da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete - Mayröcker, Friederike
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"Verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften", verfügt Friederike Mayröcker in ihrem neuen Prosawerk - aber schon sein Titel legt eine unfehlbare Spur. da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lässt keine Zweifel an dem, was immer noch Tag für Tag zu tun ist: hellwach und neugierig auf die Welt blicken und ihr eine Kunst abgewinnen, die Wörter in Sternschnuppen verwandelt und die Sprache selbst als einen schier unerschöpflichen poetischen Zauberkasten begreift: "meine Texte entstehen durch sich fortpflanzende Augen", so eines der…mehr

Produktbeschreibung
"Verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften", verfügt Friederike Mayröcker in ihrem neuen Prosawerk - aber schon sein Titel legt eine unfehlbare Spur. da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lässt keine Zweifel an dem, was immer noch Tag für Tag zu tun ist: hellwach und neugierig auf die Welt blicken und ihr eine Kunst abgewinnen, die Wörter in Sternschnuppen verwandelt und die Sprache selbst als einen schier unerschöpflichen poetischen Zauberkasten begreift: "meine Texte entstehen durch sich fortpflanzende Augen", so eines der Geheimnisse, das die Wiener Dichterin ihren Leserinnen und Lesern doch noch preisgibt.
Mag die "Leibhaftigkeit" im hochbetagten Alter auch mühselig geworden sein, mögen die Listen an Wörtern, die mit den Jahren abhandengekommen sind, auch länger werden, wie die Poetin selbst beklagt - "in meinen Träumen bin ich jung, in meinen Träumen bin ich high", versichert Friederike Mayröcker, und dieses Credo gilt umso mehr für ihre unvergleichliche, grenzenlose und ganz und gar unausdeutbare Dichtung.
  • Produktdetails
  • Bibliothek Suhrkamp 1515
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 201
  • Erscheinungstermin: 15. Juli 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 144mm x 25mm
  • Gewicht: 402g
  • ISBN-13: 9783518225158
  • ISBN-10: 3518225154
  • Artikelnr.: 59004104
Autorenporträt
Mayröcker, Friederike§Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. Sie besuchte zunächst die Private Volksschule, ging dann auf die Hauptschule und besuchte schließlich die kaufmännische Wirtschaftsschule. Die Sommermonate verbrachte sie bis zu ihrem 11. Lebensjahr stets in Deinzendorf, welche einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterließen. Nach der Matura legte sie die Staatsprüfung auf Englisch ab und arbeitete zwischen 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen. Bereits 1939 begann sie mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später folgten kleinere Veröffentlichungen von Gedichten.

Im Jahre 1954 lernte sie Ernst Jandl kennen, mit dem sie zunächst eine enge Freundschaft verbindet, später wird sie zu seiner Lebensgefährtin. Nach ersten Gedichtveröffentlichungen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift "Plan" erfolgte 1956 ihre erste Buchveröffentlichung. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Erzählungen und Hörspiele,Kinderbücher und Bühnentexte.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Tobias Lehmkuhl scheint kaum Worte zu finden für die Erfrischung, die ihn beim Lesen von Friederike Mayröckers Arbeiten erfasst. Hellwach wird er schon angesichts der unverschämten Syntax im Titel. Das neue Buch, das er in Mayröckers chronologisches Schreibprojekt einordnet, dessen "Einträge" nur kürzer, lyrischer sind als sonst, beeindruckt ihn mit vertrauten Motiven und Figuren einerseits, mit Einlassungen zur (medialen) Gegenwart (Sneakers, Instagram) andererseits. Literarische Pyrotechnik, meint Lehmkuhl ganz euphorisiert.

