Kafkas elektrische Straßenbahn - Sofri, Adriano
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Als Adriano Sofri Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" in einer zweisprachigen Ausgabe liest, bemerkt er in der italienischen Version einen Fehler. Die erfahrene Übersetzerin hat die "Straßenlampen" des Originals mit "Straßenbahn" übertragen. Ein Lapsus? Keineswegs: Denn Sofri entdeckt, dass bei Übersetzungen in unterschiedlichste Sprachen -Türkisch, Englisch oder Spanisch - auch das Licht der "elektrischen Straßenbahn" zu Gregor Samsa dringt. Sofris detektivischer Spürsinn ist geweckt, er blickt weit zurück in die Übersetzungsgeschichte von Kafkas Erzählung. An deren Anfang steht das…mehr

Produktbeschreibung
Als Adriano Sofri Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" in einer zweisprachigen Ausgabe liest, bemerkt er in der italienischen Version einen Fehler. Die erfahrene Übersetzerin hat die "Straßenlampen" des Originals mit "Straßenbahn" übertragen. Ein Lapsus? Keineswegs: Denn Sofri entdeckt, dass bei Übersetzungen in unterschiedlichste Sprachen -Türkisch, Englisch oder Spanisch - auch das Licht der "elektrischen Straßenbahn" zu Gregor Samsa dringt.
Sofris detektivischer Spürsinn ist geweckt, er blickt weit zurück in die Übersetzungsgeschichte von Kafkas Erzählung. An deren Anfang steht das abenteuerliche Leben der Künstlerin und Frauenrechtlerin Margarita Nelken - und ein Plagiat von Jorge Luis Borges. Alle Indizien zur Verwandlung der Verwandlung werden gesammelt: die Ähnlichkeiten von Samsas und Kafkas Zimmer, Felice Bauers Briefe aus der Berliner Tram, die "Elektrischen" in Kafkas Prag und seinen Schriften - und jene Fassung des Originals, die den Übersetzern Recht zu geben scheint ...
Unterhaltsam und anekdotenreich erzählt Sofri von den nur flüchtig beleuchteten Nischen der Literaturgeschichte: Ein elegantes Plädoyer für die Neugier, die Freude am Nachdenken - und gegen die Eindeutigkeit.
  • Produktdetails
  • Allgemeines Programm - Sachbuch (Wagenbach)
  • Verlag: Wagenbach
  • Originaltitel: Una variazione di Kafka
  • Artikelnr. des Verlages: 3689
  • Seitenzahl: 157
  • Erscheinungstermin: Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 122mm x 22mm
  • Gewicht: 187g
  • ISBN-13: 9783803136893
  • ISBN-10: 380313689X
  • Artikelnr.: 56250839
Autorenporträt
Adriano Sofri, 1942 in Triest geboren, Intellektueller, Politiker und Autor. Als ehemaliger Vordenker der linken Bewegung Lotta Continua wurde er 1997 nach einem umstrittenen Prozess wegen Anstiftung zum Mord an einem Polizeikommissar zu 22 Jahren Haft verurteilt. Zahlreiche Autoren wie Umberto Eco, Carlo Ginzburg und Hans Magnus Enzensberger protestierten gegen das Urteil. Eine Begnadigung lehnte Sofri ab. Er arbeitet - wie schon vor dem vorzeitigen Ende seiner Haftstrafe 2012 - als Journalist und Essayist.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.10.2019

Die Wahrheit über Gregor Samsa?
Adriano Sofris Geschichte von Kafkas "Verwandlung"

Im Italienischen ist es noch eindeutiger, denn auf der einen Seite der zweisprachigen Ausgabe von Franz Kafkas "Verwandlung" steht dort "elektrische Straßenlaternen" - italienisch wäre das "lampioni elettrici della strada" -, auf der anderen Seite aber "la tranvia elettrica", also "elektrische Straßenbahn". Das kann kein Tippfehler sein, kein falscher Freund, keine sonstige Ähnlichkeit, dafür liegen die Begriffe zu weit auseinander, schon allein grafisch.

