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Deutsche Lebensmittelproduzenten und der Zweite Weltkrieg: Eine historische Aufarbeitung der »Gesellschaft für Nährwerterhaltung«.Die Wehrmacht mit Lebensmitteln versorgen - das war der Zweck der 1939 gegründeten »Gesellschaft für Nährwerterhaltung«. Nach heutigem Verständnis war sie ein Public Private Partnership-Projekt des Heeresverwaltungsamtes mit führenden deutschen Lebensmittelunternehmen: Involviert waren unter anderem die Firmen Dr. Oetker, Wilh. Schmitz-Scholl / Tengelmann und Knorr. Für die Unternehmen war dieser Auftrag lukrativ. Das Projekt war erfolgreich, die Umsatzzahlen…mehr

Produktbeschreibung
Deutsche Lebensmittelproduzenten und der Zweite Weltkrieg: Eine historische Aufarbeitung der »Gesellschaft für Nährwerterhaltung«.Die Wehrmacht mit Lebensmitteln versorgen - das war der Zweck der 1939 gegründeten »Gesellschaft für Nährwerterhaltung«. Nach heutigem Verständnis war sie ein Public Private Partnership-Projekt des Heeresverwaltungsamtes mit führenden deutschen Lebensmittelunternehmen: Involviert waren unter anderem die Firmen Dr. Oetker, Wilh. Schmitz-Scholl / Tengelmann und Knorr. Für die Unternehmen war dieser Auftrag lukrativ. Das Projekt war erfolgreich, die Umsatzzahlen explodierten schon kurz nach der Gründung. Gestützt auf reiches Quellenmaterial erzählt Daniela Rüther die spannende Geschichte der Gesellschaft sowie ihrer verschiedenen Akteure. Protagonisten waren nicht nur die Unternehmer und Angehörige des Oberkommandos des Heeres. Auch Vertreter der mit der Wehrmacht rivalisierenden SS versuchten, die Gesellschaft zu unterwandern. Die Geschichte der »Nährwert« liefert also nicht nur neue Erkenntnisse zur Soldatenverpflegung, sondern zeigt darüber hinaus die Konflikte und Intrigen im Kampf um den Markt für konservierte Lebensmittel im »Dritten Reich«.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 228
  • Erscheinungstermin: September 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 152mm x 22mm
  • Gewicht: 446g
  • ISBN-13: 9783835337442
  • ISBN-10: 3835337440
  • Artikelnr.: 59376168
Autorenporträt
Daniela Rüther, geb. 1963, ist Historikerin sowie Wissenschaftliche Assoziierte am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum.Veröffentlichungen u.a.: Der Widerstand des 20. Juli auf dem Weg in die Soziale Marktwirtschaft. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der bürgerlichen Opposition gegen Hitler (2002).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.11.2020

