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Niemand hat das deutschsprachige Theater der vergangenen sechzig Jahre so intensiv begleitet wie Karlheinz Braun. Von der Frankfurter "neuen bühne" mit ihren Uraufführungen von Günter Grass bis Nelly Sachs ging er 1959 in den Suhrkamp Verlag, wo er den Theaterverlag aufbaute: von Max Frisch, Peter Weiss und Martin Walser bis zu Martin Sperr und Peter Handke. Braun gehörte zu dem legendären Lektorat, das 1968 den Suhrkamp Verlag nach dem "Aufstand der Lektoren" verließ und den Verlag der Autoren gründete, der in den nächsten Jahrzehnten zur wichtigsten Adresse deutscher Theater- & Filmautoren…mehr

Produktbeschreibung
Niemand hat das deutschsprachige Theater der vergangenen sechzig Jahre so intensiv begleitet wie Karlheinz Braun. Von der Frankfurter "neuen bühne" mit ihren Uraufführungen von Günter Grass bis Nelly Sachs ging er 1959 in den Suhrkamp Verlag, wo er den Theaterverlag aufbaute: von Max Frisch, Peter Weiss und Martin Walser bis zu Martin Sperr und Peter Handke. Braun gehörte zu dem legendären Lektorat, das 1968 den Suhrkamp Verlag nach dem "Aufstand der Lektoren" verließ und den Verlag der Autoren gründete, der in den nächsten Jahrzehnten zur wichtigsten Adresse deutscher Theater- & Filmautoren werden sollte. "Herzstücke" erzählt diese Geschichte und damit die von über hundert Autoren wie Botho Strauß, Dea Loher, Heiner Müller, Rainer Werner Fassbinder, Thea Dorn, Wim Wenders & F. K. Waechter. Der Blick zurück eines leidenschaftlichen Theatermenschen auf ein Leben mit Autoren, ihre Erfolge und Niederlagen, und damit auch eine große Kulturgeschichte des deutschen Theaters und Films aus erster Hand.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • Seitenzahl: 675
  • Erscheinungstermin: 5. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 169mm x 47mm
  • Gewicht: 1151g
  • ISBN-13: 9783895612541
  • ISBN-10: 3895612545
  • Artikelnr.: 54579125
Autorenporträt
Braun, Karlheinz
Karlheinz Braun, geboren 1932 in Frankfurt am Main, studierte Philologie und Philosophie an der Goethe-Universität mit einer Promotion über Romantheorie. Vom Studententheater 1959 zum Leiter des Suhrkamp Theaterverlags, 1969 Mitgründer und über drei Jahrzehnte einer der beiden 'Delegierten' des Verlags der Autoren mit einem Intermezzo im Direktorium des Schauspiel Frankfurt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.06.2019

Herzschläge für das Theater

Karlheinz Brauns Erinnerungsbuch macht die deutsche Bühnen- und Kulturgeschichte von 1945 bis heute lebendig.

Im November des Jahres 1965 erhält Karlheinz Braun, damals Leiter der Theaterabteilung des Suhrkamp Verlags, das erste Theaterstück eines jungen Autors, über den er nicht viel weiß: Prosaautor, talentiert, Österreicher, eigenwillig. "Aber war das auch ein Autor für das Theater?"

Das Stück heißt "Die Jause" und gefällt Braun nicht besonders. Eine Komödie mit ungewöhnlichem Personal, als Versuch nicht uninteressant, aber noch nicht richtig durchgearbeitet, dabei verstörend und von "grotesker Niedertracht". Was tut ein Lektor in solch einem Fall, was würde er heute tun? Braun schreibt keinen höflichen Absagebrief, sondern ein ausführliches Gutachten. Er geht auf Thema, Personal, Aufbau, Sprache, Realismusbegriff und Symbolgebrauch des Stücks ein, lobt hier, tadelt dort, macht konkrete Vorschläge für eine Überarbeitung und stellt die Publikation einer neuen Fassung in der edition suhrkamp in Aussicht. Der junge Autor antwortet freundlich und kündigt großzügig an, er werde sich das Stück erneut vornehmen, irgendwann einmal, "wenn ich mit der Prosa genug habe, das Eine machen, wenn ich das Andere endgültig verabscheue. Ihre Gedanken zu meiner ,Jause' beschäftigen meinen Kopf auf anregende Weise."

