Tagebücher und Aufzeichnungen - Varnhagen, Rahel Levin
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Zum ersten Mal vollständig ediert und kommentiert: die Denktagebücher RahelLevin Varnhagens.Rahel Levin Varnhagen, eine der großen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, setzte sich in ihren Korrespondenzen mit den dramatischen Umbrüchen ihrer Zeit zwischen Französischer Revolution, Wiener Kongress und Julirevolution, Restauration und Aufbruch auseinander. Sie lebte in einer Zeit, in der alle großen Fragen neu bedacht werden mussten. Als Briefeschreiberin hat sie durch die ersten drei Bände der Edition Rahel Levin Varnhagen ein lebhaftes Interesse geweckt. Dieser vierte Band versammelt nun…mehr

Produktbeschreibung
Zum ersten Mal vollständig ediert und kommentiert: die Denktagebücher RahelLevin Varnhagens.Rahel Levin Varnhagen, eine der großen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, setzte sich in ihren Korrespondenzen mit den dramatischen Umbrüchen ihrer Zeit zwischen Französischer Revolution, Wiener Kongress und Julirevolution, Restauration und Aufbruch auseinander. Sie lebte in einer Zeit, in der alle großen Fragen neu bedacht werden mussten. Als Briefeschreiberin hat sie durch die ersten drei Bände der Edition Rahel Levin Varnhagen ein lebhaftes Interesse geweckt. Dieser vierte Band versammelt nun ihre Tagebücher und Aufzeichnungen. In ihrem Nachlass fanden sich keine Journals, die Tag für Tag geführt wurden, sondern eher Denktagebücher, gefüllt mit aphoristischen Aufzeichnungen, Lektürenotizen, scharfen Beobachtungen des sozialen und politischen Lebens. Ein privates Archiv für Gedanken und Reflexionen, das nun zum ersten Mal vollständig und kommentiert veröffentlicht wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 1064
  • Erscheinungstermin: März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 156mm x 55mm
  • Gewicht: 1315g
  • ISBN-13: 9783835333154
  • ISBN-10: 3835333151
  • Artikelnr.: 52480801
Autorenporträt
Rahel Varnhagen, geboren 1771 als ältestes Kind des jüdischen Kaufmanns und Bankers Markus Levin, unterhielt einen der wichtigsten Salons und bildete ein geistiges Zentrum Berlins. Sie ließ sich 1814 protestantisch taufen und heiratete Karl August Varnhagen von Ense. Sie wohnte dem Wiener Kongress bei, zog 1816 nach Karlsruhe und 1819 wieder zurück nach Berlin. Sie starb hoch verehrt 1833.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.11.2019

Liest der Kerl denn für die Maurer?

Mehr Geist war zu ihrer Zeit kaum zu finden: Die Berliner Salonière Rahel Levin Varnhagen ist als funkelnde Aphoristikerin ganz neu zu entdecken.

Von Alexander Kosenina

Ein Ehedialog: Der Mann fragt seine Frau, warum sie so grimmig ausschaue. Sie entgegnet, sie sei eben nicht sanft gemacht. Darauf schlägt er ihr vor, sie umschmelzen und in eine neue Form gießen zu lassen. Was würde sie dann tun? Sie antwortet mit "komischer Keckheit": "Dann spritz ich aus der Pfanne!" Vertieft man sich in die jetzt erstmals vollständig aus den Handschriften edierten Tagebücher und Aufzeichnungen von Rahel Levin Varnhagen (1771 bis 1833), dann wird man die schlagfertige Replik gegenüber Karl August Varnhagen von Ense, der als ehelicher Eckermann diesen wie viele andere Aussprüche festhielt, für charakteristisch halten. Dafür sprechen mehr als sechshundert Seiten funkelnder Einfälle voller Esprit, Ironie und Dialektik.

Neben dem Gatten, den Rahel 1814 heiratete und sich dafür auch taufen ließ, notierten ihre mündlichen Äußerungen auch andere wichtige Gesprächspartner wie Alexander von der Marwitz oder Karl Gustav von Brinkmann, Verfasser eines umfangreichen, später gedruckten Kondolenz-Briefessays. Sie sind in der mustergültigen, mit allen Finessen moderner Editionsphilologie erstellten und mit vierhundert Seiten Kommentar versehenen Ausgabe ebenso enthalten wie sämtliche verfügbaren Tagebuchhefte und losen Blätter aus dem Krakauer Nachlass sowie eine Dokumentation von Anstreichungen und Randbemerkungen in Rahel Varnhagens Büchersammlung. Der Band enthält überwiegend Aphorismen; die Herausgeberin beziffert sie auf neunzig Prozent für die Tagebücher und achtzig Prozent für die losen Blätter.

