Suizid - Krankheitssymptom oder Signatur der Freiheit?
Zur Klärung der ethischen Fragen nach der Legitimität von
suizidalem Verhalten, von Suizidverhütung und -beihilfe ist ein
vertieftes Verständnis des Suizidaktes unabdingbar. Zu diesem Zweck
versucht die philosophische Studie, die wichtigsten
Forschungsergebnisse aus Medizin, Psychologie und Soziologie mit
einzubeziehen. Einseitige, simplifizierende Interpretationen und
radikale Extrempositionen sollen zugunsten einer differenzierteren
Sichtweise überwunden werden. So zeigt sich, dass zwischen
polarisierenden Lesarten des Suizids als Krankheitssymptom"
oder Signatur der Freiheit" genauso ein stufenreiches
Kontinuum besteht wie zwischen absoluter Freiheit" und totaler
Unfreiheit" oder zwischen Krankheit" und
Gesundheit". Obwohl die Freiheitsfrage in der gegenwärtigen
Suiziddebatte eine der umstrittensten ist, wird selten explizit
eine Willens- und Handlungsfreiheit" voneinander
unterschieden. Das sich an einem Konzept aus der organischen
Medizin orientierende Symptommodell
entpuppt sich für das Verständnis suizidaler Menschen als weniger
geeignet als ein biopsychosoziales System-Modell, das die
mannigfaltigen biologischen, sozialen, psychischen und auch
bewussten kognitiven Faktoren des präsuizidalen Prozesses
miteinander ins Verhältnis setzt.
Zur Prüfung der Rationalität und Legitimität des Suizidaktes müssen
Kriterien theoretischer und praktischer Rationalität bestimmt und
die relevanten Prinzipien aus der Individual- und Sozialethik
benannt werden. Sorgfältig angegangen werden auch die im Kontext
der aktuellen Sterbehilfediskussion aufgeworfenen Fragen nach einem
ethischen oder juristischen Recht auf Suizid" und einem Recht
auf Suizidbeihilfe". Bezüglich der ebenso brisanten
Problematik ethisch legitimer Suizidverhütung erweisen sich die
radikalen Positionen eines absoluten Paternalismus oder absoluten
Autonomismus als unhaltbar. Anstelle einer einfachen Ethik"
mit universellen Geboten oder Verboten wird eine differenzierende
Ethik" entworfen, die ein Urteil von besonderen
Lebensumständen und unterschiedlichen Handlungstypen abhängig
macht.
Dr. phil. Dagmar Fenner, geb. 1971, studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Basel und an der E.H.E.S.S. Paris. Habilitation mit einer Arbeit über das Glück (Alber Verlag 2003). Forschung und Lehre in Paris und Berlin; Professurvertretung für O. Höffe in Tübingen; z. Z. Privatdozentin in Basel und Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen
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