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Besprechung von 29.12.2009
Hilfe! Ein Mann liebt meinen Mann
Andrew Sean Greers amerikanische Ehedreiecksgeschichte

Was auch immer der amerikanische Schriftsteller Andrew Sean Greer, ein Generationsgenosse von Jonathan Safran Foer, Colson Whitehead und Jonathan Lethem, von seiner Großmutter geerbt haben mag: Es war nicht ihre Verschwiegenheit. Greers Großvater hatte in den fünfziger Jahren eine Affäre. Und zwar mit einem Mann. Nein, man redete damals nicht darüber; man hatte seine Ehe zu führen und seine Ehre zu retten und zusammenzuhalten gegen Landesverräter, Atommächte sowie die Zumutungen der Nachkriegsjahre. Mehr gebe es nicht zu sagen, meinte Großmutter Greer. Diese Meinung teilte ihr beredsamerer Enkel Andrew nicht - und hat aus der Geschichte einen Roman gemacht.

Ein literarisch nicht ganz unheikles Unterfangen, denkt man an seine Vorbilder, an das auch verfilmte Drama "Brokeback Mountain" von Annie Proulx, das die Liebesgeschichte zweier Cowboys schildert. Oder an Julianne Moore, die in "Dem Himmel so fern" die Ehefrau eines Homosexuellen spielt und sich in ihrer Fünfziger-Jahre-Einsamkeit mit dem Gärtner anfreundet, einem Schwarzen - mithin noch so ein Ding der Unmöglichkeit, das nicht gut endet und später in Schweigen gehüllt in die Gruft der Erinnerung sinkt. Über all diesen Erzählungen steht und stockt die Zeit, die nicht reif ist für ihre Erscheinungen und ihre Helden deshalb so schändlich im Stich lässt.

Von Passivität und grassierender Sprachlosigkeit handelt Greers dritter, in der englischsprachigen Kritik diesmal insgesamt eher mäßig freundlich aufgenommener Roman. Warf man dem Neununddreißigjährigen bislang seinen Hang zu moschusduftiger Kunstsprachlichkeit vor, muss Greer sich nun das Gegenteil sagen lassen. Immer noch der sichere und ein wenig altkluge Stilist, als der er sich zuletzt in "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" zu erkennen gab, setzt Greer in der "Geschichte einer Ehe" auf eine extreme sprachliche Zurückgenommenheit.

Die Geschichte vom Krebsgang des als Greis geborenen Jungen und als Säugling sterbenden Greises Max Tivoli begann mit dem nach Bestätigung heischenden Satz: "Jeder von uns ist die Liebe im Leben eines anderen." Aus der "Geschichte einer Ehe" raunt es jetzt eher sentenziös: "Wir glauben, die zu kennen, die wir lieben." Dahinter die Leerstelle, ein imaginäres "Punkt, Punkt, Punkt".

Pearlie und Holland Cook sind ein merkwürdiges Paar. Aus Kentucky hat es die ehemaligen Jugendliebhaber nach San Francisco verschlagen, wo sie sich nach dem Krieg zufällig wiederbegegnen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn und führen ein bescheidenes Leben in Sunset, einem Vorort von San Francisco, dem einzigen, von dem es immer hieß, er werde einem Atomangriff auf die große Schwesterstadt standhalten. Eine Gegend, in der rechtschaffene Familien kleine Festungen an die Pazifikküste bauen, kein Schwarzengetto, sondern ein Ort der Assimilation und der Hoffnung für eine schwarze Mittelschichtfamilie mit, wie sich herausstellen wird, mehrfach belasteter Vergangenheit.

Eines Tages bekommen die Cooks Besuch von einem elegant gekleideten Weißen. Charles, genannt Buzz Drumer, erzählt, er habe sich nach einem klinischen Experiment für Kriegsdienstverweigerer das Krankenzimmer mit Holland geteilt. Bald wird klar: Hier geht es nicht um eine Veteranenfreundschaft. Buzz Drumer ist nach Sunset gekommen, um Holland Cook den Köder der Liebe unter die Nase zu halten, um seinen ehemaligen Geliebten zurückzukaufen mit Geld für dessen Familie und den dazugehörenden Träumen von einer besseren Zukunft.

Im Laufe des Romans entspinnt sich eine prekäre Dreiecksbeziehung, deren Spitzen und Tiefen Greer mit einer lyrisierenden Prosa kunstvoll umzirkelt, ohne die Dinge dabei je ganz beim Namen zu nennen. Tatsächlich gelingt es ihm mit diesem Trick, die Sprachlosigkeit einer Generation einzufangen, die sich jede in heutigen Beziehungsfragen übliche Selbstanamnese verbieten musste, damit auf vieles verzichtete, manches aushielt und auch einiges zu retten vermochte.

Doch so nachvollziehbar die Wahl dieses literarischen Mittels ist, so frustrierend wirkt es in seiner analytischen Scheinschärfe. Der Romanstoff ist kaum zu bewältigen auf 250 Seiten. Es geht um Homosexualität, Kommunistenhetze, Rassismus und Landesverrat. Im Buch finden sich Spurenelemente eines Familienromans, eines Thrillers, politischer Memoiren und einer philosophischen Meditation. Greer hat die Aussparung zum ästhetischen Programm erhoben. Er will zu viel und verrät zu wenig. Das Narrative tritt hinter das Allusive. Damit schafft man anregende Bilder, vernachlässigt jedoch ihre Verbindungslinien. Was hält die Ehe der Cooks eigentlich bis zum Schluss am Leben? Was denkt oder fühlt der doppelt begehrte Familienvater? "Er war ein Nebel, der sich nicht wandeln kann, weil er von vornherein keine feste Form hat. Holland hatte es sich so sehr zur Gewohnheit gemacht, alles zu sein, es allen recht zu machen." Es liegt nah, diesen Satz auch programmatisch zu lesen.