Als Hannah Arendt 1959 ihre Rahel-Varnhagen-Biographie "Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik" publizierte, die kurz zuvor auf Englisch erschienen war, berichtete sie im Vorwort von dem vor ihrer Flucht 1933 noch genutzten Berliner Nachlass. Ein Vierteljahrhundert später in New York wusste sie nichts von dessen Nachkriegsverbleib, fügte ihrem Buch aber einen umfangreichen Anhang aus Rahels Briefen und Tagebuchaufzeichnungen bei, den sie aus Kopien und Exzerpten rekonstruierte. Damit wollte sie dem deutschen Publikum ein Stück "Geschichte und Physiognomie des deutschen Judentums" vermitteln. Diesem Ziel bringt uns die vollständige Nachlassausgabe - verbunden mit den Gesammelten Werken (1983) sowie den bereits vorliegenden Korrespondenzen mit Pauline Wiesel (1997), dem Bruder Ludwig Robert (2001) und der übrigen Familie (2009) - entschieden näher.

Auch wenn jüdische Themen nicht sehr häufig ausdrücklich vorkommen, wird schnell deutlich, dass diese Aufzeichnungen mit den pietistischen Ursprüngen des Tagebuchschreibens als offenbarendem Seelenbekenntnis nichts zu tun haben. Rahel Varnhagen folgt viel eher der Tradition von Lichtenbergs Sudelbüchern oder den französischen Moralisten - La Bruyère und La Rochefoucauld werden auch verschiedentlich zitiert. Damit geht sie, wie Ursula Isselstein in ihrem klugen Nachwort bemerkt, vom christlichen "Depositum der Geschäfte zum Depositum der Gedanken" über, sie schreibt "Denkblätter" und "Denktagebücher". Rahel Varnhagen liebt "jede Beute" des Geistes, wie sie ihrem Mann einmal schreibt, falls die Einsicht hinterher "das errungene Wissen in lebendigeren Zusammenhang" rückt. Wenn Sophie Mereau oder die Günderode mehr Herz als Kopf waren, dann verhält es sich bei ihr umgekehrt.

Es gibt fast nichts, was das nimmersatte Interesse und die ruhelose Aufmerksamkeit dieser Gedankenjägerin nicht fesseln konnte. Nur manchmal weist sie das allzu Akademische als unwesentlich zurück: Wenn August Wilhelm Schlegel in seiner Vorlesung über Kunst als "durch das Medium des Geistes verklärte Natur" philosophiert, notiert sie sich frech in ihr Heft: "Wer will das wißen?" Auch seine griechischen Säulenordnungen finden nicht ungeteilten Beifall: "Wozu dies Alles? Ich glaube der liest für Maurer." Vor allem die philosophischen Köpfe der Zeit nutzt sie als Wetzsteine ihres kritischen Verstandes: Kant kommt ihr vor, als "dächte er hinter den Worten", Maimon führt sie in bislang verstellte "Rumpelkammern" des Geistes, bei Fichtes Werken fragt sie sich, ob diese, wären sie von einer Frau verfasst, schlechter wären, mit Schleiermachers "dialektischem Geiste" würde sie sich gern "ein Nest aus Platons Stroh" machen, und Friedrich Schlegels Wort vom Historiker als rückwärts gekehrtem Propheten gefällt ihr, weil auch sie Geschichte als Gegenwart zu begreifen versucht.

"In der geringsten Stube ist ein Roman: wenn man nur die Herzen kennt", heißt es einmal. Die "bereits zur Prosa geordnete Wirklichkeit", die Hegel zum Kern des modernen Romans erklärt, lag überall vor ihren Füßen. Sie hat sie aber nicht aufgegriffen, um sie der Poesie des Herzens entgegenzustellen. Was wir jetzt haben, ist aber der Steinbruch dazu, der selbst ein großartiges Stück Literatur darstellt. Rahel Levin Varnhagen zeigt sich darin viel kantiger, kompromissloser und kritischer, als man es bisher angenommen hat.

Rahel Levin Varnhagen: "Tagebücher und Aufzeichnungen". Hrsg. von Ursula Isselstein.

Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 1064 S., 16 Abb., geb., 98,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.01.2020

