Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit - Franzobel

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Franzobel furios: Die unerlöste Seele der vor achtzig Jahren verstorbenen zweijährigen Rosalia wandert über die ganze Erde bis nach Wien, mitten durch ein Panoptikum an dicken Damen und feisten Feschaks, Taugenichtsen und Tagedieben, in den Körper von Elvira Klappbauch. Da gibt es die dicke Pasqualina, die auf dem Heldenplatz die Asche ihres Vaters verstreuen will, den Journalisten Zsmirgel, der Nachrufe auf prompt versterbende Personen schreibt und andere kuriose Existenzen. Was passiert, bevor Rosalias Seele vor einem Bankomaten zur Himmelfahrt ansetzt, das arrangiert Franzobel als grandiose Farce und phantastisches Sprachfeuerwerk. …mehr

Produktbeschreibung
Franzobel furios: Die unerlöste Seele der vor achtzig Jahren verstorbenen zweijährigen Rosalia wandert über die ganze Erde bis nach Wien, mitten durch ein Panoptikum an dicken Damen und feisten Feschaks, Taugenichtsen und Tagedieben, in den Körper von Elvira Klappbauch. Da gibt es die dicke Pasqualina, die auf dem Heldenplatz die Asche ihres Vaters verstreuen will, den Journalisten Zsmirgel, der Nachrufe auf prompt versterbende Personen schreibt und andere kuriose Existenzen. Was passiert, bevor Rosalias Seele vor einem Bankomaten zur Himmelfahrt ansetzt, das arrangiert Franzobel als grandiose Farce und phantastisches Sprachfeuerwerk.
  • Produktdetails
  • Verlag: Zsolnay
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05180
  • Seitenzahl: 169
  • Erscheinungstermin: 18. Februar 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 132mm x 22mm
  • Gewicht: 292g
  • ISBN-13: 9783552051805
  • ISBN-10: 3552051805
  • Artikelnr.: 10252093
Autorenporträt
Franzobel, 1967 in Vöcklabruck/Oberösterreich geboren, arbeitete bis 1991 als bildender Künstler mit gelegentlichen Ausstellungen. Dann schrieb er Romane, Satiren und Theaterstücke. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1995 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und 1998 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Er lebt in Wien.
Rezensionen
Besprechung von 23.05.2002
Strudel, Strizzis, dicke Damen
Franzobels "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit"

Wer seinen Künstlernamen einem Fußballspiel (Frankreich gegen Belgien) verdankt, ist auch als Autor zu Originalität verpflichtet. Die Päderasten, Bischöfe und Kommissare, die Franzobels letzten großen Roman "Santa Scala oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt" bevölkerten, trugen so bizarre Namen wie Sixtus Pontstingl-Ribisl, Herrgott-Wixinger, Hastentütl oder Valentina Buschenpelz. Diesmal heißen die dicken Damen Elvira Klappbauch und Elfriede Keckeis, die Deppen Rübezahl Scherübl und Irenäus Raubein. Die Magie altfränkischer Namen war auch einem Thomas Mann nicht ganz fremd; aber in Franzobels Wort- und Krautfluten kommt der Klang stets vor dem Sinn. Er steht damit ganz in der Tradition der Wiener Schule, und wie H.C.Artmann spielt auch der Sprachartist und "Privatkatholik" aus Pichlwang gern mit dem Strandgut von Trivial- und Kriminalromanen, gemütlicher Pornographie, Kirchen- und Küchenlatein.

Was seine Strizzis, süßen Mädel und feschen Nazis über den pubertären Klamauk hinaushebt, ist die souveräne Sprachbeherrschung; sie krönen wie kandierte Früchte ein Puddingbett aus eigenwilligen Metaphern und ordinären Kalauern. Die Mehlspeise schmeckt süß und ist hübsch anzusehen, aber sie liegt, bar aller Ballaststoffe und frischer Vitamine, auf die Dauer schwer im Magen. Der rabiate Zuckerbäcker, ein schlampiges Genie, ist dafür um so produktiver; jedes Jahr brütet er, halbgare Kalorienbomben nicht gerechnet, mindestens zwei Trashromane in seiner Backröhre aus.