© Perlentaucher Medien GmbH
»... eine ungemeine Schönheit. Indem die Autorin einen alles umfassenden, rauschhaften Wahrnehmungsraum schafft, gelingt es ihr, eine Einheit des Kosmos herzustellen.«
Berliner Zeitung 18.07.2020

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.10.2020

Wildes Gemüse
Friederike Mayröckers
neue „Proeme“
Wovon handelt das Buch? Eine Frage, auf die in der Regel eine mehr oder weniger komplizierte, mehr oder weniger absehbare, mehr oder weniger ermüdende Handlung referiert werden muss. Friederike Mayröckers Erwiderung dagegen ist sehr einfach, überraschend und dürfte noch den schläfrigsten Leser sofort hellwach machen: „es geht um den Knall den Knall der Verliebtheiten, Vergeblichkeiten, Phantasien, Tagträume“.
Der Knall trägt hier statt eines störenden Kommas gleich seinen eigenen Nachhall mit sich. Doch eigentlich dürfte jeder Buchfreund schon beim Betrachten des Titels ganz Ohr gewesen sein: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ – was ist das bloß für eine herrliche syntaktische Unverschämtheit?! So kühn wie die bald 96-jährige Mayröcker dichtet niemand sonst. Sie tut es freilich nicht erst seit gestern.
Mayröcker letztes, 2018 erschienenes Buch „Pathos und Schwalbe“ endet mit dem Satz: „in zwei Wochen wird meine Freundin gebären schreibt Lucien Freud es wird ein Lamm sein“, und auch im ersten Eintrag von „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ taucht ein Lamm auf, ganz als sei das eine Buch aus dem anderen hervorgegangen. Tatsächlich arbeitet Mayröcker seit vielen Jahren, spätestens seit „études“ von 2013,
an einem chronologisch fortlaufenden Schreibprojekt. Mit jedem Buch allerdings verschieben sich die Akzente. Im aktuellen sind die tagebuchartigen Einträge kürzer, umfassen meist eineinhalb Seiten, und nicht zuletzt deswegen tragen sie stärker lyrischen Charakter. Mayröcker selbst spricht von „Proemen“: „ich schreibe Prosa mit einem lyrischen touch, usw.“ Naturgemäß finden sich viele vertraute Elemente aus dem Mayröcker-Universum: Eiben, Leberblümchen, Tränen über Tränen, alte Fotografien, auf denen die Dichterin sich als Dreijährige betrachtet, Bad Ischl, Marcel Duchamp, Antoni Tapiès und Fernando Botero. Auch der Mayröcker-Lesern bekannte Schneider aus ihrer Nachbarschaft hat wieder einen Auftritt: „ach zipfelte wirbelte wildes Augengemüse in einem Schaufenster im Schaufenster des Schneiders Aslan Gültekin“.
Zugleich ist die gesellschaftlich-mediale Gegenwart sehr präsent. Da kauert ein „Vögelchen im browser“, da wird das österreichische Wort des Jahres 2017 von der Dichterin zum Unwort des Jahres erklärt („Vollholler“), da wird Instagram erwähnt, und über die eigenen Schuhe heißt es ganz modisch: „meine sneakers wie ich euch liebe“. Auf Instagram übrigens findet man Fotos, die Mayröcker zusammen mit „Twintowas“ zeigt, einem sechzig Jahre jüngeren Musiker-Zwillingspaar, das unter anderem mit dem Hip-Hopper RAF Camora auftritt.
Natürlich hört Mayröcker auch gerne Franz Schubert, aber ihre Literatur ähnelt eher einem Open Air-Konzert voller Pyrotechnik. Nur sind es bei ihr statt markerschütternder Bässe „diese Lanzen wie sie mich durchbohren, ich meine v.Frühling“.
Auch wenn Mayröcker schon in den Sechzigerjahren U und E vermischt hat, auch wenn Hölderlin und Heavy Metal nie einen Gegensatz für sie darstellten, mit jedem neuen Buch von ihr fühlt man sich literarisch frisch durchlüftet: „corona, sagte ich, es gefiel ihm dasz ich corona sagte dasz ich corona in unser Gespräch einschleuste dasz ich corona thematisierte, ein fieberhaftes Leben!“ (26.11.18)
TOBIAS LEHMKUHL
Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 22 Euro.
Mit jedem neuen Buch von
ihr fühlt man sich
literarisch frisch durchlüftet
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