 | Besprechung von 13.08.2004 |
Piranha im GoldfischteichVirtuoses Lamento: Sibylle Bergs WeltverschlechterungsromanIn Sibylle Bergs neuem Roman "Ende gut" geht die Welt unter. Aber das eigentliche Desaster besteht darin, daß die Heldin und Erzählerin vierzig geworden ist. Ein Alter, in dem man sich nicht mehr vormachen kann, daß die eigene Existenz noch in den äußeren Einzugsbereich der Jugend gehört. Wer nicht jung ist, ist alt.
"Was soll nach der Jugend anderes kommen als der Verfall und die Wiederholungen, denen das Gefühl abhanden gekommen ist?" Mit den Errungenschaften von Medizin und Kosmetik sind die Ansprüche an glatte Körperoberflächen gestiegen, ist die Wahrnehmung der unvermeidlichen Defizite genauer und unbarmherziger geworden. Über das Vergammeln der Körper zu Lebzeiten - und die Seele in der Wiederholungsschleife - hat seit Gottfried Benn vielleicht niemand mehr so gehässig und untröstlich geschrieben wie Sibylle Berg. Sie ist geradezu biblisch in ihrer Verachtung des menschlichen Leibes.
Aber in "Ende gut" richtet die Ich-Erzählerin den Blick nicht nur auf den eigenen Verfall. Ergänzend wird ein großformatiges Panorama der …
 | Besprechung |
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Frau Berg motzt wieder. In Hamburg verdingen sich arbeitslose Werber in Sexshows, in Thüringen grassiert Ebola, und in New York stürzen Flugzeuge in Hochhäuser. Die Welt geht unter, und überall: hässliche, unfreundliche, dumme Menschen, kennt man. Neu ist: Berg motzt jetzt politisch. Sie hat Feindbilder, die deutlicher benannt werden als "alle anderen". Und sie outet sich als Houellebecq-Verehrerin: "Der französische Autor stand später vor Gericht wegen Religionsbeleidigung. Fundamentalistische FÜHRER dagegen können weiter von der Bestrafung der Ungläubigen reden, ohne daß ihnen jemand die Lampe ausbläst." Wobei so vor allem der Stammtisch motzt. Keine Chance für politische Korrektheit, während man sich noch über die Meinungen aufregt, die die Ich-Erzählerin skandiert, hat die schon längst die Rolle gewechselt, kotzt erst einen neuen Schwall Weltekel aus und dann Blut. Das macht "Ende gut" so großartig: Dass Berg in ihrem furiosen Rollenspiel auch vor unapettitlichen, reaktionären, hässlichen Positionen nicht halt macht, dass sie selbst mit ihrer Wortwahl in einer würgenden Kunstsprache versinkt. Der häufige Zynismus-Vorwurf greift bei "Ende gut" nicht: Über den Dingen steht hier nichts, gestorben wird seit dem 11. September ziemlich real. Das Ende ist gut, aber wir wissen nicht, ob wir uns unter den gegebenen Voraussetzungen darüber freuen sollen. Frau Berg findet das wahrscheinlich traurig. (fis)
 | Besprechung von 15.02.2005 |
Der Panorama-Tobsuchtsanfall
Sie hat alles gesehen und daran gelitten: Sibylle Bergs nicht zu
überbietender Roman „Ende gut”
Es steht nicht gut um dieses Land. Hartz IV? Gefährlicher
Rentnerüberhang? Daisys Trauer um Mooshammer? Zwangseinführung der
Gen-Datei für wildpinkelnde Königspudel? Kinkerlitzchen! In
Chemnitz grassiert Ebola. Erfurt hustet Blut. In Weimar brechen
Pusteln auf. Das hätte es in der DDR nicht gegeben. In Dings,
Gießen oder was, geht die Pest um. Durch Schwabing stakst die
Vogelgrippe. Oder ists Sabine Christiansen? Hamburg steht bis zum
Hals unter Wasser. Sofas mit komischen Dreiecken auf den Bezügen
stoßen gegen die rostenden Kirchturmglocken. Links gibts nicht
mehr. Oben bröckelt. Unten kippelt. Rechts schmilzt ab. Und nicht
nur in Deutschland. Auch rheinaufwärts ist die Hölle los. Die
Schweiz? Verpufft gleich. Holland ist gestern Mittag um halb eins
für immer weggepoldert. Neuseeland ist abhanden gekommen, man weiß
nichts Genaues. Wir vermuten, ein Schwarm fall-out-mutierte Kiwis
hat die ganze Insel ins Schlepptau genommen und den strudelnden
Styx hinuntergezogen, last exit Hades und auf Nimmerwiedersehen.
