Habemus Papam - Englisch, Andreas

Habemus Papam

Der Wandel des Joseph Ratzinger

Andreas Englisch 

 
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Habemus Papam

Warum wurde ein Deutscher Papst und welche Bilanz zieht Benedikt XVI. nach einem Jahr im höchsten Amt der Kirche? Andreas Englisch hat Johannes Paul II. wie Benedikt XVI. fast zwei Jahrzehnte lang im Vatikan und auf Reisen rund um den Globus begleitet. Sein Buch zeichnet aus nächster Nähe ein lebendiges Bild beider Päpste sowie der Vorgänge im Innersten des Vatikans

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"Kein Journalist kam dem Papst so nah" Bild

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Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2006
  • Erw. u. aktualis. Ausg.
  • Ausstattung/Bilder: Erw. u. aktualis. Ausg. 2006. 367 S.
  • Seitenzahl: 368
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15415
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 125mm x 25mm
  • Gewicht: 327g
  • ISBN-13: 9783442154159
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Andreas Englisch, Jg. 1963, studierte Literaturwissenschaften und Journalistik. Er lebt seit 1987 als Journalist in Rom und leitete zehn Jahre lang das italienische Korrespondentenbüro des Axel-Springer-Verlages. Heute schreibt er exklusiv für 'Bild' und 'Bild am Sonntag' aus Italien und kommentiert für verschiedene Fernsehsender das Geschehen hinter den Kulissen des Vatikans. Andreas Englisch lebt seit 1987 in Rom als Vatikan-Korrespondent. Er stand in engem Kontakt zu Papst Johannes Paul II. und gehörte zu den sechs Journalisten, die Benedikt XVI. auf allen Reisen begleiten durften.

Leseprobe zu "Habemus Papam" von Andreas Englisch

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Weißer Rauch

Dienstag, 19. April 2005, 17.43 Uhr auf dem Petersplatz: Aus dem Ofenrohr über dem Dach der Sixtinischen Kapelle steigt plötzlich weißer Rauch auf. Mehr als 40000 Menschen auf dem Platz klatschen frenetisch, dann scheint der Rauch dunkler zu werden. Hat die Welt einen neuen Papst oder nicht? Das fragen sich in diesem Augenblick Millionen Menschen auf der ganzen Welt. War es doch kein weißer Rauch? Die Menschen starren wie gebannt auf die Glocken am Petersdom. Der päpstliche Zeremonienchef Bischof Piero Marini hatte vor dem Einzug ins Konklave im Pressesaal des Heiligen Stuhls versichert: "Dieses Mal werden die Glocken läuten, wenn der neue Papst gewählt wurde." Doch die Glocken bleiben stumm. Der Rauch scheint jetzt heller, die Menge schreit immer wieder: "Es ist weißer Rauch!" Doch die Minuten verstreichen, und die Glocken bleiben noch immer stumm. Dann endlich um 17.54 Uhr setzen sich die Glocken in Bewegung. Die Menge applaudiert begeistert. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, es ist sicher, dass die etwas mehr als eine Milliarde Katholiken der Welt ein neues Oberhaupt haben. Der Papst wurde gewählt. Ein Meer aus Menschen ergießt sich aus der römischen Innenstadt auf die andere Seite des Tiber zum Vatikan, auf die Via della Conciliazione, die für den Verkehr gesperrt wurde. Es kommen Hunderttausende, sie haben ihre Büros verlassen, die Geschäfte geschlossen, ihre Kinder und Enkel mitgebracht, um den neuen Papst zu sehen.

Es schien die gleiche unermessliche Menschenmenge zu sein wie am Tag des Todes von Papst Johannes Paul II., dem Abend des 2. April. Doch damals strömte ein stilles, trauriges, irgendwie verlassen wirkendes Menschenmeer zum Petersdom; diesmal kommt eine aufgeregte, ausgelassene, fröhliche Menge.