Zwei Jahre später, im März 1967, hakt Braun nach: Was denn eigentlich mit der "Jause" sei? "In vierzehn Tagen", so die Antwort. Aus zwei Wochen werden sechs Monate. Am 28. Februar 1969, seinem letzten Arbeitstag im Suhrkamp Verlag, unterzeichnet Karlheinz Braun schließlich den Vertrag über die Uraufführung des Stücks am Deutschen Schauspielhaus, die dann am 29. Juni 1970 stattfindet. Da hatte Braun Suhrkamp bereits verlassen und den Verlag der Autoren mitbegründet, der das bei Suhrkamp vergeblich eingeforderte Mitbestimmungsmodell verwirklichen sollte. Rasch stoßen wichtige Dramatiker zum neuen Verlag, Tankred Dorst, Peter Handke, Urs Widmer und viele andere. Der junge Österreicher ist nicht darunter.

Die Forderungen der Achtundsechziger, ihr politisches Pathos, die Atmosphäre des Aufbruchs - all das interessiert ihn wenig. Die Möglichkeit, Suhrkamp ebenfalls zu verlassen, zieht er nicht einmal in Erwägung: "Durch Deutschland geht der Todernst, aber er ist lächerlich. Ich habe nicht die geringste Veranlassung, den Verlag, in welchem ich mich bis jetzt gegen die natürlichsten Widerstände habe immer durchsetzen können und auch in Zukunft durchsetzen werde, zu verlassen."

Der Adressat dieser Zeilen und ihres drohenden Untertons ist Siegfried Unseld, ihr Verfasser Thomas Bernhard. Die überarbeitete "Jause" geht unter dem neuen Titel "Ein Fest für Boris" in die Theatergeschichte ein. Von keinem anderen der vielen Dramen Bernhards, die noch folgen sollten, ist eine ähnlich umfassende Umarbeitung überliefert. Bernhard, so Brauns Resümee, hatte so lange an seinem ersten Drama gearbeitet, bis er sein dramatisches Verfahren, die Konstellationen seiner Figuren und vor allem ihre Sprache ein für allemal gefunden hatte. Anders gesagt: "Ein Fest für Boris" bildete das dramatische Muster, das Bernhard künftig nur noch abwandeln sollte, in "immer virtuoseren Variationen des Immergleichen".

Karlheinz Braun erzählt diese aufschlussreiche Episode auf drei Seiten seines Erinnerungsbuches "Herzstücke". Drei Seiten nur von siebenhundert, auf denen ein großer, oft faszinierender Teil der deutschen Theater-, Verlags- und Kulturgeschichte nach 1945 lebendig wird, in einer knappen, hochverdichteten und dabei stets angenehm zu lesenden Darstellung fern jeder Geschwätzigkeit. Braun versteht sich auf eine skizzenhafte, ökonomische und gleichwohl detailgesättigte Erzählweise, die es dem Leser erlaubt, dieses in lockerer Chronologie aufgebaute Buch an jeder beliebigen Stelle aufzuschlagen. Die Aussichten, sich festzulesen, dürften fast immer sehr gut sein.

Aber man sollte den Anfang nicht überschlagen: acht Seiten für die ersten beiden Lebensjahrzehnte. Herkunft, Elternhaus, Geburt in Frankfurt 1932, Schulzeit, erste Kino- und Theaterbesuche, Luftangriffe, Erinnerungen an prägende Lehrer, Abscheu vor der Hitlerjugend, dann, nach dem Ende des Krieges, die erste eigene Theaterarbeit, einstudiert mit einer Laienspielschar, aufgeführt in einer Kirche in einer hessischen Kleinstadt. Titel und Autor sind vergessen, aber dass es ein Heimkehrer-Drama war, blieb im Gedächtnis.

Das mag Zufall gewesen sein, aber bis heute fragt Karlheinz Braun danach, was das Theater zur Situation seiner Zeit zu sagen hat, er fragt nach Aktualität und Gegenwartsbezug, und bis heute fragt er stets auch nach der Wirkung des Theaters auf den Zuschauer, die er mit vierzehn, fünfzehn zum ersten Mal wahrnahm: "Langsam, Schritt für Schritt, die schweren Stiefel knallten auf dem Steinboden, so schritt der Heimkehrer durch den Mittelgang der Kirche bis vorne zum Altar - und die Gemeinde atmete schwer, schluchzte und heulte, und das alles, ohne dass bisher ein einziges Wort gefallen war . . . Ich staunte, dass und wie man mit Theater die Menschen zum Fühlen und vielleicht auch zum Denken verführen kann."

