Body-Modification - Kasten, Erich
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Jeder von uns gestaltet seinen Körper: beim Rasieren, Haareschneiden, Bodybuilding oder mit Schlankheitskuren. Körperveränderungen wie Tätowierungen und Piercings sind und waren zu allen Zeiten in allen Kulturen verbreitet. Manchmal nehmen diese Eingriffe in den Körper extreme Formen an: Intimpiercings, Schneiden, Branding oder Selbstamputationen können nicht nur zu schwerwiegenden medizinischen Komplikationen führen, sie können auch Ausdruck traumatischer Erlebnisse oder unbewältigter psychischer Konflikte sein. Packend beschreibt der Autor traditionelle und moderne Varianten von…mehr

Produktbeschreibung
Jeder von uns gestaltet seinen Körper: beim Rasieren, Haareschneiden, Bodybuilding oder mit Schlankheitskuren. Körperveränderungen wie Tätowierungen und Piercings sind und waren zu allen Zeiten in allen Kulturen verbreitet. Manchmal nehmen diese Eingriffe in den Körper extreme Formen an: Intimpiercings, Schneiden, Branding oder Selbstamputationen können nicht nur zu schwerwiegenden medizinischen Komplikationen führen, sie können auch Ausdruck traumatischer Erlebnisse oder unbewältigter psychischer Konflikte sein. Packend beschreibt der Autor traditionelle und moderne Varianten von Körpermodifikationen, mit spannenden Ausflügen in fremde Kulturen. Er stellt Selbstaussagen über Motive, (Schmerz-)Erleben und Wirkungen zusammen und durchleuchtet sie anhand medizinischer und psychologischer Forschungsergebnisse. Gesundheitliche Konsequenzen werden ebenso diskutiert wie rechtliche Aspekte. Zahlreiche Fotos und Fallgeschichten illustrieren die fliessenden Grenzen zwischen der allgemein akzeptierten Norm und den als absonderlich oder gar pathologisch empfundenen Extremformen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reinhardt, München
  • Seitenzahl: 393
  • Erscheinungstermin: Juli 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 150mm x 25mm
  • Gewicht: 639g
  • ISBN-13: 9783497018475
  • ISBN-10: 3497018473
  • Artikelnr.: 20769795
Autorenporträt
PD Dr. Erich Kasten, Diplom-Psychologe, lehrt Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum in Magdeburg.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.02.2007

Das ist mein Fleisch
Gespaltene Zungen, durchbohrte Glieder, Tattoos als ewige Zeichen: Warum machen die Menschen das?
Alles Vorgefundene kränkt den Menschen, er will es ergreifen, umgestalten, verbessern: Darum tat Schülerin Helen, was sie tun musste und ist nun „extrem happy”, darum sieht sich ein Bäckergeselle auf dem besten Weg zum „Idealbild, das ich vor Augen habe”. Er ließ die Zunge sich spalten, außerdem zieren dreißig Piercings seinen Körper, „zehn bis fünfzehn kommen noch, zehn ganz sicher”. Schmuck und Ritual sei dergleichen für ihn. Als Helen sich ihr erstes Piercing stechen ließ, spürte sie einen Adrenalinrausch, ein „Highgefühl für den Rest der Woche”, das sie nicht mehr missen will.
Erich Kasten wagt ausführlich wie niemand zuvor einen Blick in Gegenwart und mögliche Zukunft eines körperpolitischen Paradigmenwechsels durch Tattoos und Piercings. Keineswegs ausgeschlossen sei, „dass es irgendwann Menschen geben wird, die sich ein zweites Paar Arme einpflanzen lassen oder ein gegengeschlechtliches Geschlechtsteil einoperieren lassen, um so zum künstlichen Zwitter zu werden.” Die „Body modification”, kurz: „BodMod”, hat das Körperinnere erreicht. Was an der Oberfläche begann, mit künstlichen Fingernägeln und Haarteilen oder dem Gang ins Sonnenstudio, richtet sich längst auf Intimbereich und Knochengerüst. Die gemeinsame Sehnsucht der meisten Körpertuner, benennt eine Schülerin, die sich mit der Rasierklinge „40 kurze, kleine Schnitte” zufügte, „alle auf dem Bauch”: „Als ich sie mir ansah, sahen sie irgendwie schön aus. Ich hatte etwas aus meinem erbärmlichen, unperfekten Körper gemacht.”
