eine leuchtend rosa Jacke mit grünem Faltenrock.
"Ehepaar aus Nord-Carolina", ratterte Michael sogleich los. "Wohlhabend, Inhaber einer Tabakladenkette. Er ist geschäftlich hier. Sie begleitet ihn, um einen Einkaufsbummel zu machen. Jetzt erzählt er ihr, dass er die Scheidung einreichen will."
"Oh." Ich blickte auf den Tisch hinab und stieß kräftig die Luft aus, während ich den Löffel in meinen Eisbecher tauchte und ihn mir dann in den Mund schob. "Ja, anscheinend lassen sich alle Paare scheiden."
Michael biss sich auf die Lippen. "Ach nein, warte, Jane. Ich habe Unrecht. Er bittet sie nicht um die Scheidung. Er sagt ihr, er hat eine Überraschung - er hat eine Kreuzfahrt geplant. Auf der Queen Elizabeth II. nach Europa. Es sind ihre zweiten Flitterwochen."
"Klingt schon besser." Ich lächelte. "Ein Punkt für dich. Hervorragend."
Ich senkte den Kopf und bemerkte, dass mein Früchteeisbecher irgendwie fast verschwunden war. Wie immer.
Michael blickte sich theatralisch im Restaurant um. "Da sind welche, die errätst du nie", sagte er.
Er zeigte auf einen Mann und eine Frau nur zwei Tische entfernt.
Ich blickte hinüber.
Die Frau war etwa vierzig Jahre alt, gut gekleidet und atemberaubend hübsch. Man hätte sie für eine Filmschauspielerin halten können. Sie trug ein leuchtend rotes Designerkleid und passende Schuhe zu ihrer großen, schwarzen Handtasche. Alles an ihr sagte: Seht mich an!
Der Mann, mit dem sie am Tisch saß, war jünger, blass und sehr dünn. Er trug einen blauen Blazer, dazu einen gemusterten Seiden-Plastron, den man sich noch nicht einmal umgebunden hätte. Beim Sprechen gestikulierte er kräftig mit den Händen.
"Das ist nicht lustig", beschwerte ich mich, musste aber trotzdem grinsen und die Augen verdrehen.
Weil die beiden meine Mutter, Vivienne Margaux, die berühmte Broadway-Produzentin, und der diesjährige Promi-Friseur, Jason, waren. Jason, die Gewächshauspflanze, die keine Zeit für einen Nachnamen hatte.
Wieder blickte ich zu ihnen hinüber. Eines war sicher: Mama hätte angesichts ihrer Schönheit selbst Schauspielerin sein können. Als ich sie einmal gefragt hatte, warum sie keine geworden war, hatte sie geantwortet: "Schätzchen, ich will nicht nur auf dem Zug mitfahren, ich will ihn lenken."
Jeden Sonntagnachmittag, wenn Michael und ich im St. Regis beim Dessert saßen, nahmen auch meine Mutter und einer ihrer Freunde ihren Kaffee und ihr Dessert dort ein. Somit konnte sie tratschen oder sich beschweren oder Geschäfte abwickeln, mich aber trotzdem im Auge behalten, ohne direkt bei mir sein zu müssen.
Nach dem St. Regis ließen wir unsere Sonntage bei Tiffany ausklingen.
Meine Mutter liebte Diamanten, trug sie überall, sammelte sie wie andere ihre Kristalleinhörner oder seltsame japanische Katzen aus Keramik mit einer hochgehobenen Pfote.
Natürlich fanden diese Sonntage meine Zustimmung, weil Michael dabei war. Michael, der mein bester Freund auf der Welt war, vielleicht der einzige, den ich als Achtjährige hatte.
Mein imaginärer Freund.
Ich rückte näher zu Michael. "Soll ich dir was sagen?", fragte ich. "Das ist echt der Hammer."
"Was?", wollte er wissen.
"Ich glaube, ich weiß, worüber meine Mutter und Jason reden. Über Howard. Ich glaube, Vivienne hat ihn satt. Aus Alt mach Neu."