Bevor er als Erster in der Familie ein Studium aufnimmt, geht Braun für ein Jahr nach Paris, liest Racine, hospitiert bei Jean-Louis Barrault und stößt nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Frankfurt zur "neuen bühne", dem Studententheater der Universität. Er führt Regie, versucht sich als Schauspieler (nur kurz) und auch als Tänzer (noch kürzer), lernt Walter Höllerer kennen, den großen Impulsgeber der jungen deutschen Literatur, der ihm das Stück eines jungen Danziger anbietet. Also inszeniert Braun am Frankfurter Studententheater die Uraufführung von "Hochwasser", dem ersten Theaterstück des jungen Günter Grass. Zur Premiere am 20. Januar 1957 reist der Autor an und mit ihm die gesamte überregionale Presse.

So geht es weiter. "Herzstücke" ist eine Autobiographie in Form einer Theatergeschichte. Ihren Untertitel - "Leben mit Autoren" - trägt sie mit größtmöglichem Recht. Unmöglich, alle Autorennamen aufzuzählen, nicht einmal die wichtigen. Braun streut Porträts ein, von Frisch, Martin Sperr, Handke, Botho Strauß, Rainer Werner Fassbinder, Heiner Müller und anderen. Er erzählt von Walter Boehlich, Klaus Reichert und den anderen Mitstreitern des legendären "Lektorenaufstands" bei Suhrkamp, der zur Gründung des Verlags der Autoren führte. Das fünfzigjährige Bestehen wurde soeben gefeiert - im Schauspiel Frankfurt. Braun beschwört zahllose Premieren herauf, Konflikte und Konstellationen, erinnert an die allzu kurze Ära der Frankfurter "experimenta", die er zusammen mit Peter Iden zu einem wichtigen Forum des zeitgenössischen Theaters machte, und skizziert die Umbrüche und Veränderungen in der Theaterwelt wie in der Verlagsbranche, wo Drehbücher sowie Film- und Fernsehrechte ökonomisch immer wichtiger wurden.

Dazwischen, locker eingestreut: immer wieder Reflexionen, Nachrichten aus dem Verlag, einige "selbstverständliche Sätze zum Theater" aus dem Jahr 1978 und eine "Brandrede" wider die Vertreibung der Autoren von den postdramatischen Bühnen. Zu sagen, Karlheinz Braun habe sich sein Leben lang eingemischt, wäre eine Untertreibung. Er war stets mittendrin. Er könnte nirgendwo anders sein. Er ist selbst ein Stück vom Herzen des Theaters.

HUBERT SPIEGEL

Karlheinz Braun:

"Herzstücke".

Leben mit Autoren.

Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019. 680 S., geb., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.07.2019