Die Stelle findet sich zu Beginn des zweiten Kapitels. Dort heißt es: "Der Schein der elektrischen Straßenlampen lag bleich hier und da auf der Zimmerdecke und auf den höheren Teilen der Möbel, aber unten bei Gregor war es finster." Adriano Sofri, 1942 geboren, ist von diesem Fehler sofort gepackt. Wie konnte er der renommierten Übersetzerin Anita Rho unterlaufen? Er begibt sich auf Spurensuche. Schon bald entdeckt er die "Straßenbahn" in der türkischen und der französischen, vor allem aber in der spanischen Variante, die jahrelang Jorge Borges zugeschrieben wurde. Akribisch dröselt er das Problem der Urheberschaft auf, räumt am Ende aber ein, dass er damit noch immer nicht geklärt hat, wie es zu diesem "Lapsus" kommen konnte. Wie er selbst gesteht, ist er ein echter Google-Freak, und so landet er schließlich beim Projekt Gutenberg, wo er den gleichen Satz liest, allerdings mit der Variante von der "elektrischen Straßenbahn". Als Quelle wird der Kurt Wolff Verlag angegeben, die zweite Auflage aus dem Jahr 1917.

Es folgt ein Plädoyer dafür, dass Kafka selbst die Veränderung für diese Auflage vorgenommen hat, auch dies mit genauer argumentativer Unterfütterung. Zum Abschluss bricht Sofri noch die poetische Lanze für die Straßenbahn-Lösung. Wer Freude an solider Textkritik hat, kommt hier voll auf seine Kosten. (Ein Kuriosum noch am Rande. Wer selbst googeln möchte, muss darauf achten, nicht beim Projekt Gutenberg von "Spiegel online" zu landen, denn dort finden sich die altbekannten Straßenlaternen.)

Handelt es sich bei Sofris Abhandlung aber um einen "philologischen Krimi", wie der Wagenbach Verlag vollmundig formuliert? Der Borges-Ausflug liefert für die Klärung des Problems im Grunde nur Anekdotisches, dafür übergeht Sofri die entscheidende Frage: Wie kam es, dass die (möglicherweise) von Kafka vorgenommenen Änderungen im Folgenden nicht mehr berücksichtigt wurden und die deutschen Fassungen bei den "Straßenlaternen" der ersten Auflage von 1915 blieben oder dorthin zurückkehrten? Ein Krimi also mit offenem Ende.

Das Spannungsmoment bleibt auch auf der Strecke, wenn Sofri mit einer gewissen Nonchalance über grundsätzlichere Aspekte hinweggeht. Sekundärübersetzungen sind für ihn ein nicht weiter zu thematisierender Fakt. Wie indes die Kenntnis, wer eine Übersetzung angefertigt hat, die Rezeption beeinflusst, deutet er immerhin an, als er auf eine Wissenschaftlerin verweist, die Borges' barocken Stil im schlichten Kafka findet. Die Frage, ob es tatsächlich wünschenswert wäre, in Kafka den Borges zu entdecken, stellt Sofri jedoch nicht. Wer übersetzt, hat mit Sicherheit seinen eigenen Stil. Doch ist translatorischer Stil eben kein literarischer. Wer übersetzt, schriftstellert nicht. Wäre es der Sache dienlich, beides zu vermischen?

Das Verdienst dieses faktenreichen kleinen Werks liegt darin, die Bedeutung einzelner Wörter für einen literarischen Text aufzuzeigen und gleichzeitig zu relativieren. Es liegt darin, eine Recherche nach dem veränderten Wort in vorbildlicher Lesbarkeit aufzuzeichnen. Wenn Sofri am Ende für die Straßenbahn plädiert, will er expressis verbis auch zum Lesen anstiften. Und das tut er.

CHRISTIANE PÖHLMANN.

Adriano Sofri: "Kafkas elektrische Straßenbahn". Wie die "Verwandlung" verwandelt wurde - ein philologischer Krimi.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Wagenbach Verlag, Berlin 2019. 160 S., br., 20,- [Euro].

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