Das unsichtbare Herz - Ani, Friedrich

Das unsichtbare Herz

Friedrich Ani 

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Das unsichtbare Herz

Sie lernen sich in einem Chatroom kennen und wollen es erst nicht glauben: Alle drei wurden künstlich gezeugt. Merit, 17, weil ihre Mutter in einer lesbischen Beziehung lebt. Frederick, 15, weil sein Vater unfruchtbar ist. Dennis, 15, weil seine gehörlose Mutter ein gehörloses Kind haben wollte. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, doch in einem sind sie sich einig: Sie möchten wissen, wer ihre leiblichen Väter sind.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 248 S.
  • Seitenzahl: 256
  • dtv Taschenbücher Bd.62386
  • Altersempfehlung: ab 13 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 120mm x 16mm
  • Gewicht: 236g
  • ISBN-13: 9783423623865
  • ISBN-10: 3423623861
  • Best.Nr.: 23827334

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dennis, Frederick und Merit haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind alle Produkt einer anonymen Samenspende und auf der Suche nach weiteren "Freunden aus dem Kühlschrank", wie es die Rezensentin Heike Kunert bezeichnet. "Das unsichtbare Herz" von Friedrich Ani ist ein "ernstes, ein nachdenkliches Buch", findet Kunert, "dessen temporeiche Dialoge und unterkühlte, sperrige Sprache das Lesen nicht immer leicht machen." Die Identitäts- und Vatersuche, auf die sich die drei Protagonisten begeben, führt ins Leere. Eine Flucht von zu Hause bringt keine neuen Ergebnisse, außer der Erkenntnis, dass "man sich nicht kennen lernen kann, wenn man nur mit sich selber um die Wette läuft und überlegt, ob im Sperma schon Seele ist", resümiert die Rezensentin die Botschaft des Romans.

© Perlentaucher Medien GmbH

"... ein packender und poetischer Roman, der Extreme nicht scheut. Mit einer unvergleichlichen sprachlichen Wucht geht Ani dabei an die Grenzen das Sagbaren [...]." Nicola Bardola, Eselsohr, März 2005 "Ein starker Roman!" Neue Luzerner Zeitung, Arno Renggli, 18. Juni 2005 "Ein schwieriges Thema, das Friedrich Ani hier aufwühlend behandelt. Die drei Schicksale sind ergreifend geschildert und gehen nicht spurlos am Leser vorüber." Nürberger Zeitung, Michaela Höber, 9.9.2005
Friedrich Ani, geb. 1959 in Kochel am See, arbeitete als Reporter, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er schreibt Romane, Kinderbücher, Gedichte, Hörspiele, Drehbücher und Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Friedrich Ani lebt in München.

Leseprobe zu "Das unsichtbare Herz"

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Leseprobe zu "Das unsichtbare Herz" von Friedrich Ani

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Nur die weißen, Frederick!, nur die weißen, bitte! Ja, Frau Langmark. Den kleinen Finger der rechten Hand auf G und den Daumen der linken Hand auf G. Das ist ein Halbton, Frederick!, ein Halbton, kein Viertelton, das weißt du doch! Das wusste er, er hatte es nur eilig. Summ, summ, summ, Bienchen summ herum.

Auf einmal war er wieder vier, vier Jahre alt und saß am gebrauchten Bösendorfer und tippte mit den Fingern auf die Untertasten. Summ, summ, summ...

»Frederick!«

Er hob den Kopf und spürte, wie die Noten von seinen Haaren spritzten wie Tropfen. Die Noten flossen nämlich aus seinem Gehirn durch die Schädeldecke in seine Haare, wo sie perlten. Das war das Wort, das er dachte. Perlen.

»Frederick! Was ist denn?«

Manchmal schaute er in eine bestimmte Richtung, und da war nichts. Da stand vielleicht eine Bank oder da hing vielleicht ein Bild an der Wand oder da schien vielleicht die Sonne durch ein Fenster oder da rieb sich jemand vielleicht die Hände. Wie die Frau Samannt. Aber das bedeutete nichts, das war alles weit weg, wie außerhalb. Als ginge sein Blick bis ungefähr zum Lehrerpult und endete dort. Und alles, was dahinter war, war dahinter, in der anderen Dimension. Sein Blick rieselte zu Boden, und dann war er verschwunden. Wie Staub im Wind.

»Ich habe Ihnen eine Frage gestellt«, sagte Frau Samannt, »und ich möchte, dass Sie sie mir beantworten.«

»Perlen«, sagte Frederick. Perlen. Chopin. Walzer in e-Moll. Das sagt man nicht!, sagte Frau Langmark, perlen, das schreiben dumme Kritiker.

»Möchten Sie austreten, Frederick?«

»Ja«, sagte er, obwohl er sich das nicht vorgenommen hatte.

»Sie dürfen gehen.«

Manchmal hielt ihn sogar seine Mutter für globalabwesend. Er wollte nicht globalabwesend sein. Er war nicht globalabwesend. Auch jetzt nicht. Die Frage. Er hätte gern die Frage beantwortet. Aber er hatte etwas anderes zu denken gehabt. Das war doch eigenartig, dass er seit Wochen – so genau konnte er sich nicht erinnern, doch!, es waren drei Wochen, genau drei Wochen am Sonntag, übermorgen – wieder vier war und Etüden spielte, die ihn schon damals vor Langeweile weinen ließen. Es war, als hätte er keine Gegenwart mehr. Als wäre die jetzt auch weg. Wie alles andere.

Wie sein Sinn und seine Zuversicht. Weg. Sinn und Zuversicht weg, Zukunft sowieso. Und die Stille auch. Das war das Schlimmste: dass er jetzt dauernd redete. Und dass dauernd irgendwer mit ihm redete. Und eben nicht die Frau Samannt, sondern die Frau Langmark, die schon tot war. Und zwar redete sie...