Im Reich der Dame Kobold
Minidramen in Serie: Zwei Bücher zum fünfzigjährigen Bestehen des kollektiv geführten Verlags der Autoren
Die intellektuelle Szene, ja die gesamte damalige „Gelehrtenrepublik“ hielt den Atem an. Ende der Sechzigerjahre, auf dem Höhepunkt der antiautoritären Revolte, kam es im Suhrkamp-Verlag zu einem Aufstand der Lektoren. Sie forderten Gleichberechtigung und Vergesellschaftung. Gerade in diesem Verlag schien das naheliegend zu sein. Er hatte sich im Vorfeld der 68er-Bewegung zum Wortführer entwickelt, vor allem durch seine analytische und essayistische Reihe Edition Suhrkamp. Aber auch als Literaturverlag war Suhrkamp maßgeblich geworden. Verlagschef Siegfried Unseld, der wie Uli Hoeneß, der spätere Boss von Bayern München, aus Ulm stammte und eine ähnliche Unternehmerchuzpe an den Tag legte, konnte den Angriff der Lektoren zwar mühsam abwehren, doch einige der namhaftesten unter ihnen, darunter Walter Boehlich, gründeten daraufhin 1969 einen eigenen Theaterverlag, den Verlag der Autoren, der tatsächlich den Autoren und Mitarbeitern gehören sollte.
Dieser Verlag, der auch nach fünfzig Jahren immer noch nach denselben Gesetzen arbeitet, schenkt sich jetzt eine großformatige Jubiläumsschrift, die auf die Geschichte zurückblickt und sie in charakteristischer Weise aufarbeitet: man ging ins Archiv. Marion Victor, die langjährige Geschäftsführerin des Verlags, und Wolfgang Schopf, der Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Universität, sind so tief in die Keller hinabgestiegen, wie es eben ging. Dabei haben sie in den Materialien, die sich unversehens im Lauf der Jahre angesammelt haben, vieles entdeckt, was mittlerweile eine literaturgeschichtliche Aura entfaltet. Karlheinz Braun, einer der beiden ersten Geschäftsführer, hatte im Suhrkamp-Verlag den Theaterverlag geleitet.
Da die Gründung eher Hals über Kopf erfolgte, gab es im Frühsommer 1969 im neuen Verlag noch keinen einzigen Text. Braun hatte französische Komödien aus dem 19. Jahrhundert als Vermarktungschance erkannt und erteilte dem durch seine Verschmitztheit aufgefallenen Verlagsmitbegründer Urs Widmer deshalb gleich den Auftrag, ein entsprechendes Stück von Eugène Labiche („Das Glück zu dritt“) zu übersetzen. Die Tantiemen der ersten Inszenierung liefen im Oktober ein, mittlerweile hatte der Verlag bereits dreißig Stücke im Programm.
Die Herausgeber der „Fundus“-Recherche lassen die Dokumente sprechen, die sie zusammengetragen haben: Fotos, Faksimiles, Zitate. Dadurch ergibt sich ein direkter atmosphärischer Einblick in die Jahre zwischen 1969 und 2019, ein Gefühl für die Veränderungen der Kulturgeschichte. Unter den ersten Verlagsgesellschaftern, die auf einem transparenten, mit einer Schreibmaschine notdürftig beschriebenen Blatt festgehalten sind, fallen Namen auf wie Heinrich Böll, Rainer Werner Fassbinder, Peter Handke oder Heiner Müller.
Als ersten Abdruck in der tonangebenden Zeitschrift Theater heute konnte der Verlag im Oktober 1969 „Das Kaffeehaus“ unterbringen, die Bearbeitung eines Goldoni-Stücks durch Fassbinder. Beeindruckend ist die sofort einsetzende internationale Zusammenarbeit, auch mit der DDR und dem dortigen Henschelverlag (Fritz Rudolf Fries übersetzte „Dame Kobold“ von Calderón).
Es finden sich längst vergessene handschriftliche Zeilen des jungen Peter Handke, den Karlheinz Braun zu einem neuen „Experiment“ überreden wollte. Der unberechenbare Kärntner wollte jedoch unbedingt seinen „Ritt über den Bodensee“ zu Ende schreiben, und natürlich wurde das zu einem der ersten großen Erfolge des Verlags der Autoren. Die ersten Jahre waren überhaupt die prickelndsten: Für die Theatersaison Herbst/Winter 1970 wurden bereits 40 Ur- und Erstaufführungen mit deutschen Theatern abgeschlossen. 1971 kam der Filmverlag der Autoren dazu, der mit Wim Wenders und wieder Peter Handke durchaus gleich Furore machte. Auch die Zusammenarbeit mit dem Verlag Klaus Wagenbach, der in seinen damals kultartig aufgenommenen „Quartheften“ Theaterstücke in Koproduktion mit dem Verlag der Autoren veröffentlichte, war ganz auf der Höhe der Zeit. Es gibt viel Farbe in diesem Verlagsrückblick, viele Zitate und natürlich auch viel Theaterdonner. Indirekt teilt sich allerdings auch der Bedeutungsverlust des Theaters mit, der im Verlauf der Jahrzehnte im Kulturleben der Bundesrepublik zu verzeichnen ist.
