Leseprobe zu "Ein Mann wie Mr. Darcy" von Alexandra Potter
Eins
Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine Junggesellin im Besitz ihres Verstandes nichts dringender braucht als einen anständigen Mann. Da gibt es nur ein Problem ...
"... also, wir hatten jeder was zu trinken und haben uns eine Pizza geteilt, aber du hattest zwei Extra-Beläge für deine Hälfte, das bedeutet, du schuldest mir ... Moment mal, mein Blackberry hat einen Taschenrechner ..."
Ich sitze in einem kleinen italienischen Restaurant auf der Lower East Side, starre über die karierte Tischdecke hinweg und beobachte sprachlos, wie mein Begleiter seinen Kackberry herausholt und fröhlich die Rechnung auseinanderdividiert.
Wo um alles in der Welt soll man heutzutage noch einen anständigen Mann finden?
Ich bin mit John, einem Architekten von Mitte dreißig, den ich vor kurzem auf der Geburtstagsparty einer Freundin kennen gelernt habe, essen gegangen. Er schien nett zu sein, als er nach meiner Nummer fragte - nett genug zumindest, um sich mit ihm an einem Dienstagabend nach der Arbeit eine Pizza zu teilen -, aber als ich ihm jetzt zusehe, wie er über dem Tisch zusammengekauert Zahlen eintippt, wird mir schnell klar, dass ich einen Fehler gemacht habe.
"... $ 7.75 extra, inklusive Mehrwertsteuer und Trinkgeld", erklärt er triumphierend und zeigt mir zum Beweis den Bildschirm.
Ein wirklich schwerer Fehler.
Um ehrlich zu sein, gebe ich Mr. Darcy die Schuld.
Ich war gerade einmal zwölf, als ich zum ersten Mal Stolz und Vorurteil las und mich schlagartig in ihn verliebte. Vergiss den milchgesichtigen Joey von New Kids on the Block oder Michael Hutchence, den Ledertypen von INXS, deren Poster an meiner Wand hingen. Meine erste große Liebe war Mr. Darcy. Umwerfend gut aussehend, rätselhaft, heißblütig schwelend und durch und durch romantisch, setzte er Maßstäbe für all die künftigen Männer in meinem Leben. Mit der Taschenlampe unter die Bettdecke gekuschelt, konnte ich es kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden, um einen Mann wie ihn zu finden.
Aber jetzt bin ich es. Und sitze hier, immer noch auf der Suche.
Ich krame einen Zwanziger aus meiner Geldbörse und gebe ihn John.
"Und die 75 Cent?", fragt er, die Hand noch immer ausgestreckt.
Das kann nicht sein Ernst sein.
Oh doch.
"Äh ... ja, klar", stammele ich und fange an, im Kleingeldfach zu wühlen.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht Renée Zellweger. Ich brauche nicht unbedingt einen Mann, um mich vollwertig zu fühlen. Ich habe einen Job, zahle meine Miete selbst, habe meinen eigenen Werkzeugkasten mit Bohrmaschine und weiß auch, wie man sie benutzt. Und was das andere angeht, nun ja, dafür sind batteriebetriebene Spielzeuge ja erfunden worden.
Ich gebe John die 75 Cent. Und sehe dann ungläubig mit an, wie er sie nachzählt.
Nichtsdestotrotz hält mich das nicht davon ab, mich weiter nach jener altmodischen romantischen Liebe zu sehnen, von der ich ständig in Büchern lese. Oder davon zu träumen, dass ich jemanden kennen lerne, der mich aus meinen Ugg-Boots haut und mein Herz zum Rasen bringt. Ein gut aussehender, treuer Mann, mit tadellosen Manieren, düsterer Schönheit, mit dem man sich angeregt unterhalten kann und der eine breite, starke, männliche Brust zum Anlehnen besitzt ...
