Leseprobe zu "Wie vier Schwestern" von Elizabeth Craft; Sarah Fain
Ich muss jetzt wirklich unter die Dusche, Mia!" Becca Winsberg klopfte zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde an die Badezimmertür.
"Gleich!", gab ihre Stiefschwester genervt zurück.
Becca hob die Hand, um noch mal und stärker an die Tür zu klopfen, überlegte es sich dann aber anders. Was brachte das schon? Mia war es sowieso egal, dass heute Beccas letzter Abend mit ihren Freundinnen war und sie nicht unbedingt nach Schweiß und muffigem Kleiderschrank riechen wollte - das niederschmetternde Ergebnis stundenlangen Ein- und wieder Auspackens ihres Koffers fürs College. Mia interessierte nichts anderes, als den ärztlich verordneten Nachmittagssnack auszukotzen, sich zwölfmal hintereinander die Zähne zu putzen und danach kritisch im Spiegel zu prüfen, ob es auch ja kein Gramm Fett bis an ihren Hintern geschafft hatte.
Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer - eine winzige Dachkammer im zweiten Stock, die Beccas Stiefvater eine "Übergangslösung" genannt hatte, als sie und ihre Mutter vor sieben Jahren einzogen waren - rief Becca sich ins Gedächtnis, dass Bulimie eine Krankheit war. Auch wenn es auf sie eher wie ein verzweifeltes Ringen der sechzehnjährigen Mia um die Aufmerksamkeit ihres Vaters wirkte.
Becca legte sich auf ihr Bett und steckte die Beine unter die gelb bezogene Daunendecke. Alles würde gut werden. Sie konnte warten. Nicht dass sie eine Wahl gehabt hätte - kein Grund also, sich unnötig aufzuregen. Zumal der unvermeidbare Knall sowieso erst noch bevorstand.
Als hätte er ihre Gedanken vernommen, begann ihr zwölfjähriger Stiefbruder Carter, gegen die Badezimmertür zu hämmern.
"Mach auf!", schrie er.
"Verpiss dich!", kreischte Mia.
"Dad, sie kotzt wieder!", brüllte Carter.
Becca seufzte. Sie wusste, was als Nächstes kam.
Wenige Sekunden später hörte sie, wie ihr Stiefvater Martin die Treppe heraufpolterte.
Martin schrie Mia an, Mia schrie Carter an, Carter schrie Martin an. Kurz darauf fiel auch noch Beccas Mutter in das Gezeter ein. Am Ende stürmte Martin davon, um den Schraubenzieher zu holen. Wieder einmal würde das Badezimmertürschloss ausgebaut werden.
Becca stöhnte und zog sich das Kissen über den Kopf.
Alles, was sie wollte, war eine Dusche.
Okay, und vielleicht ein bisschen Ruhe.
Sophie Bushell kippte das dritte Tütchen Süßstoff in ihre fettfreie geeiste Mocca Latte und betrachtete die Frisur ihrer zukünftigen Zimmergenossin Maggie Hendricks. Ein gnadenloser Pony. So schnurgerade, als hätte man ihn mit dem Lineal geschnitten, damit auch ja kein Härchen aus der Reihe tanzte.
Der Pony, die bis zum letzten Knopf geschlossene Bluse und die nagelneue Jeans mit akkurater Bügelfalte nährten Sophies Verdacht, dass Maggie genauso uncool wie ihr Haarschnitt war. Andererseits hatten sie sich erst vor fünfzehn Minuten kennengelernt und Sophie neigte zu gnadenlos unfairen Spontanurteilen. Würde sie jemals eine Therapie machen, müsste sie sich definitiv mit dieser Charakterschwäche auseinandersetzen.
"Hast du ein Glück, dass du hier aufgewachsen bist", seufzte Maggie. Sie war extra zwei Wochen vor Studienbeginn von Des Moines nach Boulder gekommen, um sich für die Aufnahme in den Debattierklub vorzubereiten und die Frage zu erörtern, welche Farbe die Vorhänge in ihren schuhkartongroßen Schlafzellen haben sollten. "Ich wette, alle deine Freundinnen gehen hier auf die Uni."
