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Ein Wunder der Erinnerung, ein Triumph autobiographischer LiteraturDie erste Erinnerung ist ein flackernder Schwarzweißfilm: Winter 1945, ein Fliegerangriff auf einen Zug, den das Kind überlebt. Zwanzig Jahre später ist aus dem Kind ein junger Medizinstudent geworden, der in der Anatomie der Grazer Universität Leichen seziert und heimlich ersten Schreibversuchen nachhängt. Dazwischen entfaltet sich ein Leben in unvergesslichen Geschichten und exemplarischen Szenen: meisterhaft und aus dem überwältigenden Reichtum der Erinnerung erzählt Gerhard Roth von den Bedrängnissen durch Elternhaus,…mehr

Produktbeschreibung
Ein Wunder der Erinnerung, ein Triumph autobiographischer LiteraturDie erste Erinnerung ist ein flackernder Schwarzweißfilm: Winter 1945, ein Fliegerangriff auf einen Zug, den das Kind überlebt. Zwanzig Jahre später ist aus dem Kind ein junger Medizinstudent geworden, der in der Anatomie der Grazer Universität Leichen seziert und heimlich ersten Schreibversuchen nachhängt. Dazwischen entfaltet sich ein Leben in unvergesslichen Geschichten und exemplarischen Szenen: meisterhaft und aus dem überwältigenden Reichtum der Erinnerung erzählt Gerhard Roth von den Bedrängnissen durch Elternhaus, Schule und Religion, aber auch von der Flucht in die Wunderwelten des Kinos und der Literatur und vom Glück, Menschen zu begegnen, die das eigene Leben für immer verändern.Mit Aufrichtigkeit und Hingabe erzählt Gerhard Roth vom Rätsel der Kindheit und dem Wagnis des Erwachsenwerdens: von der Entdeckung des eigenen Ich und dem Weg ins Leben, vom Gang der Zeit und dem Wunder der Erinnerung.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17416
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 817
  • Erscheinungstermin: Januar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 123mm x 48mm
  • Gewicht: 833g
  • ISBN-13: 9783596174164
  • ISBN-10: 3596174163
  • Artikelnr.: 26379304
Autorenporträt
Roth, Gerhard§Gerhard Roth, 1942 in Graz geboren, lebt als freier Schriftsteller in Wien und der Südsteiermark. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus »Die Archive des Schweigens« und den nachfolgenden Zyklus »Orkus«. Zuletzt erschienen die beiden Bände über Venedig »Die Irrfahrt des Michael Aldrian« und »Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier«.
Literaturpreise (Auswahl):

Preis der »SWF-Bestenliste«,
Alfred-Döblin-Preis
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Preis des Österreichischen Buchhandels
Bruno-Kreisky-Preis 2003
Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003
Jakob-Wassermann-Preis 2012
Jeanette-Schocken-Preis 2015
Jean-Paul-Preis 2015
Großer Österreichischer Staatspreis 2016
Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.10.2007

Die Schlachtung des eigenen Ich

Irre, Kranke, Ärzte und eine Philosophie des Über-sich-selbst-Lachens: Dass Gerhard Roths erzählerische Welt der eigenen Biographie entstammte, ahnte man längst. Nun, mit seiner Autobiographie, weiß man mehr.

Produktivere Erzähler als den fünfundsechzig gewordenen Österreicher Gerhard Roth wird man in der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit nur wenige finden. Von der "autobiographie des albert einstein", die den avantgardistischen Experimenten des "Grazer Forums Stadtpark" nahesteht, über den monumentalen, visionären Roman "Landläufiger Tod" bis zum sechsten Buch des auf sieben Bände geplanten Zyklus "Der Orkus" summiert sich die Zahl der erzählerischen Werke auf mehr als fünfzehn Bücher, ganz abgesehen von den Hörspielen und Theaterstücken, den Filmen und Bildbänden. Der sechste Band des "Orkus"-Zyklus, "Das Alphabet der Zeit", ist eine 860 Seiten umfassende Autobiographie.