Stattdessen habe ich in den letzten Monaten ein katastrophales Rendezvous nach dem anderen hinter mich gebracht. Okay, ich weiß, jeder hat irgendeine Geschichte über ein grauenhaftes Rendezvous auf Lager. Das ist vollkommen normal. Wer war noch nie mit einem Kotzbrocken/Typen, mit dem man keinerlei Gemeinsamkeit findet/versauten Mittvierziger aus (Unzutreffendes bitte streichen, beziehungsweise, in meinem Fall, nichts davon). So etwas gehört einfach dazu, wenn man Single ist. Irgendwann muss es passieren. Und wenn es zweimal passiert, ist das eben Pech. Aber eine ganze Reihe davon?
Als Beispiel hier nur einige, die mir auf Anhieb einfallen:
1. Bart hatte ein "Problem mit Intimität". Mit anderen Worten, er wollte nicht mal meine Hand halten, weil das viel zu intim gewesen wäre, aber er fand es völlig in Ordnung, mich schon am ersten Abend zu fragen, ob ich in seine Wohnung mitkäme, um einen Porno anzusehen.
2. Aaron trug weiße Cowboystiefel. Was an sich schon schlimm genug ist. Aber nachdem er mich kurzfristig versetzt und behauptet hatte, er müsse länger arbeiten, sah ich ihn am selben Abend im Kino - in der hintersten Reihe mit der Zunge im Hals eines anderen Mädchens.
3. Daniel, der hübsche jüdische Banker, der mich zu einem selbst gekochten Essen bei sich zu Hause einlud. Leider vergaß er, mir zu sagen, dass seine Mutter das Kochen übernahm. Entschuldigung, sagte ich Mutter? Ich meinte Übermutter. Fünf Gänge und drei Stunden später, in denen ich mir anhören durfte, was für ein großartiger Junge Daniel doch sei, gelang mir gerade noch die Flucht, bevor sie die Babyfotos rausholte.
4. Und jetzt sitze ich hier mit John, auch bekannt unter dem Namen Mr. Kavalier...
"Also, wollen wir das demnächst mal wiederholen?", fragt er mich jetzt, als wir das Restaurant verlassen.
"Oh ." Ich mache den Mund auf, um zu antworten, gebe jedoch nur einen erstickten Laut von mir, als er mir die Tür ins Gesicht schwingen lässt und ich sie mit dem Ellbogen abfangen muss. Nicht dass er es bemerkt hätte, denn er steht bereits auf dem Bürgersteig und zündet sich eine Zigarette an.
Ich massiere meinen schmerzenden Ellbogen und geselle mich zu ihm. Nach der Wärme im Restaurant trifft mich die Kälte wie ein Schlag. Es ist Dezember und weit unter dem Gefrierpunkt.
"Hast du Freitag schon was vor?", fragt er hartnäckig, wobei er die Brauen hebt und noch einen Zug von seiner Zigarette nimmt.
Oh Mist, was sage ich jetzt?
Ich zögere. Komm schon, Emily. Ihr seid beide erwachsen. Es ist schon in Ordnung. Sei einfach ehrlich und sag es ihm. >Was denn sagen?<, meldet sich eine leise Stimme in mir. Dass du dir lieber Reißzwecken in die Augäpfel bohren würdest, als noch mal mit ihm essen zu gehen?
"Ähm ... na ja, eigentlich ...", stammle ich, ehe ich mitten im Satz innehalte, weil er mir Rauch ins Gesicht bläst. "Ich bin ziemlich beschäftigt im Moment."
>Beschäftigt damit, zu beschäftigt zu sein, um mit einem absoluten Volltrottel wie dir auszugehen<, höre ich die kleine Stimme. Nur dass sie diesmal brüllt.
"Zu viele Partys, was?"
Glauben Sie mir, ich wäre so gern ehrlich. Warum ihn mit einer lahmen Entschuldigung davonkommen lassen? Warum auf seine Gefühle Rücksicht nehmen? Was ist mit all den nichtsahnenden Mädchen, mit denen er sich als Nächstes verabreden wird? Es ist meine Pflicht, es ihm zu sagen. Ich meine, dieser Kerl ist nicht nur geizig und unhöflich, sondern trägt auch noch Haarimplantate. Ja, ehrlich. Haarimplantate.