Howard war mein Stiefvater und der dritte Ehemann meiner Mutter. Jedenfalls der dritte, von dem ich wusste.
Ihr erster Mann war Tennisprofi aus Palm Beach. Er hatte ein Jahr lang gehalten.
Dann war Kenneth gekommen, mein Vater. Er hatte sich besser angestellt als der Tennisprofi - und drei Jahre lang ausgehalten. Er war echt süß, und ich liebte ihn, doch er war geschäftlich viel auf Reisen. Manchmal hatte ich das Gefühl, er hatte mich vergessen. Einmal hatte ich gehört, wie meine Mutter zu Jason sagte, Kenneth habe kein Rückgrat. Sie wusste nicht, dass ich gelauscht hatte. Sie hatte gesagt: "Er ist ein gut aussehender Waschlappen, der es nie zu was bringen wird."
Howard war schon zwei Jahre dabei. Er machte nie Geschäftsreisen, und seine Arbeit schien ausschließlich darin zu bestehen, Vivienne zu helfen. Er massierte ihre Füße, wenn sie müde war, kontrollierte, ob ihr Essen auch wirklich kein Salz enthielt, und stellte sicher, dass unser Fahrer samt Wagen rechtzeitig zur Stelle war.
"Wie kommst du darauf?", fragte Michael.
"Kleinigkeiten", antwortete ich. "Vivienne hat ihm immer Sachen gekauft. Schicke Slipper von Paul Stuart und Krawatten von Bergdorf Goodman. Aber jetzt hat sie ihm schon eine Ewigkeit nichts mehr geschenkt. Und gestern Abend hat sie zu Hause gegessen. Allein. Mit mir. Howard war nicht zu Hause."
"Wo war er?", bohrte Michael nach, den Blick voller Mitgefühl und Sorge.
"Ich weiß nicht. Als ich Vivienne gefragt habe, hat sie nur gesagt: >Wer weiß das schon, und wen kümmert das?<" Ich hatte die Stimme meiner Mutter nachgeahmt und schüttelte den Kopf. "Okay", fuhr ich fort. "Neues Thema. Rate mal, was Dienstag für ein Tag ist."
Michael tippte sich ein paar Mal ans Kinn. "Keine Ahnung."
"Komm schon, du weißt das ganz genau, Michael. Das ist nicht lustig."
"Valentinstag?"
"Hör auf!", schimpfte ich und trat ihn vorsichtig unter dem Tisch. Er grinste nur. "Du weißt ganz genau, was am Dienstag ist. Es ist mein Geburtstag."
"Ach ja. Puh, du wirst alt, Jane."
Ich nickte. "Ich denke, meine Mutter gibt eine Party für mich."
"Hm", machte Michael.
"Na ja, eigentlich ist mir die Party ziemlich egal. Ich hätte viel lieber einen richtigen eigenen Hund."
Michael nickte.
"Cat hat deine begann ich zu sagen, hielt aber mitten im Satz inne.
Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Vivienne den Scheck unterschrieb. Gleich würden sie und Jason an unserem Tisch stehen und mich mit sich fortzerren. Auch dieser für mich und Michael wundervolle Sonntagnachmittag im St. Regis näherte sich dem Ende.
"Da kommt sie, Michael", flüsterte ich. "Mach dich unsichtbar."
Vivienne, Jason im Schlepptau, schlenderte zu unserem Tisch, als wäre sie die Besitzerin des St. Regis. Niemand im Astor Court hätte geglaubt, dass diese wunderschöne Frau mit dem perfekten Make-up, der perfekten Haut und der perfekten Tönung auch nur im Entferntesten mit dieser pummeligen Achtjährigen mit dem krausen Haar und Karamellsoße auf den Wangen verwandt wäre.
Aber das waren wir. Mutter und Tochter.
Vivienne küsste mich auf die Wange und machte sich an die Arbeit. An die Arbeit mit mir.