Im Titel "Dichtung und Wahrheit" hat Goethe der Vorstellung, Autobiographien könnten Ereignisse vergangener Jahrzehnte genau so wiedergeben, "wie es wirklich gewesen", den Garaus gemacht. So wird auch der Leser der Selbstbiographie Roths keine Urkundensammlung erwarten. Auf die "Filmstreifen" seines "Erinnerungsarchivs" beruft Roth sich. Doch weiß er auch, schon aus seiner Kindheit, wie sehr die Erzählphantasie mit ihm durchgehen kann und er "Erlebtes mit Erfundnem vermischt". Halten wir uns an Roths Abgrenzung des Erfindens vom bewussten Lügen - "Das Erfinden ist der Neuentwurf eines Ereignisses" -, an die erzählerische Konzeption seiner eigenen Kindheit und Jugend und an die Vorgaben des Lebens für das Werk, die in der Autobiographie erkennbar werden.

Der Sohn eines aus Siebenbürgen stammenden Arztes hat selbst das Studium der Medizin begonnen, es freilich nach zehn Semestern abgebrochen und dann an einem Computerzentrum in Graz gearbeitet. Aber dem seit 1986 freiberuflich lebenden Schriftsteller sind die Erfahrungen in der Medizin immer wichtig geblieben. Als er begann, "einen Weg zum Schreiben" zu suchen, hoffte er, "ihn über die Medizin zu finden, wie Benn, wie Döblin oder Celine". Schon der Junge assistiert dem Vater bei seinen Arztbesuchen auf dem Lande.

Der "Hamstern" überschriebene Teil ist ein zentrales Kapitel der Kindheitsgeschichte. Es führt in jene Nachkriegsjahre, da der Schwarzmarkt blühte und Städter, wenn sie noch irgendetwas zum Tauschen hatten, über Land fuhren, um Bauern Essbares abzuhandeln. Das Tauschobjekt des Vaters ist seine medizinische Kunst. Beargwöhnt und verwarnt vom Distriktsarzt, versucht der als Stabsarzt aus der Wehrmacht entlassene und arbeitslose Vater dennoch der Ernährer der fünfköpfigen Familie zu sein. Er betreut einen kleinen Stamm von Patienten, Sohn Gerhard begleitet ihn und wird als künftiger Arzt vorgestellt. Er lernt viel. Bei einem Bauern kommen sie gerade rechtzeitig zur Schweineschlachtung. Sie wird für den Jungen zur Lehrstunde: Der Vater erklärt ihm die Anatomie des Menschen anhand der inneren Organe des Schweins, das anatomisch gesehen dem Menschen nahestehe. Zur Lehrstunde in Charakterkunde werden die Abschiede von den Bauern: Auch die größte Hochachtung vor der medizinischen Wissenschaft kann den Geiz der Bauern nicht zerschmelzen. Ein kleines Schreckensszenario beschließt die Hamsterreise, die Kontrolle englischer Besatzungssoldaten auf dem Grazer Bahnhof.

Das Kapitel ist exemplarisch dafür, wie Stufen einer persönlichen Entwicklung (hier des Arztsohns) und alltags- und zeitgeschichtliche Situationen zugleich anschaulich werden. Als ein Mittel, in der Abfolge des "Filmstreifens" der Erinnerung Akzente zu setzen, bewährt sich die Leitmotivtechnik. Fast periodisch kehrt das Bildfeld des Irreseins wieder. Zwei Geschwister der Mutter sind geistesschwach. Die Besuche beim Onkel Fritz in der Anstalt prägen sich ein durch das immer gleiche Ritual, die Beteuerung des Onkels, unschuldig inhaftiert zu sein, und die Bitte, ihn herauszuholen und mitzunehmen. Magisch ziehen das Interesse des Jungen die Symptome des psychisch Abnormen an, beim Epileptiker, beim Mongoloiden oder beim Irren in der Nachbarschaft.