Ich habe gerade einen guten Blick darauf. Unter der Straßenlampe kann man die feinen gepunkteten Linien auf seiner Kopfhaut mühelos erkennen. Zarte kleine Haarsetzlinge, angepflanzt im verzweifelten Versuch, das Zurückweichen seines Haaransatzes zu verschleiern. Trotz meiner Wut ergreift mich Mitleid. Ach, sei nicht so gemein, Emily. Er braucht Verständnis und Mitgefühl, kein vernichtendes Urteil oder Spott.
Ich schlucke meinen Ärger herunter und zwinge mich zu einem Lächeln. "Ja, sieht ganz so aus, fürchte ich", erwidere ich nickend und verdrehe die Augen, als wollte ich sagen: "Puh, dieses ewige Feiern macht mich echt fertig." Im Ernst, ich sollte Schauspielerin, ja, Oscar-Gewinnerin sein statt Leiterin einer schrulligen kleinen Buchhandlung in Soho. In Wahrheit war ich nur auf einer einzigen Party. Von der Gesellschaft der Kieferorthopäden. An diesem Abend hatte ich eine Erkältung, warf mir eine Grippetablette nach der anderen ein, diskutierte über meinen Kreuzbiss und lag gegen halb zehn im Bett. Ich kam fast um vor Vergnügen.
"Aber es war nett, dich kennenzulernen", füge ich freundlich hinzu.
"Gleichfalls."
John entspannt sich sichtlich, während mich das warme Gefühl umhüllt, etwas richtig gemacht zu haben. Siehst du. Was ein paar freundliche Worte bewirken können. Was bin ich für ein guter Mensch. Die heilige Emily. Hmmmm, klingt doch ganz gut.
Beflügelt von meinem Erfolg, fahre ich fort. "Und die Implantate sind wirklich toll ."
"Implantate?" John starrt mich mit leerem Blick an. Scheiße. Hab ich das wirklich gesagt?
"Äh ... ich wollte sagen, die Pizza. Die Pizza war wirklich toll", stammle ich hektisch, laufe knallrot an und versuche, nicht auf seinen Haaransatz zu sehen, von dem mein Blick prompt wie magnetisch angezogen wird.
Aaarghhh. Nicht hinsehen, Emily. Sieh weg.
Eine qualvolle Stille schwebt über uns. Wir versuchen beide, so zu tun, als würden wir das nicht bemerken. Ich, indem ich an meinen Nagelhäutchen zupfe. Er, indem er sich heimlich übers Haar streicht und prüfend ins Restaurantfenster sieht, als er glaubt, ich würde es nicht bemerken. Schuldgefühle überkommen mich. Jetzt fühle mich wie ein richtig schlechter Mensch. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen, vielleicht .
In einer einzigen fließenden Bewegung nimmt John einen letzten Zug von seiner Zigarette, drückt sie mit dem Absatz aus und stürzt sich auf mich.
Oh Gott. Das passiert nicht wirklich. Es kann gar nicht sein, dass das passiert.
Es passiert.
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarre ich. Alles scheint wie in Zeitlupe abzulaufen. Ich sehe, wie er sich mit geschlossenen Augen, offenem Mund und heraushängender Zunge vorbeugt, was mir verrät, dass er meine Freundlichkeit mit einer Einladung verwechselt hat. Glücklicherweise (oder sollte ich eher sagen unglücklicherweise?) habe ich im letzten Jahr schon so viele schlechte Verabredungen hinter mich gebracht, dass meine Reflexe erstklassig funktionieren. Im letzten Moment komme ich zu mir und schaffe es gerade noch, ihm auszuweichen.
Seine Lippen schlittern über meine Wange, ehe er mir einen schlabberigen Kuss aufs Ohr drückt.
Eugghhh. Ich schubse ihn brüsk weg. Aber auch das ist noch schwierig genug, weil sein Arm wie ein Schraubstock um meine Hüfte liegt.
Wir fahren auseinander und stehen uns auf dem Bürgersteig gegenüber.
"In diesem Fall ist es wohl besser, ich nehme mir ein Taxi nach Hause", erklärt er knapp und stopft sich die Hände in die Taschen seiner sorgfältig gebügelten Hose.
