Bisher 14,99 €**
13,99 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
**Früherer Preis
Sofort lieferbar
7 °P sammeln

Produktdetails
  • Verlag: Simon + Schuster Inc.
  • Seitenzahl: 564
  • Erscheinungstermin: 4. August 2015
  • Englisch
  • Abmessung: 213mm x 141mm x 30mm
  • Gewicht: 589g
  • ISBN-13: 9781451697391
  • ISBN-10: 1451697392
  • Artikelnr.: 41759815
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.09.2014

Unsere letzte Chance
ist die Klimakatastrophe
Naomi Klein rechnet mit dem Radikalkapitalismus ab
„Die Identität des Menschen definiert sich nicht mehr danach, was jemand tut, sondern was er besitzt. Aber Besitz und Konsum befriedigen unsere Sehnsucht nach Sinn nicht. Ich bitte Sie zu Ihrem eigenen Wohl und für die Sicherheit der Nation, auf unnötige Reisen zu verzichten und wenn immer möglich Fahrgemeinschaften zu bilden oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Jede Form des Energiesparens ist mehr als nur Common Sense. Sie ist eine patriotische Handlung.“
  Das sind die Worte des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, der 1979, als die iranische Revolution die Ölproduktion kollabieren ließ, zum Sparen aufrief. Bemerkenswerter noch als der Appell ist der kapitalismuskritische Seitenhieb. Man befand sich zwar im Kalten Krieg, doch die neoliberale Hochrüstung des Kapitalismus durch Reagan und Thatcher hatte noch nicht begonnen. Heute, so schreibt Naomi Klein in ihrem beeindruckenden und wichtigen neuen Buch „This Changes Everything“, das eben in den USA und Großbritannien erschien, würden solche Worte aus dem Mund eines Präsidenten als Ketzerei verstanden.
  Klein hat den heutigen Radikalkapitalismus immer wieder angegriffen, seit sie im Jahr 2000 mit „No Logo“ zur Vordenkerin einer Generation junger, idealistischer Linker wurde. Doch dieser alternativlos sich gebende Kapitalismus erweist sich heute als fataler denn je: Er ist der Grund, dass wir auch drei Jahrzehnte, seit Forscher erstmals dazu aufriefen, den CO&sub2;-Ausstoß zu senken, um den Klimakollaps zu verhindern, keine Fortschritte gemacht haben.
  Dass die UN-Klima-Konferenzen enttäuschend ausfielen, ist bekannt. Dass viele Initiativen für saubere Kraftwerke und sparsame Motoren Augenwischerei sind, ebenfalls. Auch, dass der Handel mit den Emissionszertifikaten kollabiert ist, weil er zu industriefreundlich angelegt war, erstaunte nicht. Schockierend ist aber der Befund, mit dem Klein den Leser aufrüttelt: Auch die Kombination aller unzureichenden Maßnahmen hatte keinen Effekt. In den letzten Jahren stieg der weltweite CO&sub2;-Ausstoß mehr denn je.
  Wertvolle Zeit ist verronnen – fast alle Zeit, die blieb. Vor 25 Jahren wäre es möglich gewesen, dem Problem mit moderaten Mitteln beizukommen. Doch weil Kohlendioxid sich jeden Tag stärker in der Atmosphäre anreichert, sind immer drastischere Maßnahmen nötig. Zwei Grad Erwärmung seien hinnehmbar, darauf verständigte man sich 2009 auf der Konferenz in Kopenhagen. Es war ein für den Westen bequemer Kompromiss, den Vertreter afrikanischer Staaten, in denen eine solche Erwärmung Tausende Tote brächte, als sanktionierten Genozid bezeichneten. Doch da seitdem nichts passiert ist, rechnen Wissenschaftler heute mit vier oder sogar sechs Grad Erwärmung. Zu den denkbaren Konsequenzen gehört mittlerweile auch die undenkbare: das Aussterben der Menschheit.
  Wer an diesem Punkt Einwände erhebt, hat bei Klein wenig Chancen. In fünf Jahren Arbeit haben sie und ihr Recherche-Team nicht nur eine Fülle von Fakten ausgegraben, sie antizipiert auch alle erdenklichen Einwände, sei es von militanten Klimawandel-Skeptikern oder von liberalen Status-quo-Verteidigern – und widerlegt diese raffiniert. Wäre Fracking nicht eine Alternative zur Kohle? Wird nicht rechtzeitig eine Wundertechnologie entwickelt werden, um das CO&sub2; aus der Atmosphäre zu saugen? Werden uns nicht die Superreichen helfen, mit ihren Forschungsinitiativen? Nein, nein und nein. Die Stiftung des Klimafreundes Bill Gates etwa hat 1,2 Milliarden in BP und Exxon-Mobil investiert. Der Virgin-Eigner Richard Branson versprach drei Milliarden für den Klimaschutz, doch er gab nur 230 Millionen und kaufte lieber 160 neue Flugzeuge.