Es fällt nicht schwer, die Gestalt des Arztes wie des Irren im erzählerischen Werk Roths aufzufinden. Der Arzt Dr. Ascher taucht sowohl im Roman "Der stille Ozean" (1980) wie in "Landläufiger Tod" auf. Das Mikroskop, an dem Roth früh durch seinen Vater unterwiesen wurde, wird zum Sinnbild genauer Beobachtung, naturwissenschaftlicher Optik. Die Hauptfigur in "Landläufiger Tod", Franz Lindner, schreibt in der psychiatrischen Klinik gegen seine Gehirnkrankheit und die Einsamkeit an; seine fessellose Phantasie entbindet Bilder von grandioser Kühnheit, greift in Milchstraßensysteme und neue Welten aus. Schon zuvor nimmt Roth in Romanen wie "Der Wille zur Krankheit", "Der große Horizont" oder "Ein neuer Morgen" die Themen der Ich-Gespaltenheit und Identitätssuche auf. Überall durchdringt ein medizinisch-pathologisches Interesse das Erzählen.

Ein Zirkusbesuch wird zur ersten Begegnung mit einem "Philosophen", nämlich dem berühmten Clown Charlie Rivel. Dessen Kunst löst in ihm die Erkenntnis der eigenen Lächerlichkeit aus. Die Empfänglichkeit des Kindes für das Spiel der Phantasie fördert seine siebenbürgische Großmutter, die nach dem Krieg aus Rumänien auswandern durfte. In ihrer Obhut darf er wagen, was die Eltern als verdächtige geistige Disziplinlosigkeit verwerfen: der Phantasie freien Lauf zu lassen und Geschichten zu erfinden. Großmütter sind als Märchenerzählerinnen ein bekanntes Stereotyp - hier aber wird die Großmutter tatsächlich zur Geburtshelferin eines Artisten des Fabulierens. Wo es an konkreten Stoffen gebrach, konnte der einer Glasbläserfamilie entstammende Großvater mütterlicherseits mit seinen Berichten aus der Glasbläserfabrik und der Arbeiterbewegung einspringen.

Eine offene Frage zieht sich durch das ganze Buch, die Frage nach der Vergangenheit der Eltern, nach ihren Gründen für den Eintritt in die NSDAP. Es ist die Frage der Achtundsechziger-Generation. Sowohl der Vater wie die Mutter verweigern genauere Auskunft und berufen sich auf Zeitverhältnisse, von denen die Generation ihrer Kinder keine richtige Vorstellung haben könne. Noch nach dem Tod lässt den Autor diese Frage nicht ruhen. So betreibt er Herkunftsforschung mit Hilfe siebenbürgischer und österreichischer Archive und der Aussage von Zeugen. Diese Recherchen werden gesammelt in einem mehr als dreißig Seiten umfassenden "Anhang".

Damit nun trennt Roth sichtbar einen dokumentierenden Teil vom erzählerischen Hauptteil des Buches und schärft dessen literarisches Profil. Er kennzeichnet "Das Alphabet der Zeit", seinen narrativen Teil, als einen Lebensroman, als Autobiographie, an der die Erzählkunst gewürdigt werden will. Andererseits wartet keine schriftstellerische Autobiographie der Nachkriegszeit mit einer solchen Fülle von Korrespondenzen zwischen den Elementen der Biographie und denen des erzählerischen Werkes auf. Philologischen Fährtensuchern eröffnet sich hier ein weites Feld.

In gut hundertvierzig Kapiteln führt dieses Buch die Ermutigungen und den Hindernislauf eines werdenden Schriftstellers vor, der ein schlechter Schüler und ein guter Beobachter ist, der geringe Selbstsicherheit, aber eine reiche produktive Phantasie mit auf den Weg bekommen hat. Die Härte des enttäuschten, mit seiner eigenen Vergangenheit nicht ins Reine gekommenen Vaters lässt die Entwicklungsgeschichte eines Ich auch zu einem Vaterroman werden. Geschichtsinteresse und Nachforschungen des Autors machen das Buch zur Beispielgeschichte zweier Generationen. Nicht alle Details sind von gleichem Gewicht, einiges mag entbehrlich erscheinen. Aber Roth ist in diesem voluminösen Werk doch der erzählerische Atem nicht ausgegangen. Aus lauter Miniaturen, aus Erinnerungssplittern ist ein spannungsvolles Ganzes hervorgegangen, in dem sich der Leser rasch festliest. Es ist Roth gelungen, Autobiographisches ganz in Erzählung zu überführen.