Vitamine für die Wehrmacht
Daniela Rüther hat die Geschichte der „Gesellschaft für Nährwerterhaltung“ akribisch erforscht. Eine erhellende Fallstudie über die deutsche „Küchenfront“
Den deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg sollte es beim Erobern an nichts mangeln. So sprach der Geheimrat Ernst Pieszczek, Chef der Verpflegungsabteilung des Oberkommandos des Heeres, im Oktober 1941 davon, wie es gelinge, den deutschen Soldaten durch gute Küche an den „Waffenberuf zu fesseln“. Es gebe „Frisch-, Halb- und Ganzdauerwaren, Trocken-, Gefrier- und Dosenkonserven; nicht zuviel Fleisch, dafür Fisch, Käse, Gemüse, Obst. Wir reichen die Kost mit Milch-, Soja- und Hefeeinweiß und liefern Konzentrate und Komprimate, insbesondere auch Vitamin-C-Drobs.“ Das alles entsprach, spätestens sei dem Überfall auf die Sowjetunion, ganz sicher nicht der Realität. Dennoch ist der Blick auf die Soldatenverpflegung nicht so unwichtig, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Die Historikerin Daniela Rüther hat nun eine Fallstudie dazu vorgelegt, die sehr tief in die Details einer sehr speziellen Gesellschaft während des NS-Regimes eintaucht. Es geht um die „Gesellschaft für Nährwerterhaltung“, die die Wehrmacht mit getrockneten Obst und Gemüse beliefern sollte.
Warum es sich trotzdem lohnt, den heutzutage kaum bekannten Protagonisten zu folgen und ihr Geschäftsmodell zu studieren? Man kann an dieser Fallstudie sehr schön im Kleinen sehen, wie der NS-Staat in all seinen Verästelungen funktionierte, wie die Nahrungsmittelindustrie sich in seinen Dienst stellte, wie wichtige Vertreter von Wehrmacht und SS um die lukrativsten Aufträge buhlten und wie die allermeisten Betroffenen nach dem Untergang des Dritten Reiches nichts mit alldem zu tun gehabt haben wollten.
Es handelt sich bei der „Nährwert“-Gesellschaft um eine Art Public-Private-Partnership-Projekt, wie man heute sagen würde. Beteiligt waren die auch immer noch bekannten Firmen Dr. Oetker, Wilh. Schmitz-Scholl/Tengelmann und Knorr. Es ging darum, neue Verfahren zur Trocknung von Obst und Gemüse zu entwickeln und zu etablieren, um die Wehrmacht mit ausreichend Vitaminen zu versorgen. Nicht zuletzt aufgrund des „Vitaminfimmels“ führender Nationalsozialisten war das ein sehr prestigeträchtiges Projekt, das sich da die Amtsgruppe V III des Oberkommandos des Heeres ausgedacht hatte. Der Hintergrund: Einerseits mangelte es dem NS-Staat an Weißblech, um die Früchte in Dosen zu transportieren, zum anderen galt natürlich die Losung: „Jedes unnütze Gewicht, vor allem starker Wassergehalt, muß vermieden werden.“
Und so gründete man die besagte Gesellschaft, suchte sich die passenden Experten und begann mit der industriellen Trocknung von Zwiebeln, Blumenkohl, Weißkraut, Schnittbohnen, Spinat, Karotten, Apfelpulver, Aprikosenpulver und Tomatenpulver. Produziert wurde in Ungarn und Rumänien – ohne Zwangsarbeit und Kriegsverbrechen. All das aber vor dem Hintergrund, dass die Zivilbevölkerung seit Kriegsbeginn mit rationiertem Essen und später auch mit starker Mangelernährung zurechtkommen musste. Für die Industrie war das eine schöne Sache, die Wehrmacht garantierte die Abnahme, die Risiken übernahm weitgehend das Reich.
Der Erfolg der Nährwert-Gesellschaft war schnell sehr groß. Das rief natürlich Neider auf den Plan, zuvorderst die SS. Besonders Ernst Günther Schenck, seit 1940 Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, agitierte gegen die Bürokraten vom Heeresverwaltungsamt, weil er selbst gern die Oberhoheit gehabt und bei Himmler als der entscheidende Ernährungsexperte gegolten hätte.
Rüther hat als Untertitel das Wort „Wirtschaftskrimi“ und einen erzählerischen Ansatz beim Schreiben gewählt. Dennoch bleibt das Buch eine historische Analyse, es gewinnt seine Farbe durch die umfangreiche Quellenlage und die neuen Erkenntnisse über die zahllosen Rivalitäten in dem bisher wenig erforschen Feld der deutschen „Küchenfront“.
ROBERT PROBST
Daniela Rüther: Der „Fall Nährwert“. Ein Wirtschaftskrimi aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020, 228 Seiten, 24,90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Anregend und flott geschrieben findet Hartmut Berghoff Daniela Rüthers Studie über die Zusammenarbeit von Oetker, Tengelmann und Knorr mit dem nationalsozialistischen Regime in Sachen Trockennahrung. Mit der Wehrmacht als Versuchskaninchen und unter handfesten Eigeninteressen entstand eine seltsame Symbiose zwischen Staat und Industrie, erfährt Berghoff. Rüther liefert nicht nur die Einzelheiten dazu, sondern auch Innenansichten der Dikatur, meint der Rezensent. Welchen weiteren Weg die damals entwickelten "Lebensmittel" nahmen, darüber erfährt Berghoff bei Rüther leider nichts.

© Perlentaucher Medien GmbH