Der jüngsten Kreation kann man einen gewissen pragmatischen Mehr- und Nährwert nicht absprechen. Die "Schule der Gemeinheiten", als deren Einpauker der fromme Urinliebhaber und Erzschwindler Manker figuriert, zeichnet sich durch einen relativ straffen Stundenplan und Lektionen aus, die Schnorrer, Anarchisten und Querulanten mit Gewinn studieren werden. Wie schlägt man der Post ein Schnippchen? Man verschickt unfrankierte Briefe an Phantasieadressen und gibt als Absender den Empfänger an; postwendend und "gratis, bitte schön" werden die Briefe an die richtige Adresse zugestellt. Wer eine tote Maus in der Cornflakes-Packung reklamiert, wird in der Regel mit einer Kiste Leckereien entschädigt. Frauen kriegt man ins Bett, FPÖ-Politiker klein, wenn man ihnen einen gehörigen Schrecken einjagt. Franzobel hält viele solcher Tipps bereit. Als Spaßguerrillero verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen, die Notwehr mit der Subversion und erteilt Polizisten, Pedellen, Sportlehrern und anderen Watschenmännern Nachhilfe in Schadenfreude.

Manchmal spielt das Schicksal auch selber "Sau". Der Journalist Zsmirgel etwa tötet mit seinen Nachrufen selbst kerngesunde Prominente. Als die dicke Pasqualina auf dem Heldenplatz die Asche ihres Vaters ("War er auch ein Nazi, blieb er doch ihr Papi") verstreuen will, schwärzt der Wind zwei Abgeordnete der "Freihäusler" an: So rächt sich der pulverisierte Faschismus am zeitgemäßen. Österreich ist Saturn, der seine Kinder wie Krapfen verschlingt, und der Puddingbombenattentäter Franzobel ist Titan, sein erdähnlichster Mond. Er illuminiert die Sünden der Väter, reißt den Gaunern ihre Masken ab und nimmt ihnen den "Walzersenf" vom Würstel. "Mitleid vergeht. Gemeinheit hat Bestand."

Im "Lusthaus" steht die Wiener Wurst schlechthin, der Tod, auf der Speisekarte. Elfriede Jelinek hat einst in "Die Kinder der Toten" Österreich als Schauhaus lebender Leichen beschrieben. Franzobel setzt ihr in Elfriede Keckeis aus Mürzzuschlag ein kleines Denkmal und macht eine in Elfis Leib geschlüpfte Mumie zur Erzählerin. Ursprünglich kroch die Untote aus den Kapuzinerkatakomben von Palermo, der Schädelstätte eines "Todes ohne Genierer". So wie dort einbalsamierte Leichname im Sonntagsstaat ihr Gebiß blecken, grinsen nun aus Franzobels Roman Totenschädel und Gerippe; das bißchen Fleisch, in dem sie stecken, macht ihren Humor um so makabrer. Franzobel führt sich wie der Klassenclown in der Schule der Gemeinheit auf; seine Lausbubenstreiche und Totentänzchen sollen Österreich bis auf die nackten Knochen blamieren. Südamerika gehört als Heimat alter Nazis und üppiger Schönheiten auch zur Totenmonarchie. Die Venezolanerin Conchita etwa, ein süßes Luder, wurde von Manker sitzen gelassen; jetzt sinnt Muschelchen auf Rache.

So ereignen sich zwischen Palermo, Wien und Buenos Aires allerlei unappetitliche Todesfälle. Oft ist Voodoo-Zauberei im Spiel; der Ex-Ministrant Franzobel kennt sich nicht nur in den katholischen Beschwörungs- und Bestattungsriten aus. Literatur ist für ihn eine Form von animistischem Sprachzauber: Er mordet mit diabolischer Lust und perversen "Launen ohne Dämpfer" das strotzende Fleisch, das er erschuf, läßt es verwesen, bis es zum Himmel stinkt und zu Gebein ausbleicht. Franzobel mästet seine Taugenichtse und Tagdiebe mit Mehlspeisen, Alkohol und "ungustiösen" Malheurs, bis sie platzen und ihr Lebenssaft ausläuft.

