Leseprobe zu "Ernährungsmedizinische Praxis" von Manfred J. Müller
Ernährungsmedizinische Behandlung (S. 197)
M.J. Müller, J.Westenhöfer, Chr. Löser, A. Weimann und H. Przyrembel
Zwischen geträumtem Wunsch und ahnendem Traum schwebt alles Wissen ...
H. Broch (Die Schlafwandler, 1929)
2.1 Ernährung und Lebensstil
Da die Ernahrung ein zentraler Bestandteil unseres Lebens ist, mussen ernahrungsmedizinische Masnahmen ganzheitlich angelegt sein und die Personlichkeit in ihren verschiedenen Aspekten berucksichtigen. Ernahrungsberatung und -therapie sind immer Teil eines groseren ?Konzeptes?, welches verschiedene Bereiche des Lebensstils (wie Aktivitat, Inaktivitat, Rauchen, etc.) berucksichtigt. Das bewusste Hinwenden zu einer gesunden Lebensweise hilft dem Menschen, auch mit Ernahrung verantwortungsbewusster umzugehen.
Der Erfolg von Beratung, Schulung und Erziehung setzt die Eigenverantwortung des Betroffenen voraus. Gesunde wir Kranke weisen die Verantwortung fur ihre Gesundheit haufig den Therapeuten zu, was diese wiederum in der Regel akzeptieren. Um Eigenverantwortlichikeit herzustellen, muss dem Patienten und seinem Therapeuten zunachst klar werden, welchen Nutzen der Mensch aus dem ungesunden Lebensstil zieht.
Essen, Rauchen, Alkoholgenuss und Inaktivitat konnen durchaus zur Entspannung und zum geselligen Miteinander beitragen und so auch Lebensqualitat bedeuten. Die Ambivalenz im Umgang mit Gesundheit und Ernahrung muss mit dem Patienten zusammen herausgearbeitet werden. Erst nach dieser Klarung sind die moglichen Hindernisse gegenuber einem gesundheitsforderlichen Lebensstil zu hinterfragen und die Vorteile einer Lebensstilanderung als Alternative zu ?erarbeiten?.
Eigenverantwortung wird nur auf einen arbeits- und zeitintensiven Weg erreicht. Ziel dieses Weges ist die Freiheit, die es dem Betroffenen ermoglicht, sich verantwortlich zwischen gesundheitsforderndem und -schadigendem Verhalten zu entscheiden.
2.1.1 Gesunde Ernährung
Eine ?âgesunde Ernahrung?á ist bedarfsdeckend und berucksichtigt die derzeitigen Kenntnisse hinsichtlich des praventiven Wertes einzelner Nahrstoffe (d. h. der Pravention ernahrungsabhangiger Erkrankungen). Der Nahrstoffbedarf wird mit verschiedenen Methoden ermittelt:
. Bilanzstudien, bei denen Verluste im Vergleich zur Aufnahme einzelner Nahrstoffe (Beispiele Eiweiss oder Calcium) erfasst wurde,
. Untersuchungen mit stabilen Isotopen, mit denen der spezifische Bedarf fur einzelne Nahrstoffe (wie z. B. essentieller Aminosauren) gemessen wurde,
. Depletions- und nachfolgende Repletionsuntersuchungen, welche mit Diaten, die den jeweiligen Nahrstoff in geringen oder hohen Mengen enthalten, durchgefuhrt wurden (Beispiel: Eiweiss) und
. die Erfassung der Nahrstoffaufnahme gesunder Menschen. Dabei wird ausgehend von der Annahme einer Normalverteilung fur die einzelnen Nahrstoffe (wie z. B. Vitamin C) sichergestellt, dass 97,5% der Personen ausreichend (d. h. bedarfsdeckend) versorgt werden.
Bei den Nahrstoffempfehlungen der Deutschen Gesellschaft fur Ernahrung (DGE) und den deutschsprachigen Fachgesellschaften ( DACH) ?handelt es sich mit Ausnahme der Richtwerte fur die Energiezufuhr um Nahrstoffmengen, von denen angenommen wird, dass sie nahezu alle Personen der jeweils angegebenen Alters- und Zielgruppen vor ernahrungsbedingten Gesundheitsschaden schutzen und die Voraussetzungen fur volle Leistungsfahigkeit geben.? Der Nahrstoffbedarf verschiedener Menschen zeigt aber eine nicht unbetrachtliche inter- aber auch intraindividuelle Varianz.
Bei der Energiezufuhr wird in den Empfehlungen der durchschnittliche Bedarf der gesunden Bevolkerung angegeben. Demgegenuber liegt den Empfehlungen zu verschiedenen essentiellen Nahrstoffen die Annahme einer Normalverteilung zugrunde. Dabei wird der durchschnittliche Bedarf (Median der Kurve) um 2 Standardabweichungen (oder 20.30%) erhoht und so der Bedarf von durchschnittlich 98% aller Personen dieser Population abgedeckt.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20