  Klein zieht daraus zwei fast unabweisbare Schlüsse. Zum einen: Wir müssen sofort handeln. Zum anderen: Das gängige Kapitalismusmodell hat sich als ungeeignet erwiesen, die Katastrophe abzuwenden. Solange entschiedene staatliche Eingriffe in den Markt tabu sind, wird es niemals möglich sein, die notwendige Reduzierung von jährlich rund 10 Prozent der Emissionen zu schaffen. Klimaschutz ist nicht möglich ohne tief greifende Reform des Kapitalismus.
  Die rechten Agitatoren gegen den Klimaschutz, vor allem in den USA, haben das verstanden. Doch die Linken, so Klein, machen sich und der Welt weiter vor, es sei Engagement genug, die Lage ernst zu nehmen – und das Auto mal stehen zu lassen. Diese Lebenslügen haben eine lange Geschichte in der Umweltbewegung, zumal in den USA, die Klein wütend durchblättert. Von ihren Anfängen als dem Projekt weißer Gentlemen, die um die romantischen Landschaften fürchteten, bis hin zur Kapitulation vor den Konzernen. Ihr krassestes Beispiel liefert Amerikas größte Umweltorganisation, The Nature Conservancy : Mit Spendengeldern „rettete“ der Verein Land vor Exxon-Mobil, auf dem eine nahezu ausgestorbene Vogelart brütete – nur um dort selbst nach Öl zu bohren. Die letzten Vögel verschwanden vor zwei Jahren.
  Doch „Big Green“ ist mit seiner Abhängigkeit von Big Oil und Big Carbon nicht allein. „Wenn wir industriellen oder post-industriellen Gesellschaften angehören, leben wir in einer Geschichte, die in Kohle geschrieben wurde.“ Erst James Watts kohlegetriebene Dampfmaschine erlaubte es den Unternehmern, ihre Fabriken dort zu bauen, wo Arbeitskraft günstig verfügbar war. Erst die Dampfmaschine erlaubte es, die Kolonien im großen Stil auszubeuten. „Der Kolonialismus brauchte Kohle, um seine Träume von totaler Herrschaft zu erfüllen; die Flut von Produkten, die Kohle und Kolonialismus möglich machten, brauchte den modernen Kapitalismus.“
  Die drohende Klimakatastrophe, so Kleins originelle wie gewagte These, mag für einen reichen Establishment-Vertreter wie Al Gore „Eine unbequeme Wahrheit“ sein, so der Titel der Doku von 2006, die Gores Einsatz für den Klimaschutz feierte und ihm den Friedensnobelpreis einbrachte. Für die meisten anderen, denen der Kohle-Kapitalismus nicht Reichtum und Macht gebracht hat, sondern Ausbeutung, Krankheit, Raubbau, stelle das Ultimatum der Natur eine Chance dar. Die Entmachtung der Öl-und Kohleverbrenner könnte die ermatteten Widerstandsbewegungen des 20. Jahrhunderts revitalisieren und zusammenbringen, um „die unerledigte Aufgabe der Befreiung“ endlich zu vollenden: ökonomische Gerechtigkeit.
  Naomi-Klein-Fans werden das auf den ersten Blick blauäugig finden, Klein-Hasser werden sie zynisch nennen: Bemüht die Jet-Set-Sozialistin allen Ernstes die Klimakatastrophe, um für ihre Ideologie zu werben? Doch Klein ist weder das eine noch das andere. Nur ist sie eben – trotz der brillanten historischen Analysen – vor allem Aktivistin. Clever pendelt sie zwischen hohem Ton, maximalistischer Rhetorik und pragmatischen Vorschlägen hin und her. Eben schien sie die Weltrevolution auszurufen, dann führt sie überzeugende Vorbilder für Kollektivanstrengungen an, wie sie uns jetzt bevorstehen: Großbritannien, das während des Kriegs die gesamte Gesellschaft für den Kampf gegen Hitlerdeutschland mobilisierte. Die USA der Sechziger und Siebziger, als Bürgerrechtler Reform für Reform durchsetzten. Überraschender ist noch ein anderes historisches Modell: die Abschaffung der Sklaverei in den USA.
  Es würde genügen, die 600 Milliarden Dollar Steuergelder, mit denen jedes Jahr weltweit der Abbau fossiler Brennstoffe subventioniert und die Klimakatastrophe festgeschrieben wird, zur Förderung regenerativer Energiequellen auszugeben. Schon um zu verstehen, warum das nicht längst passiert, brauchen wir dieses Buch.
JÖRG HÄNTZSCHEL
Vor 25 Jahren wäre es möglich
gewesen, den Problemen mit
moderaten Mitteln beizukommen
Bemüht die Jet-Set-Sozialistin
allen Ernstes den Klimawandel,
um für ihre Ideologie zu werben?
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr