Ästhetik - Schweppenhäuser, Gerhard

Gerhard Schweppenhäuser 

Ästhetik

Philosophische Grundlagen und Schlüsselbegriffe

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Ästhetik

Was ist schön und was ist hässlich? Gibt es objektive Kriterien für Schönheit? Und welche Rolle spielt dabei die eigene Wahrnehmung? Diesen Fragen geht die Ästhetik nach.

Nicht nur das »Schöne«, auch das »Erhabene« oder das »Unheimliche« sind Grundbegriffe der Ästhetik, ebenso wie Form und Funktion, Bild und Zeichen, Realität und Virtualität. In seiner Einführung erläutert Gerhard Schweppenhäuser anschaulich diese und andere Basisbegriffe und stellt die wichtigsten Debatten über Ästhetik von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart vor. In exemplarischen Analysen von Kunstwerken zieht er unter anderem die Semiotik, die Kommunikationstheorie, die Kritische Theorie, die Hermeneutik und die Systemtheorie heran und erklärt diese zugleich. Schließlich wird auch den aktuellen Veränderungen unseres Bild- und Kunstverständnisses nachgegangen. Ein unverzichtbares Buchfür alle, die Kunst, Design oder Literatur nicht nur aus dem Bauch heraus beurteilen, sondern klare und begründete Urteile fällen wollen.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 332 S. m. Abb.
  • Seitenzahl: 332
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 139mm x 22mm
  • Gewicht: 473g
  • ISBN-13: 9783593383477
  • ISBN-10: 3593383470
  • Best.Nr.: 20937573
Gerhard Schweppenhäuser, Philosoph, ist Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie an der Fakultät Gestaltung der Fachhochschule Würzburg.

Leseprobe zu "Ästhetik"

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Leseprobe zu "Ästhetik" von Gerhard Schweppenhäuser

In unserer Alltagssprache steht das Wort "ästhetisch" für die äußere Erscheinung von etwas; für das, was Dinge "schön" macht und für die sinnlich angenehme Form. Im Deutschen hat "ästhetisch" einen gelehrten Beiklang. Das ist nicht überall so. Wer in Italien an einem Gebäude das Schild Estetica sieht, befindet sich nicht vor den Toren eines wissenschaftlichen Instituts, sondern vor einem Kosmetikstudio oder einem Schönheitssalon. In der Alltagssprache ist "ästhetisch" (bzw. "schön") im Allgemeinen das, was gefällt. Ästhetische Fragen gelten als Geschmackssache; und, so sagt man, über Geschmack lässt sich nun einmal nicht streiten. Oder doch?

Die Werbeanzeige eines Südtiroler Fleischwarenherstellers hat sich die Mehrdeutigkeit des Wortes "Geschmack" zunutze gemacht.

Die Anzeige zeigt eine Frau mit ih­rem kleinen männlichen Begleiter. Die Kleidung der beiden mutet einerseits bäuerlich, andererseits schräg und selt­sam an; jedenfalls folgt sie nicht den derzeitigen Regeln korrekten oder modischen Auftretens. Der drahtige Bursche trägt eine Tüte mit dem Firmen­namen des Fleischwarenherstellers und schaut mit Besitzerstolz zu seiner mächtigen, ihn um Haupteslänge überragenden Frau auf. "Er hat Geschmack", lautet der Schriftzug rechts oben. Und im Kleingedruckten heißt es: "Darüber lässt sich streiten. Über den Geschmack unserer Fleisch- und Wurstwaren allerdings nicht."

Geschmack haben - das kann eine Eigenschaft von Dingen oder ein menschliches Vermögen sein. Ersteres, behauptet die Anzeige, sei eine objektive Eigenschaft, Letzteres etwas höchst Subjektives. Das ist als Werbetrick nicht wirklich stringent, denn nicht jeder wird den Geschmack von Würsten schätzen und vielleicht auch nicht gerade den Geschmack der Produkte jener Firma. Diese weisen selbstverständlich irgendeinen Geschmack auf, aber der wird individuell bewertet werden. Im Folgenden wird es unter anderem darum gehen, zu zeigen, dass auch die andere Aussage nicht stimmt. Denn sie geht von einer falschen Voraussetzung aus. Über ästhetische Fragen (Geschmacksfragen) lässt sich trefflich streiten. Das geschieht ja auch häufig und mit gutem Grund (wenn auch natürlich nicht in jeder Streiterei wirklich gute Gründe zum Tragen kommen).

Leseprobe zu "Ästhetik" von Gerhard Schweppenhäuser

4. Kommunikation und Bedürfnis (S. 41)

Ästhetische Erfahrung als Bedürfnisartikulation – Damit man die Bedeutung ästhetischer Erfahrung noch besser versteht, muss die semiotische Analyse durch die Beschreibung einer ganz spezifisch ästhetischen Leistung ergänzt werden. Ich folge dabei der Analyse von Franz Koppe (Jg. 1931), der als Philosophieprofessor an der Berliner Universität der Künste gelehrt hat. Die ästhetische Differenz einer Mitteilung (jedweder Art) besteht Koppe zufolge darin, dass die Inhalt-Form-Gestaltung der ästhetisch artikulierten Mitteilung auf die Bedürfnisebene der Rezipienten bezogen ist.