Selbst die Sprache schwimmt in barockem Fett; ölig glänzt, süßlich schmeckt der Wortwitz. Streitende flocken "wie Zitronensaft und Milch auseinander, um am nächsten Tag in einem Kuchen ausgebacken und versöhnt zu sein". "Das Persönliche ist die Wunde jeder Theorie", Fressen und Gefressenwerden die Wahrheit des Konkreten: "Das Leben ist eine Honigsemmel in der Früh." Selten wurde in einem Roman so viel verdaut, nie mehr erbrochen, defäkiert und "gebrunzt".

Im kosmischen Verdauungstrakt, wo Franzobels Ätzlauge ihre verheerende Wirkung entfaltet, wird freilich auch die Romanform zersetzt. Der Saturn-Mythos, die Liturgien und Litaneien von Staat und Kirche bleiben neckische Ornamente, die Mumien leblose Comicfiguren, und der Erzählfluß vertröpfelt in Glossen, Schnurren, Tiraden und Slapstick. Die Enttäuschung von Lesererwartungen gehört zum Klippschulstoff der Bosheit. Franzobel fischt feixend Perlen aus der Kloschüssel und verwandelt sedimentierten Dünnpfiff in geschliffene Brillanten; nicht umsonst hat Freud Kot und Gold als Brüder im Traum beschrieben. Aber der Autor kann sein Wasser nicht immer auf der Höhe seiner Kunst halten. So munter die Metaphernkaskaden dahinplätschern: Sie treiben oft nur ein mechanisch klapperndes Mühlrad an. Schließt man etwa Elektrizität mit der Liebe kurz, klingt das so: "Gern hätte Manker ihr einen Draht zu seiner Leidenschaft, dem Wassersport, gespannt und einen Stromstoß durchgejagt. Aber er blieb ohne Ausgang, blieb ohne Verbindung, ohne Spannung. Gern wäre er losgeschossen wie ein Blitz, doch fühlte er die Angst vor der Entblößung, der eigenen Erbärmlichkeit, Angst, die Kreatur mit einem Kuhdraht zu erschlagen. So blieb er geladen, umklammerte den Tisch, als wäre der die Erdung, dachte an sein Trafo-Häuschen da im Kopf." Die Trafostation Franzobel hat eine hohe elektrische Spannung und bietet dennoch kaum Widerstand. Ihre Turbinen werden vom trüben Wasser aus den Kloaken der Vergangenheit gespeist.

MARTIN HALTER

Franzobel: "Das Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit". Zsolnay Verlag, Wien 2002. 169 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit "Lusthaus" hat Franzobel versucht so etwas wie einen Roman zu schreiben, kündigt Gerald Schmickl an. Doch ein Roman - das wäre zu viel gesagt, meint der Rezensent. Eher handle es sich hier um "orgiastische Monologe", in die Franzobel "raffiniert rhythmisierte" "liturgische Texte" hineinmontiert habe. Schmickl gibt sich als großer Fan von Franzobel zu erkennen und lobt begeistert die Szenen über die Seelenwanderung der zweijährigen Italienerin Rosaria in den Körper der Wienerin Elvira Klappbauch. Allerdings erlaubt sich der Rezensent doch eine kleine kritische Anmerkung: Sein Figurenkabinett hätte Franzobel etwas überschaubarer gestalten können, und auch ein wenig "emblematische Zurückhaltung" bei der Namensgebung hätte dem Werk sicher nicht geschadet, ist Schmickl überzeugt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein opulenter, amüsanter und zuweilen anarchistischer Erzähler." Uwe Pralle, Frankfurter Rundschau

"Franzobel kreiert einen Erzählstil, der von skurriler Metaphorik und semantischen Finessen, vor Neologismen und Klangmalereien nur so sprüht und funkelt." Michael Kothes, Die Zeit

"Dass der österreichische Dichter Franzobel ein großer Worterfindungsmeister, ein barocker Geschichtenerdenker und ein Menschenkenner ist, das ist schon so manches Mal geschrieben worden und bestätigt sich mit jedem neuen Buch." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2002

"Seine Texte sind "Sprachfeuerwerke"". Rainer Marx, Die Welt am Sonntag, 17.03.2002

