Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension
Susanne Messmer hat sich, ob der Virulenz des Themas in der Literatur, zwei Provinzromane vorgeknöpft. Andreas Maier hat sich in allen seinen Romanen der Provinz zugewandt, der er selbst entstammt, nämlich der Wetterau. Er tut es verschachtelt, widerborstig und dabei dennoch gut lesbar, wie die Rezensentin betont. Erst der Roman "Das Zimmer" aber enthüllt ihr, warum sie Maiers Romane mit einem gewissen Unbehagen liest. Denn in dem Buch, in dessen Zentrum der geistig zurückgebliebene Außenseiter Onkel J. steht, der auf vorsprachlicher Ebene am liebsten mit Vögeln kommuniziert, hat Messmer "schlimme anachronistische Sätze" gefunden, wie sie meldet. Hier enthüllt sich Maiers christlich fundierter Wertkonservatismus, an dessen Wurzel die tiefe Misanthropie des Autors steht, so die Rezensentin. Deshalb blieben seine Figuren auch blass und würden nicht ernst genommen, meint Messmer, die es auch einfach nicht in Ordnung findet, wie Maier seine Figuren vorführt.
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 | Besprechung von 02.10.2010 |
Dieser Oldtimer fährt mit NaviDie Wetterau als Wille und Vorstellung: Andreas Maiers neuer Heimatroman ist eine zarte Annäherung an die paradiesische Sprache vor allen Worten.
Von Friedmar Apel
Der Rausch der grenzenlosen Virtualität ist verflogen, und manch ein Visionär unendlicher Möglichkeiten steht nun als Bußprediger auf dem globalen Dorfplatz. Indessen hat die Literatur längst einen neuen Ortssinn entwickelt, eine Aufmerksamkeit für den realen Raum als das, was da ist und da bleibt und doch in seiner Sichtbarkeit immer in Frage steht. Von Herta Müller bis Jonathan Franzen zeigt Literatur als andere Art Heimatkunde, dass sich die Entwicklung der menschlichen Wahrnehmung am konkreten Ort abspielt.
Schon in seinem Erstling "Wäldchestag" (2000) hat sich Andreas Maier als brillanter Chronist einer heimatlichen Dingwelt gezeigt. "Bullau. Versuch über die Natur" (2008), den er mit der Theologin Christine Büchner verfasst hat, ist eine Poetik der Sicht- und Hörbarkeit der Welt und eine Lektion in Lebenskunst. Der Leser erfährt darin so erstaunliche Dinge wie, dass der Fink Fink heißt, weil er fink macht, selbst wenn er gerade …
 | Besprechung von 12.10.2010 |
Als die Wetterau noch geholfen hat
In der Verteidigung der Provinz zum Äußersten entschlossen: Andreas
Maiers Roman „Das Zimmer“, der Beginn einer hessischen
Familiensaga
Der Buchstabe W muss ein sehr deutscher Buchstabe sein, vielleicht
sogar der deutsche Buchstabe schlechthin. Andreas Maiers neuer
Roman „Das Zimmer“ wimmelt jedenfalls von W-Wörtern, und jedes von
ihnen steht für einen Schlüsselbegriff: Wut und Weißglut.
Werkstatt, Waschküche, Weinkeller. Wohnzimmer und Wildbahn.
Weihnachten und Wald. Aber auch Wirtschaft und Wehrmacht. Wunde,
Wagner, Wochenende. Weltkrieg, Witwe, Waschmaschine, Wurstbrot und
Weimarer Republik. Die Männer hören hier auf Namen wie Wilhelm,
Wolfgang oder Weberrudi, und sie treffen sich im Forsthaus
Winterstein, denn hier, das ist die Wetterau – das W-Wort
schlechthin bei Andreas Maier.
In der Wetterau, nördlich von Frankfurt, in Bad Nauheim, wurde er
1967 geboren, und diesem Landstrich setzt Andreas Maier in „Das
Zimmer“ ein Denkmal. Der Roman ist der Auftakt zu einer angeblich
auf elf Bände angelegten hessischen Familiensaga, deren schierer
Umfang TV-Vorgänger wie „Diese Drombuschs“ in den Schatten …
"Der begabteste Schwadroneur unter den jüngeren Autoren."
Ulrich Greiner Die Zeit
»Maiers Roman leistet Außergewöhnliches: er entdeckt eine Kindheitslandschaft wieder, und er setzt seinem Sonderlingsonkel ein Denkmal, ohne zu idyllisieren oder zu denunzieren. ... Seine Prosa macht sich in die übersehenen Gemeinden der Provinz auf, umkreist sie, begibt sich auf Hochsitze, die Überblick erlauben, und macht das Zwiespältige des Heimatbegriffs deutlich. ... Das alles leistet Maier mit einem pointierten Stil, der Ironie, Komik und Übertreibung trefflich mischt. Nicht nur die Wetterau muss ihm dafür dankbar sein.«
Ausgreifend und hymnisch bespricht Christian Thomas Andreas Maiers Roman "Das Zimmer", den er als Auftakt einer, wie ihm zu Ohren gekommen ist, elfbändigen hessischen Familiensaga vorstellt. Mittelpunkt dieses Romans ist der durch und durch abstoßende Onkel J., Waldfanatiker, Waffenliebhaber und Bordellgänger, der von einem Ich-Erzähler zumeist aus der kindlichen Erinnerung heraus durchleuchtet wird, lässt der Rezensent wissen. Prominent ist die hessische Wetterau, die die lokale Folie dieser "abgründigen" Onkel- und Heimatergründungen ist und das liest sich für den faszinierten Rezensenten als großartige "Tirade" in Bernhard'scher Tonart. Dieser Roman ist aber noch mehr, versichert Thomas, denn Maier zeichnet seinen Ich-Erzähler, in dem der Rezensent Ähnlichkeiten zum Autor entdeckt hat, als "Heimatvertriebenen", dabei "Heimathassenden", wie es nur ein in Wahrheit Liebender sein kann. Für Thomas etabliert sich der Autor mit diesem Roman einmal mehr als herausragender "Heimataktivist", wie man ihn in der Literatur kein zweites Mal findet.
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»Mit Das Zimmer ist Andreas Maier ein Meisterwerk der scharfen Beobachtung und der kleinen Wunder gelungen.«
Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis "für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk, mit dem er die über Jahrzehnte diskriminierte Heimatliteratur auf radikale Weise erneuert", ausgezeichnet und 2013 erhielt Andreas Maier den "Franz-Hessel-Preis". Er wohnt in Frankfurt am Main.