Was soll das heißen? Kurz gesagt: Ästhetische Verfahren zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie Gefühle bewirken, sondern dadurch, dass sie Bedürfnisse artikulieren (Koppe 2004: 132). In ästhetischer Erfahrung erfahren wir etwas über unsere eigenen Bedürfnisse. Ästhetische Wirkungen hängen stets damit zusammen, dass wir ihre Auslöser in Beziehung zu unseren Bedürfnissen bringen.

Für Kunstwerke und ästhetisch gestaltete Artefakte heißt das: Wir empfinden sie immer dann als schön, wenn sie Bedürfnisse, die für uns relevant sind, als befriedigte Bedürfnisse vergegenwärtigen (ebd.: 165). Diese Seite, die Erfüllungsartikulation, hat George Herbert Mead übrigens so beschrieben:

»Wenn wir Werke großer Künstler ästhetisch wahrnehmen, ziehen wir daraus Genusswerte, die unsere eigenen Lebens- und Handlungsinteressen erfüllen und interpretieren. Kunstwerke haben dauerhaften Wert, denn sie sind die Sprache der Freude, in welcher die Menschen den Sinn ihrer eigenen Existenz ausdrücken können.« (Mead 1926: 349)

Vergegenwärtigung durch Formgebung – Doch es gibt nicht nur die Erfüllungsartikulation, sondern auch die Artikulation der Abwesenheit dessen, worauf unsere Bedürfnisse gerichtet sind. Ästhetische Erfahrung ist Vergegenwärtigung von Bedürfnissen, die im Bereich der Sinne, der Leibwahrnehmung, der Kommunikation sowie der Suche nach Bedeutung und Sinn angesiedelt sind – und zwar Vergegenwärtigung, die durch Formgebung ermöglicht wird.

Ästhetische Erfahrung macht Bedürfnisse im Modus der Befriedigung oder der Frustration präsent. In jedem Fall handelt es sich um Bedürfnisse, die den Rezipienten in seinem eigenen, personalen Sein angehen und seine innere Natur betreffen.

Leib, Natur und Aisthesis – Koppe beruft sich in seiner Bedürfnistheorie der Ästhetik auf die Kommunikationstheorie von Habermas, und die wiederum ist maßgeblich von George Herbert Meads Theorie des symbolischen Interaktionismus beeinflusst. Habermas hat in den 1970er Jahren davon gesprochen, dass Kunstwerke »archaische, unbewusste semantische Potentiale aus vorsprachlichen Symbolstrukturen herausbrechen und überhaupt sprachfähig« machen würden (Habermas, zit. nach Kreft 1982: 150).

Soll heißen, dass wir zu unseren vorbewussten und abgedrängten Bedürfnissen, insbesondere zu solchen, die aus der menschlichen Triebnatur hervorgehen, über ästhetische Erfahrung einen privilegierten Zugang finden können. »Ästhetische Kommunikation und Produktion«, schreibt der Hamburger Literaturdidaktiker Jürgen Kreft im Anschluss an Habermas, hat viel mit den »Wahrnehmungen unserer leiblichen Zustände und Befindlichkeiten« zu tun.

Ästhetische Kommunikation und Produktion dürfen als »Paradigma für die aisthesis« gelten, also als Paradigma für die Sinneswahrnehmung, in welcher die »ästhetische Kommunikation ihre sinnliche (sensitive) Basis hat« (Kreft 1982: 148). Unser Leib vermittelt »zwischen innerer und äußerer Natur«, er hat an beiden teil, »deren Wahrnehmung in Kunst und Dichtung artikuliert werden« (ebd.).

Nun muss man noch den Bereich der angewandten Künste hinzunehmen, also Architektur und Design.

Inhaltsangabe

Vorwort 7
I Evaluation und Kommunikation 10
1. Geschmack und Urteil, Verstehen und Vervollständigen 10
2. Modelle ästhetischer Erfahrung: Kontemplation, Pragmatik, Kritik und Differenz 22
3. Die ästhetische Funktion 33
4. Kommunikation und Bedürfnis 41

II Repräsentation 61
1. Schönheit 61
2. Das Erhabene 82
3. Das Unheimliche 99
4. Das Komische 113
5. Mimesis und Ausdruck 132
6. Realismus 155

III Konstruktion und Innovation 180
1. Surrealismus und Simulation 180
2. Autonomie 189
3. Das Neue, die Moderne und die Avantgarde 199
4. Form, Material und Funktion 228

IV Imagination und Signifikation 245
1. Bilderwelten 245
2. Geschichte und Theorie des Bildbegriffs 248
3. Die ikonische Differenz 259
4. Ikonische und andere Zeichen 261
5. Bilder als Teile von Zeichensystemen 264

V Konzeption, Reflexion und Transformation 273
1. Künstlerische Praxis nach der Auflösung der Werkform 273
2. Concept Art als "politisch gemachte Kunst"293
3. Die Ästhetisierung der Lebenswelt und der lange Marsch durch die Institutionen der Kunstwelt 301

VI Anhang 310
Nachbemerkung 310
Abbildungsnachweise 311
Von Adorno bis Žižek: Verzeichnis der zitierten Literatur 313
Personenregister 327