Daran laboriert in seiner Weise auch Karlheinz Braun, der parallel zum „Fundus“-Band des Verlags der Autoren unter dem Titel „Herzstücke“ einen eigenen, dickleibigen Band mit Erinnerungen im Schöffling-Verlag veröffentlicht hat. Es ist kein durchgeschriebenes Buch, sondern eine Sammlung von Porträts, Gedankensplittern und Theaterbildern, die immer wieder neu ansetzen und sich zum Teil auch überschneiden.
Brauns Stil ist zum Teil etwas buchhalterhaft. Wenn er etwa notiert, dass er Anfang der Fünfzigerjahre als Sohn eines Gebrauchtwagenhändlers eine Zeit als Austauschschüler in Versailles in der Familie des Präsidenten der Banque de France verbrachte, angereichert durch einen Sommer im Familienschloss an der Loire, dann würde man darüber gern mehr erfahren: über die unterschiedlichen sozialen Sphären, über die eigene Wahrnehmung, über deutsch-französische Verständigungen. Autobiografisches interessiert Braun aber programmatisch nicht.
Als zeitgeschichtliche Quelle sind diese „Herzstücke“ aber eine Fundgrube. Das Frankfurter Theater der Fünfzigerjahre, mit dem wagemutigen Brecht-Regisseur Harry Buckwitz und der Gründung des Studententheaters, der „neuen bühne“, die im Januar 1957 gleich die Uraufführung des Stücks „Hochwasser“ des noch nicht vollständig bekannten Günter Grass zuwege brachte, mit dem Suhrkamp-Verlag der Sechzigerjahre und der zeitpolitisch hoch aufgeladenen Erfahrung mit dem Verlag der Autoren. Braun wuchs wie organisch in das damals interessanteste Theatermilieu hinein, er kann aus erster Hand die bestimmende Szene mit Max Frisch, Peter Weiss oder Botho Strauß analysieren. Er war immer ganz nah dran. Das führt oft, zum Beispiel in den Abschnitten über den jungen Peter Handke, zu erhellenden Skizzen über die Genese eines Popautors, die „Publikumsbeschimpfung“ als 68er-Ereignis (das auch das Cover ziert), die unerhörte Bedeutung des Theaters als gesellschaftspolitischer Brandherd.
Max Frisch reagierte 1959 auf Brauns Dissertation über ihn: „Mein Glückwunsch gilt uns beiden.“ Botho Strauß, einer der wichtigsten Gesellschafter des Verlags der Autoren überhaupt, wird mit bestechenden frühen Sätzen zitiert: Es habe sich „in unserem Land eine politische Avantgarde herangebildet“, die „Aufgaben und Praxis des revolutionären Sozialismus“ verfolge, und es gehe darum, das in eine entsprechende ästhetische Praxis zu überführen.
Mehrfach erwähnt Braun Strauß’ Augenmerk auf finanzielle Belange: „Als er einen angeblichen Fehler in der Abrechnung anmahnte, befürchtete er, dass die Buchhandlung absichtlich bittere Späße mit ihm mache. Er achte immer auf Geld, ließ er mich wissen.“ Das zentrale „Herzstück“, das Minidrama schlechthin, zielt aber auf Heiner Müller, und zwar in der nächtlichen Bochumer Kantine lange vor unserer Zeit. Dieses Buch ist jetzt schon Theatergeschichte.
HELMUT BÖTTIGER
Wolfgang Schopf / Marion Victor (Hg.): Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969 – 2019. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2019. 301 Seiten, 39 Euro.
Karlheinz Braun: Herzstücke. Leben mit Autoren. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2019. 675 Seiten, 32 Euro.
Als zeitgeschichtliche Quelle
sind die „Herzstücke“ von
Karlheinz Braun eine Fundgrube
Den „Aufgaben des revolutionären
Sozialismus“ wollte Botho Strauß
die ästhetische Praxis angleichen
Zwei abtrünnige Suhrkamp-Lektoren und Mitbegründer des „Verlags der Autoren“: Walter Boehlich (links) und Karlheinz Braun 1970.
Foto: Hanne Kulessa
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Im Reich der Dame Kobold

