Kamtschatka - Figueras, Marcelo

Marcelo Figueras 

Kamtschatka

Roman

Aus d. Span. v. Sabine Giersberg
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Kamtschatka

Buenos Aires, kurz nach dem Militärputsch 1976. Ein regimekritischer Anwalt muss mit seiner Familie untertauchen. Was für die Eltern lebensgefährliche Notwendigkeit ist, wird für die beiden Söhne zum grandiosen Abenteuer. Bedrohung und Spiel, Familie und Diktatur bestimmen die Welt der Jungen. Figueras erzählt aus der Sicht des damals zehnjährigen Sohnes der Familie von Abenteuern und Angst, Zauberkünstlern und Außerirdischen. Nicht der blutige Putsch steht im Mittelpunkt des Romans, sondern die Veränderungen, die sich für die Familie in der Diktatur ergeben. Ein Strategiespiel wird für den Jungen und seinen Vater zum Sinnbild der eigenen Lage - wenn das kleine Land Kamtschatka sich erfolgreich gegen die Übermacht seiner Feinde verteidigt. Die Zärtlichkeit und kindliche Neugier, mit der Figueras den Erfahrungen seines kleinen Helden nachspürt, steht in Kontrast zu dem sich ausbreitenden Terror im Land, »sensibel und voll warmem Humor« (Elke Heidenreich) verwebt er Kinderfragen und Zeithistorie. Ein tragikomischer Roman voll existentieller Kraft. Der Kinofilm Kamtschatka, nach dem Drehbuch von Marcelo Figueras, erhielt 2003 den Publikumspreis auf der Berlinale und wurde als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 317 S.
  • Seitenzahl: 320
  • dtv Taschenbücher Bd.13672
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 120mm x 18mm
  • Gewicht: 266g
  • ISBN-13: 9783423136723
  • ISBN-10: 3423136723
  • Best.Nr.: 23335304
"Ein Buch zum Lachen und Weinen, aber auch ein ungewöhnliches Plädoyer gegen Diktatur und Terror."<br />Andreas Steppan, Tölzer Kurier 19.12.2009 <br />

»Ein Buch zum Lachen und Weinen, aber auch ein ungewöhnliches Plädoyer gegen Diktatur und Terror.« Andreas Steppan, Tölzer Kurier 19.12.2009

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.09.2006

Weine nicht um sie, Argentina
Marcelo Figueras erzählt von einer Familie in Zeiten des Putsches

Es ist der April des Jahres 1976. Unmittelbar nach der Amtseinführung des neuen argentinischen Präsidenten Jorge Rafael Videla, eines "Manns mit Mütze, riesigem Schnurrbart und bösem Gesicht", wird der zehnjährige Harry von seiner Mutter aus dem Schulunterricht geholt: "Wir machen eine Reise." Am Abend stößt der Vater zu ihnen, ein Rechtsanwalt, der sich auf die Verteidigung politischer Gefangener spezialisiert hat: "Wir verschwinden für ein paar Tage, bis sich die Dinge beruhigt haben." Der Vater irrt sich. Es sollen mehr als nur ein paar Tage werden.