Vorausgesetzt, …
Wie immer, wenn Sibylle Berg schreibt, tut sie es gnadenlos und treffsicher. Kulturspiegel
"Sibylle Berg öffnet uns die Augen und ist einfach unverzichtbar." (Literaturen)
"Mit Sibylle Berg vom Leben träumen und ins Unglück stolpern." (DIE ZEIT)
Sie mag die Menschen nicht, die Frau Berg. Aber sie leidet mit Ihnen. In Geschichten, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen." (Die Welt)
"Sibylle Berg ist Dynamit." (Falter)
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Wolfgang Schneider findet Sibylle Berg so richtig schön böse, aber eben nicht nur. Auch Frédéric Beigbeder beispielsweise lasse die zivilisierte Welt mit Schmackes untergehen, doch im Gegensatz zum Franzosen habe Berg schriftstellerisches Format, und zwar nicht zu knapp. Sie ist, so Schneider, keine "Trittbrettfahrerin des Grauens", sondern eine sprachgewitzte, in düsterer Komik begabte Virtuosin, die in ihrer Misanthropie wahre Größe erreicht. Zunächst mal, schreibt Schneider, geht es um das Altwerden: "Über das Vergammeln der Körper zu Lebzeiten - und die Seele in der Wiederholungsschleife - hat seit Gottfried Benn vielleicht niemand mehr so gehässig und untröstlich geschrieben wie Sibylle Berg." Ferner um die sinnlose Banalität von Alltag, der höchstens, im Falle der Bessergestellten, mit Eitelkeiten verhangen wird, die von Berg natürlich fortgerissen werden - Schneider spricht von einem "Panorama der Trostlosigkeiten". Und im Hintergrund lauert die Apokalypse. Mit anderen Worten: "Die alte Sehnsucht der Menschheit, metaphysisch abgestraft zu werden, wird übererfüllt." Doch der Rezensent hat noch etwas anderes entdeckt: Hinter dem "Weltekel" nämlich verberge sich bei Berg kein wohlfeiler Zynismus, sondern "unerledigtes romantischen Potential", und das macht für ihn die ganze Sache noch interessanter. Fazit: Sibylle Berg - "der Piranha im Goldfischteich" der deutschen Literatur.
© Perlentaucher Medien GmbH
Die Presse über Sibylle Berg:
"Sibylle Berg öffnet uns die Augen und ist einfach unverzichtbar." Literaturen
"Mit Sibylle Berg vom Leben träumen und ins Unglück stolpern." DIE ZEIT
"Sie mag die Menschen nicht, die Frau Berg. Aber sie leidet mit Ihnen. In Geschichten, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen." Die Welt
"Sibylle Berg ist Dynamit." Falter
Sibylle Berg, geboren vor nicht allzu langer Zeit in Weimar, gilt seit ihrem Debüt-Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" als Übermutter der jungen deutschen Literatur. Darauf könnte sie verzichten. Neben Büchern schrieb die überzeugte Kettenraucherin Theaterstücke und Texte für verschiedene Magazine in Deutschland und der Schweiz, darunter "Das Magazin" (Zürich), "Allegra" (Hamburg) und das "Zeit-Magazin". 2008 erhält sie den Wolfgang-Koeppen-Preis.Sibylle Berg lebt in Zürich.