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Künstler will er werden, nichts anderes. Deshalb reißt der Erzähler an seinem 14. Geburtstag aus der verhassten Klosterschule aus, trampt nach Wien und wird an der Akademie der bildenden Künste vorstellig. Direkt, packend, hintergründig-komisch, so erzählt Hans-Georg Behr in seiner Autobiographie ein Stück verrückt-phantastischer Zeitgeschichte. Sie beginnt, wo Behrs hochgelobte "Fast eine Kindheit" (2002) endete, nämlich Anfang der fünfziger Jahre, als der einstmalige "Stottertrottel" vom Rektor der Akademie höchstselbst eine Kammer als Bleibe zugewiesen bekommt. Und sie endet, als das…mehr

Produktbeschreibung
Künstler will er werden, nichts anderes. Deshalb reißt der Erzähler an seinem 14. Geburtstag aus der verhassten Klosterschule aus, trampt nach Wien und wird an der Akademie der bildenden Künste vorstellig. Direkt, packend, hintergründig-komisch, so erzählt Hans-Georg Behr in seiner Autobiographie ein Stück verrückt-phantastischer Zeitgeschichte. Sie beginnt, wo Behrs hochgelobte "Fast eine Kindheit" (2002) endete, nämlich Anfang der fünfziger Jahre, als der einstmalige "Stottertrottel" vom Rektor der Akademie höchstselbst eine Kammer als Bleibe zugewiesen bekommt. Und sie endet, als das Landgut des wunderbar kakanischen Großvaters abbrennt: Dazwischen erfahren wir von einer unsentimentalen Reise zu Hermann Hesse ins Tessin und einem Volontariat bei Bert Brecht am Berliner Ensemble, von den Umtrieben im legendären Café Hawelka in Wien, einem einjährigen Orient-Trip und dem Beginn einer neuen Ära in London, die im Zeichen von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll steht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Seitenzahl: 204
  • Erscheinungstermin: 3. Februar 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm
  • Gewicht: 325g
  • ISBN-13: 9783552053922
  • ISBN-10: 3552053921
  • Artikelnr.: 25616912
Autorenporträt
Hans-Georg Behr studierte nach dem Besuch des Stiftsgymnasiums Melk Medizin, Psychologie und Geschichte. Zunächst arbeitete er an verschiedenen therapeutischen Projekten mit. Als Journalist schrieb er besonders für Zeitschriften wie Der Spiegel, Die Zeit, Stern, GEO, TransAtlantik oder Kursbuch. Seit 1955 führten ihn viele Reisen in den nahen und fernen Osten; längere Zeit lebte er in Kathmandu. Neben Reportagen über die von ihm besuchten Länder arbeitete er viel über Drogenhandel und Organisierte Kriminalität. Als bekennender Konsument trat Behr für die Entkriminalisierung von bzw. einen gelasseneren Umgang mit Cannabis ein. Er lebte zuletzt in Hamburg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.06.2009

Sympathische Zigaretten

Aus dem Hilton in die WG: Hans-Georg Behr hat seine Autobiograpie fortgeschrieben. "Fast ein Nomade" erzählt von den Eskapaden des Heranwachsenden.

Fast eine Kindheit" - mit der Autobiographie seiner Kindheit im Bannkreis von Nazi-Prominenz und Krieg war Hans-Georg Behr ein ansehnliches Stück pikaresker Literatur gelungen. Die Fortsetzung erscheint spät, nach sieben Jahren, wandelt - "Fast ein Nomade" - den früheren Titeleinfall ab, sucht noch einmal Ton, Perspektive und sprachliche Mittel des Vorgängers und kann doch dessen jungenhaften Charme nirgends erreichen. Vielleicht liegt das nicht nur am fortschreitenden Alter des Pikaro-Nomaden, dem man seine Dauernaivität nicht mehr abnehmen will, sondern auch an der bekifften Leitmotivik - der Duft "sympathischer Zigaretten", den "man" seit dem sechzehnten Geburtstag genießt, wabert mit Penetranz durch das Buch und zeigt überdeutlich, dass der autobiographische Nicht-Held auch eine drogenpolitische Nebenabsicht verfolgt.

