Globalists - Slobodian, Quinn
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Do neoliberals hate the state? In the first intellectual history of neoliberal globalism, Quinn Slobodian follows neoliberal thinkers from the Habsburg Empire's fall to the creation of the World Trade Organization to show that neoliberalism emerged less to shrink government and abolish regulations than to deploy them globally to protect capitalism.…mehr

Produktbeschreibung
Do neoliberals hate the state? In the first intellectual history of neoliberal globalism, Quinn Slobodian follows neoliberal thinkers from the Habsburg Empire's fall to the creation of the World Trade Organization to show that neoliberalism emerged less to shrink government and abolish regulations than to deploy them globally to protect capitalism.
  • Produktdetails
  • Verlag: Harvard University Press
  • Seitenzahl: 381
  • Erscheinungstermin: 30. März 2018
  • Englisch
  • Abmessung: 241mm x 161mm x 35mm
  • Gewicht: 705g
  • ISBN-13: 9780674979529
  • ISBN-10: 0674979524
  • Artikelnr.: 49320137
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.08.2018

Ordoliberale Globalisierer
Ideen und die Ordnung der Weltwirtschaft

Vier Städte gelten üblicherweise als Geburtsstätten des Neoliberalismus: Wien, London, Chicago und Freiburg. Der Historiker Quinn Slobodian arbeitet in seinem neuen Buch heraus, dass in dieser Reihe ein wichtiger Ort fehlt: Genf. Der Genfer Schmelztiegel neoliberaler Ideen in unmittelbarer Nähe zu maßgeblichen internationalen Institutionen war bei den verschiedenen Anläufen zur Etablierung einer Weltwirtschaftsordnung in den vergangenen neun Jahrzehnten prägend.

Die Anfänge dieser "Genfer Schule" liegen in der Zeit des Völkerbundes. Dessen Funktionäre veranstalten Konferenzen, auf denen nach Heilmitteln für die durch Ersten Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise zertrümmerte internationale Ordnung gesucht wird. Außerdem ist die Verzahnung mit dem 1927 etablierten "Institut universitaire de hautes études internationales" wichtig: Dessen Gründer William Rappard beruft Emigranten wie Ludwig von Mises und Wilhelm Röpke und richtet zahlreiche Vortragsreihen für Neoliberale wie Friedrich August von Hayek, Lionel Robbins, Jacob Viner und Gottfried Haberler aus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spaltet sich die Genfer Schule. Stein des Anstoßes sind die Anfänge der europäischen Integration. Ältere Neoliberale wie Röpke und Haberler, die Slobodian "Universalisten" nennt, wollen weiterhin für eine einheitliche internationale Ordnung kämpfen. Die jüngeren "Konstitutionalisten" hingegen streben zunächst nach einer Ordnung für den europäischen Binnenmarkt, in Kauf nehmend, dass dies zu einer "Festung Europa" gegenüber dem Rest der Welt führen kann. Wie in den Anfängen der Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm sind Forschungsgemeinschaften aus Wirtschafts- und Rechtswissenschaftlern zentral. Zu nennen sind vor allem die Ordoliberalen der zweiten Generation, der Ökonom Erich Hoppmann und der Jurist Ernst-Joachim Mestmäcker.

Ab den siebziger Jahren findet eine weitere Konstitutionalisierung statt: Das lose institutionelle Gefüge des GATT wird nach und nach in eine schlagkräftige Organisation überführt, die WTO. Eine neue Funktionärsgeneration, darunter der Ökonom Jan Tumlir sowie die in Hayeks Freiburger Umfeld sozialisierten Juristen Frieder Roessler und Ernst-Ulrich Petersmann, unternimmt nach Slobodians Interpretation den Versuch, die europäischen Erfolge auf die globale Ebene zu übertragen. Die WTO soll einen globalen Ordnungsrahmen und Mechanismen zur Durchsetzung von Regeln institutionalisieren. Das Buch endet mit der seit den Seattle-Protesten 1999 sichtbaren Globalisierungskritik und den Bemühungen der Genfer, eine belastbarere Legitimationsgrundlage für die Ordnung der Weltwirtschaft zu finden.