Der Vorhang am Balkon des Petersdoms bewegt sich, die Menschen applaudieren. Ein Fernsehteam von der ARD steht plötzlich vor mir, um mich als Bestsellerautor und Vatikanfachmann zu interviewen, und natürlich stellt es die 100000-Dollar-Frage: "Wer wird der nächste Papst sein?", werde ich gefragt. Der Vorhang hinter mir bewegt sich ein weiteres Mal. Ich weiß, dass ich mich jetzt zum Deppen machen kann. Ich überlege, ob es nicht besser wäre, nur vage zu antworten und zu sagen: "Die Kardinäle werden sicher den richtigen Mann gewählt haben", oder so etwas Ähnliches. Aber innerlich habe ich keinen Zweifel mehr. "Die Kardinäle können nur einen der Stars gewählt haben", sage ich, "wahrscheinlich wird Kardinal Joseph Ratzinger der nächste Papst sein." Der Interviewer scheint mit meiner Antwort zufrieden zu sein, aber nicht so recht an meine Prognose zu glauben.

Dabei war eigentlich alles klar. Der weiße Rauch stieg um kurz vor 18.00 Uhr auf - das bedeutete, dass die Kardinäle nur vier Wahlgänge gebraucht hatten. Das bedeutete auch, dass es völlig unmöglich war, dass ein Außenseiter es geschafft haben könnte, sich in nur vier Wahlgängen durchzusetzen. Es gab nur eine Möglichkeit: dass einer der Kardinäle, die bereits über viele Stimmen verfügten, den Durchbruch geschafft hatte. Und von allen Spitzenkandidaten gab es nur einen, der auf eine solche Vielzahl von Stimmen zählen konnte: Kardinal Joseph Ratzinger. In jedem Konklave versuchen die Kardinäle, so rasch und so einig wie möglich den Mann zu wählen, den Gott für die Aufgabe, sein Vikar auf Erden zu sein, ausgesucht hat. Dieser Glaube der katholischen Kirche, dass der Heilige Geist in Wirklichkeit den Nachfolger Petri bestimmt, führt dazu, dass die Kardinäle sich beeilen müssen. Sonst sähe es so aus, als ob es den Kardinälen nicht gelänge, den Mann zu erkennen, den Gott vorherbestimmt hat. Wenn ein Kardinal also schon über eine gewisse Anzahl von Stimmen verfügt, dann steigert sich der Druck auf die anderen Kardinäle, und sie brauchen dann schon gute Gründe oder einen guten anderen Kandidaten, um einen Mann nicht zu wählen, auf den sich bereits viele Kandidaten geeinigt haben.

Aber es gab noch Zweifel: Es konnte auch eine Überraschung geben. Der Sekretär des Kardinals Walter Kasper, Oliver Lahl, stand neben mir auf dem Petersplatz. Wir sahen uns an und wussten beide, was wir in diesem Augenblick dachten. Ein gemeinsamer Freund hatte uns vor einigen Wochen die dramatische Szene erzählt, die sich hier am 16. Oktober 1978 zugetragen hatte. Damals stand der Krakauer Priester Don Stanislaw Dziwisz auf dem Petersplatz und starrte auf den Balkon, auf dem sein Chef erschienen war. Dziwisz war damals so überrascht und überwältigt, dass er auf dem Platz in Tränen ausbrach. Oliver Lahl sah jetzt nach oben zu dem Balkon, hinter dem sich der Vorhang bewegte.

Stand dort hinter dem geschlossenen Vorhang in Wirklichkeit Kardinal Walter Kasper? Wir sahen hoch zum Fenster. Dann ging der Vorhang auf. Es war genau 18.43 Uhr: Der Protodiakon des Kardinalskollegiums, Jorge Arturo Medina Estevez aus Santiago in Chile, las die uralte Formel vor: "Annuntio vobis gaudium magnum, habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Iosephum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger, qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI." (Ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst: den verehrtesten Herrn, Herrn Joseph Kardinal der Heiligen Römischen Kirche Ratzinger, der sich den Namen gab Benedikt der Sechzehnte.) Ein unglaublicher Applaus donnerte über den Petersplatz. Dann trat Papst Benedikt XVI. auf den Balkon. Er hielt nur eine kurze Ansprache: "Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle einen Mann gerufen, der nur ein einfacher Arbeiter ist im Weinberg des Herrn", sagte Kardinal Ratzinger. Dann spendete er der Stadt Rom und dem gesamten Erdkreis den Segen urbi et orbi, wie es üblich ist. Danach schloss sich das Fenster wieder.

