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Die Liebe - sie umgarnt, verführt, stürzt ins Verderben, sie lockt, läßt die Welt aufleuchten in einem jähen Schein, dann dreht sich die Kugel, und wir fallen ins Dunkel zurück. Seit es Literatur gibt, wird die Liebe in allen ihren Facetten besungen, den sehnsüchtigen und glutvollen, den zarten und rasenden, doch kaum je so grandios, wie Shakespeare es in seinen Sonetten getan hat. In immer neuen Bildern bannt er das Flüchtige: Schönheit, Glück, Erfüllung, hebt es so auf in der Dichtung, für die Ewigkeit. Auf jedes Wort kommt es dabei an, denn aus den einzelnen Leitwörtern entfaltet sich das…mehr

Produktbeschreibung
Die Liebe - sie umgarnt, verführt, stürzt ins Verderben, sie lockt, läßt die Welt aufleuchten in einem jähen Schein, dann dreht sich die Kugel, und wir fallen ins Dunkel zurück. Seit es Literatur gibt, wird die Liebe in allen ihren Facetten besungen, den sehnsüchtigen und glutvollen, den zarten und rasenden, doch kaum je so grandios, wie Shakespeare es in seinen Sonetten getan hat. In immer neuen Bildern bannt er das Flüchtige: Schönheit, Glück, Erfüllung, hebt es so auf in der Dichtung, für die Ewigkeit. Auf jedes Wort kommt es dabei an, denn aus den einzelnen Leitwörtern entfaltet sich das Sonett, sein Gedanke.
Klaus Reichert, der beste deutsche Shakespeare-Kenner, wagt es in dieser zweisprachigen Ausgabe als erster Übersetzer, auf den Endreim zu verzichten, um so feine und feinste Sinnnuancen zu retten.
Ein Ich spricht zum Du: in dieser stark rhythmisierten, leuchtend frischen Prosafassung vernehmen wir eine Stimme aus einer früheren Zeit - und zugleich eine mitten aus unserer Welt.
Autorenporträt
William Shakespeare (1564-1616) gilt als einer der größten Dichter und Dramatiker der Weltgeschichte. Er verfasste zahlreiche Dramen, Tragödien, Komödien und Gedichte, mit denen er schon zu Lebzeiten Anerkennung und Wohlstand errang. Aber erst in den folgenden Jahrhunderten wurde er zum Prototypen des literarischen Genies, ohne den die Entwicklung der neueren Literatur von Goethe über Brecht bis in die Gegenwart hinein undenkbar ist.

Klaus Reichert,1938 geboren, ist Literaturwissenschaftler, Autor, Übersetzer und Herausgeber. Von 1964 bis 1968 war er Lektor in den Verlagen Insel und Suhrkamp, von 1975 bis 2003 war er Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Frankfurter Universität, 1993 gründete er das "Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit". Von 2002 bis 2011 war er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er schrieb Bücher über Shakespeare, Joyce, moderne Literatur und über die Geschichte und Theorie des Übersetzens, veröffentlichte drei Gedichtbände und ein Wüstentagebuch. Er übersetzte u.a. Shakespeare, Lewis Carroll, Joyce, John Cage und das Hohelied Salomos. 2013 wurde Klaus Reichert mit dem "Wilhelm-Merton-Preis" für europäische Übersetzungen ausgezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.12.2021

Denn du im ewgen Vers wirst fortbestehn

Hier endet unser Spiel: Im lebenslangen Dialog mit William Shakespeare übersetzt Frank Günther alle 37 Dramen - und 21 Sonette.

Das Beste zum Schluss! Aber was ist bei Shakespeare nicht das Beste? Wenn das Schwierigste das Beste ist, dann sind es, und das gilt erst recht für die Übersetzer, die Sonette. Nur zum "Hamlet" gibt es mehr Sekundärliteratur. Der Zyklus umfasst 154 Gedichte. So viele und ähnlich raffinierte schreibt kein anderer elisabethanischer Autor. Unerhört! Die Mode des Sonettedichtens ("sonneteering"), die, ausgehend vom "Canzoniere" des Petrarca, ganz Europa, von Portugal (Camões) bis Schlesien (Martin Opitz), überschwemmt, schlägt im reformierten Tudor-England die höchsten Wellen: Die Idealisierung der schönen, tugendsamen und unerreichbaren Dame wird im höfischen Spiel profaniert, an die Stelle von keuschen und überirdisch reinen Wesen treten Menschen mit Körpern und Genitalien. Shakespeare treibt das Spiel der Antithesen und Ambivalenzen, Hyperbeln und Paradoxa in die Extreme (und lässt es umkippen in die Satire): Das Gedicht als "Seelenmobile" (Horst Meller), Liebeslyrik als eine "Art von kreativem Yoga" (Northrop Frye).