"Jane-Herzchen Fast immer nannte sie mich "Jane-Herzchen", als hieße ich wirklich so. "Musst du immer zwei Desserts bestellen?"
Jason, der Promi-Friseur, versuchte zu helfen. "Sei doch nicht so, Vivienne. Das zweite Dessert war Melone. Das ist doch nicht schlimm. Klar, ein paar Kohlenhydrate, aber "Jane-Herzchen, wir haben uns über dein Gewicht unterhalten _", begann meine Mutter.
"Ich bin erst acht Jahre alt", unterbrach ich sie. "Wie wär's, wenn ich dir verspreche, dass ich später magersüchtig werde?"
Michael lachte so heftig, dass er beinahe vom Stuhl kippte.
Sogar Jason lächelte.
Vivienne verzog keine Miene. Wie immer versuchte sie, nicht die Stirn zu runzeln, weil sie nicht so schnell Falten bekommen wollte. Jedenfalls nicht vor neunzig oder so.
"Sei nicht so altklug, Jane-Herzchen." Sie drehte sich zu Jason. "Sie liest viel zu viele Bücher."
O ja, wie schrecklich, dachte ich.
Vivienne wandte sich wieder mir zu. "Wir werden später über deine Essgewohnheiten weiterreden. Privat."
"Allerdings ist die Melone gar nicht für mich gewesen", wandte ich ein. "Die hat Michael bestellt."
"Ah, ja." Vivienne klang gelangweilt. "Michael, der wunderbare, allgegenwärtige imaginäre Freund." Sie sprach zum Stuhl neben mir, der leer war, weil Michael auf der anderen Seite saß. "Hallo, Michael, wie geht's denn?"
"Hallo, Vivienne", grüßte Michael, der wusste, dass Vivienne ihn weder sehen noch hören konnte. "Mir geht's prima, danke."
Plötzlich zog Jason an meinem Haar.
"Hey!", beschwerte ich mich.
"Damit müssen wir endlich was machen", sagte er. "Vivienne, gib mir eine Stunde für dieses Haar. Es gibt keinen Grund, warum jemand so rumlaufen soll. Sie wird hinterher wie ein Vogue-Model aussehen."
"Toll!", schwärmte Michael. "Genau darauf hat die Welt gewartet - auf ein achtjähriges Mädchen, das aussieht wie ein Vogue-Model."
Ich zuckte zusammen und zog mein Haar aus Jasons Finger.
"Komm, Jane-Herzchen", forderte Vivienne mich auf. "Heute Abend habe ich volles Programm. Ich muss mich um die Proben kümmern." Ihr neuestes großes Broadway-Musical, Das Problem mit Kansas, hatte in wenigen Tagen Premiere.
"Aber zuerst können wir wie immer bei Tiffany vorbeifahren, meine Liebe. Unsere gemeinsame Zeit."
"Was ist mit Janes Haar?", beharrte Jason. "Für welchen Tag soll ich die Verschönerungsaktion einplanen?"
Michael schüttelte den Kopf. "Du bist perfekt, so, wie du bist, Jane. Du brauchst keine Verschönerung. Das darfst du nie vergessen."
"Werde ich nicht", versprach ich.
"Was wirst du nicht?", fragte Vivienne. Sie nahm eine Serviette, tunkte sie ins Wasserglas und putzte mir die Karamellsoße von den Wangen. "Eine Verschönerung ist eine tolle Idee, Jane-Herzchen. Es könnte bald eine große, schicke Party für dich geben."
Sie hat daran gedacht! Eine Geburtstagsparty! Plötzlich hatte ich ihr alles andere verziehen.
"Jetzt komm schon. Ich höre Tiffany rufen." Vivienne wirbelte auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen herum und stakste zum Ausgang, dicht gefolgt von Jason.
Michael und ich erhoben uns. Er beugte sich vor und küsste mich auf den Kopf, direkt auf das krause Haar, das Jason derartige Qualen bereitete.
"Wir sehen uns morgen", verabschiedete er sich. "Ich vermisse dich jetzt schon."