Barbie und die Dehnsichel
Die Stärke von Ernst Kastens enzyklopädisch weit angelegtem Buch sind solche Statements. Als „Dokumentenanalyse via Internetrecherche” will der Magdeburger Psychologe seine Arbeit verstanden wissen. Trotz des Hangs zur Selbststilisierung, trotz der im Einzelfall offenen Frage nach der Authentizität sind die Monologe aus den Foren und Chatrooms eine auch wissenschaftlich ergiebige Quelle. Schließlich geht den meisten Entscheidungen für eine körperverändernde Maßnahme eine Phase des Überlegens und Informierens voraus; und der Eingriff selbst ist Ausdruck eines großen Mitteilungsbedürfnisses. Der so und nicht anders, der willentlich geformte Körper ist ein selbstgeschaffenes Zeichen, ein Einspruch gegen die konventionalisierte Art des Kommunizierens. In ihrer Vieldeutigkeit stellen Tattoo, Piercing, Narben und Implantate ein Veto dar gegen die Vermutung, die Welt sei ein stabiles, einsichtiges Zeichensystem. Als Veto haben die „BodMods” Anteil an einer zweiten, diskursiv nicht zu bewältigenden Wirklichkeit: der Wirklichkeit des Fleisches.
Die alten Konzepte von Schönheit, Gesundheit, Perfektion stoßen damit an ihre Grenze. Schön kann aus der Perspektive der Betroffenen all das sein, was anzuschauen keinem empfindsamen Gemüt zu empfehlen ist. Das dokumentiert Kasten dutzendfach mit Fotos und Zeichnungen. Allein die Begriffe lassen das Grauen erahnen: Da gibt es die Dehnsichel und den Fleischtunnel, die Saline-Injektion und die Skarifizierung, da werden alle erdenklichen Körperteile durchbohrt, gestreckt, abgetrennt, geschnitten, genäht, gebrannt. So absonderlich manche Praktiken anmuten, Kasten hütet sich davor, sie als Krankheitssymptome zu deuten. Die Erfahrung zeigt, dass viele Eingriffsarten rasch von den Randbereichen in den Kern der Gesellschaft vordringen. An amerikanischen Colleges sind zwischen 50 und 80 Prozent der Jugendlichen gepierct, in Deutschland trägt jeder Fünfte ein Tattoo.
Warum aber weitet sich die Lust an der Körperveränderung stetig aus? Kasten spricht ironisch vom „Bund fürs Leben, den auch das Familiengericht nicht mehr lösen kann”, vermutet also die Sehnsucht nach Entschlusskraft und Verbindlichkeit als Motiv. Außerdem seien die meisten Eingriffe „Ausdruck eines Lebensgefühls, das geprägt ist von Lust, dem Reiz an der Provokation und der Ausformung einer neuen Ästhetik”. Quantitativ untermauert ist die These, wonach viele „BodMods” auf erhöhte Risikofreudigkeit und gesteigerte Impulsivität schließen lassen. Was aber ist von der neuen Ästhetik zu halten, die bereits heute besichtigt werden kann?
Diese Frage hat den belgischen Soziologen Lieven Vandekerckhove zu einem amüsanten Essay veranlasst. Am Beispiel der Tätowierung will er die „Genese von Schönheitsnormen im Allgemeinen” erkunden. Trotz des Aufstiegs des Tattoos zum „Kulturgut”, der ein Auszug ist aus dem Milieu der Matrosen und der Häftlinge, und obwohl es 1998 sogar eine tätowierte Barbie gab, wird es gesamtgesellschaftlich skeptisch gesehen – sagt Vandekerckhove und beruft sich auf Studien, wonach die Mehrzahl der Kunden von Tattoo-Studios auch heute den „weniger privilegierten Klassen” angehören. Wer „dauerhafte Zeichen” trägt, müsse damit rechnen, der Hässlichkeit bezichtigt zu werden. Weshalb?
Vandekerckhove zufolge ist die Gesellschaft und nur die Gesellschaft der Souverän der Ästhetik. Hässlich nenne man „partikulare Körpereigenschaften, die auf auffallende Weise die Autonomie des Körpers offenbaren.” Der Körper an sich sei nämlich ein „strittiges Gleichheitszeichen”, ein „großer Ausgleichsfaktor”, dessen nivellierende Kraft die Gesellschaft fürchte. Die Tätowierung diene ebenso wie etwa das Sterben oder der Geschlechtsakt als „Zeichen dafür, dass der Mensch einer physischen Gesetzmäßigkeit unterworfen ist”, dass letztlich also die Gemeinsamkeiten die Statusunterschiede überwiegen. Dieser Erkenntnis arbeite die Gesellschaft entgegen, indem sie Scham installiert, Geschmack modelliert, ästhetisch also die herrschende Moral verfestigt und so „die Wahrung ihrer Belange optimiert”. Der eigentliche Optimierer wäre demnach nicht das tätowierte Individuum, sondern die Gesellschaft.