Minidramen in Serie: Zwei Bücher zum fünfzigjährigen Bestehen des kollektiv geführten Verlags der Autoren

Die intellektuelle Szene, ja die gesamte damalige „Gelehrtenrepublik“ hielt den Atem an. Ende der Sechzigerjahre, auf dem Höhepunkt der antiautoritären Revolte, kam es im Suhrkamp-Verlag zu einem Aufstand der Lektoren. Sie forderten Gleichberechtigung und Vergesellschaftung. Gerade in diesem Verlag schien das naheliegend zu sein. Er hatte sich im Vorfeld der 68er-Bewegung zum Wortführer entwickelt, vor allem durch seine analytische und essayistische Reihe Edition Suhrkamp. Aber auch als Literaturverlag war Suhrkamp maßgeblich geworden. Verlagschef Siegfried Unseld, der wie Uli Hoeneß, der spätere Boss von Bayern München, aus Ulm stammte und eine ähnliche Unternehmerchuzpe an den Tag legte, konnte den Angriff der Lektoren zwar mühsam abwehren, doch einige der namhaftesten unter ihnen, darunter Walter Boehlich, gründeten daraufhin 1969 einen eigenen Theaterverlag, den Verlag der Autoren, der tatsächlich den Autoren und Mitarbeitern gehören sollte.

Dieser Verlag, der auch nach fünfzig Jahren immer noch nach denselben Gesetzen arbeitet, schenkt sich jetzt eine großformatige Jubiläumsschrift, die auf die Geschichte zurückblickt und sie in charakteristischer Weise aufarbeitet: man ging ins Archiv. Marion Victor, die langjährige Geschäftsführerin des Verlags, und Wolfgang Schopf, der Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Universität, sind so tief in die Keller hinabgestiegen, wie es eben ging. Dabei haben sie in den Materialien, die sich unversehens im Lauf der Jahre angesammelt haben, vieles entdeckt, was mittlerweile eine literaturgeschichtliche Aura entfaltet. Karlheinz Braun, einer der beiden ersten Geschäftsführer, hatte im Suhrkamp-Verlag den Theaterverlag geleitet.

Da die Gründung eher Hals über Kopf erfolgte, gab es im Frühsommer 1969 im neuen Verlag noch keinen einzigen Text. Braun hatte französische Komödien aus dem 19. Jahrhundert als Vermarktungschance erkannt und erteilte dem durch seine Verschmitztheit aufgefallenen Verlagsmitbegründer Urs Widmer deshalb gleich den Auftrag, ein entsprechendes Stück von Eugène Labiche („Das Glück zu dritt“) zu übersetzen. Die Tantiemen der ersten Inszenierung liefen im Oktober ein, mittlerweile hatte der Verlag bereits dreißig Stücke im Programm.

Die Herausgeber der „Fundus“-Recherche lassen die Dokumente sprechen, die sie zusammengetragen haben: Fotos, Faksimiles, Zitate. Dadurch ergibt sich ein direkter atmosphärischer Einblick in die Jahre zwischen 1969 und 2019, ein Gefühl für die Veränderungen der Kulturgeschichte. Unter den ersten Verlagsgesellschaftern, die auf einem transparenten, mit einer Schreibmaschine notdürftig beschriebenen Blatt festgehalten sind, fallen Namen auf wie Heinrich Böll, Rainer Werner Fassbinder, Peter Handke oder Heiner Müller.

Als ersten Abdruck in der tonangebenden Zeitschrift Theater heute konnte der Verlag im Oktober 1969 „Das Kaffeehaus“ unterbringen, die Bearbeitung eines Goldoni-Stücks durch Fassbinder. Beeindruckend ist die sofort einsetzende internationale Zusammenarbeit, auch mit der DDR und dem dortigen Henschelverlag (Fritz Rudolf Fries übersetzte „Dame Kobold“ von Calderón).

Es finden sich längst vergessene handschriftliche Zeilen des jungen Peter Handke, den Karlheinz Braun zu einem neuen „Experiment“ überreden wollte. Der unberechenbare Kärntner wollte jedoch unbedingt seinen „Ritt über den Bodensee“ zu Ende schreiben, und natürlich wurde das zu einem der ersten großen Erfolge des Verlags der Autoren. Die ersten Jahre waren überhaupt die prickelndsten: Für die Theatersaison Herbst/Winter 1970 wurden bereits 40 Ur- und Erstaufführungen mit deutschen Theatern abgeschlossen. 1971 kam der Filmverlag der Autoren dazu, der mit Wim Wenders und wieder Peter Handke durchaus gleich Furore machte. Auch die Zusammenarbeit mit dem Verlag Klaus Wagenbach, der in seinen damals kultartig aufgenommenen „Quartheften“ Theaterstücke in Koproduktion mit dem Verlag der Autoren veröffentlichte, war ganz auf der Höhe der Zeit. Es gibt viel Farbe in diesem Verlagsrückblick, viele Zitate und natürlich auch viel Theaterdonner. Indirekt teilt sich allerdings auch der Bedeutungsverlust des Theaters mit, der im Verlauf der Jahrzehnte im Kulturleben der Bundesrepublik zu verzeichnen ist.