Zum Hanf verholfen hat ihm "Magnifizenz", und das ist Albert Paris Gütersloh, für ein paar Jahre Rektor der Wiener Akademie der Bildenden Künste und die Hand, die das Schicksal des Heranwachsenden lenkt, ohne dass der recht weiß, was ihm geschieht. Denn Magnifizenz, die den Flüchtling aus der Klosterschule umstandslos in der Akademie unterbringt, ihm alle Wege ebnet, viele Türen öffnet, für Wohnungen und Kontakte, steht im geheimen Bündnis mit dem Großvater, der als finanzielle Ressource im Hintergrund wirkt. So ergibt sich eine seltsame Konstellation: Der unbedingte Nonkonformist, der an seinem vierzehnten Geburtstag mit Schule und bürgerlichem Leben bricht, vollführt seine Eskapaden "auf freier Wildbahn" tatsächlich an der "langen Leine" des Großvaters und unter Aufsicht des großmächtigen Komplizen. Was kann schon passieren? Nomadentum mit Sicherheitsgarantie. Gelegentlich geht dem autobiographischen Subjekt die ironische Situation durchaus auf. "Er hatte sich feierlich vorgenommen, immer frei und unabhängig zu sein, schlank und reichlich bedürfnislos zu bleiben, natürlich auch schnell, beweglich und vorsichtig, ein nicht zu gefährliches Raubtier in freier Steppe, und war also samt dem üblichen granum salis ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher, was er ganz anders sah."

Man kennt den Großvater aus dem ersten Buch: alter österreichisch-ungarischer Adel, Esterhazy-Familie, großer Herr noch aus der Kaiserzeit. Wohl dem, der einen solchen Großvater hat - er tröstet über die Nazi-Eltern hinweg, über die schreckliche Wiener Gesellschaft, die mäßige Matura, die auf Dauer doch langweilige Boheme. Seine Geschenke jedenfalls könnten großzügiger nicht sein.

Fast eine Kavaliersreise - so möchte man den großen, einjährigen Trip nach Asien nennen, den der Großvater für seinen Enkel finanziert und inszeniert. So gern der rigorose Bedürfnislosigkeit (nur ein Rucksack und eine Zahnbürste!) für sich reklamiert, darf er sich doch wie ein geheimer Prinz aufführen. Denn er geht in den Spuren des Großvaters, der vor dem Ersten Weltkrieg drüben war, dann die illustren Gäste von dort empfing und den "Adelsfrischlingen" den Zugang zum kaiserlichen Hof vermittelte, um sie schließlich "auf einen Bärenschuss" in seine Wälder zu führen. Das Sesam-öffne-dich sind Couverts mit beschrifteten Visitenkarten, und sie verrichten von Afghanistan bis Nepal überall Wunderdinge. Hotelboys werden bei ihrem Anblick blass, und umgehend melden sich die ersten Adressen des Ortes. Die Folge sind schwarze Limousinen, Paläste, Landsitze, Gästehäuser und eine nicht endende Serie von Einladungen und Gastmählern. Provinzfürsten, hohe Militärs, Prominente reißen sich um ihn, um im Enkel den Großvater zu ehren. Auch die Qualität der "sympathischen Zigaretten" nimmt zu. Der junge Prinz lässt alles mit sich geschehen - er kommt bis Katmandu, aber außer Spesen war nicht viel. Eingelullt vom Luxus seiner Gastgeber, belässt er es bei dessen Genuss und vielen "Sympathischen". Glücklicher kann der inzwischen zwanzigjährige Möchtegern-Nomade nicht werden: "Man fühlte sich wohl wie noch nie."

Auch zu Hause in Wien schätzt er den Reigen der Prominenten. Wo früher die großen Nazi-Onkels auftauchten, sind jetzt zeitgemäßere Größen oder Boheme-Onkels an der Reihe. Der Junge radelt zu Hermann Hesse ins Tessin und findet einen zerknitterten Morphinisten vor, der von Schweizer Schokolade spricht. Besser schneidet der Staatsdichter im kommunistischen Berlin ab: "Der Dichter war ein großer, ein richtiger Herr, und man fühlte sich so geehrt, dass man vom übrigen Berlin gar nichts mitbekam." Der Prominentenfimmel bleibt. Wand an Wand lebt der Abiturient mit einem schon berühmten, heftig übenden Beethoven-Spezialisten und Jazz-Pianisten, natürlich Friedrich Gulda; als er nach Asien zieht, übernimmt ein Maler die Wohnung, "der dadurch berühmt werden sollte, dass er aus Sto Hundert gemacht hatte"; plötzlich taucht Cocteau bei ihm zu Hause auf, ein äußerst unangenehmer Besuch, ein andermal das Ehepaar Huxley; beim Begräbnis des Großvaters spricht man selbstverständlich mit dem künftigen Wiener Kardinal.

