Beihefte der Francia 67. Der verwaltete Raub. Die »Arisierung« der Wirtschaft in Frankreich 1940-1944 - Jungius, Martin

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Die Studie untersucht die systematische Zwangsübertragung sogenannter »jüdischer Unternehmen« in nichtjüdische Hände (»Arisierung«) in Frankreich während der deutschen Besatzung. Im Zentrum der Betrachtung stehen jene französischen Dienststellen, die unter deutscher Aufsicht für die Durchführung der wirtschaftlichen Verfolgungsmaßnahmen federführend waren: der Service du contr le des administrateurs provisoires und die Direction de l aryanisation économique. Der Band beinhaltet eine ausführliche Beschreibung von Struktur, Arbeitsweise und Rolle dieser Dienststellen, sowie eine gründliche…mehr

Produktbeschreibung
Die Studie untersucht die systematische Zwangsübertragung sogenannter »jüdischer Unternehmen« in nichtjüdische Hände (»Arisierung«) in Frankreich während der deutschen Besatzung. Im Zentrum der Betrachtung stehen jene französischen Dienststellen, die unter deutscher Aufsicht für die Durchführung der wirtschaftlichen Verfolgungsmaßnahmen federführend waren: der Service du contr le des administrateurs provisoires und die Direction de l aryanisation économique. Der Band beinhaltet eine ausführliche Beschreibung von Struktur, Arbeitsweise und Rolle dieser Dienststellen, sowie eine gründliche Analyse des »Arisierungsprozesses«. Dabei werden auch die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure und die Zusammenhänge zwischen den strukturellen Faktoren und dem Verfolgungsgeschehen eingehend untersucht.
  • Produktdetails
  • Francia, Beihefte Bd.67
  • Verlag: Thorbecke
  • Seitenzahl: 422
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 422 S.
  • Deutsch, Französisch
  • Abmessung: 248mm x 174mm x 35mm
  • Gewicht: 830g
  • ISBN-13: 9783799572927
  • ISBN-10: 3799572929
  • Artikelnr.: 22865829
Rezensionen
Besprechung von 21.08.2009
Raub-Verwalter und Juden-Jäger
Die "Arisierung" der Wirtschaft in Frankreich während der Jahre 1940 bis 1944

Die Erforschung der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs war lange Zeit ein Stiefkind der deutschen Geschichtsschreibung. Zum einen beschäftigte sie sich nur am Rande mit dem Geschehen im Nachbarland zwischen 1940 und 1944, und zum andern tradierte sie eine Legende: die eines weitgehend "korrekten" Okkupationsregimes, das erst in der Schlussphase des Krieges aus den Fugen geriet. Selbst zwei bis heute unersetzliche Standardwerke - Eberhard Jäckels Arbeit über "Frankreich in Hitlers Europa" (1966) und Hans Umbreits Dissertation über den "Militärbefehlshaber in Frankreich" (1968) - zeigen Spuren dieser Legende. Beide Autoren bescheinigen den deutschen Besatzern "saubere Verwaltungsarbeit" (Umbreit) und von Gutwilligkeit, Fleiß und Ordnungsliebe bestimmte "deutsche Verwaltungspräzision" (Jäckel) und ignorieren den aktiven Anteil der deutschen Militärverwaltung an Judenverfolgung, Internierungslagereinrichtung und Deportationsvorbereitung, obwohl die Quellen dazu vorlagen.

Inzwischen hat sich die Forschungslage gebessert, weist aber immer noch beträchtliche Lücken auf. Nur ein Beispiel: Zur deutschen Beteiligung an der Judenverfolgung jenseits des Rheins fehlt immer noch eine deutschsprachige Gesamtdarstellung. Umso erfreulicher, dass Martin Jungius jetzt einen Teilaspekt bearbeitet hat. Die Studie über die "Arisierung" der französischen Wirtschaft während der deutschen Okkupation ist in mehrerlei Hinsicht ein Novum. Sie ist die erste umfassende deutschsprachige Darstellung zum Thema der Zwangsenteignung von jüdischem Besitz im Nachbarland. Überdies wertet sie erstmals sowohl die französischen als auch die deutschen Archivbestände aus. Jungius macht deutlich, dass die Initiative zur Arisierung der französischen Wirtschaft von der deutschen Militärverwaltung Nordfrankreichs ausging, und liefert damit ein Argument mehr für die alles andere als "korrekte" Rolle der deutschen Besatzer. Sie fanden im Kollaborationsregime des Marschalls Pétain einen willfährigen Helferapparat. Dieser wurde im Wesentlichen von zwei Institutionen betrieben: dem "Service du contrôle des administrateurs provisoires" (SCAP) und der "Direction de l'aryanisation économique" (DAE).