"Ja, ich auch", antworte ich zittrig und lege mein speichelgetränktes Ohr mit dem Ärmel trocken.
Schweigen. Wir stehen beide am Bordstein und versuchen, ein Taxi anzuhalten. Endlich, nach einigen qualvollen Minuten, taucht der vertraute Anblick eines gelben Taxis mit eingeschaltetem Licht auf dem Dach auf. Es hält an, und ich strecke mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung die Hand nach dem Türgriff aus, aber John kommt mir zuvor. Ich bin angenehm überrascht. Immerhin! Doch ein bisschen Kavalier.
Vor Freude schenke ich ihm das erste aufrichtige Lächeln des heutigen Abends, als er die Tür öffnet. Vielleicht habe ich ihm Unrecht getan. Vielleicht ist er doch nicht so übel.
Ohne zu zögern springt er hinein und knallt die Tür zu.
"Okay, danke für den schönen Abend", sagt er durch das geöffnete Wagenfenster. "Schöne Feiertage!"
"Hey -", brülle ich ihm hinterher, als ich meine Stimme wiedergefunden habe. "Hey, du hast mir gerade mein Taxi -"
Doch in diesem Moment fährt der Wagen auch schon mit quietschenden Reifen davon.
Ich bleibe auf dem schmuddeligen Bürgersteig zurück, sehe den Rücklichtern nach, wie sie im Verkehr verschwinden, und spüre, wie mich trotz meiner Wut Traurigkeit überkommt. Unvermittelt brennen Tränen in meinen Augen, und ich blinzle sie wütend weg. Was ist nur in mich gefahren? Das ist doch lächerlich. Der Typ war ein totaler Schwachkopf. Ich bin nicht traurig. Es geht mir gut, sogar ganz hervorragend.
Mit einem entschlossenen Schniefen schiebe ich die Hände in die Taschen und stapfe los in Richtung U-Bahn.
"Du hättest die Polizei rufen sollen."
Es ist der nächste Morgen, und ich bin bei McKenzie's, einer kleinen Buchhandlung in Familienbesitz, wo ich Geschäftsführerin bin. Ich sehe zu Stella, meiner Assistentin, auf, die auf der Leiter steht und Bücherregale auffüllt.
"Warum? Weil er mir das Taxi vor der Nase weggeschnappt hat?" Mit einem resignierten Lächeln reiche ich ihr einen Stapel Bücher. "Bitte, Officer, mein Bekannter hat mir das Taxi vor der Nase weggeschnappt, das heißt, er ist kein Kavalier. Verhaften Sie ihn."
"Nein, deswegen doch nicht." Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und macht ein angewidertes Gesicht. "Wegen der gebügelten Hosen!"
Stella und ich haben uns bei einem Bewerbungsgespräch kennen gelernt, zu dem ich sie, überwältigt von ihren umfassenden Literaturkenntnissen, eingeladen hatte. Zumindest hatte ich das erwartet, nachdem ich ihren beeindruckenden Lebenslauf gelesen hatte. Nach fünf Minuten stellte sich jedoch heraus, dass sich Dichtung nicht unbedingt auf Bücherregale beschränken muss. Stella kam frisch von der Modeschule und hatte nicht die leiseste Ahnung von Büchern. Sie hielt einen Thesaurus für einen Dinosaurier und gestand schließlich, das Einzige, was sie je lese, sei ihr Horoskop.
Nun ja, zumindest war sie ehrlich, "und Ehrlichkeit ist sehr wichtig", erklärte ich Mr. McKenzie, dem Eigentümer, als Rechtfertigung dafür, dass ich sie eingestellt hatte.
In Wahrheit war sie das kleinste von verschiedenen Übeln. Mit ihrem quietschrosa Haar und einem bizarr geometrisch geschnittenen Outfit, das für einen völligen Modemuffel wie mich beängstigend modern aussah, erschien mir die Zusammenarbeit mit Stella bei weitem interessanter als mit irgendeinem der anderen Bewerber. Wie zum Beispiel Belinda, die sich als Internet-Freak bezeichnete und jeden Abend auf ihrem Sofa verbrachte, um ihren Blog bei MySpace auf den neuesten Stand zu bringen, oder Patrick, der schon fast 40 war, immer noch bei seinen Eltern wohnte, und >modernen Jazz vergötterte.