"Deutschland hat gewonnen", riefen italienische Jugendliche über den Platz. In meiner Nähe ging Fürstin Gloria von Thurn und Taxis auf die Knie und dankte Gott für "dieses Geschenk", wie sie später sagte. Völlig unbekannte Römer gratulierten mir, weil ein Deutscher zum Papst gewählt worden war. Natürlich brach sofort das Handynetz zusammen, weil die mehr als 150 000 Menschen auf dem Platz die Botschaft loswerden mussten: Es ist Ratzinger. Ich hatte natürlich damit gerechnet, hatte es selbst mehrfach vorhergesagt, aber fassen konnte ich es nicht: tatsächlich Kardinal Ratzinger. Wochenlang hatten mir alle möglichen Kollegen immer wieder geschworen: "Ein Deutscher kann es gar nicht werden, es sind erst sechzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstrichen. Ihr Deutschen seid im Ausland einfach nicht beliebt", hörte ich immer wieder. Und jetzt das: der erste deutsche Papst seit Hadrian VI. (Papst 1522 -1523). Der letzte nichtitalienische Papst bis zur Wahl des Polen Karol Wojtyla im Jahr 1978 wurde in Utrecht geboren, das damals zum "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation" gehörte.

Ich lief zurück in den Pressesaal. Ausgerechnet am 19. April, dem Fest des heiligen deutschen Papstes Leo IX. aus der elsässischen Familie Egisheim (Papst 1049 -1054), war wieder ein Deutscher zum Papst gewählt worden. Am Eingang sah ich den Chef des vatikanischen Pressebüros, Dr. Joaquín Navarro-Valls. Er umarmte mich. Wir wussten beide, warum wir uns in den Armen lagen: Es war ein Papst gewählt worden, der über Jahrzehnte der beste Freund eines Mannes gewesen war, dem sowohl Joaquín Navarro-Valls als auch ich sehr viel zu verdanken hatten, nämlich Papst Johannes Paul II. Die Wahl von Kardinal Ratzinger bedeutete, dass Karol Wojtylas Erbe weiterlebte in einem neuen, starken Papst. Ich dachte an den Brief, den der amtsmüde Kardinal Joseph Ratzinger an Papst Johannes Paul II. geschrieben hatte. Bereits im Jahr 2001, vor Beginn der nächsten fünfjährigen Amtszeit, hatte Kardinal Joseph Ratzinger den Papst gebeten, ihn ziehen zu lassen. Seit 20 Jahren war er nun im Amt. Doch Johannes Paul II. antwortete ihm: "Ich brauche dich. Lass mich nicht allein."

Im Jahr 2002, als Kardinal Joseph Ratzinger die im Vatikan übliche Pensionierungsgrenze von fünfundsiebzig Jahren erreicht hatte, bat er den Papst erneut um Entlassung und dann Jahr für Jahr immer wieder. Doch stets antwortete Johannes Paul II.: "Ich brauche dich." Meist traf der Brief des Papstes, mit dem Kardinal Ratzinger erneut im Amt bestätigt wurde, schon ein, bevor dieser schriftlich zu seinem Geburtstag den Rücktritt angeboten hatte.

