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Traditionelle Darstellungen der deutschen Geschichte gehen meist davon aus, die Deutschen seien besonders staatsorientiert. Diese Sichtweise verkennt, dass Deutschland um 1900 eine Weltmacht war, wenn es um das stifterische Engagement seiner Bürger ging: Stiftungen finanzierten öffentliche Museen, förderten die Wissenschaften, unterhielten Gymnasien wie Universitäten und stellten Sozialleistungen zur Verfügung. Dieses Buch, die erste umfassende Darstellung des Stiftungswesens in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, behandelt dieses bislang als Randphänomen der Vormoderne verkannte…mehr

Produktbeschreibung
Traditionelle Darstellungen der deutschen Geschichte gehen meist davon aus, die Deutschen seien besonders staatsorientiert. Diese Sichtweise verkennt, dass Deutschland um 1900 eine Weltmacht war, wenn es um das stifterische Engagement seiner Bürger ging: Stiftungen finanzierten öffentliche Museen, förderten die Wissenschaften, unterhielten Gymnasien wie Universitäten und stellten Sozialleistungen zur Verfügung. Dieses Buch, die erste umfassende Darstellung des Stiftungswesens in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, behandelt dieses bislang als Randphänomen der Vormoderne verkannte zivilgesellschaftliche Handeln in allen seinen Aspekten. Thomas Adam verdeutlicht eindrucksvoll, dass Stiftungen mit ihren ungeheuren Finanzressourcen der modernen deutschen Gesellschaft einen spezifischen Charakter gaben, der nicht nur durch Adel oder Staat, sondern ganz wesentlich auch durch selbstbewusste Bürger bestimmt wurde.
  • Produktdetails
  • Verlag: Campus Verlag
  • Seitenzahl: 300
  • Erscheinungstermin: 16. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 139mm x 30mm
  • Gewicht: 380g
  • ISBN-13: 9783593507477
  • ISBN-10: 3593507471
  • Artikelnr.: 52515688
Autorenporträt
Thomas Adam ist Professor für transnationale Geschichte an der Universität Arlington (Texas, USA).
Inhaltsangabe
Inhalt
Vorwort 9
1. Einleitung 11
Zivilgesellschaft und Stiften in den deutschen Staaten vor 1815 12
Zivilgesellschaft und Demokratie 17
Aufbau des Buches 20
2. Zwischen Emanzipation und Einflussnahme: Der Wettbewerb zwischen Adel und Bürgertum auf dem Gebiet der Kunst- und Kulturförderung 27
Die Stiftung fürstlicher Legitimität durch die Errichtung von Kunstmuseen 28
Vom Juniorpartner zum Chef: Aristokratische und bürgerliche Unterstützung für die Kunstproduktion und Kunstmuseen 31
Das Zusammenwirken des königlichen Hofes und der Börse bei der Gründung des Berliner Zoologischen Gartens 44
Die Rolle herausragender bürgerlicher Stifter: Städel, Richartz und Grassi 48
Vom Stiften zum unternehmerischen Sponsoring: Das Deutsche Museum in München 53
Die bürgerliche Übernahme königlicher Museen: Der Kaiser-Friedrich-Museumsverein 56
Die bürgerliche Förderung königlicher Bibliotheken: Die Freunde der Berliner Königlichen Bibliothek 62
Der Übergang der Museen von stifterischem Eigentum in städtisches Eigentum 65
3. Pflanzstätten der höheren Bildung: Der Einfluss der Stifter auf die Zusammensetzung der künftigen intellektuellen Eliten an Gymnasien und Universitäten 73
Die Rolle von Stiftungen bei der Perpetuierung der sozialen Exklusivität von Gymnasien und Universitäten 74
Die Motivation zur Errichtung von Stiftungen 81
Die regionale Verteilung von Stiftungen und deren Verwaltung 86
Der Einfluss der Stipendienstiftungen auf die Zusammensetzung der Studentenschaft 89
Die Einrichtung von Stipendienstiftungen zur Unterstützung jüdischer Studenten 92
Universitätsstipendien für Frauen 96
4. Zwischen nationalem Anspruch und lokaler Verwurzelung: Stiften für nationale Forschungseinrichtungen 101
Die Zusammenarbeit von Stiftern und Staat bei der archäologischen Ausgrabung alter Zivilisationen 103
Die staatlich gesteuerte Suche nach Stiftern für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 109
5. Reformbewegung und Sozialkontrolle: Stiften, Wohnungsbau und die Ordnung familiärer Sozialbeziehungen in der Arbeiterschaft 123
Modelle der Bereitstellung von Sozialleistungen 125
Stiften und Wohnungsreform 130
Stiften und Investieren: Das Modell der gemeinwohlorientierten Aktienbaugesellschaften 133
Stiften und Sparen: Das Modell der Wohnungsbaugenossenschaften 144
Stiften und Schenken: Das Modell der Wohnstiftung 150
Wohnungsreform und Mietzahlung 158
Der Übergang von stifterischem Eigentum in kommunales Eigentum 163
6. Bürgergesellschaft und autoritärer Staat:
Das Stiftungswesen am Vorabend des Ersten Weltkrieges 167
Die räumliche und zeitliche Dimension des Stiftungswesens im 19. Jahrhundert 169
Stiften in Leipzig: Eine Fallstudie 175
Die Rolle von Frauen im Leipziger Stiftungswesen 176
Jüdisches Stiften zwischen Ausgrenzung und Integration 181
Stiftungskapitalien und Volkswirtschaft 184
7. Auf dem Weg zur staatszentrierten Gesellschaft: Der langsame Niedergang des Stiftens und der Zivilgesellschaft im 20. Jahrhundert 195
Die Rolle der Stiftungen bei der Finanzierung des Ersten Weltkrieges 196
Das Schicksal der Zivilgesellschaft im Übergang von der Monarchie zur Demokratie 203Die Abgrenzung von jüdischen und "arischen" Stiftungen in den 1930er Jahren 219
Die sinkende Bedeutung der Stiftungen in den beiden deutschen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg 224
Eine Gesellschaft ohne Stiftungen? Stiftungen und Stifter in der DDR 226
Vom Stiften zum Sponsoring: Die Transformation des Stiftens in Westdeutschland 236
8. Schlussbetrachtungen 245
Anmerkungen 249
Literatur 279
Rezensionen
Besprechung von 30.11.2018
Als die Bürger stiften gingen
Thomas Adam kennt die Absichten der Philanthropen