Slobodian tut sich über längere Strecken nicht leicht damit, Analyse und eigene Wertung zu trennen. So wirken die von ihm dargelegten Verbindungen neoliberaler Denker mit der Geschäftswelt oft konstruiert, besonders wenn er ihnen unterstellt, dass sie ihre Ideen - beispielsweise zum Abbau von Zöllen in der Zwischenkriegszeit - gerade wegen der übereinstimmenden Wirtschaftsinteressen vertreten. Doch er stellt eine wichtige Frage: Inwieweit ist der Neoliberalismus eine kohärente Philosophie?

Auf der Suche nach einer Antwort konzentriert er sich darauf, Spannungsverhältnisse im Neoliberalismus herauszuarbeiten, besonders zwischen Demokratie und Marktwirtschaft. Er zeichnet die Neoliberalen als Gestalter übergeordneter Institutionen, deren jahrzehntelanges ausdrückliches Hauptziel es gewesen sei, die nationale Demokratie zu fesseln, ihre Eingriffe in private Eigentumsrechte zu bremsen und sie in ihrer wohlfahrtsstaatlichen Großzügigkeit zu zügeln. In dieser Kritik an den angeblichen Antidemokraten bleibt allerdings vage, welche Auffassung von Demokratie der Autor befürwortet und worauf eine konstitutionell unbeschränkte Demokratie hinausliefe, insbesondere mit Blick auf den Schutz von Minderheiten.

Auch kann im Neoliberalismus ein Spannungsverhältnis des ihm eigenen Kosmopolitismus mit dem persönlichen Kulturbegriff entstehen. Röpke ist ein Beispiel. In seinen Spätschriften verteidigt er die südafrikanische Apartheid und belässt es nicht bei geostrategischen Gründen, sondern äußert eine befremdliche Skepsis über den Zivilisationsstand der schwarzen Bevölkerung. In seinen letzten Lebensjahren von der Moderne und den Entwicklungen in der Mont Pèlerin Society verbittert, bleibt er mit dieser Haltung die Ausnahme unter den grundsätzlich kosmopolitisch argumentierenden Neoliberalen.

Originell ist auch Slobodians Frage, ob die Vertreter der "Genfer Schule" - dieser Begriff passt für das eher lose, durch viele Diskontinuitäten gekennzeichnete Netzwerk allerdings nur eingeschränkt - nach dem Zweiten Weltkrieg noch Ökonomen im Nachkriegs-Selbstverständnis des Faches sind oder ob sie nicht besser als Juristen zu verstehen wären. In der Tat handelt es sich auch bei den Radikalen wie Mises um Wissenschaftler, denen es um die Gestaltung von Institutionen und damit um einen rechtlichen Rahmen geht. Mit solchen Fragen beschäftigen sich allerdings auch Sozialphilosophen, und als solche verstehen sich Hayek und Röpke seit den vierziger Jahren. Der Genfer Ansatz kombiniert die Hayeksche Anmaßung-von-Wissen-Warnung mit dem Freiburger Ordnungspolitik-Plädoyer, und die Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis prägen mit dieser Synthese die europäische Integration und die WTO.

Es hätte dem sehr lesenswerten Buch gutgetan, wenn der Autor mit weniger Pathos hantiert und sich um mehr Differenzierung in den Porträts bemüht hätte. Doch es bleibt sein Verdienst, heraus zu arbeiten, wie Ideen in die Gestaltung von Institutionen einfließen können. In einer Zeit, in der die Ordnung der Weltwirtschaft ins Wanken gerät und linke Globalisierungskritiker argumentativ in die Nähe der ebenfalls nationale Souveränität einfordernden rechtspopulistischen Globalisierungs-Schmäher rutschen, ist ein wacher Blick dafür wichtiger denn je.

STEFAN KOLEV

Quinn Slobodian: Globalists. The End of Empire and the Birth of Neoliberalism, Harvard University Press, Cambridge 2018, 393 Seiten, 35 Dollar

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