WALTER HINCK

Gerhard Roth: "Das Alphabet der Zeit". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 850 S., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2007

Ein Kopf so voll
Gerhard Roth als literarischer Fotograf und fotografierender Literat Von Karl-Markus Gauß
Unter den Geburtstagen genießt der 65. ein prekäres Renomee, gilt er doch als Eingangstor zum Alter, von dem aus der Blick zurück reizvoller ist als der in die Zukunft. Gerhard Roth, einst ein Repräsentant jener jungen Generation österreichischer Autoren, die mit dem Grazer Forum Stadtpark verbunden waren und im deutschen Sprachraum für literarische Furore sorgten, ist im Sommer 65 Jahre alt geworden. Ohnedies ein Schwerarbeiter unter den zeitgenössischen Autoren, hat er den Anlass genutzt, in zwei monumentalen Bänden seine besondere Rückschau zu halten: in dem autobiographischen „Alphabet der Zeit”, das mit stupender Materialfülle seine Lebens- und Familiengeschichte bis herauf zu jener Wende beschreibt, da der Zwanzigjährige aus der Bahn, die ihm vorgezeichnet war, heraustritt und seine Existenz auf nichts als das Schreiben gründet, und im „Atlas der Stille”, einer Auswahl aus Abertausenden Fotografien, die er seit 1976 aufgenommen hat.
Roth als Fotograf, das bietet einen überraschenden Zugang zu einem Autor, den seine Verehrer wie seine Kritiker zu kennen meinen. Die meisten Bilder entstanden zwischen 1977 und 1986, als Roth in einem Dorf in der Südsteiermark lebte und am siebenteiligen Romanzyklus „Die Archive des Schweigens” arbeitete. Die Kamera war ihm zunächst nur Hilfsmittel, die Fotografie eine Art Notizbuch. Was immer ihm auf seinen Wanderungen über die Dörfer auffiel, er hat es fotografiert, um einen „Erinnerungsspeicher außerhalb meines Kopfes” aufzubauen, aus dem er dann während der Arbeit an den Romanen holen konnte, was er gerade brauchte: Ansichten von Landschaften, Porträts von Dörflern, Bilder des alltäglichen Lebens.
Nach und nach aber veränderte die Kamera die Wahrnehmungsweise des fotografierenden Schriftstellers. Nach einiger Zeit begann er die Welt mit dem Auge des Fotografen zu sehen, Dinge fielen ihm auf, die ihm vorher entgangen waren. Die Fotografie emanzipierte sich von ihrer Hilfsfunktion, wurde zum eigenen Medium der Welterkundung. Schließlich dient sie nicht mehr der literarischen Arbeit, vielmehr „beschrieb ich etwas so, als hätte ich keine Kamera, und fotografierte so, als hätte ich kein Notizbuch”.
In seinen Fotografien, die ihm einen achtenswerten Rang in der österreichischen Fotogeschichte sichern werden, hat Roth geradezu monomanisch den Alltag auf dem steirischen Land festgehalten: Hochzeiten, Begräbnisse, Jagdgesellschaften, alte Leute in ihren engen, mit dem Kitsch der Devotionalien voll geräumten Kammern, junge im Garten, Menschen, die sich für Festlichkeiten hübsch hergerichtet haben oder die vom Alkohol, von der Arbeit, der Mühsal bereits arg ramponiert sind; weiters: Gerätschaften, Mobiliar, Gerümpel, Arbeitsgerät von Generationen; und Tiere, lebendige und verwesende, gemästete und im Kochtopf gelandete, Wild, Geflügel, Fische, Käfer, Bienen . . .
