Leseprobe zu "Fünf Freunde auf der Felseninsel / Fünf Freunde Bd.6"
Ein Brief für Georg
Anne machte gerade ihre Schulaufgaben im Aufenthaltsraum des Internats, als ihr Kusine Georg hereingestürmt kam.
Georg - ein komischer Name für ein Mädchen. Die Eltern hatten sie auf den Namen Georgina taufen lassen, aber weil sie immer ein Junge sein wollte, bestand sie darauf, dass man sie Georg nannte. Sie trug ihre lockigen Haare kurz geschnitten, und ihre blauen Augen blitzten zornig, als sie jetzt auf Anne zustürzte.
"Anne! Ich habe gerade einen Brief von daheim erhalten. Stell dir vor, mein Vater hat vor, auf meiner Insel zu wohnen, und möchte einen Turm oder so was im Burghof bauen!"
Die anderen Mädchen schauten belustigt auf, und Anne streckte die Hand nach dem Brief aus, den Georg vor ihr herschwenkte.
Alle wussten von der Insel in der Felsenbucht, die Georg gehörte. Die Felseninsel war sehr klein; in der Mitte stand eine Burgruine, der Unterschlupf von Kaninchen, Möwen und Dohlen.
Es befanden sich dort Verliese, in denen Georg und ihre Kusine aufregende Abenteuer erlebt hatten. Die Insel hatte einst Georgs Mutter gehört und die hatte sie ihrer Tochter geschenkt.
Georg war sehr ungehalten über den Plan ihres Vaters. Die Insel gehörte ihr. Niemand sonst durfte sie bewohnen, ja nicht einmal ohne ihre Erlaubnis dort landen. Und jetzt, du lieber Himmel, wollte ihr Vater auf die Insel gehen und sich dort sogar ein Laboratorium einrichten. Georg lief vor Zorn rot an. "Ich will nicht, dass mein Vater auf meiner Insel wohnt und olle Schuppen oder ähnliches Zeug da aufstellt!", rief sie empört und stampfte mit dem Fuß auf.
"Ach, Georg, du weißt doch, dass dein Vater ein sehr berühmter Wissenschaftler ist, der zum Arbeiten Ruhe braucht", sagte Anne und nahm den Brief. "Du kannst deinem Vater deine Insel doch sicher eine Weile leihen."
"Es gibt eine ganze Menge anderer Plätze, wo er in Ruhe arbeiten kann", erwiderte Georg immer noch störrisch. "Ach was, ich hatte gehofft, dass wir in den Osterferien auf der Insel sein könnten. Wir hätten unser Boot mitgenommen und Proviant und alles andere, gerade so, wie wir es früher gemacht haben. Jetzt wird das nicht möglich sein, wenn mein Vater auf der Insel wohnt." Anne las jetzt den Brief von Georgs Mutter.
"Georg, mein Liebling!
Heute habe ich eine große Neuigkeit für dich, die ich dir sofort schreiben möchte. Dein Vater hat vor, für kurze Zeit auf der Felseninsel zu wohnen, um einige sehr wichtige Experimente zu Ende zu führen. Er wird dazu einen kleinen Bau errichten müssen, eine Art Turm, glaube ich. Anscheinend braucht er einen Platz, wo er absolute Ruhe hat und ganz für sich ist. Außerdem muss dieser Platz aus bestimmten Gründen ganz von Wasser umgeben sein. Eben dieser Umstand ist für seine Versuche entscheidend.
Und nun, mein Liebes, sei nicht aufgebracht deswegen. Ich weiß, die Felseninsel ist dein Eigentum, aber du musst deiner Familie erlauben, auch ihren Anteil daran zu haben, besonders, wenn es sich um etwas so Wichtiges handelt, wie die wissenschaftliche Arbeit deines Vaters.
Er meint, du würdest ihm bestimmt gern die Felseninsel leihen, aber ich kenne deine eigenwilligen Ansichten darüber, und so hielt ich es für besser, dir alles zu schreiben, bevor du heimkommst und Vater in seinem Turm auf deiner Insel antriffst."
Der Brief ging noch weiter, er handelte noch von anderen alltäglichen Dingen, aber Anne machte sich nicht die Mühe es zu lesen. Sie schaute Georg an.
"Oh, Georg, das ist doch nicht schlimm. Mir würde es wirklich nichts ausmachen, wenn mein Vater von mir eine Insel wollte, vorausgesetzt, ich hätte eine!"
"Dein Vater würde aber zuerst mit dir darüber sprechen und dich um Erlaubnis bitten", sagte Georg eigensinnig. "Mein Vater macht so etwas nie. Er kümmert sich nicht um die anderen. Zumindest hätte er mir selbst schreiben können."