Magnifizenz lässt ihre Verbindungen spielen. So wird man Regieassistent bei Kortner und gerät nach London, wo Martin Esslin bei der BBC die Rolle des Protektors und Mentors übernimmt. Irgendwie ist der junge Mann auch in Swinging London überall dabei. Versteht sich, dass ein gewisser John aus einer berühmten Band kiloweise Afghan bei ihm lagert. Kaum im Berlin von 1968 angekommen, um über Kinderläden zu berichten, stößt er in einer Sperrmüllwohnung auf "ein dürres Stück Elend", das Jan-Carl heißt (man weiß schon) und den Hilton-Bewohner in seine WG einführt.

Wer autobiographisch tätig wird, verlangt vom Publikum, dass es sich für ihn zu interessieren habe, und muss dafür Gründe liefern. Diese Rolle übernimmt bei Behr das althergebrachte Motiv "Künstler" (also Genie, also Nomade). Wiederholt wird versichert, dass "man" nun Künstler werden wolle, und zwar Dichter. Als Legitimation gilt ein Band mit "Geschichten", die ein Verlag dem Schüler noch vor der Matura geradezu entreißt. Was es damit und dem Jung-Künstlertum im Einzelnen auf sich hat, ist aber nicht zu erfahren. Reflexionen, Lektüren, Experimente kommen nicht vor. Da zeigt nun die rigoros durchgehaltene Wahl des Erzählpronomens "man" ihre ganze Sperrigkeit - so amüsant-verfremdend das beharrliche "man" sein kann, so sehr behindert es auch Innensicht, Selbsttätigkeit und Intellektualität. Und so meldet sich denn der Wunsch: Wo so viel "man" war, sollte endlich "ich" werden.

HANS-JÜRGEN SCHINGS

Hans-Georg Behr: "Fast ein Nomade". Paul Zsolnay Verlag, Wien 2009. 205 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das "ansehnliche Stück pikaresker Literatur", als das Hans-Jürgen Schings den autobiografischen Vorgänger dieses Romans ("Fast eine Kindheit") preist, hat er nun leider nicht in Händen. Zwar bleibt Schings nicht verborgen, wie sich Hans-Georg Behr bemüht, den alten Ton, die Mittel und die Perspektive wiederzubeleben. Den juvenilen Charme von damals, da macht Schings sich und uns nichts vor, erreicht das Buch nicht. Die notorische Bekifftheit von Text und Hauptfigur wirkt nunmehr penetrant auf ihn. Und die Onkelei (früher Nazis, jetzt Boheme), erscheint als "Prominentenfimmel". Ob der Held bei Hesse im Tessin vorbeischaut, bei einem "gewissen John" im Swinging London oder in Berlin bei "Jan-Carl (man weiß schon)" - das Jungkünstlertum, um das es hier zu gehen scheint, erschließt sich dem Rezensenten nicht so sehr. Das liegt am rigorosen Gebrauch des sperrigen Pronomens "man" und mangelnder Innensicht, sagt Schings.

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"Behr ist endlich zurück und spinnt seine sprachwitzige Kindheitsautobiografie weiter." Philipp Haibach, Welt Kompakt, 11.02.09 "Viel Sprachlust und Witz." Neue Presse Hannover, 11.04.09 "Nach längeren Recherchen wagen wir zu behaupten: Bei dieser ungemeine eindrucksvollen Geschichte handelt es sich fast ausschließlich um Dichtung. [...] ein stilistisches Bravourstück." Ulrich Weinzierl, Die Welt, 11.04.09 "Ein liebevoll ätzendes Porträt der Wiener Nachkriegsgesellschaft, erzählt in Form eines unsentimentalen autobiografischen Schelmenromans." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 07.05.2009