Ideenparadiese
Rahel Varnhagens
Tagebücher und Aufzeichnungen
Dass im Schlafzimmer Rahel Levin Varnhagens nicht das Bild des großen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn hing, wie der Gast vermutete, sondern ein Porträt des jungen Wilhelm von Burgsdorff, eines ihrer Freunde, ist mehr als eine bloße Begebenheit aus dem Jahr 1816. Kunstvoll baut Rahel Varnhagen die kleine Geschichte auf. Sie habe schon lange den Herzog von Weimar, „Goethens Herzog“, kennenlernen wollen. Doch erst 1806 habe sich ein erstes Treffen ergeben. Bei den weiteren Besuchen sei der Weimarer Herzog immer ein wenig verlegen gewesen, habe er doch um ihre guten Verbindungen zu Goethe gewusst. Und dann lässt die 1771 in Berlin Geborene, die sich protestantisch taufen ließ, als sie 1814 den 14 Jahre jüngeren Karl August Varnhagen heiratete, ihre Skizze in einem „Schrei“ des Herzogs kulminieren: „das ist wohl der Mendelssohn!“. Er war es nicht. Das Burgsdorff-Porträt war übrigens eine frühe Arbeit von Ludwig Tieck, setzt die Autorin nüchtern hinzu.
Wer bislang nur der Gründerin zweier berühmter Berliner Salons, der Freundin der Humboldts, der Schlegels, eben Tiecks und vieler anderer Berühmtheiten begegnet ist, nicht aber der eigensinnigen Denkerin Rahel Levin Varnhagen, der kann das jetzt nachholen. Die von Ursula Isselstein herausgegebenen „Tagebücher und Aufzeichnungen“ belegen eindrücklich, welch genaue, vielseitige Beobachterin, Leserin und vor allem Analytikerin Varnhagen war. Natürlich liest sie die Prominenz der Zeit, also neben Goethe, Kant, Fichte und nicht zuletzt jene halb oder ganz vergessenen Autorinnen und Autoren, die gerne unter dem Rubrum „französische Moralisten“ zusammenpfercht werden. Dass sie aus nahezu jeder Begegnung oder Lektüre einen Funken zu schlagen weiß, dass sie Lebensklugheit, Ironie und Reflexionen in den Begriffen des deutschen Idealismus scheinbar mühelos arrangiert, auch das lässt sich in diesen Tagebüchern und Aufzeichnungen nachvollziehen.
Varnhagen stellt Stilanalysen an, prüft Sekundärliteratur, gleicht sie mit eigenen Überlegungen ab. Bemerkenswert ist ihre Unabhängigkeit im Urteil. Persönliche Nähe ist kein Kriterium, einen Text gut oder schlecht zu finden. All das entfaltet sich in „Denkbüchern“, die man in Anknüpfung an den bedeutenden Germanisten Gerhard Neumann als Antwortversuch auf eine sich rasend schnell ausdifferenzierende Welt verstehen könnte. „Ideenparadiese“ eben. Ursula Isselstein hat mit ihrem buchlangen Kommentar und einem klugen Nachwort ein eigenes Werk geschaffen. Unaufdringlich harrt im zweiten Teil des Buches eine so umfassende wie angenehme Gelehrtheit ihrer Entdeckung. Sie lenkt auf ganz feine und präzise Art die hoffentlich vielen Leser dieser Wunderkammer mit ungeheurer Kenntnis und Liebe zum Gegenstand. Ihr Kommentar stößt die Tür weit auf und gibt den Blick frei etwa auf die großartigen Briefbände der Rahel Levin Varnhagen.
THOMAS MEYER
Rahel Levin Varnhagen: Tagebücher und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Ursula Isselstein. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 1064 S., 98 Euro.
Sie war eine sehr genaue
Beobachterin, Leserin und
vor allem Analytikerin
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»(Isselstein) lenkt auf ganz feine und präzise Art die hoffentlich vielen Leser dieser Wunderkammer mit ungeheurer Kenntnis und Liebe zum Gegenstand.« (Thomas Meyer, Süddeutsche Zeitung, 13.01.2020) »Die Berliner Salonière Rahel Levin Varnhagen ist als funkelnde Aphoristikerin ganz neu zu entdecken.« (Alexander Kosenina, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2019) »ein Wunderwerk der Philologie und ein belebendes Vergnügen auch der psychologischen Art« (Elke Schmitter, Der SPIEGEL, 25.05.2019) »ein durch und durch offenes Schreiben, romantisch fragmentarisch, brüchig, zwischen Idealen und traumwandlerisch einnehmenden Passagen« (Volkmar Mühleis, Deutschlandfunk Büchermarkt, 28.04.2019) »Eine großartige geistesprickelnde Immer-wieder-Lektüre sind ihre eminent editierten Tagebücher (mit 300 Seiten klugem Kommentar).« (Alexander Kluy, wina - das jüdische Stadtmagazin, Mai 2019) »Dieses Buch ist ein großartiges Dokument eines Denkens, das in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitend ist, das zwischen den Genres springt und zwischen den Sprachen.« (Jan Kuhlbrodt, signaturen-magazin.de, August 2019) »ein großartiges Stück Literatur (...) - modern in der Bruchstückhaftigkeit, prägnant in der Kürze, kunstvoll in der gedanklichen Wendigkeit.« (Alexander Kosenina , Zeitschrift für Germanistik, 02/2020) »Ursula Isselstein hat einen Schatz gehoben, dessen Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.« (Wolfgang Bunzel, Germanistik, 61/2020)