Natürlich ist Roth auch als Fotograf nicht auf Idyllen aus; aber anders als in der Literatur, wo er oft reine Anti-Idyllen entwirft, scheint er mit den Menschen, die er fotografisch porträtiert, nachsichtiger zu sein. Es sind ja dieselben Leute, die in seinen Romanen als unverbesserliche Nationalsozialisten, als dumpfe Gewalttäter, die gegen den Nächsten wie sich selber wüten, auftreten und jene, die er auf seinen Fotos in ihrer randständigen Würde, ihrem sturen Selbstbehauptungswillen zeigt. Zuverlässig ist Roth literarisch über kurz oder lang immer auf die hässlichsten Seiten der Österreicher gestoßen, fotografisch hingegen hat er noch bei den hässlichsten Österreichern schöne Züge und bei all den Stammtischbrüdern und Trachtenträgern auch rühmenswerte Renitenz zu entdecken gewusst. Seine Fotografien überraschen, weil sie bei allem dokumentarischen Realismus keineswegs auf jene unerbittliche, zuweilen holzschnittartige Kritik und Heimatschelte aus sind, für die der Name Gerhard Roth literarisch bürgt, sondern vielmehr die überkommene Lebensform eines weltvergessenen Winkels ins Bild retten möchten.
Um Rettung geht es natürlich auch in jeder Autobiografie, um Rettung der Dinge, die vom Fluss der Zeit weggespült werden, im Gedächtnis der Literatur. Über 800 Seiten umfasst Roths „Alphabet der Zeit”, eine in lauter knappen, puzzleartig angeordneten Stücken dargebotene Autobiografie, die vor allem durch die schier überwältigende Fülle an Realien, an prägnanten Details aus den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren besticht. Der Archivar und obsessive Sammler Roth hat hier aus seinem inneren Erinnerungsspeicher geholt, was er selber lange für vergessen, für verloren glaubte. Bis über sein fünfzigstes Jahr hinaus, berichtet er, habe er seine eigene Kindheit geradezu vergessen gehabt, „in meinem Kopf waren die zwölf ersten Jahre ausgelöscht gewesen”. Erst dann kehrte die Erinnerung wieder, „fast unwirklich und stückweise, als eine Ansammlung von Partikeln, Fragmenten, Kopffotografien und automatenhaften Kurzfilmen, als Stimmen und Déjà-vus. Wie sollte ich sie jemals ordnen?”
Nun, beiläufig nach ihrer Chronologie geordnet hat Roth all diese Erinnerungsfetzen schon, dennoch ist seine Autobiografie eher als gewaltige Ansammlung verschiedener Partikel der Realität angelegt denn als motivisch streng komponierte Erzählung. Formal hat sich Roth eine additive Struktur erschaffen, die es ihm erlaubt, immer wieder neu anzusetzen und Stoff aus ganz verschiedenen Realitätsbereichen zu holen, ohne die einzelnen Stücke kausal, chronologisch oder motivisch verknüpfen zu müssen.
Zu den eindringlichsten Passagen des Buches gehören die Erinnerungen an die heruntergekommene Grazer Vorortsiedlung, in der die Familie Roth jahrelang ihre Wohnung hatte. Dort, unweit einer Mülldeponie, fand sich allerlei Strandgut des Zweiten Weltkriegs in ironisch „Villen” genannten Hütten und Baracken: der Friseur, der als Charmeur reüssierte, und seine Frau, die darüber in Nervenkrisen stürzte, ein Ehepaar mit seinem beständigen lautstarken Streit, ein anderes, mit dem das Kind nicht sprechen durfte, weil es „vorbestraft” war, eine schöne Frau mit einem beinamputierten Gatten. . .
Ein jeder dort ist irgendwie beschädigt vom Krieg, wie Roth die ersten Friedensjahre überhaupt als Ära erinnert, in der der Krieg noch lange den Alltag, das Zusammenleben der Menschen im Großen und Kleinen deformierte: „Es war eine Zeit der Zwietracht und des Hasses, der Überreaktionen, Raufereien und des Streites. Überall gerieten sich Fremde und Bekannte, Erwachsene und Kinder in die Haare; beim Schlange-Stehen für Lebensmittel, auf den Gängen der Wohnhäuser, wegen eines Sitzplatzes in der Straßenbahn, eines Fußballspiels, der Hausordnung. Der Krieg war im zivilen Leben noch wie ein Beben nach einer großen Katastrophe fühlbar.” Auch die Familie Roth ist nur des Kriegs wegen in dieser desolaten Siedlung gelandet, die für Kinder und Heranwachsende natürlich ihren eigenen Reiz, ihre Verbotszonen und abenteuerlichen Ecken hatte.