"Schau mich nicht so böse an, Georg", versuchte Anne zu scherzen. "Ich borge deine Insel nicht ohne deine gnädige Erlaubnis."
Aber Georg lächelte nicht zurück. Traurig nahm sie den Brief und las ihn noch einmal durch.
"Wenn ich nur daran denke, dass meine schönen Ferienpläne ins Wasser gefallen sind", sagte sie leise. "Du weißt doch, wie herrlich die Felseninsel zu Ostern ist, alles ist voll Primeln, Stechginster und kleinen Häschen. Und du und Julius und Richard kämen mit und blieben da, denn wir waren seit letzten Sommer nicht mehr beisammen."
"Ich weiß, das ist wirklich Pech!", gab Anne zu. "Es wäre wunderbar gewesen. Ferien auf der Insel. Vielleicht würde es deinen Vater gar nicht stören, wenn wir auch auf die Insel kämen?"
"Tu nicht so, als ob es dasselbe wäre", sagte Georg spöttisch. "Nein, nein, es wäre entsetzlich."
Ja natürlich, Anne war auch nicht im Mindesten davon überzeugt, dass es auf der Felseninsel mit Onkel Quentin viel zu lachen geben würde. Georgs Vater war ein so hitzköpfiger, ungeduldiger Mann, und wenn er mitten in einem Versuch steckte, war er besonders unerträglich. Das geringste Geräusch brachte ihn auf.
"Du liebe Zeit, wie wird er den Dohlen zurufen, dass sie ruhig sein sollen, und die frechen Möwen anschreien", meinte Anne und kicherte. "Er wird die Felseninsel nicht ganz so friedlich vorfinden, wie er sich das vorstellt!"
Georg lächelte. "Ich wäre nur halb so traurig, wenn mein Vater mich selbst um Erlaubnis gebeten hätte." Mit diesen Worten faltete sie den Brief zusammen und steckte ihn ein.
"Das hätte er nie getan", sagte Anne. "Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Kopf hoch, Georg. Und zieh dich nicht in den Schmollwinkel zurück. Geh und hol Tim. Er wird dich bald wieder aufheitern."
Tim war Georgs Hund, den sie von ganzem Herzen liebte. Es war ein großes, braunes Tier ohne jeden Stammbaum, mit einem lachhaft langen Schwanz und einer viel zu breiten Schnauze. Ihre beiden Vettern und ihre Kusine hatten ihn ebenso gern. Er war so freundlich und lieb, so lebhaft und unterhaltend, und er hatte schon sehr viele Abenteuer mit ihnen bestanden!
Georg liebte Tim. Das Internat erlaubte den Kindern, ihre Lieblingstiere bei sich zu haben. Andernfalls wäre Georg ganz bestimmt nicht dort geblieben. Sie konnte auch nicht einen Tag ohne Tim leben.
Tim bellte aufgeregt, sobald sie in seine Nähe kam. Georgs verdüstertes Gesicht hellte sich tatsächlich auf. Guter Tim, guter, treuer Tim. Er war immer an ihrer Seite, immer ihr Freund, was sie auch tat, und für Tim war niemand auf der Welt so toll wie Georg.
Bald streiften sie miteinander durch die Felder, und Georg unterhielt sich mit ihrem Freund, wie sie es immer tat. Sie erzählte ihm von ihrem Vater, der die Felseninsel in Beschlag nehmen wollte. Tim freute sich an jedem Wort, das sie sagte. Er hörte zu, als ob er alles verstehen würde, und er wich nicht von der Seite seines Frauchens. Auch dann nicht, wenn Georg aufgebracht war.
Immer wieder leckte er ihre Hand, um sie zu besänftigen. Als Georg von ihrem Spaziergang zurückkehrte, fühlte sie sich viel wohler. Sie schmuggelte Tim durch eine Seitentür des Schulgebäudes und nahm ihn auf diese Weise mit hinein. Hunde waren im Schulgebäude selbst nicht erlaubt, aber Georg war in dieser Beziehung ganz ihr Vater - sie tat genau das, was sie wollte.
Sie jagte Tim in ihr Schlafzimmer. Er kroch schnell unter das Bett und legte sich hin. Sein Schwanz klopfte freudig auf den Boden. Er wusste, was das bedeutete. Georg wollte ihn heute Nacht in ihrer Nähe haben. Er würde auf ihr Bett springen, wenn die Lichter aus waren, und sich an ihre Kniekehlen schmiegen. Seine braunen Augen leuchteten vor Freude.
"Lieg jetzt still", bedeutete Georg ihm und ging aus dem Zimmer, um die anderen Mädchen aufzusuchen. Sie stieß auf Anne, die ihren Brüdern Julius und Richard gerade einen Brief ins Internat schrieb.
"Ich habe ihnen von der Felseninsel geschrieben und von deinem Vater, der dort arbeiten will", sagte sie. Plötzlich blickte sie Georg an. "Möchtest du diese Ferien nicht bei uns verbringen, Georg? Das wäre doch super! Statt dass wir ins Felsenhaus kommen, kommst du zu uns. Dann wirst du nicht die ganze Zeit bocken, weil dein Vater auf der Insel ist."
"Nein danke." Georg wies sofort den Vorschlag zurück. "Ich fahre heim. Ich möchte meinen Vater im Auge behalten! Womöglich fliegt sonst bei einem seiner Experimente die Felseninsel in die Luft. Du weißt doch, dass er mit Sprengstoffen experimentiert." "Ja! Atombomben oder so was, nicht wahr?", sagte Anne.
"Atombomben sind es sicher nicht", entgegnete Georg. "Auf jeden Fall, ganz abgesehen davon, dass mir um meine Insel bange ist, sollten wir ins Felsenhaus fahren, um meiner Mutter Gesellschaft zu leisten. Sie wird viel allein sein, wenn mein Vater auf der Insel ist. Ich vermute, dass er sich Konserven und alles andere, was er braucht, mitnimmt."
"Ja, und noch was spricht dafür. Wir werden nicht dauernd auf Zehenspitzen gehen und flüstern müssen, wenn dein Vater nicht daheim ist", fügte Anne hinzu. "Wir können so laut sein, wie wir wollen. Freu dich doch, Georg!"
Aber Georg brauchte sehr lange, um über die trübe Stimmung, die Mutters Brief in ihr hervorgerufen hatte, hinwegzukommen. Selbst Tim, den sie jede Nacht unter ihrem Bett versteckte, bis er von einer wütenden Lehrerin entdeckt werden würde, konnte sie nicht ganz über ihre Enttäuschung hinwegbringen.
Das Winterhalbjahr ging schnell zu Ende. Der April kam mit Sonnenschein und Regengüssen, die Ferien rückten immer näher. Anne dachte vergnügt ans Felsenhaus mit seinem herrlichen sandigen Strand, der tiefblauen See, den Fischerbooten und den wunderbaren Kletterpartien auf den Klippen.
Auch Julius und Richard waren in Gedanken schon dort. Diesmal brachen sie und die Mädchen am selben Tag auf. Sie würden sich in der nahe gelegenen Stadt treffen und zusammen zum Felsenhaus fahren.
Endlich war dieser Tag angebrochen. Koffer wurden in der Halle gestapelt. Fahrzeuge kamen und holten die Kinder, die in der Nähe wohnten, ab. Schulomnibusse stellten sich in Reihen auf, um die andern an den Bahnhof zu bringen. Überall herrschte ein wüstes Durcheinander, das war ein Schreien und Rufen. Die Lehrer konnten sich kaum verständlich machen.
"Szenen wie in einem Irrenhaus! Man könnte meinen, jedes einzelne Kind sei verrückt geworden", sagten sie zueinander. "Oh, Gott sei Dank, jetzt steigen sie in die Omnibusse. Georg! Musst du denn wie eine Wahnsinnige den Gang entlangrasen, dazu noch mit Tim, der sich die ganze Zeit die Seele aus dem Leib bellt!"
"Ja, ja, ich muss!", rief Georg. "Anne, wo steckst du denn? Auf in den Bus! Tim ist schon hier."
Die schreiende Meute fuhr ab zum Bahnhof. Die Mädchen drängten in den Zug. In den Abteilen herrschte ein wildes Stimmengewirr.
"Wer hat mein Gepäck? Geh raus, Hanne! Du weißt doch, dass dein Hund nicht mit meinem zusammen sein kann. Die beißen sich sonst was ab. Hurra! Der Stationsvorsteher pfeift ab. Wir fahren!"
Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Die Wagen waren voll gestopft mit Mädchen, die an nichts anderes als an die Ferien dachten. Die Fahrt durch die grüne Landschaft beruhigte sie. Hügel und Täler zogen vorbei, kleine Städte und Dörfer. Schließlich erreichten sie die rußigen Vororte der Großstadt.
"Der Zug mit Julius und Richard muss zwei Minuten vor unserem ankommen", sagte Anne und guckte aus dem Fenster, als sie langsam in den Bahnhof einfuhren.
"Wenn er pünktlich war, könnten sie schon auf unserem Bahnsteig sein und uns abholen. Schau, Georg, da sind sie!"
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