"Die Stärke Franzobels liegt in den Bildern und Vergleichen, in den kühnen Metaphern, die nie klischeehaft wirken. Manchmal gelingen Bilder, die den Witz und die innovative Qualität der Vergleiche eines Jean Paul haben." Wendelin Schmidt-Dengler, Die Presse/Spectrum

"Franzobel ist ein Formulierungskünstler von hohen Graden. Hier ist ein Dichter am Werk, dem poetische Formulierungen mit Leichtigkeit zufliegen." Günter Kaindlstorfer, Der Standard

"Als hätten sich die Marx Brothers und Monty Python zusammengetan, um Wien einmal gehörig aufzumischen." Zündfunk Magazin

"Dieses Lusthaus ist ein Tollhaus. ... Ein von skurrilen Einfällen überschäumendes Unsittenbild." Susanne Rössler, Format

"Franzobels Welt ist verschroben aktuell, zeitgeschichtlich auf dem neuesten Stand und massenpsychologisch vielleicht sogar noch weiter ... Für die Liebhaber und für die Verächter Österreichs muss dieser Roman ein Leckerbissen sein." Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung, 02.04.02

"Franzobels Schreiben ist dabei so gewohnt musikalisch, dass wir ihn einen Vokabel-Percussionisten nennen dürfen, einen Imaginationsklimperer, dessen Vokabelanschläge heiter über den Tod triumphieren." Hauke Hückstädt, Frankfurter Rundschau, 20.03.02

"...schier strotzenden Fabulierfähigkeiten." Hauke Hückstädt, Frankfurter Rundschau, 20.03.02

"Franzobel glänzt in seinen Werken durch Sprachwitz, Poesie und Skurrilität. Schnitzler hätte sich über diesen Preisträger gefreut." Ruth Klüger, Jury-Mitglied Arthur-Schnitzler-Preis

""Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" ist eine Feier des Lebens in Worten."
Beat Mazenauer, Der Bund, 27.04.02
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Besprechung von 24.04.2002
Sulfamat-Rausch
Wunderkammer und Lusthaus:
Franzobels neuer Roman
Natürlich ist diese Prosa ein Bluff. Franzobel, der Tausendsassa der österreichischen Literatur, ist der unumschränkte Meister der hochartifiziellen Trivialliteratur. Ihrem Wesen nach ist sie simpel und banal, doch ihr Anspruch ist gewaltig. Ihre Stoffe sind haarsträubend zusammengestoppelt und auf äußerst gutwillige Leser angewiesen. Ihr Wortzauber aber kann sich sehen lassen. Franzobels Sprache schwingt sich auf zum Biblischen und verkriecht sich im nächsten Moment im Dreck und im Unrat, sie jubiliert und frohlockt, sie bramarbasiert und prahlt, sie randaliert und pöbelt den Leser an. Die Sprache ist das eigentliche Ereignis dieser Literatur.
Aber Franzobel schreibt auch Romane wie diesen. Er ist das Missing link zwischen der sprachexperimentellen Literatur und den handfesten Geschichtenerzählern. Er flunkert ganz selbstverständlich das Blaue vom Himmel und erklärt augenzwinkernd das Schräge für die eigentliche Wirklichkeit. Damit steht er in der großen österreichischen Tradition, die aus dem Unwillen zum Abbild kein Hehl macht, Gesichter in Fratzen, Ereignisse in Grotesken, Gefühle in Seelenverkrümmungen verkehrt. Seinen Sprachexerzitien haftet etwas katholisch Rituelles an. Er macht sie einem Plot dienstbar, der aus allen Fugen zu platzen droht. Denn Disziplin ist Franzobels Sache nicht. Er schreibt sich in einen Taumel, er gibt seiner Leidenschaft für Assoziationen nach und lässt die Sprache wuchern, sodass die Erzählung zahlreiche Äste und Zweige austreibt. Das einmal in Schwung gebrachte Sprachmaschinchen lässt sich nicht mehr abbremsen, es läuft und läuft – mitunter auch ins Leere.
Franzobel ist ein eklektizistischer Geist. Sein neuer Roman wirkt gerade so, als ob H. C. Artmann sich auf ein Duell mit Leo Perutz eingelassen hätte. Der Sprachmagier und der Phantast, der Tüftler über Wörtern und deren Bedeutungen erklärt dem Verteidiger der Unvernunft den Kampf. Der eine weiß nicht wohin mit all seinen Geschichten, die ihm zuhauf zufliegen, der andere kann das Staunen über die Sprache nicht lassen, die ihm Rhythmus und Struktur aufzwingt und eine eigene Erzählgeschwindigkeit fordert. Zwei Seelen, ach, leben in Franzobels Brust, und beiden möchte er ihr Recht zu fliegen nicht nehmen. Und über allem steht die große österreichische Literaturtradition. Franzobel ist skurril und pinkelt seinem geliebt-gehassten Österreich ans Bein, er liebt Gestalten, die aus dem Rahmen fallen und als Sonderlinge und Widerlinge gute Figur machen, und er schenkt dem Abstrusen seine gesammelte Aufmerksamkeit. Nein, Franzobel ist kein Autor, der es darauf anlegt, unserer Wirklichkeit, die uns umgibt, auf die Schliche zu kommen. Er setzt der banalen Alltagswelt kurzerhand seine eigene entgegen, und verschämt zieht sich die vertraute Wirklichkeit zurück, um Geistern und Dämonen Platz zu machen.
Rosalia Lombarda, die gleich zwei Mal gestorben ist, erzählt. Der tote Körper des kleinen Mädchens wurde 1920 von einem Doktor Solafia einbalsamiert und in einem Glassarg in den Kapuzinerkatakomben von Palermo zur Besichtigung freigegeben. Die unerlöste Seele lässt sich im Körper einer Frau Klappbauch in Wien nieder, und als diese am Ende des Romans umkommt, darf sich die doppelt Verstorbene endlich auf die Reise in die Ewigkeit begeben. Die Seelen der Verstorbenen wandern auf den Saturnmond Titan aus. Seltsam altmodisch wirkt diese Konstruktion, ein bisschen Gothic novel, ein Hauch von Science Fiction und ein Schuss Slapstick. Die Künstlichkeit ist Programm. Eine aufdringliche Originalitätssucht schiebt sich in den Vordergrund, dazu der Zwang, witzig zu sein. Jeder Satz will ein Treffer sein.
Semmelblonde Wellenmassen
In Wien sind sie zu Hause, die fragwürdigen Typen, alle ausgestattet mit einem Tick, der sie charakterisiert, sie erst zu einem Individuum macht. So entsteht eine Literatur der Effekte. Dauernd raschelt und zischt es, lauert irgendwo ein unvorhergesehenes Ereignis. Das liegt nicht nur am Bauprinzip des Romans, sondern mehr an Franzobels Lust, sich an Details zu berauschen. Die Sprachphantasie entzündet sich bevorzugt an Schrecklichkeiten, die auszukosten stets einen Gewinn an drastischen Szenen mit sich bringt. Da kommt Franzobel richtig ins Schwelgen. Der Roman ist voll von Special effects, die es darauf anlegen, jedem Action-Reißer den Rang abzulaufen: „Und irgendwo lag ein breiiger Haufen obszön und breit auf dem Asphalt. Fischbauchgraue Schattierungen tanzten auf der semmelblonden Masse wie Wellen auf dem Meer. Tauben pickten sich die besten Brocken, halbverdaute Muscheln, Shrimps, Garnelen, Tintenfischstücke. Nach dem Sud von Meerestieren roch es, einem Magensäure-Wein-Gemisch, nach frischer Kotze, Sulfamat.”
Franzobel stapelt Einfall auf Einfall, nie würde es ihm einfallen, auf einen zu verzichten, alles, was ihm ihn durch den Kopf schießt, muss in den Text aufgenommen werden. Das macht diese auf Überrumpelung erpichte Literatur streckenweise so albern. Sie stellt eine Kunst- und Wunderkammer nach, mit lauter Exponaten, die gar schrecklich anzuschauen sind. Aber es bleibt bei der Besichtigung des Fremden, Erstaunlichen, die Oberfläche wird für das Ganze genommen. Natürlich ist diese Prosa ein Bluff. Unter dem dünnen Boden der Sprache ist alles hohl.
ANTON THUSWALDNER
FRANZOBEL: Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2002. 171 Seiten, 17,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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