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Wie sich der Bundestag als bloßes Vollzugsorgan entpuppte
Es war eine Premiere besonderer Art. Anfang Juni beanspruchte Deutschland erstmals eine Ausnahmeregelung auf dem Gebiet der gemeinsamen Innen- und Rechtspolitik der Europäischen Union. Die Bundesregierung wehrte sich gegen eine europäische Beweisanordnung, also gegen den grenzüberschreitenden Zugriff auf Dokumente und Daten. Die Beweisanordnung würde auf die 32 Straftaten angewendet, bei denen ein europäischer Haftbefehl ausgestellt werden kann. Hier liegt der Grund für den deutschen Vorbehalt.
Das Bundesverfassungsgericht hatte am deutschen Gesetz zum Haftbefehl, der auf einen Rahmenbeschluß der EU zurückgeht, kaum ein gutes Haar gelassen und es insgesamt für nichtig erklärt. Das Karlsruher Verfahren veranschaulichte die Art und Weise, wie europäische Rechtsakte in deutsches Recht überführt werden. Der eigentliche Gesetzgeber, der Bundestag, entpuppte sich als bloßes Vollzugsorgan. Die Bundestagsabgeordneten - vom Zweiten Senat nicht geladen, sondern von sich aus nach Karlsruhe gekommen - hatten es nicht leicht. Dabei hatten sie doch nur, so der Berichterstatter Udo Di Fabio, "wirklich einen schönen Einblick in die parlamentarische Praxis gegeben". Der CDU-Abgeordnete Siegfried Kauder, Volljurist und Mitglied des Rechtsausschusses, sagte, er habe keine Spielräume mehr gesehen, nachdem ihm Sachverständige gesagt hätten, Europarecht werde "eins zu eins umgesetzt". Di Fabio erinnerte daran, daß der Parlamentarier für die Gesetzgebung verantwortlich sei. Wenn das Gericht so seine Fälle prüfen würde, "das wäre anrüchig". Dem Grünen-Abgeordneten Ströbele, ebenfalls Rechtsanwalt, der nach einem Fehler im System suchte, warf Di Fabio vor, er beklage das, was er gleichzeitig fordere: eine europäische Harmonisierung des Strafrechts, obwohl es dafür noch keine Kompetenzgrundlage im Europarecht gebe.
Nun hat die Öffentlichkeit die seltene Möglichkeit, ein komplettes Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht nachlesen zu können, einschließlich der mündlichen Verhandlung im Wortlaut. Frank Schorkopf, als einstiger wissenschaftlicher Mitarbeiter Di Fabios am Gericht nicht unwesentlich am Verfahren beteiligt, weist einführend auf die Ursprünge des Verbots der Auslieferung eigener Staatsangehöriger hin. Das Reichsgericht meinte Ende des 19. Jahrhunderts, ein Staat verliere seine Würde, wenn er einen eigenen Staatsangehörigen der Strafgewalt eines fremden Staates unterwerfen wollte.
REINHARD MÜLLER
Frank Schorkopf (Herausgeber): Der Europäische Haftbefehl vor dem Bundesverfassungsgericht. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2006. 538 S., 79,- [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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