Shakespeares Sonette entstehen über einen längeren Zeitraum neben den Dramen, als in London die Pest grassiert (1592/93, 1603/04, 1606, 1608/09) und die Theater in Quarantäne sind. Die Erstausgabe, die 1609 mit einer viel umrätselten pompösen Widmung und zahlreichen Druckfehlern erscheint, findet wenig Beachtung. Bald darauf zieht sich der Barde nach Stratford zurück, nur die Uraufführungen von "Cymbeline" (1610), "Der Sturm" (1611) und "Heinrich VIII." (1613) datieren später. Erst die Romantik holt die Sonette aus der Tabuzone und verkennt sie als "Erlebnislyrik". August Wilhelm Schlegel schlägt, in seinen Wiener Vorlesungen 1809, eine biographische Lektüre ein: "Sie enthalten auch sehr merkwürdige Geständnisse über seine jugendlichen Verirrungen." Coleridge spricht von "widernatürlichem Begehren", und Wordsworth bezeichnet das Sonett (in einem seiner Sonette) als den Schlüssel, mit dem Shakespeare sein Herz entriegelt.

In den Siebzigerjahren beginnt Frank Günther, damals ein Regiejungspund mit Anglistikstudium, Shakespeare zu übersetzen. Zunächst "nur", um die Stücke auf die Bühne zu bringen. Doch schnell wird Passion und Profession daraus. Als "Licht meines Lebens, Befeurer meiner Leidenschaften. Meine Sucht. Meine Seele" wird Günther den Dichter später, in der "Zueignung" seines Buches "Unser Shakespeare" (2014), ansprechen. Im Jahr 2000 bringt der Verlag ars vivendi eine zweisprachige Ausgabe der viel gespielten, doch nur als Bühnenmanuskripte gedruckten Übersetzungen auf den Weg, 2017 legt er mit "Perikles" das siebenunddreißigste Stück vor: "Hier endet unser Spiel", lautet der Schlussvers. Die Verserzählungen "Venus und Adonis" und "Lucretia" folgen. Fehlen noch die Sonette. Doch die Zeit läuft Günther davon. Als er am 15. Oktober 2020 im Alter von 73 Jahren stirbt (F.A.Z. vom 17. Oktober 2020), hat er die Sonette eins bis 21 (und, eine frühere Gelegenheitsarbeit, das berühmte "Widerstand"-Sonett 66) weitgehend fertig. Das erste Quartett von Sonett 22 sind seine letzten Zeilen: "Mir schwatzt mein Spiegel nicht auf, ich sei alt, / Solang Du noch gleich jung wie Jugend bist; / Doch seh ich, wie Dich Zeit kerbt als Gestalt, / Dann seh ich, wie der Tod mir Tage frißt."

Der Verlag bringt die Gesamtausgabe zum Abschluss, indem er Günthers Wunsch folgt und dessen Fragment mit den Sonetten 22 bis 154 in der Übersetzung von Christa Schuenke auffüllt, der 1994 ein großer Wurf gelungen ist. Der Ersatz lädt zum Vergleich ein und öffnet den Blick in die Werkstatt des Übersetzers. Dessen Schwierigkeiten haben zuerst mit den Unterschieden der beiden Sprachen zu tun: Das Englische ist, da es schon vor Shakespeare die Flexionssilben abschüttelte, (um etwa ein Drittel) kürzer, es verfügt über mehr einsilbige Wörter und mithin über mehr männliche Endreime; dafür bildet das Deutsche leichter Komposita und ist in der Syntax flexibler. Doch das Sonett errichtet eigene Hürden: Der regelstrenge Aufbau von vierzehn Zeilen mit je zehn (oder elf) Silben und festem Reimschema macht jeden Versuch, Sinn- und Formtreue zu versöhnen, zur Quadratur des Kreises. Den Abstand zum Original verkürzt Günther, indem er verdichtet: Unauffällig mit Elisionen (wie "ewge", "gäb's", "du's"), konventionell mit Ellipsen (wie fehlenden Prädikaten), erfindungsreich mit neuen Komposita (wie "Schminkschönheit" oder "Greisenschwatz") und Neologismen. Angeber lässt Günther "floskeln", den Verschwender nennt er "Großkotz". Auch scheut er sich nicht, erklärende Allegorien aus der Mythologie (Styx, Helios) heranzuziehen. Er hält die Zahl der Enjambements klein und bereichert den Wortschatz.

Sprachlust, Registerwechsel, eine Nähe zur Umgangssprache, die Shakespeares Fremdheit nicht unterschlägt, philologische Genauigkeit: Was seine Übersetzung der Stücke auszeichnet, bestimmt auch Frank Günthers Umgang mit den Sonetten. Endgültige Fassungen aber stellen sie nicht dar, die hätte er, schon weil ihr Binnenroman eine "eifersuchtszerfleischende Dreiecksgeschichte" erzählt, erst nach Abschluss des Zyklus festgelegt und zuvor Tippfehler, Alternativen und kleine Strukturblindheiten beseitigt. Erst danach hätte er ihnen wie jedem der Dramen die Anmerkung "Aus der Übersetzerwerkstatt" vorangestellt, mit der schweren Herzens der Anglist Manfred Pfister eingesprungen ist. Das "work in progress" (Pfister) bewegt sich nicht auf Augenhöhe mit der ausgefeilten Übersetzung von Christa Schuenke, die, laut gelesen, klarer, unangestrengter, musikalischer klingt.

