Drei Blinde sollen einen Elefanten ertasten. Der Erste bekommt den
Rüssel zu fassen und sagt: "Eine Schlange!" Der Zweite
betastet den Rumpf und sagt "Ein Berg!" Der Dritte, der
den Schwanz erwischt, meint "Ein Pinsel!" Der westliche
Diskurs über den Islam gleicht frappierend dem jener drei Blinden.
Er dreht sich seit Jahren im Kreis, weil Kritiker wie Verteidiger
des Islam mit Argumenten hantieren, die bestenfalls
Teilwirklichkeiten beschreiben. Die Fragen, die sie stellen, und
die Begriffe, in denen sie sie beantworten, entstammen einer
westlichen, liberal-individualistischen Gedankenwelt; sie taugen
daher nur bedingt zum Verständnis nichtwestlicher Gesellschaften,
speziell im Hinblick auf deren religiöse Grundlagen. Die
vorliegende Analyse geht einen anderen Weg: Ausgehend vom
Selbstverständnis des Islam, ein umfassendes, weil alle
Lebensbereiche durchdringendes Werte- und Ordnungssystem zu sein,
analysiert der Autor anhand des Korans die Struktur dieses Systems.
Er zeigt auf, welche sozialen und politischen Konsequenzen es haben
muss, wenn dieses System als kulturelle Selbstverständlichkeit
verinnerlicht und als Grundlage der Gesellschaft akzeptiert wird.
Durch die Analyse historischer wie aktueller Islamisierungsprozesse
untermauert er den zunächst theoretisch gewonnenen Befund, dass der
Islam die von ihm geprägten Gesellschaften zu Dschihadsystemen
formt, das heißt sie dazu konditioniert, nichtmuslimischen
Gesellschaften zunächst die eigenen Spielregeln aufzuzwingen, um
sie schließlich zu verdrängen. Gewalt spielt bei diesen Prozessen
eine zwar nicht wegzudenkende, aber durchaus nicht immer die
entscheidende Rolle, und Terrorismus, an dem islamkritische
Diskurse sich häufig entzünden, ist lediglich ein, wenn auch
bezeichnender, Randaspekt.
Das Verhältnis der westlichen zur islamischen Welt ist seit Jahren
Gegenstand leidenschaftlicher Debatten - nicht nur unter
außenpolitischen Gesichtspunkten, sondern auch in Bezug zu den
muslimischen Parallelgesellschaften in europäischen Ländern.
Doch diese Debatten werden in Begriffen geführt, die zur
Beschreibung westlicher Gesellschaften entwickelt wurden und am
Selbstverständnis des Islam vorbei-gehen - denn der Islam versteht
sich als ein umfassendes, alle Lebensbereiche durchdringendes
Normen- und Wertesystem und nicht als eine den individuellen
Glauben prägende Religion - so der Berliner Sozialwissenschaftler
Manfred Kleine-Hartlage.
Wer in eine beliebige Gesellschaft hinein sozialisiert wird,
übernimmt von Kindesbeinen an eine Reihe von unbewussten
Vor-Annahmen über Recht und Wahrheit, Geschichte, Ethik und Moral,
die, weil sie eben unbewusst sind, ein System kultureller
Selbstverständlichkeiten darstellen, die die Kollektivmentalität
der Gesellschaftsmitglieder prägen. Diese Mentalitäten müssen nicht
per se inkompatibel sein, aber im westlich-islamischen Verhältnis
(dies die These von Kleine-Hartlage) sind sie es.
Seine außerordentlich vielschichtige und differenzierte
Argumentation führt zu dem Ergebnis, dass die Konsolidierung, und
vor allem die Verbreitung des Islam auf Kosten nichtmuslimischer
Gesellschaften. der Leitgedanke des islamischen Normen- und
Wertesystems ist; erst von diesem Leitgedanken her werden die im
Westen als besonders anstößig empfundenen islamischen Normen
verständlich: etwa die feindselige Abgrenzung gegenüber
Nichtmuslimen, deren militante Verunglimpfung, der Aufruf zum Kampf
und zum Selbstopfer für Allah, das Apostasieverbot für Muslime, die
systematische Kontrolle der weiblichen Sexualität, die sich als
roter Faden durch den gesamten Koran ziehen. Nicht die einzelne
Norm, sondern ihr innerer Zusammenhang macht den Islam zum
Dschihadsystem.
Der Islam trifft in zentralen Punkten - beim Menschenbild, bei der
Beziehung des Menschen zu Gott, bei den Normen über Gewalt und
Tötung, nicht zuletzt auch in seinem Wahrheitsverständnis -
Wertentscheidungen, die denen des Christentums diametral
entgegengesetzt sind und die muslimischen Gesellschaften dazu
befähigen, ja zwingen, nichtmuslimische zu verdrängen.
Kleine-Hartlage untermauert diesen zunächst theoretischen Befund,
indem er die Mechanismen analysiert, die zur Islamisierung
Nordafrikas, Kleinasiens und des Nahen Ostens führten. Die
politische Herrschaft von Muslimen über Nichtmuslime ging der
Islamisierung stets voran. Die Muslime konnten dann die sozialen
Spielregeln so setzen, dass die Widerstandsfähigkeit der
sogenannten Schutzbefohlenen (Dhimmis) systematisch zersetzt wurde:
durch Unterdrückung, Erniedrigung, Ausplünderung, Versklavung,
Frauenraub und Korrumpierung der Eliten. Manche dieser Mechanismen
wirkten langfristig und zum Teil auf subtile Weise, dafür aber sehr
effektiv.
Ein langes Kapitel widmet er der aktuellen Situation in Europa:
Dabei wird deutlich, wie die vom Islam geprägte Kollektivmentalität
muslimische Parallelgesellschaften in die Lage versetzt, sich nicht
nur selbst zu konsolidieren, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft
die eigenen Spielregeln aufzuzwingen. Der "weiche
Dschihad" nutzt die Integrationsbemühungen aus, um die
Parallelgesellschaften zu stabilisieren. So dient auch der
"Dialog" als Mittel des Dschihad und eben nicht als Weg
zu seiner Beendigung.
Die Islamisierung europäischer Gesellschaften wird das Ergebnis der
bisherigen Einwanderungs- und "Integrations"-Politik
sein, weil diese Politik auf ideologischen Prämissen basiert, die
die Funktionsweise islamischer Gesellschaften ignorieren.
Da der Autor den Islam nicht aus theologischer, sondern
soziologischer Sicht analysiert, kommt er zu neuen, grundlegenden
Einsichten, denen sich jeder stellen muss, dem die zukünftige
Entwicklung Europas nicht gleichgültig ist.
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