Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Wolf Erlbruch gelinge es, ein Buch über den Tod zu schreiben und dabei von der "Wärme des Lebens" zu sprechen, notiert Silke Schnettler bewegt. Eine sterbende Ente kann sich vor ihrem Abgang mit dem Tod anfreunden, der durch seine karierte Kittelschürze auch gar nicht mehr bedrohlich wirkt. Und trotz dieser optimistischen Grundstimmung und den "hellen, matten Naturfarben" beschönige Erlbruch nichts. Die Ente sei am Schluss einfach nicht mehr da. Diese Ehrlichkeit rechnet Schnettler dem Autor hoch an, der reduzierte Stil mit "knappen, genau gesetzten" Worten und den auf das Wichtige konzentrierten Bildern rundet den überaus guten Eindruck ab.
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 | Besprechung von 05.04.2007 |
Der Teich allein ganz ohne mich
Es ist die Geschichte vom Leben und Sterben. Wolf Erlbruch braucht
nur zwei Figuren, um sie geradezu erschöpfend zu erzählen. Denn es
ist seine große Kunst, mit dem geringsten Aufwand die zarteste und
deshalb stärkste Berührung beim Leser und Betrachter hervorzurufen.
Ente, Tod und Tulpe heißt dies wunderbare Bilderbuch, und es
berichtet davon, wie die Ente dem Tod begegnet. Sie ist erst einmal
misstrauisch, aber der Tod beruhigt sie: Nur keine Eile, ich habe
Zeit, wir müssen nichts überstürzen.
Wie Erlbruch den Tod zeichnet, das ist delikat. Weder schrecklich
noch süßlich, sondern auf dem schmalen Grat erlesener Traurigkeit.
Schon das elegant-klassische Kostüm mit roten und schwarzen Karos,
das der Tod über seinen dürren Gliedern trägt, ist stilbewusst,
aber nicht trendy – das wäre einer zuletzt dann eben doch
konservativen Figur wie dem Tod auch nicht angemessen.
Und wie der Tod seine Strenge und Unerbittlichkeit (er wird auch
diesmal keine Ausnahme machen) in ein sanft-aufmunterndes Lächeln
packt! Er sei, versichert er der Ente, immer schon in ihrer Nähe –
aber er will das nicht als Bedrohung verstanden …
 | Besprechung von 21.03.2007 |
Stirbt die Ente, stirbt auch der TeichWo ist dein Stachel? Wolf Erlbruch nimmt dem Tod den SchreckenOb ihm nicht kalt sei, fragt die Ente den Tod, "soll ich dich wärmen?" Sie schmiegt sich an seine Seite, breitet einen Flügel über seinen Bauch, bettet ihren langen Hals auf seine Brust. Stocksteif liegt der Tod da. "Ein solches Angebot hatte ihm noch nie jemand gemacht." Aber er wehrt sie nicht ab, ein bisschen sieht es so aus, als lächele er.
Wolf Erlbruch erzählt in seinem Bilderbuch "Ente, Tod und Tulpe", wie eine Ente den Tod trifft und sich fast mit ihm anfreundet. Erlbruch hat die Geschichte mit knappen, genau gesetzten Worten und reduzierten Bildern in Szene gesetzt. Meist ist der Scheinwerfer ganz auf die beiden Figuren gerichtet: eine aufrecht stehende Ente und ein Männlein mit Totenkopf im karierten Kittelkleid, beide etwa gleich groß. Anfangs und gegen Ende wieder hält der Tod eine schwarze Tulpe in der Hand, die er schließlich auf die Ente legt. Auf den Bildern deuten nur ein Blümchen oder ein Stück Gebüsch in der Seitenecke, Holzschnitt-Collagen schwarz auf beige, die Umgebung an.
Hier ist der Tod keiner, der …
Gabriele Hoffmann, Harry & Pooh 2007/2008 "Man kann darüber streiten, ob es sich bei diesem Buch auch um ein Kinderbuch handelt. Doch gerade ernste und existentielle Themen wie der Tod berühren auch Kinder tief. Sie sind nicht schnell oder mal eben im Vorübergehen zu verhandeln, sondern bedürfen einer sensiblen Einlassung. Genau dafür stehen Kunstwerke, weil uns nicht selten für das Unaussprechliche die Worte fehlen. Bilder können dann, wenn sie als Folien gesehen werden, dabei helfen, Entgrenzendes auszudrücken. Und eben dies tun Erlbruchs Bilder, wenn wir uns denn auf sie einlassen, die zeichnerischen wie die sprachlichen. Die Geschichte ist schlicht, ganz dem Thema angemessen: Die Ente trifft den Tod, der sie in tiefere wie auch belanglose Gespräche verwickelnd eine Zeit lang begleitet, den ganzen Sterbe-Prozess hindurch von der anfänglichen Ablehnung, über die Verdrängung, eine zwischenzeitliche Hochstimmung, Phasen metaphysischer Auseinandersetzung, allmählicher Akzeptanz, bis ihr eines Abends kälter wird und der Tod sie mitnimmt zum großen Fluss. Der Text begleitet den schwierigen Prozess des Abschiednehmens, des Sterbens und des Todes in ganz einfachen Worten, wie ""Ich bin der Tod"". Erlbruch formuliert stets metaphorisch, da der Tod Sterbende ja wirklich weg und hinüberträgt, z. B. mit dem Topos des großen Flusses oder schon mit dem ersten Satz: ""Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl"". Zuweilen wirkt das wie ironisch lächelnd, doch nie zynisch, sondern die Schlichtheit deckt fast liebevoll unangemessene Projektionen auf, wie in der langen Unterhaltung über Enten-Engel oder den Schluss-Satz ""Aber so war das Leben"". Beeindruckend und auch für Kinder gut nachvollziehbar an diesem Buch sind aber natürlich vor allem die Bilder. Die unterschiedlichen Haltungen der Ente etwa, bis ihr der Tod begegnet, fangen das ganze Hin und Her, das ""Ich-weiß-nicht"" von jenem ""so ein Gefühl"" ein, mit dem der Text beginnt. Die Bilder bieten eben jene Räume, die nötig sind, Emotionen, Fragen, Zweifel und innere Kämpfe der Ahnung artikulieren zu können. Selten zeigen die Bilder mehr als diese Gesten, der Ausdruck ist auf das Wesentliche reduziert. Doch in ihnen spielt sich die ganze Bewegung der Auseinandersetzung mit dem Tod ab, wie auch in den Folgebildern, die Ente und Tod in unterschiedlichen Gesprächs- oder Zuwendungs-Haltungen zeigen. Wunderbar sind einzelne andere Bilder, vor allem das in der Mitte, als die Ente ganz anschmiegsam-warm den etwas verklemmt steifen Tod wärmt. Und natürlich das vorletzte Bild, in dem der große Fluss - die Ente hat er bereits mit sich fort genommen - wie eine Frage, die auch der Tod nicht beantworten kann, aus dem Bild heraus fließt. Auch hier dürfen wir uns trauen intensiv hinschauen, dazu lädt das Buch Erwachsene wie Kinder ein. Angesichts des Todes müssen wir dann nicht mehr sprachlos bleiben."
Wolf Erlbruch, geboren 1948, ist Professor für das Fach Illustration an der Bergischen Universität GH Wuppertal. Er ist nicht nur einer der eigenwilligsten, sondern auch einer der wichtigsten deutschen Buchkünstler. 2003 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und 2006 den Hans Christian Andersen Award for Illustration.