Sowohl die "Kontrollstelle der kommissarischen Verwalter" als auch die "Direktion der wirtschaftlichen Arisierung" verfolgten - die eine in Nord-, die andere in Südfrankreich - ein und dasselbe Ziel: für als jüdisch geltende Unternehmen kommissarische Verwalter auszuwählen, die diese "arisieren" oder liquidieren sollten. Beide Behörden unterstanden der deutschen Militärverwaltung, die den "Arisierungsprozess" ständig zu beschleunigen suchte, infolge Personalmangels aber zu keiner wirksamen Kontrolle dieser französischen "Arisierungsdienststellen" in der Lage war. Nur die "Entjudung" der großen und kriegswichtigen Unternehmen konnte sie auf Dauer genau überwachen, ansonsten musste sie sich auf Stichproben verlassen oder auf Kontrolle ganz verzichten.

Der Nachteil hielt sich freilich in Grenzen, weil die Regierung Pétain die Forderung des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich, "den Einfluss der Juden in der französischen Wirtschaft restlos zu beseitigen", mit Tatkraft von ihren eigenen zur Judenverfolgung geschaffenen Institutionen umsetzen ließ. Das Engagement war dazu gedacht, deutsche Einmischung in die französische Wirtschaft abzuwehren und ihre "Germanisierung" zu verhindern. Daneben kamen auch antisemitische Einstellungen zum Tragen, die einen Bestandteil von Pétains Ideologie der "nationalen Revolution" bildeten.

Jungius legt überzeugend dar, dass dieser Antisemitismus in den beiden maßgeblichen französischen "Arisierungsbehörden" so ausgeprägt war, dass er in der Regel keinerlei Pardon gegenüber jüdischen Unternehmern gewährte. Dabei hätten "Kontrollstelle" und "Direktion" infolge der mangelhaften deutschen Aufsicht ihren Handlungsspielraum zum Schutz der Juden nutzen können. Stattdessen übertrafen das Pétain-Regime und seine Judenjäger mitunter in vorauseilendem Gehorsam die deutschen Verfolgungsvorgaben. Entsprechend verheerend nimmt sich die Bilanz der deutsch-französischen "Arisierungskollaboration" am Ende der deutschen Besatzungsherrschaft aus.

Auch wenn von fast fünfzigtausend eingeleiteten "Arisierungsverfahren" nur "grob die Hälfte" abgeschlossen werden konnte, ist den französischen Juden doch ungeheurer wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden. Jungius erwähnt im Zusammenhang der "Arisierung" die Berufsverbote, die Sperrung "jüdischer Konten", den Raub "jüdischer Vermögen", die die Verarmung etlicher Zehntausender nach sich zog, und er macht unter Berufung auf die Mission Mattéoli - eine (erst) 1997 eingesetzte Regierungskommission zur Untersuchung der "Arisierung" - eine Gesamtschadensrechnung auf. Demnach belaufen sich die den französischen Juden geraubten Werte auf über fünf Milliarden Franc. Dabei ist es nicht geblieben. Der wirtschaftlichen Vernichtung vieler lief die physische parallel. Fast 76 000 Juden wurden bekanntlich aus Frankreich deportiert. Doch das ist ein anderes Kapitel.

PETER HÖLZLE

Martin Jungius: Der verwaltete Raub. Die "Arisierung" der Wirtschaft in Frankreich in den Jahren 1940 bis 1944. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2008. 422 S., 64,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Peter Hölzle begrüßt Marin Jungius Buch über die "Arisierung" der Wirtschaft in Frankreich zwischen 1940 bis 1944. Der Autor zeigt in seinen Augen überzeugend auf, dass die deutsche Militärverwaltung Nordfrankreichs die Arisierung der französischen Wirtschaft initiierte. Auf der anderen Seite wird für ihn deutlich, dass bei den - der deutschen Militärverwaltung unterstehenden - französischen Behörden der Antisemitismus so ausgeprägt war, dass sie den "Arisierungsprozess" trotz eigenen Handlungsspielraums ohne Pardon abwickelten. Hölzle hebt hervor, dass Jungius erstmals sowohl die deutschen als auch die französischen Archivbestände auswerten konnte. Er würdigt die Arbeit als "erste umfassende" deutschsprachige Darstellung zu diesem Thema, die zudem zahlreiche Lücken in der Forschung schließt.

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