Daran laboriert in seiner Weise auch Karlheinz Braun, der parallel zum „Fundus“-Band des Verlags der Autoren unter dem Titel „Herzstücke“ einen eigenen, dickleibigen Band mit Erinnerungen im Schöffling-Verlag veröffentlicht hat. Es ist kein durchgeschriebenes Buch, sondern eine Sammlung von Porträts, Gedankensplittern und Theaterbildern, die immer wieder neu ansetzen und sich zum Teil auch überschneiden.

Brauns Stil ist zum Teil etwas buchhalterhaft. Wenn er etwa notiert, dass er Anfang der Fünfzigerjahre als Sohn eines Gebrauchtwagenhändlers eine Zeit als Austauschschüler in Versailles in der Familie des Präsidenten der Banque de France verbrachte, angereichert durch einen Sommer im Familienschloss an der Loire, dann würde man darüber gern mehr erfahren: über die unterschiedlichen sozialen Sphären, über die eigene Wahrnehmung, über deutsch-französische Verständigungen. Autobiografisches interessiert Braun aber programmatisch nicht.

Als zeitgeschichtliche Quelle sind diese „Herzstücke“ aber eine Fundgrube. Das Frankfurter Theater der Fünfzigerjahre, mit dem wagemutigen Brecht-Regisseur Harry Buckwitz und der Gründung des Studententheaters, der „neuen bühne“, die im Januar 1957 gleich die Uraufführung des Stücks „Hochwasser“ des noch nicht vollständig bekannten Günter Grass zuwege brachte, mit dem Suhrkamp-Verlag der Sechzigerjahre und der zeitpolitisch hoch aufgeladenen Erfahrung mit dem Verlag der Autoren. Braun wuchs wie organisch in das damals interessanteste Theatermilieu hinein, er kann aus erster Hand die bestimmende Szene mit Max Frisch, Peter Weiss oder Botho Strauß analysieren. Er war immer ganz nah dran. Das führt oft, zum Beispiel in den Abschnitten über den jungen Peter Handke, zu erhellenden Skizzen über die Genese eines Popautors, die „Publikumsbeschimpfung“ als 68er-Ereignis (das auch das Cover ziert), die unerhörte Bedeutung des Theaters als gesellschaftspolitischer Brandherd.

Max Frisch reagierte 1959 auf Brauns Dissertation über ihn: „Mein Glückwunsch gilt uns beiden.“ Botho Strauß, einer der wichtigsten Gesellschafter des Verlags der Autoren überhaupt, wird mit bestechenden frühen Sätzen zitiert: Es habe sich „in unserem Land eine politische Avantgarde herangebildet“, die „Aufgaben und Praxis des revolutionären Sozialismus“ verfolge, und es gehe darum, das in eine entsprechende ästhetische Praxis zu überführen.

Mehrfach erwähnt Braun Strauß’ Augenmerk auf finanzielle Belange: „Als er einen angeblichen Fehler in der Abrechnung anmahnte, befürchtete er, dass die Buchhandlung absichtlich bittere Späße mit ihm mache. Er achte immer auf Geld, ließ er mich wissen.“ Das zentrale „Herzstück“, das Minidrama schlechthin, zielt aber auf Heiner Müller, und zwar in der nächtlichen Bochumer Kantine lange vor unserer Zeit. Dieses Buch ist jetzt schon Theatergeschichte.

HELMUT BÖTTIGER

Wolfgang Schopf / Marion Victor (Hg.): Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969 – 2019. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2019. 301 Seiten, 39 Euro.

Karlheinz Braun: Herzstücke. Leben mit Autoren. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2019. 675 Seiten, 32 Euro.

Als zeitgeschichtliche Quelle
sind die „Herzstücke“ von
Karlheinz Braun eine Fundgrube

Den „Aufgaben des revolutionären
Sozialismus“ wollte Botho Strauß
die ästhetische Praxis angleichen

Zwei abtrünnige Suhrkamp-Lektoren und Mitbegründer des „Verlags der Autoren“: Walter Boehlich (links) und Karlheinz Braun 1970.

Foto: Hanne Kulessa

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