Shakespeare richtet die Sonette eins bis 126 an einen blonden Jüngling, die Sonette 127 bis 152 an die "Dark Lady", die letzten beiden, 153 und 154, haben keinen Adressaten. Die weitere Untergliederung ist wie die Anordnung strittig, doch da Günther der Reihe nach vorgeht, umfasst seine Übersetzung die thematisch geschlossene Gruppe der "Procreation Sonnets" (eins bis siebzehn). In diesen Zeugungssonetten wird an den jungen Mann appelliert, eine Ehe zu schließen und Kinder zu haben, damit "dein Schönsein" fortlebt "in deinem Erben": "Doch du würdest, würd's ein Kind von dir dann geben, / Zweimal, im Kind und meinen Reimen, leben." Oder: "Drum laß den Sommer nicht durch Winters Faust / In dir zerstörn, ehe du dich destillierst: Besam ein Döschen, daß dein Seim drin haust, / Drin keimt, wächst, zinst, eh daß du ihn verlierst."

21 Sonette - das sind genauso viele wie Paul Celan, in eigener Auswahl, übersetzt hat. Wir werden nie erfahren, wie Frank Günther den Zyklus zu Ende geführt, wie pathetisch er die Idealisierung der Liebe in Sonett 116 ("Let me not to the marriage of true minds . . .") hochgehalten oder den Antipetrarkismus von Sonett 130 ("My mistress' eyes are nothing like the sun . . ."), das Herabwürdigung und Lobpreis der Geliebten gegeneinander führt, ausgereizt hätte. Sonett 18, kanonisiert und vielleicht das bekannteste von allen, aber enthält eine Andeutung, was er, auch als Resümee seines lebenslangen Dialogs mit Shakespeare, womöglich betont hätte. Denn aus der Anfangszeile "Shall compare thee to a summer's day?" macht er "Sollt ich, daß du dem Sommertag gleichst, dichten?" und zieht so das poetologische Motiv vor, das erst in den letzten drei Schlussversen ausgeführt wird. Das Sonett als Medium, das mit der Liebe zugleich deren Sprache reflektiert. Als Apologie der Poesie.

Dass der Marathonübersetzer Frank Günther beim Einbiegen in die Zielgerade aufgeben musste, ist tragisch. Doch fällt ihm kein Zacken, allenfalls ein Edelsteinchen aus der Krone. Seine bedeutende Lebensleistung mindert es nicht: Als Erster in der großen Geschichte der deutschen Shakespeare-Aneignung hat er alle 37 Dramen übersetzt. Seit Johann Joachim Eschenburg 1787 eine Auswahl von 56 Gedichten (in Prosa) veröffentlichte, sind mehr als dreihundert deutsche Übersetzungen der Sonette erschienen, neunundsiebzig Versionen sind vollständig. Beides, alle Stücke und alle Gedichte, zu übersetzen, aber hat keiner geschafft; Otto Gildemeister brachte es im neunzehnten Jahrhundert auf zwölf Dramen und den Sonettzyklus. Der Dichter als Baumeister und als Goldschmied: die Übersetzer stellt es vor einen schwierigen Spagat.

Frank Günther kannte Shakespeare in- und auswendig. Aber dieser kennt, wie der Schluss von Sonett 18 belegt, auch ihn: "Denn du im ewgen Vers wirst fortbestehn, / Solang wer lebt, der Augen hat zu lesen: / Solang lebt dies, und in ihm lebt dein Wesen." Wen, wenn nicht Frank Günther, kann Shakespeare damit gemeint haben? ANDREAS ROSSMANN

William Shakespeare: "Sonette / Sonnets".

Aus dem Englischen von Frank Günther und Christa Schuenke. Mit einem Essay von Manfred Pfister. Verlag ars vivendi, Cadolzburg 2021, 200 S., geb., 33,- Euro.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Im Gegensatz zu Wolf Biermanns lyrisch-freien Nachdichtungen der Shakespeare-Sonette "begnügt" sich der emeritierte Anglistikprofessor und "renommierte" Übersetzer Klaus Reichert mit einer nah am Original orientierten Prosaübertragung, informiert Stefana Sabin. Reichert beschäftige sich mit den diversen Bedeutungen des englischen Originalvokabulars und versuche die Sprachmelodie zu bewahren, indem er mit der deutschen Sprache arbeitet und "invertiert, elidiert und kontrahiert". Reichert wolle die Sonette nicht nur übertragen, sondern dem Leser auch kulturgeschichtliche und philologische Erkenntnisse rund um Shakespeares Sonette vermitteln, was ihm mit seinen Anmerkungen laut Sabin wohl auch gelingt. Mit seinem "philologischen Ehrgeiz" habe Reichert zwar keine lyrische Wiedergeburt Shakespeares im Deutschen vollbracht, aber - und das schätzt die Rezensentin als keineswegs gering ein - die "sprachliche Komplexität" und die "Nüchternheit" der Vorlage erhalten.

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