Für mich gab es noch einen zweiten Grund, mich über die Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst zu freuen: Ich führte nach der Wahl ein Telefonat, das mich persönlich sehr erleichtert hat. In meinen fast zwanzig Jahren in Rom hatte ich nur einmal einen Konflikt erlebt, in dem Kardinal Joseph Ratzinger eindeutig wie der Buhmann aussah. Das war der so genannte Dominus-Iesus-Fall. Ich hatte den Präsidenten des Lutherischen Weltbundes kennen gelernt, den Landesbischof Christian Krause, und er schien mir ein aufrichtiger und keineswegs unbesonnener älterer Herr zu sein. Umso mehr überraschte mich seine eindeutig negative Einstellung zu Kardinal Joseph Ratzinger. Es ging um die Verhandlungen der katholischen Kirche mit dem Lutherischen Weltbund, die sich seit mehr als dreißig Jahren hinzogen. Am 31. Oktober 1999 sollte in Augsburg eine "gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" unterzeichnet werden. Salopp gesagt, bedeutete das eine Aussöhnung der katholischen und der lutherischen Kirchen; die Theologen hatten eine wissenschaftliche Grundlage geschaffen, um den Bruch zwischen der katholischen und der lutherischen Kirche zu überwinden. Für die katholische Kirche sollte Kardinal Edward Idris Cassidy in Augsburg unterzeichnen, für den Lutherischen Weltbund gleich eine ganze Gruppe Verantwortlicher der lutherischen Glaubensgemeinschaften. Landesbischof Christian Krause sprach sehr wohlwollend über Papst Johannes Paul II. und wiederholte mehrfach, wie positiv der Papst gegenüber der Ökumene eingestellt sei. Er lobte auch Kardinal Walter Kasper, den Verhandlungsführer neben Kardinal Edward Idris Cassidy, in den allerhöchsten Tönen und unterstrich immer wieder, dass Kasper der weltweit wahrscheinlich beste Fachmann in der Frage der Rechtfertigungslehre auf katholischer Seite sei. Nur Kardinal Ratzinger bekam sein Fett weg. Die Veröffentlichung der Schrift "Dominus Iesus" (Herr Jesus), die Kardinal Ratzinger am 5. September des Jahres 2000 im Pressesaal des Heiligen Stuhls präsentiert hatte, wirkte auf Christian Krause wie eine "regelrechte Attacke". Diese Schrift unterstrich, dass nur die katholische und die orthodoxe Kirche die Bezeichnung "Kirche" tragen dürften, und das habe die Bemühungen der Ökumene nachhaltig und unnötig beschädigt, sagte Christian Krause. Mit relativ dramatischen Folgen. Die Vertreter des Lutherischen Weltbundes hatten mit Papst Johannes Paul II. im Januar 2000 in der Kathedrale des heiligen Paulus den Beginn des Heiligen Jahres gefeiert. Aber wegen der Dominus-Iesus-Schrift sagte der Lutherische Weltbund den geplanten Abschlussgottesdienst ab. "Für den Papst tut es mir leid", meinte Landesbischof Christian Krause, "aber diese Ratzinger-Schrift konnten wir so nicht hinnehmen."

Ich sprach mit Kardinal Walter Kasper über den Fall. In der Presse war eine Rivalität zwischen Kasper und Ratzinger aufgebaut worden - angeblich gab es zwischen den beiden wegen dieses Falls erheblichen Krach. Kardinal Kasper dementierte das mit einer ganz einfachen und einleuchtenden Erklärung. Er sagte: "Mich zum Gegenspieler von Kardinal Ratzinger zu machen, ist einfach Unfug. Es ist doch klar, dass der Einheitsrat ein anderes Bestreben und andere Ziele hat als die Glaubenskongregation." Das leuchtete mir ein. Die Glaubenskongregation musste über die Reinheit des Glaubens wachen, der Einheitsrat versuchte, den Spielraum auszunutzen, der da war. Ratzinger vorzuwerfen, er habe die Glaubensreinheit verteidigt, war ungefähr so, als werfe man einem Torwart vor, dass er keinen Ball in seinen Kasten lassen wolle. Doch seit diesen Vorfällen - und auch weil Landesbischof Christian Krause auf mich wirklich einen überzeugenden Eindruck machte - blieb der Verdacht, dass Kardinal Ratzinger in Wirklichkeit die Bestrebungen der Ökumene doch ablehne.