Sophie riss das nächste Tütchen Süßstoff auf und ließ die kleinen Zuckerersatzkügelchen über die Resopaltischplatte rieseln. Drei, zwei, eins. Tata! Da war er wieder. Der dicke Angstklumpen, der sich immer dann in ihrem Magen aufblähte, wenn die Worte College und Freundinnen in einem Satz fielen. Was ziemlich oft passierte.
"Ja, wird bestimmt super", presste sie mühsam hervor. Sie wollte nicht an ihre drei besten Freundinnen Harper, Becca und Kate denken, die sich zu einem grandiosen Leben an der Ostküste aufmachen würden, während sie mutterseelenallein in Boulder zurückblieb.
Maggie warf Sophie einen Blick zu, als würde etwas ganz Widerliches an ihrer Nase hängen. "Was?", fragte Sophie nervös.
"Du ... ähm ... hast da ... Tränen", murmelte Maggie und wich ihrem Blick aus. "Oder so was."
Sophies Fingerspitzen tasteten über ihre Augen. Die Wimpern waren feucht. Scheiße. Sie heulte tatsächlich. Gefühle zeigen zu können, gehörte zum Repertoire einer guten Schauspielerin, aber normalerweise überließ Sophie echte Rührseligkeiten lieber Becca. Seit jedoch der Countdown für die Trennung von ihren besten Freundinnen begonnen hatte, musste sie regelmäßig schwer schlucken und Tränen zurückblinzeln.
"Muss eine allergische Reaktion sein", sagte sie hastig und wischte die verräterischen Spuren fort. "Wahrscheinlich auf irgendwas im Süßstoff."
"Allergien sind voll nervig", versicherte Maggie ihr ebenso schnell. Ihr offensichtliches Unbehagen machte sie Sophie fast sympathisch. Fast. "Du kannst bestimmt heulen, so viel du willst, und siehst immer noch super aus. Mein Gesicht ist dann immer total verquollen."
Sophie nickte. Ihre afroamerikanische Mutter und ihr weißer Alt-Hippie-Vater hatten es immerhin geschafft, ihrem einzigen Kind hervorragende Gene zu vererben, bevor sie sich für ein "divergentes Leben" - wie sie es freundlich formulierten - entschieden hatten. Das Ergebnis - sahnekaramellfarbene Haut, große dunkle Augen und bemerkenswert hohe Wangenknochen - ließ Sophie in allen Lebenslagen gut aussehen.
Als die Tränen versiegt waren, lächelte Maggie und beugte sich vertraulich zu Sophie. "Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich dir gleich sage, dass ich ein bisschen mehr als gründlich beim Auswendiglernen meiner Reden für den Debattierklub bin. Ich hoffe, das ist kein Problem für dich."
Sophie lächelte gezwungen zurück. "Nee. Überhaupt nicht."
Morgen früh würde sie sich definitiv nach einem Einzelzimmer umsehen.
"Du solltest dir überlegen, an der Yale Law School zu studieren", sagte Kate Fosters Mutter, während sie mit einem weichen Tuch ein silbernes Schälchen polierte.
Kate richtete kunstvoll verschiedene europäische Käsesorten und Cracker aus England auf einer Platte für die bevorstehende Party ihrer Eltern an und blickte über die marmorne Kücheninsel hinweg zu ihrem Vater. Mr Foster, der sich bereits für den Abend umgezogen hatte und ein Tweedjackett mit einer dunkelblau gestreiften Krawatte (ein Geschenk von Kate und ihrer Schwester Habiba) trug, nickte in stiller Zustimmung.
Kate hatte nichts anderes erwartet. Ihre Eltern waren immer einer Meinung. Egal worum es ging. Offensichtlich waren sie sich auch einig, dass man sich - obwohl Kate noch gar nicht an der Harvard begonnen hatte - ruhig jetzt schon über den nächsten Schritt Gedanken machen konnte. Was, wie Kate zugeben musste, vermutlich eine gute Idee war.