Genau. Als hätte ich ernsthaft eine Wahl gehabt.
Drei Jahre und einen ganzen Regenbogen an Haarfarben später waren wir beste Freundinnen, und auch wenn ich eigentlich ihr Boss bin, fühlt es sich die meiste Zeit nicht so an. Wahrscheinlich weil Stella meine Anweisungen meist ignoriert.
"Im Ernst, Emily, du hättest diesem John die Lichter ausblasen sollen", fährt sie fort und rammt schwungvoll eine Handvoll Bücher ins Regal. "Wenn er mir mein Taxi weggeschnappt hätte, wäre ich ihm an die Gurgel gegangen."
"Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel." Ich nicke. Hinter all diesen durchgeknallten Outfits und perfekten Accessoires verbirgt sich die Angriffslust eines Rottweilers. Stella hat tatsächlich einmal einen Ex-Freund um ein Haar umgebracht, indem sie ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht hat, als sie sich stritten, wer bei Survivor gewinnen sollte. Das Spray hat einen Asthmaanfall ausgelöst, so dass er die ganze Nacht in der Notaufnahme hat verbringen müssen.
"Also, was machst du jetzt?"
"Seine Nummer löschen", antworte ich achselzuckend, während ich das Klebeband von einem frischen Karton abreiße.
Stella wirft mir einen mitfühlenden Blick zu. "Verdammt, es tut mir so leid, Em. Echt ätzend."
"Hey, ich bin drüber weg", sage ich und bemühe mich nach Kräften, unbeschwert zu klingen. "Mach dir keine Sorgen, ich bin überhaupt nicht traurig wegen gestern Abend. Eher resigniert."
Ich versuche stets, mich mutig den Dingen zu stellen, aber wenn ich ehrlich sein soll, hat mich der gestrige Abend ziemlich mitgenommen. Das Problem ist nicht, dass John mich so enttäuscht hat, er war einfach nur der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Oder, um es anders auszudrücken, das Date, das mich endgültig kuriert hat. Denn das war's. Ich habe mich entschieden: Keine weiteren Enttäuschungen, zerstörte Hoffnungen oder Katastrophen-Verabredungen mehr. Es reichte.
"Ich habe da einen Freund, der einen total scharfen Bruder hat, der gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht hat ..."
"Danke, aber vergiss es." Ich schüttle energisch den Kopf.
"Aber er ist wirklich klasse", beharrt Stella.
"Wenn er so klasse ist, warum haben sie sich dann getrennt?"
Stella reibt sich konzentriert die Nase, was ihre klobigen Holzarmreifen zum Klappern bringt. Laut Stella ist Ethno im Moment total angesagt. "Hmm, ich bin mir nicht ganz sicher. Ich glaube, das könnte was mit seinem Alkoholgenuss zu tun haben ."
Ich sehe sie ungläubig an. "Du versuchst mich mit einem Alkoholiker zu verkuppeln?" Ich schnappe empört nach Luft.
"Ex", verteidigt sie sich. "Er ist bei den Anonymen Alkoholikern."
"Okay, dann darf er sowieso mit niemandem ausgehen", erkläre ich entschieden. "Das ist Teil des Zwölf-Schritte-Programms oder so was."
Stella sieht angemessen zerknirscht aus. Sie kratzt mit den Zähnen den violetten Lack von ihren Nägeln ab und wartet stumm, während ich weiter Taschenbücher auspacke, die Plastikhüllen abnehme und sie auf den Boden fallen lasse.
Es ist noch früh am Tag, und der Laden ist leer. Eine Weile arbeiten wir schweigend, bis die Stille vom hellen Ton der Türglocke durchbrochen wird. Ich sehe jemanden hereinkommen. Eine Frau im Pelzmantel. Sie erwidert meinen Blick und lächelt, bevor sie zu den Biografien geht.