Kurz nach der Wahl Kardinal Ratzingers erfuhr ich durch einen Freund, dass der neue Papst sofort nach dem Konklave zu Kardinal Kasper gesagt hatte: "Von nun an werden wir den Weg der Ökumene zusammen gehen." Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Und tatsächlich unterstrich Benedikt XVI. vom Augenblick seiner Wahl an regelmäßig - etwa in der Ansprache vor den Journalisten am Sonnabend und während der Messfeier zu seiner Amtseinführung am Sonntag, 24. April -, wie sehr ihm die Ökumene am Herzen liege. Während der Messe zur Amtseinführung benutzte er dafür ein besonders schönes Bild. Er sprach über das Fischernetz des Petrus, das so prall gefüllt war mit Fischen und doch nicht zerriss (Johannes, Kapitel 21, Vers 11): "Ach, lieber Herr, nun ist es doch zerrissen, möchten wir klagend sagen. Aber nein - klagen wir nicht! Freuen wir uns über die Verheißung, die nicht trügt, und tun wir das unsrige, auf der Spur der Verheißung zu gehen, der Einheit entgegen. Erinnern wir bittend und bettelnd den Herrn daran: Ja, Herr, gedenke deiner Zusage. Lass einen Hirten und eine Herde sein. Lass dein Netz nicht zerreißen und hilf uns, Diener der Einheit zu sein."

Eines hatte für mich immer außer Frage gestanden: dass Kardinal Ratzinger ein treuer Gefolgsmann gewesen war - vor allem, als Johannes Paul II. Hilfe dringend brauchte. Kardinal Ratzinger hatte immer die Öffentlichkeit gescheut, nie Auftritte vor der Presse gesucht, hielt sich immer so weit es ging zurück und arbeitete sehr hart. Das war nun einmal sein Stil. Auf Fragen wiederholte der alte Herr gebetsmühlenartig, er eigne sich nicht für Interviews. Tatsächlich mied er die Presse, wie der Teufel sprichwörtlich das Weihwasser meiden soll. Deshalb dachte ich auch erst, ich sähe eine Fata Morgana, als ein Mann, der so aussah wie Kardinal Joseph Ratzinger, nach einem Besuch im Appartement des Papstes im römischen Gemelli-Krankenhaus am 1. März des Jahres 2005 völlig freiwillig in den improvisierten Pressesaal ging. Ich dachte, das könne doch unmöglich wirklich Kardinal Joseph Ratzinger sein - seinem Stil hätte es weit mehr entsprochen, sich nach einem Besuch im Krankenzimmer des Papstes ungesehen durch einen Seitenausgang zu verabschieden oder doch zumindest geschützt durch die Gendarmerie des Vatikans das Krankenhaus zu verlassen, um der Presse gar nicht erst die Chance zu geben, ihn zu stellen. Stattdessen ging der wirkliche Kardinal Joseph Ratzinger seelenruhig durch die Pressemeute, die sich sofort auf ihn stürzte, und ließ sich ein Mikrofon geben. Er war eben jemand, der für einen Freund in Not alles tat. Ich erinnere mich noch daran, dass das Mikro zuerst nicht funktionierte - und spätestens jetzt hätte ich gewettet, dass der Herr Kardinal die für ein gewisses Entgegenkommen gegenüber den Massenmedien vorgesehene Zeit als beendet ansehen und gehen würde, aber stattdessen wartete er in aller Ruhe darauf, bis irgendjemand den richtigen Knopf drückte und das Mikrofon einschaltete.

Es war Kardinal Ratzinger kaum anzusehen, dass er die Situation als unangenehm empfand. Er machte gute Miene zum bösen Spiel. Obwohl es nicht den geringsten Zweifel daran geben konnte, dass es Ratzinger sehr schwer gefallen war, in die Höhle des Löwen zu gehen, löste er die Aufgabe bravourös. Er sagte, er habe dem Papst Unterlagen seiner Glaubenskongregation zum Durcharbeiten gebracht und auch mit dem Papst gesprochen, auf Deutsch und auf Italienisch.