Der Vater Roth, in Siebenbürgen aufgewachsen, als rumänischer Staatsbürger, der in Österreich Medizin studierte und Arzt wurde, zunächst staatenlos und nach dem „Anschluss” deutscher Staatsbürger und „Stabsarzt” an verschiedenen Kriegsschauplätzen, war Nationalsozialist. Diese Tatsache und mehr noch, dass in der Familie niemals über sie und die Verstrickung der Eltern gesprochen wurde, ist dem literarischen Werk Gerhard Roths bekanntlich als traumatisches Erfahrung eingeschrieben. Die Autobiografie, die immer wieder zu dem großen Tabu zurückkehrt, bringt allerdings nicht Klarheit in die Sache, sondern lässt sie höchst widersprüchlich erscheinen. Denn was heißt das: Nationalsozialist gewesen sein?
Roths Vater, so viel wird deutlich, war kein Verbrecher, wenn er auch großdeutsch empfand – was vermutlich durch seine Herkunft aus einem „volksdeutschen” Grenzgebiet gefördert wurde – und als junger Mediziner der NSDAP beitrat. Ansonsten schildert Roth ihn aber in vielen Episoden als guten und gewissenhaften Arzt, der sich auch spätnachts aufmachte, um Patienten zu besuchen, die seine Visite nicht bezahlen konnten, als sozial aufgeschlossenen Betriebsarzt einer Grazer Glasfabrik. En passant und vielleicht sogar gegen seine Absicht widerlegt Roth an der Geschichte seines Vaters eine häufig wiederholte Falschinformation über die neuere österreichische Geschichte: dass es nämlich nach 1945 überhaupt keine Entnazifizierung gegeben habe und sich alle mehr oder weniger „Belasteten” sofort wieder ihre gesellschaftlichen Positionen zu sichern wussten. Der Vater Roth, wiewohl niemals eines Verbrechens beschuldigt oder gar angeklagt, fand noch Jahre nach Ende des Krieges keine Anstellung, hauste mit seiner Familie in einer Zweizimmerwohnung, in der das eine Zimmer seine behelfsmäßige Ordination war, am Rande der Mülldeponie. Es dauerte fünfzehn Jahre, bis die Familie es sich leidlich wieder in bürgerlichen Verhältnissen eingerichtet hatte.
Der Vater, der den Sohn auf seinen Fahrten durchs Land mitnahm, die halb der ärztlichen Versorgung seiner Patienten, halb dem Hamstern gewidmet waren, hatte diesen früh in die Geheimnisse der Natur und der Medizin eingeführt. „Er behandelte mich wie seinesgleichen, solange ich noch ein Kind war. (Erst als ich erwachsen wurde, bevormundete er mich wie ein Kind.)” Als sich der Gymnasiast dem väterlichen Reglement zu entziehen beginnt, sich statt aufs Medizinstudium vorzubereiten, auf dem Theater statiert und literarische Texte verfasst, kommt es zu schweren Konflikten. Roth fängt sie in bedrückenden Szenen ein: bald schreit, verzweifelt der Vater, bald der Sohn, der nächtens verspätet heimkehrt, einmal betrunken, dann in Selbstmordgedanken verfangen. Einen ersten Prosatext, „Aufzeichnungen eines überflüssigen Menschen”, stiehlt der Vater dem Sohn, um ihm die Aussichtslosigkeit seines literarischen Bemühens vor Augen zu führen; Roth wird den Text aus dem Gedächtnis noch einmal verfassen und ein paar Jahre später unter dem Titel „die autobiographie des albert einstein” als sein erstes Buch veröffentlichen.