"Wieso sind die Männer von heute nicht mehr so wie in den Büchern?", frage ich, während ich einen Stapel Klassiker auspacke. "Im Ernst, Stella, ich habe genug von der modernen Liebe. Und von modernen Männern. Ab jetzt halte ich mich nur noch an die Männer hier drin." Ich habe eine Ausgabe von Jane Austens Stolz und Vorurteil in der Hand und streiche zärtlich über den Umschlag. "Stell dir das nur vor. In einer Welt zu leben, in der Männer einem nicht das Taxi vor der Nase wegschnappen, einen nicht betrügen oder süchtig nach Internet-Pornos sind, sondern ritterlich, hingebungsvoll und ehrenhaft. Wie sie in Reithosen und weißen Hemden, die sich an ihren Brustkorb schmiegen, über die Felder streifen . lecker ."
Geistesabwesend blättere ich durch den Roman und bleibe prompt bei einer ziemlich erotischen Szene zwischen Elizabeth Bennet und Mr. Darcy. Mein Gott, wie ich diese Stelle liebe. Ich lehne mich ans Bücherregal und lese weiter. "Ich meine, warum kann ich nicht losgehen und mich mit Mr. Darcy verabreden?" Ich seufze sehnsüchtig. Das aufgeschlagene Buch an meine Brust gedrückt, blicke ich ins Leere.
"Oh, ist das der niedliche Kerl, der im Mac-Store arbeitet?", höre ich Stella von der obersten Sprosse der Leiter herunter fragen.
Ich sehe zu ihr hoch. Bestimmt habe ich mich verhört. "Wenn ja, könnte ich versuchen, dir seine Nummer zu besorgen ."
"Stella!", rufe ich ungläubig. Ich wusste ja, dass es mit ihrer literarischen Bildung nicht allzu weit her ist, aber das kann ich nicht glauben. Sie muss doch zumindest den Film gesehen haben. "Willst du damit sagen, du weißt nicht, wer Mr. Darcy ist?"
Sie sieht mich argwöhnisch an.
"Nicht der Typ, der im Mac-Store arbeitet?", fragt sie vorsichtig.
"Nein!", herrsche ich sie ungeduldig an. "Er ist der attraktivste, romantischste Mann, den man sich nur vorstellen kann. Er ist nicht nur respektvoll und weiß, wie man eine Frau behandelt, nein, er ist auch noch ein eleganter, grüblerischer Held voll gezähmter Leidenschaft, die nur darauf wartet, entfesselt zu werden -"
"Meine Güte, das hört sich ja wie der feuchte Traum jeder Frau an", kichert sie.
Ich werfe ihr einen strengen Blick zu.
"Also, wo finden wir denn nun diesen Mr. Darcy?", fragt sie, schlagartig ernüchtert. "Ich hätte nichts dagegen, ihn selber kennen zu lernen."
Ich greife nach einem Exemplar von Stolz und Vorurteil und schwenke es wie ein Staatsanwalt das entscheidende Beweisstück.
Verwirrt reißt Stella die Augen auf und mustert mich einen Moment lang prüfend. Dann fällt der Groschen.
"Ein Buch?", stöhnt sie ungläubig. "Dieser atemberaubende Mann, von dem du schwärmst, ist eine Figur aus einem Buch?" Einen Augenblick lang starrt sie mich mit weit aufgerissenen Augen wütend an, dann kommt sie die Leiter heruntergestapft und reißt mir abrupt das Taschenbuch aus der Hand. "Ich sage dir, warum du nicht mit diesem verdammten Mr. Darcy ausgehen kannst", schimpft sie. "Weil er eine Erfindung ist." Sie klettert die Leiter wieder hinauf und hält das Buch so, dass ich es nicht erreichen kann. "Er ist nicht echt. Ehrlich, Emily. Manchmal bist du so hoffnungslos romantisch."
In ihrer Stimme schwingt so großes Mitleid mit, als litte ich unter einer tödlichen Krankheit.
"Was ist so falsch daran, eine hoffnungslose Romantikerin zu sein?", frage ich trotzig.