"Was hat der Papst Ihnen gesagt?", fragte ich ihn.

Kardinal Ratzinger antwortete: "Er sagte: 'Grüß Gott.'"

Obgleich Kardinal Ratzinger als oberster Hüter des katholischen Glaubens eigentlich über jeden Zweifel erhaben sein müsste, warfen ihm die Medien nach dem Auftritt vor laufenden Kameras vor, die Öffentlichkeit bewusst getäuscht zu haben. Dass der Papst trotz Luftröhrenschnitts schon wieder sprechen könne, schien absolut unglaubwürdig. Die Medien spekulierten immer weiter über die journalistisch reizvolle Geschichte, dass der Papst angeblich nie wieder sprechen könne: Ein stummer Papst als Oberhaupt aller Katholiken ließ sich ausgezeichnet verwerten. Doch wieder einmal spekulierten die Medien und das Publikum in die falsche Richtung. Kardinal Ratzinger hatte die Wahrheit gesagt - der Papst konnte wieder einige wenige Worte sprechen.

Ja, Kardinal Joseph Ratzinger war ein "braver Soldat" gewesen und ein Freund - kein einfacher Freund, kein Jasager, sondern ein echter Freund, der eine eigene Meinung hatte. An diesem Abend auf dem Petersplatz, als er sich als 264. Nachfolger des heiligen Petrus mit dem Namen Benedikt XVI. den Gläubigen vorstellte, musste ich an den 19. Oktober 2003 denken, als an der gleichen Stelle auf dem Petersplatz Kardinal Joseph Ratzinger und Papst Johannes Paul II. Seite an Seite eine heilige Messe feierten während der Seligsprechung von Mutter Teresa. Ich stand an dem Tag auf der Terrasse des Salvatorianer-Klosters als Gast einer Sondersendung des ZDF, das über die Seligsprechung berichtete. Ich sah, wie Karol Wojtyla noch einmal seine ganze Kraft aufbot, die gerade noch dazu reichte, um während der Messfeier den Kelch einige Zentimeter über das Tischtuch auf dem Altar zu heben. Ratzinger, der die Messe am Altar mitfeierte, sah dem stummen Kampf des alten Weggefährten zu. Johannes Paul II. wusste, dass nach seinem Tod die Geschicke der Kirche zunächst von dem Mann abhängen würden, der jetzt neben ihm stand: Kardinal Joseph Ratzinger, Dekan des Kardinalskollegiums, Oberhaupt aller Kardinäle. Die Last, die Karol Wojtyla so lange getragen hatte, würde Ratzinger dann zumindest kurzzeitig übernehmen, bis der 264. Nachfolger des heiligen Petrus gewählt sein würde. Ratzinger würde verantwortlich sein für die Bestattung Johannes Pauls II. und die Wahl eines neuen Papstes. Die katholische Kirche als älteste Wahlmonarchie der Welt wird in der Zeit zwischen zwei Päpsten von einer Gruppe regiert, dem Kardinalskollegium, geleitet vom Dekan. Karol Wojtyla wusste, dass von Ratzingers Verhalten während der nächsten Papstwahl maßgeblich die Entscheidung abhängen würde, welcher Mann mit welcher Ausrichtung Papst werden würde. Er hat Kardinal Ratzinger immer geschätzt und für seine Leistungen als Theologe mit Sicherheit auch bewundert. In seinen Memoiren "Auf, lasst uns gehen", die im Sommer des Jahres 2004 erschienen, nannte Karol Wojtyla Kardinal Ratzinger seinen alten Freund. Das fiel vor allem deshalb so sehr ins Gewicht, weil Johannes Paul II. seinen wichtigsten Mann, der in der Rangfolge im Vatikan-Staat gleich auf den Papst folgt, den Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, mit keinem einzigen Wort erwähnt.

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