Zu den schillerndsten Begriffen der sozialwissenschaftlichen Debatte gehört jener der Zivil- oder Bürgergesellschaft. Relative Einigkeit herrscht zwar darüber, dass es sich um den Teil der Gesellschaft handelt, der nicht durch den Staat und seine Organe gesteuert wird. Ob es freilich richtig ist, seine Existenz normativ an die eines demokratisch organisierten Gemeinwesens zu knüpfen und damit Zivilgesellschaft und Demokratie als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten, kann man in Frage stellen.

Gewiss trifft es zu, dass private Initiative vor allem in den Vereinigten Staaten maßgeblich dazu beigetragen hat, stabile demokratische Verhältnisse zu gewährleisten. Kein Wunder, wenn amerikanische Sozialwissenschaftler im Anschluss an die klassische Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft durch Tocqueville bis heute davon ausgehen, dass es eine kausale Verknüpfung zwischen Zivilgesellschaft und Demokratie gebe. Aber eignen sich die Vereinigten Staaten, die seit ihrer Gründung keinen echten politischen Systemwechsel erlebten, wirklich als empirischer Beleg dieser These? Kann sich eine Zivilgesellschaft im Sinne selbstorganisierter Akteure nicht auch in autoritären politischen Ordnungen entwickeln, ohne notwendig in Opposition zu ihnen zu treten? Können gemeinwohlorientierte Bürger solche Systeme gleichsam "bürgerlich ausgestalten", ohne sie überwinden zu wollen?

In einer lesenswerten Monographie über das Deutsche Stiftungswesen im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert ist der deutsche Historiker Thomas Adam, Professor an der University of Texas in Arlington, diesen Fragen nachgegangen. Vornehmlich am Beispiel der Museumsfinanzierung, der Einrichtung von Stipendienstiftungen sowie der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum für Arbeiterfamilien durch gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften weist Adam nach, dass es bereits im deutschen Kaiserreich nahezu keinen gesellschaftlichen Raum gab, der nicht durch bürgerliche Philanthropie geprägt war.