»Ist Ihnen kalt, Frederick? Sind Sie krank?«
... nicht als Tote, das wäre doch abartig.

»Nein«, sagte er.

Nur die Untertasten, Frederick! Nur die weißen Tasten. Und nicht so schnell! Das C ist eine ganze Note. Zähle! Eins, zwei, drei...

»Sie sehen sehr blass aus«, sagte Frau Samannt. »Schon eine Weile gefallen Sie mir gar nicht.«

Doch, doch. Vielleicht war es besser, er stünde jetzt auf. Wenn er erst einmal stand, würde er es schaffen loszugehen, raus, in den Hof, wo die Sonne schien. Das war nicht schwierig. Er war nicht globalabwesend. Wieso war auch noch die Stille weg?

Jetzt fiel ihm die Frage wieder ein. Die Frage lautete, wie sich Gott in den vergangenen Jahren verändert hatte. Nein. Wie sich sein Bild von Gott verändert habe. Gar nicht.

»Gar nicht«, sagte Frederick.

»Bitte?«, sagte Frau Samannt.

»Gott wirft immer noch keinen Schatten.«

Hinter ihm kicherte Ludwig. Dann beugte Ludwig sich vor und schlug ihm auf die Schulter. »Stimmt genau, Rubinstein!«

»Wie kommen Sie auf dieses Bild?«, fragte Frau Samannt.

Frederick sah an ihr vorbei, weil hinter ihr ein Sonnenstrahl auf die Tafel fiel, auf die weißen Buchstaben, er machte sie schöner und klangvoller. Frederick konnte sie fast hören. Als sprächen sie sich selber aus.

Frau Samannt drehte den Kopf nach hinten. Dann blickte sie wieder in Fredericks Richtung. Komisch fand er, dass die Sonne nur auf die Tafel fiel und nicht gleichzeitig auf die Lehrerin.

Mit ihren knochigen Fingern hatte Frau Langmark seine Finger auf die Tasten gedrückt, das tat ihm weh. Sie hämmerte seine Finger auf die Tasten und quetschte sie zusammen. Und das machte sie immer noch, obwohl sie seit einem Jahr tot war, ihre Krankheit war unheilbar gewesen, hatte seine Mutter zu ihm gesagt, dabei war sie erst Anfang sechzig. Unheilbar. Seit drei Wochen war sie wieder geheilt. In seinem Kopf zumin-dest und das war eigentlich nicht schlecht. Aber es war auch fürchterlich. Es war nicht gut. Etwas war überhaupt nicht mehr gut.

»So wie mein Vater«, sagte Frederick.

Er bemerkte, wie Elias, der neben ihm saß, den Kopf in

die Hand stützte und genervt die Augen verdrehte. Mit Elias wurde es auch immer komplizierter. Er hatte die fixe Idee, mit einem Mädchen zu schlafen, und zwar noch vor Weihnachten, und jetzt war Oktober, und er redete seit Januar davon. Mit einem Mädchen zu schlafen, schien sein einziger Lebensinhalt zu sein.

»Erklären Sie uns, wieso Ihr Vater keinen Schatten wirft, so wie Gott.«

Das ist doch einfach!

»Das ist schwer«, sagte Frederick.

»Gott wirft also keinen Schatten«, sagte Frau Samannt. »Das kann ich mir noch vorstellen, aber Ihr Vater ist ein Mensch. Wenn die Sonne scheint, wirft er einen Schatten, wie jeder Mensch.«

»Weiß ich nicht«, sagte Frederick.

»Ist dein Alter unsichtbar geworden?«, sagte Ludwig und klopfte ihm wieder auf die Schulter.

War immer schon unsichtbar. Diesen Satz hatte Frederick zu Hause in seinen Computer getippt.

Im Gegensatz zu Dennis und Merit, mit denen er erst seit drei Wochen Kontakt hatte und die er nicht kannte und von denen er nicht wusste, wie sie aussahen und was sie wirklich vorhatten, existierte sein schattenloser Vater schon ewig. Das hatte er seiner Mutter zu verdanken. Und seinem Vater. Dem Mann, den Ludwig meinte. Den alle meinten. Frau Samannt, Frau Langmark, Elias. Er auch, wenn er sagte: Mein Dad hat in der Philharmonie dirigiert. Das war sein Vater. Beweis: dieselben schwarzen lockigen Haare, dieselben großen Augen, derselbe Mund. Und: das Talent. Hatte er von seinem Dad, was für ein Glück. Talent geerbt, noch dazu ein musisches, ein musikalisches, genialisches. Du wirst ganz groß, hatte Frau Langmark zu ihm gesagt, als sie schon nicht mehr unterrichtete, weil sie, wie er glaubte, nicht mehr richtig hören konnte. Ganz groß wirst du, ein Weltstar!

»Mir ist schlecht«, sagte er.

»Wenn Sie wiederkommen«, sagte Frau Samannt, »erklären Sie uns Ihre Gedanken über den Schatten Gottes und den Ih-res Vaters.«

»Ja«, sagte er.

Draußen, inmitten des Sonnenlichts, schlotterte er. Er zog den Reißverschluss seiner Armeejacke bis zum Hals hoch, trat mit den Füßen auf der Stelle wie im Winter, rieb die Hände aneinander. Sie waren kalt, obwohl er Wollhandschuhe trug, wie immer den weißen links und den schwarzen rechts. Und er kam nicht von der Stelle. Es war, als schweiße die Sonne ihn auf dem Asphalt fest. Bis er hart wäre, wie Stahl. Und genauso unempfänglich für die ganze Welt.

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