"Nichts", antwortet sie achselzuckend, lässt sich auf die oberste Stufe der Leiter fallen und zieht die knochigen Knie an ihre Brust. "Aber ich fürchte, du wirst den Tatsachen ins Augen sehen müssen. Du musst in der Realität leben. Dies hier ist New York im 21. Jahrhundert und kein ...", sie unterbricht sich, um den Klappentext zu lesen, "ein Roman, der im ländlichen England des 19. Jahrhunderts spielt."
Und dann beugt sie sich vor, reißt mir die restlichen Ausgaben von Stolz und Vorurteil aus den Händen und stopft sie unsanft in das Regal hinter sich. "Wiederhol das, Emily. Mr. Darcy existiert nicht."
Zwei
Der Rest des Morgens vergeht in der Hektik des Weihnachtsgeschäftes wie im Flug. Die meisten Buchhandlungen heutzutage sind riesige Läden mit Filialen großer Café-Ketten, die eher an >Nimm-drei-zahl-zwei<-Werbeaktionen, Absatzzahlen und dem Verkauf von überteuerten, fettarmen Latte Macchiatos interessiert sind, aber McKenzie's ist anders.
Unser Laden ist klein, seit drei Generationen im Besitz derselben Familie und liegt in einer schmalen Seitenstraße, eingequetscht zwischen einem Hutmacher und einer italienischen Bäckerei. Die meisten Passanten gehen daran vorbei, weil sie zu beschäftigt sind, all die verrückten und wundervollen Hüte im Schaufenster nebenan zu bewundern oder beim Nachbarn ein überbackenes Ciabatta-Sandwich zu bestellen. Sie bemerken die alte Mahagonitür mit dem nach Originalschablonen gravierten Glas nicht, durch das die Nachmittagssonne scheint und Lichtmuster auf den gebohnerten Holzfußboden zaubert. Aber für all jene, die uns besuchen, sei es aus Zufall oder auf Empfehlung, ist das erste Mal niemals das letzte.
Ich denke immer, durch diese Tür zu treten ist, als gehe man durch einen Wandschrank und komme nach Narnia. Draußen tobt die Hektik des New Yorker Alltags, aber sobald die Türklingel ertönt, lässt man die Realität hinter sich und betritt die Welt der Fantasie.
McKenzie's hat nur einen einzigen, kleinen Verkaufsraum, der jedoch vor Lesestoff in allen Variationen schier überquillt. Die Wände säumen vom Boden bis zur Decke reichende Bücherregale voller Taschenbuch-Bestseller, Rücken an Rücken mit Erstausgaben, Fachbüchern und seltenen Publikationen. In der Mitte des Raumes steht ein ausladender Zeichentisch, auf dem sich aufwändig fotografierte Bildbände türmen.
Mein Lieblingsplatz ist am Fenster. Dort, direkt neben den Zeitschriftenregalen mit Magazinen aus aller Welt, steht ein altes, lederbezogenes Chesterfield-Sofa. Abgenutzt und in der Mitte durchgesessen, ist dies der Platz, wo über die Jahre Tausende von Kunden für jene Augenblicke ihrem gewohnten Leben entflohen sind, die man braucht, um im ersten Kapitel des neuesten Thrillers zu schmökern oder sich von einer einzigen Zeile eines wunderschönen Gedichts anrühren zu lassen.
Seit dem Collegeabschluss arbeite ich hier, und für jemanden, der nichts mehr liebt, als sich mit einem guten Buch auf einem Sofa zusammenzurollen, ist es ein Traumjob. Meine Eltern scherzen immer, es sei mir von Geburt an vorherbestimmt gewesen, hier zu landen, da mir Bücher im Blut lägen. Meine Eltern sind Akademiker - meine Mutter lehrt Englisch, mein Vater Kunstgeschichte - und beide leidenschaftliche Bücherwürmer.
Bei uns zu Hause gab es keinen Fernseher. Stattdessen sagten sie meinem Bruder und mir, wir sollten >unsere Fantasie benutzen<, und gaben uns Bücher. Meine Eltern behaupten, ich hätte bereits mit zweieinhalb Jahren lesen gelernt. Während alle anderen Kleinkinder in den Park gingen, um zu schaukeln, haben meine Eltern mich in die Bibliothek mitgenommen.