Tatsächlich belegt Adam, dass das Stiften vor dem Ersten Weltkrieg keineswegs - wie häufig vertreten - ein marginales Phänomen war. Vielmehr zeichnet er detailreich nach, dass sich vor allem bei der Finanzierung von Museen in Bürgerstädten wie Hamburg, Frankfurt am Main oder auch Leipzig und Bremen bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Modelle entwickelten, die man frühe Formen der heutigen "Public-private-Partnership" nennen kann. Allerdings ging mit dieser privaten Kunstförderung die Prägung bestimmter ästhetischer Standards einher, die man als bürgerliches Programm im Sinne einer "hidden agenda" bezeichnen könnte. Auf der Seite der Stipendienstiftungen wiederum korrespondierte ihr das Anliegen, durch gute Gaben die soziale und religiöse Zusammensetzung künftiger intellektueller Eliten zu beeinflussen.

Und selbst der nicht primär gewinnorientierte Wohnungsbau verfolgte offenbar ein gesellschaftspolitisches Ziel. Es ging nicht nur um preiswerte Wohnungen für Arbeiterfamilien. Es ging vielmehr auch um die Entwicklung einer Wohnarchitektur, die bürgerliche Wertvorstellungen wie den Schutz der Kernfamilie durch ihre räumliche und soziale Trennung von anderen Mietparteien sichern und damit sozial disziplinierend wirken sollte.

Adams Untersuchung ist breit angelegt. Sie basiert auf einem funktionalen Stiftungsverständnis. Folglich beschränkt sie sich nicht auf eine Analyse der Tätigkeit von Stiftungen im engeren, rechtlichen Sinne. Vielmehr schaut sie auf das tatsächliche Geschehen freigebiger Zweckzuwendungen und schließt damit auch Vereine, Genossenschaften und vor allem gemeinnützige Aktiengesellschaften in ihre Betrachtung ein. Das ist ein moderner Ansatz, der inzwischen auch in den Rechtswissenschaften Anhänger hat. Nicht nur historisch, sondern auch aktuell stellt sich die Frage, ob eine Stärkung der Zivilgesellschaft es hierzulande womöglich erfordert, das Stiften - vor allem im Steuerrecht - unabhängig von der konkreten Rechtsform, die es annimmt, zu betrachten.

Freilich hat Adams Arbeit auch Schwächen. Wo er Ausflüge ins Juristische macht, werden Zusammenhänge zuweilen unzutreffend hergestellt. Durchweg - und nicht nur in rechtlichen Kontexten - greift er zu häufig auf Sekundärliteratur zurück. Manche Behauptungen wie diejenige, Stiftungen in Westdeutschland seien in der Nachkriegszeit (die Adam anders als die Wilhelminische Ära sogar für stiftungsfeindlich hält) Enteignungen ausgesetzt gewesen, belegt er erst gar nicht. Insgesamt leidet Adams Buch überdies unter einem mäßigen Lektorat. Anders lassen sich ständige Wiederholungen, die den Leser ermüden, kaum erklären. Die im Kern aufschlussreiche Erkenntnis wäre ohne solche Sonderpädagogik herübergekommen: Schon zu Kaisers Zeiten gab es die Zivilgesellschaft - lange bevor es Herrn Kaiser gab.

PETER RAWERT

Thomas Adam:

"Zivilgesellschaft oder

starker Staat?".

Das Stiftungswesen in

Deutschland (1815-1989).

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2018.

300 S., br., 39,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Lesenswerte Monographie." Peter Rawert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2018 "Indem Adam recht detailliert das grundsätzliche Umsetzen des Gedankens der Gemeinnützigkeit nachzeichnet, sollte das Buch auch andere als historisch interessierte Leser ansprechen. Ersichtlich wird nicht nur die Rolle der Stiftungen, sondern darüber hinaus die von Gesellschaften und Vereinen als Akteure des zivilgesellschaftlichen Handels - und dies für mehr als den vorgestellten Zeitraum von über eineinhalb Jahrhunderten." Prof. Dr. Gerhard Lingelbach, Zeitschrift für Stiftungs- und Vereinswesen, 11.04.2019