Nicht ganz überzeugen kann die Homogenisierung so mannigfaltiger, durchaus diffuser Haltungen zur Gesellschaft als key actor. Es ist ein Unterschied, ob die von Vandekerckhove eingestandene Auffächerung des Schönheitsbegriffs zum Rosen-Tattoo auf dem Schulterblatt einer Aktrice führt oder zum unter einem Schuppenmuster ganz verborgenen Körper des Aktionskünstlers „Lizardman”. Weiterführend ist Vandekerckhoves Beobachtung, die Akzeptanz des Tattoos wachse in dem Maße, in dem es seine Absolutheit einbüße. Die „Aufhebung der Unumkehrbarkeit”, das temporäre Zeichen also, sei die „Grundvoraussetzung für eine kulturelle Ummodellierung”. Erich Kasten widerspräche ihm da, sieht er doch den Boom an die absolute Verbindlichkeit gekoppelt.
Glücksträger, Warenkörper
Andere Wege der Deutung beschreiten 16 deutsche Soziologen, die sich vom „body turn” eine Neubestimmung ihrer Disziplin erhoffen. Wenngleich Niklas Luhmann skeptisch war, ob die Gesellschaft „der große, human finalisierte Körper menschlichen Zusammenlebens” sei, so könnte eine „verkörperte Theorie des Sozialen” (Robert Gugutzer) dennoch sinnvoll sein: Rückt der eigene wie der fremde Körper ins Zentrum der Betrachtung, wird zum einen die Rolle des Forschers selbst problematisiert, der eben Subjekt wie Objekt der Erkenntnis ist. Zum anderen kann, Anke Abraham zufolge, der „Eigensinn des als Organismus gegebenen Körpers” dazu beitragen, Kreatürlichkeit und Verletzlichkeit systematisch in eine humanwissenschaftlich verstandene Soziologie zu integrieren. Auch in der Wissenschaft ginge der Mensch dann nicht mehr auf in dem, was ein Zahlengerüst auszusagen vermag.
Ernst Kasten deutet den Nachfrageüberschuss der körperverändernden Industrie als einen Indikator für wachsende Risikobereitschaft; in „body turn” schreibt hingegen Hannelore Bublitz: Gerade der neue, der optimierte Körper sei ein „Glücksträger” und so „Instrument einer Sicherheitsgesellschaft”, in der auch der Mensch ein „Warenkörper” sei unter vielen, getrieben vom merkantil befeuerten „Begehren nach ständiger optischer Kontrolle”. Das eben scheint das verbindende Element zu sein von „Lizardman” und ästhetischer Chirurgie: Wo die Gesellschaft sich teilt in ein Netz vielfach verschlungener, fremdbestimmter Risikomomente, ist die Versuchung groß, das frei gewählte und technisch bemeisterte Risiko für Individualität zu halten. Technik aber stärkt meist das Identische, selten das Eigene.
ALEXANDER KISSLER
ERICH KASTEN: Body-Modification. Psychologische und medizinische Aspekte von Piercing, Tattoo, Selbstverletzung. Ernst Reinhardt Verlag, München 2006. 394 Seiten, 29,90 Euro.
LIEVEN VANDEKERCKHOVE: Tätowierung. Zur Soziogenese von Schönheitsnormen. Aus dem Niederländischen von Jan Lanneau. Anabas Verlag, Frankfurt/Main 2006. 162 Seiten. 19,80 Euro.
ROBERT GUGUTZER (Hrsg.): body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. Transcript Verlag, Bielefeld 2006. 370 S., 20,80 Euro.
Der Welt den Rücken: Olli L., Maschinenbautechniker und Piercer, will mit seinen Tattoos „am Rande der Gesellschaft” stehen. Die großflächigen Muster sind ihm Zier und Zeichen. Olli L. ist einer der Tattoobegeisterten, die die Medizinerin Aglaja Stirn nach der Bedeutung ihrer Körpermale befragte. Zwanzig dieser „BodMods” hat sie gemeinsam mit dem Fotografen Oli Hege für die Ausstellung „Unter die Haut: Tattoo und Piercing in 20 Porträts” fotografiert. Sie ist bis zum 15. April im Museum für Kommunikation in Frankfurt zu sehen. Foto Museum
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

So eingehend wie Erich Kasten hat sich noch kein Autor den "körperpolitischen" Auswirkungen von Tätowierungen gewidmet, befindet Rezensent Alexander Kissler und glaubt, dass die Internet-Recherche, auf der die Untersuchung des Buches beruht, sich hier als veritable wissenschaftliche Quelle zeigt. Für Kasten sind die medizinisch-technischen Veränderungen des Körpers Ausdruck einer erhöhten Risikobereitschaft und Aufbegehren gegen die konventionellen Schönheitskonzepte, und er kann sich einiges an zukünftigen Körper-Modifikationen vorstellen, die jetzt fast undenkbar scheinen, erklärt der Rezensent. Interessant findet der Rezensent die Deutungen von Körper-Veränderungen als Wunsch nach "Verbindlichkeit". Die dem Band beigegebenen Fotos allerdings sind nichts für empfindliche Leser, warnt der Rezensent schaudernd.

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