Es heißt, mein erster Satz sei >Ruhe bitte< gewesen.
Jedenfalls wird Mr. McKenzie allmählich alt, und da sein einziger Sohn Arzt ist und kein Interesse daran hat, das Geschäft zu übernehmen, war es im Gespräch gewesen, den Laden zu verkaufen. Vor einem halben Jahr hatte er ein Angebot von einer der großen Cafe-Ketten bekommen, die das gravierte Glas durch ihr Logo ersetzen, einen Betonboden legen und Buchattrappen in die Mahagoni-Regale stellen wollten. Er hat abgelehnt. Nur über seine Leiche, sagte er. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass meine Tage hier gezählt sind. Nicht dass ich mir um mich selbst Sorgen machen würde - ich finde gewiss jederzeit einen anderen Job-, aber es gibt nun mal keine Buchhandlung wie McKenzie's mehr. Wenn sie einmal verschwunden ist, wird es für immer sein.
Nachdem ich einem Kunden sein Wechselgeld ausgehändigt habe, will ich mich dem nächsten in der Schlange zuwenden und stelle fest, dass da niemand mehr steht. Ich seufze erleichtert. Gott sei Dank. Stella ist noch in der Mittagspause, und vor Weihnachten herrscht grundsätzlich großer Trubel. Alle sind auf der Jagd nach dem perfekten Geschenk. In dieser Jahreszeit steuern die meisten Kunden direkt auf den Tisch zu, weil sie sich einbilden, größer sei auch automatisch besser und nur ein großer, teurer Bildband könne gut genug sein. Zugegeben, diese Bücher machen Eindruck, aber normalerweise werden die dicken Hochglanzfotobände nur ein einziges Mal durchgeblättert und enden dann als Staubfänger, während ein heißgeliebtes Taschenbuch in der U-Bahn, in der Badewanne und unter der Bettdecke genossen und an Freunde und Familienmitglieder verliehen wird, um ein ums andere Mal wieder gelesen zu werden.
Niemand wird jemals Sturmhöhe vergessen, aber wer wird sich an Die Geschichte der rumänischen Trapezartisten erinnern?, sinniere ich, als mein Blick auf einen Mann am Zeichentisch fällt, der in einem ausladenden Band blättert. Er ist klein, stämmig und hat fast weißlich-graues Haar. Ich gehe zu ihm. Er ist tief in Gedanken versunken.
"Ist das für Stella?", frage ich ihn und spähe ihm über die Schulter.
Er fährt zusammen. "Hi, Em, wie geht's?", japst er, während sich ein Grinsen auf seinem jungenhaften Gesicht ausbreitet.
"Oh, du weißt ja." Ich lächle, als er mir einen Kuss auf jede Wange drückt und mich dabei mit dem Mehl bestäubt, das sein tiefschwarzes Haar bedeckt und es fast weiß aussehen lässt. "Wie geht's dir, Freddy?"
Freddy ist Stellas Ehemann, aber es ist lediglich eine Greencard-Ehe. Sie haben sich vor zwei Jahren kennen gelernt, als sie in die Bäckerei nebenan ging, um sich Sandwiches fürs Mittagessen zu kaufen, und seitdem sind sie dicke Freunde. Freddy ist Italiener, und als sein Visum auslief, hat Stella sich angeboten, ihn zu heiraten. Im Gegenzug darf sie billig in seiner kleinen Wohnung über der Bäckerei wohnen. Es hört sich nach einem perfekten Arrangement an, und das ist es auch. Abgesehen von einer Kleinigkeit: Freddy ist bis über beide Ohren in Stella verliebt - und der einzige Mensch auf der Welt, der das nicht merkt, ist Stella.
"Also, was meinst du?" Er deutet auf das Buch. "Zu Weihnachten."
Ich rümpfe die Nase. "Mag ja sein, dass Stella in einer Buchhandlung arbeitet, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich sie jemals wirklich eines habe lesen sehen.""Hmm, wahrscheinlich hast du Recht." Er nickt betrübt. "Aber sie könnte sich die Fotos ansehen", schlägt er eine Spur fröhlicher vor.
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