Der Vater, oft tyrannisch, dann wieder unerwartet nachsichtig, ist in merkwürdiges Zwielicht getaucht. Durch die ganze weit verzweigte Familie, die einen gewissen Zusammenhalt bewahrt, schneiden Widersprüche, die Roth zwar benennt, aber nicht thematisiert. Die Mutter bezeichnet er mehrfach als Nationalsozialistin, die unwillig war, sich ihrer Vergangenheit zu stellen; doch nennt er sie auch eine „spontane und mitfühlende Frau”, von deren Hilfsbereitschaft er manches Beispiel gibt. Sie stammte aus einer sozialdemokratischen Familie, ein Onkel endete als Säufer im Irrenhaus, ein anderer zog als Kommunist in den Spanischen Bürgerkrieg. Viele Lebensläufe resümiert Roth, freilich ohne sie schlüssig oder erzwungen aufeinander zu beziehen, ihre Gegensätze zu schärfen oder für einzelne Gestalten größere Sympathie als für andere zu hegen. Er stellt die Dinge hin, wie er sie erinnert. Natürlich ist sich Roth bewusst, dass die Erinnerung eine Konstruktion ist oder, so das Motto seiner Recherche, „eine Fata Morgana in der Wüste des Vergessens”. Zumal er davon überzeugt ist, „dass die Erinnerung lügt und täuscht” und nur „meine eigene Wahrheit” zum Vorschein bringt, überrascht es, wie wenig Bezüge er stiftet, wie sehr er damit zurückhält, den Details einen Platz im größeren Zusammenhang seines Lebens, seines Lebensbuches zu geben. So bleibt von dieser Autobiografie eine wahre Vielzahl an sinnlichen Eindrücken, plastischen Beschreibungen, widersprüchlichen Charakteren in Erinnerung, die sich auf eigenartige, von Roth gewiss intendierte Weise zu keinem Bildnis der Epoche, keiner Geschichte einer Familie, nicht einmal zum definitiven Charakterbild des Autors fügen.
Ja, und noch etwas bleibt in Erinnerung. Die Gestalt der Großmutter, die 1947 aus Siebenbürgern zur Familie stößt, eine Monarchistin, die die Nationalsozialisten verachtet; eine weißhaarige alte Frau, die unablässig mit den Lippen schnalzt, durch mancherlei Marotten auffällt, Gedichte schreibt und dem kränkelnden Kind Geschichten erzählt. „Sie liebte mich von Anfang an”, schreibt Roth, der jetzt beiläufig so alt ist, wie sie damals war, und man ist versucht, die Urgründe seines Schreibens im Staunen über diese fremde Frau und die wundersamen Geschichten zu suchen, in denen sie lebte. Als sie 1970 starb, wusste er „im selben Augenblick, dass ich mit ihr fast alles verlor, was mich mit meiner Kindheit verbunden hatte”.
Gerhard Roth
Das Alphabet der Zeit
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 818 Seiten, 28 Euro.
Atlas der Stille
Fotografien. Verlag Christian Brandstätter, Wien 2007. 304 Seiten, 49,90 Euro.
Roth ist literarisch immer auf die hässlichsten Seiten der Österreicher gestoßen
Ein Onkel endete als Säufer, ein anderer zog in den Spanischen Bürgerkrieg
In einem Dorf in der Südsteiermark sind zwischen 1977 und 1986 die meisten Fotografien von Gerhard Roth entstanden. Sein„Atlas der Stille” hält fest, wie für den Schriftsteller die Kamera mehr wurde als ein Instrument für optische Notizen. Foto: Gerhard Roth
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Auf den 860 Seiten des sechsten Bandes des "Orkus"-Zyklus' hat Walter Hinck viel mehr entdeckt als Autobiografisches. Mit diesem Buch zeigt sich ihm der Autor einmal mehr als Meister der Verbindung von Erinnerung und Fantasie. Hinck folgt der persönlichen Entwicklung des Autors, liest Zeithistorisches und erkennt die von Gerhard Roth gesetzten Akzente, etwa sein "medizinisch-pathologisches Interesse" betreffend, um sodann in den "erzählerischen Hauptteil" des Buches überzugehen. Hier begegnet Hinck dem Leben als "Lebensroman", als beispiellose Verzahnung von Biografie und Werk. Ein Fest für Philologen, meint Hinck. Und ein fesselnder "Vaterroman", ein aus dem "Geschichtsinteresse" und dem Recherchedrang des Autors hervorgegangenes Generationen-Buch.

© Perlentaucher Medien GmbH