"Kamtschatka" heißt dieser Roman, in dem der argentinische Schriftsteller Marcelo Figueras die Geschichte einer Familie zur Zeit des Militärputsches erzählt. Um den Titel zu verstehen, muß man tief in Harrys Welt eintauchen, in der die überstürzte Flucht der Familie aus Buenos Aires in ein entlegenes Landhaus zunächst nicht mehr ist als ein abenteuerliches Spiel. Als sein Vater ihm erklärt, daß alle Familienmitglieder neue Identitäten annehmen müßten, entdeckt Harry darin das …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Klug und zugleich tieftraurig" findet Rezensent Kolja Mensing diesen "vermutlich einzigen" argentinischen und dabei unblutigen Roman über die Zeit der Militärdiktatur. Es handelt sich, wie Mensing schreibt, um die Geschichte einer Familie, die nach dem Militärputsch eine neue Identität annehmen muss, um nicht in die Mühlen von Folter und Mord zu geraten. Erzählt wird aus der Perspektive des zehnjährigen Sohnes, der seinerseits in eine Fantasiewelt abtaucht. Denn das titelgebende Land "Kamtschatka" bezeichnet Mensing zufolge eine russische Insel, die auf dem als Weltkarte gestalteten Spielbrett des Strategiespiels "Risiko" als eigene Nation geführt und für das Kind zum Fluchtpunkt wird. Zuletzt zerfällt die Familie unter dem Druck der brutalen Verhältnisse, lesen wir, während der Junge psychisch in seinem Fantasiereich überlebt und als Erwachsener nun dessen Metaphern rückwirkend zu deuten versucht. Die Begeisterung des Rezensenten für diesen Roman wird allerdings überschattet von seinem Ärger über die ungenaue Übersetzung und ein schlampiges Lektorat, die der deutschen Ausgabe aus seiner Sicht ziemlich geschadet haben.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Kinderfragen und Gleichnisse tragen mit grosser Würde das Gewicht der Welt, an dem die Familie zerbricht. Sanft eskaliert der Schmerz in diesem Roman, und am Ende will er nicht mehr weichen." ( Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2007)
Marcelo Figueras, geboren 1962 in Buenos Aires, arbeitete als Journalist für verschiedene Zeitschriften, als Kulturredakteur für die Tageszeitung Clarín und als Redakteur der Zeitschrift 'Viva'.

Leseprobe zu "Kamtschatka" von Marcelo Figueras

11. Wir verschwinden

Mama steckte den Kopf in das Klassenzimmer und fragte, ob sie eintreten dürfe. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, das mir sehr gefiel, weil es ihre Wespentaille betonte. Sie hatte wie immer eine brennende Zigarette zwischen den Fingern. Vielleicht war das das einzige Merkmal eines verrückten Wissenschaftlers an Mama, abgesehen von ihrer Neigung, alles mit physikalischen Begriffen erklären zu wollen und selbst ein Fußballspiel als komplexes System von Massen, Widerständen, Vektoren und Energien zu sehen. Mama benutzte die Schachtel ihrer Jockey, um alles Mögliche zu notieren, von Telefonnummern bis hin zu Formeln, und dann vergaß sie, dass sie etwas Wichtiges notiert hatte, und warf die Schachtel weg. Das war Gesetz, so unumstößlich wie das Gesetz der Schwerkraft.

Fräulein Barbeito stoppte den Film und flüsterte mit Mama. Ich nutzte die durch ihr wundersames Erscheinen entstandene Verwirrung, um Bertuccio nicht noch mehr Buchstaben vorzusagen, bis ich mir sicher war (noch ein Fehler, und ich starb am Galgen). Was hatte Mama hier zu suchen? Musste sie um diese Uhrzeit nicht im Labor sein? Hatte sie das Schulgeld bezahlt und war auf dem Weg kurz vorbeigekommen, um hallo zu sagen?

"Pack deine Sachen, du musst jetzt gehen", sagte Fräulein Barbeito zu mir.

Ich setzte ein leicht triumphierendes Gesicht auf und packte alles in die Tasche. Bertuccio wirkte beleidigt. Mama hatte ihn um seinen Sieg gebracht.

Er füllte die Lücken mit den fehlenden Buchstaben aus und fragte mich, was wir am Nachmittag unternehmen würden. "Das Gleiche wie immer", erwiderte ich: "Nach der Englischstunde komme ich zu dir". "Meine Mutter macht Schnitzel", sagte er, um mich endgültig zu überzeugen. Und das gelang ihm natürlich. Wenn ich Großvaters Satz noch vervollständigen dürfte, würde ich sagen: der liebe Gott steckt in den Details und in den Schnitzeln von Bertuccios Mama.

Da gab er mir das Zettelchen mit dem Galgenmann.

Es stand jetzt nicht mehr A_ A _ A _ A _ _ A darauf.

Die Lösung war einfach und elegant. Oder besser gesagt magisch.

Bertuccios Wort lautete: abracadabra.

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