Gern hätte man mehr gelernt über die Rosenberg-Hinrichtung, die unter dem Kommunistenjäger McCarthy wegen angeblicher Atomspionage vollstreckt wurde. Oder über die Anfänge der kalifornischen Schwulenbewegung, die Pearlie Cook bei einem nächtlichen Ausflug zur legendären Black Cat Bar nur als diffusen "change" wahrnimmt, ohne sagen zu können, was genau das in ihrem eigenen Leben verändern könnte. In diesem Buch steckt der Stoff zu einer great American novel. Greer begnügt sich damit, dies unermüdlich anzudeuten. Geschrieben hat er sie nicht.

KATHARINA TEUTSCH

Andrew Sean Greer: "Geschichte einer Ehe". Roman. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 256 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 24.04.2010
Mit schmerzhaftem Licht
Andrew Sean Greers erzählt von einer verdrehten Ehe
„Tu’s nicht! Heirate ihn nicht!” Die Tanten hatten Pearlie Cook noch gewarnt. Holland, ihr Liebster, sei anfällig, leide an einem verdrehten Herzen, man könne dagegen nichts tun. Die junge Frau deutet das in einem physiologischen Sinne als angeborenen Herzfehler und entwickelt ein raffiniertes System, eben jenes Organ zu schonen. Das Telefon schnurrt fortan nur noch, die Türglocke summt kaum hörbar, ja Pearlie entfernt mit einer Schere sogar Nachrichten aus der Zeitung, die ihr zu brutal vorkommen. Doch eines Tages steht ein Fremder vor der Tür – und Pearlie begreift, dass das „verdrehte Herz” ihres Mannes anderes bedeutet.
Der amerikanische Autor Andrew Sean Greer, 1970 in Washington geboren, ist ein Liebhaber falscher Fährten. Stets aufs Neue versucht er seine Leser auf Erzählpfade zu locken, die das entscheidende Ereignis versteckt halten. Die junge Pearlie muss an jenem Morgen erfahren, dass ihr Mann einen Geliebten hatte. Später wird sie sich auf eine Intrige einlassen, die für den Außenstehenden zunächst undurchschaubar ist. Und erst nachdem Greer seitenlang von den Rassenkonflikten in den USA der Nachkriegszeit erzählt hat, verrät er dem Leser, dass Pearlie, die Erzählerin in diesem Roman, selbst eine Schwarze ist. Das alles könnte jene schöne Wirkung haben, die Pearlie einmal in einem Anfall von Panik erlebt: „Es war, als risse jemand in einem verdunkelten Raum die Vorhänge beiseite und blendete mit schmerzhaftem Licht”. Doch Greer arbeitet nicht nur mit zu groben Kontrasten – er setzt seine Verschleierungstechnik auch so oft ein, dass sie den Leser schnell zu langweilen beginnt.
Die Art, wie Pearlie die Geschichte ihrer Ehe erzählen will, hat durchaus ihren Reiz. Gleich auf den ersten Seiten skizziert sie eine Methode, den Blick auf all das zu richten, was diese Ehe umgibt, „die vielen verborgenen Geschichten, die ungesehenen Teile, bis sie sich irgendwo in der Mitte endlich zeigt – rotierend wie ein dunkler Stern”. Zu diesen ungesehenen Teilen gehört das umständliche Kennenlernen der Cooks, die Atmosphäre ihres Lebens in San Francisco, aber auch die merkwürdige Art von Bewunderung, mit der Pearlie ihrem Mann begegnet: „Selbst wie er die Zigarette hielt oder wie er sich bückte, um einen Schnürsenkel zu binden, war von einer solchen männlichen Anmut, dass man sich wünschte, zeichnen zu können”. Die vermeintliche Eheidylle zerbricht, als eines Morgens Buzz Drumer auftaucht und seine Ansprüche gegenüber Holland geltend macht, ja den einstigen Liebhaber regelrecht kaufen will.
Greer erzählt seine Geschichte keineswegs zeitlos. Schon in seinen ersten beiden Romanen hat er versucht, die Erlebnisse der Figuren mit der Historie zu verknüpfen. Ist es in „Die Nacht des Lichts” die Zeit zwischen 1960 und 1990, die er vor dem Leser ausbreitet, so in „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli” das Kalifornien um 1900. In seinem neuen Roman nun zeigt er eine Welt, in der die Angst vor Atomwaffen allgegenwärtig ist und in der die Verwaltungen der Veteranenfriedhöfe sich weigern, schwarze Soldaten zu bestatten.
Die verborgenen Geschichten in den Zwischenräumen der Zeitläufte aufzuspüren – das hätte ein anspruchsvolles Buch werden können. Doch Andrew Sean Greer verfügt weder über die Sprache noch über das historische Feingefühl, das für dieses Unterfangen nötig gewesen wäre. So wie er Pearlie immer wieder zu Sentenzen greifen lässt, werden auch die geschichtlichen Szenen fast durchwegs in Klischees erzählt. Die Nachkriegszeit? Nichts als „Jahre des Grauens”. Die USA? Ein vom Dichter besungenes tragisches Land. „Die Menschen haben von den Fünfzigern eine ganz bestimmte Vorstellung”, beschwert Pearlie sich einmal. Das ist, traurigerweise, auch eine Selbstbeschreibung. NICO BLEUTGE
ANDREW SEAN GREER: Geschichte einer Ehe. Roman. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 256 Seiten, 19,95 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Unzufrieden hat dieses Buch Antje Korsmeier zurückgelassen, das ihren Informationen zufolge die Geschichte einer Ehe erzählt, in der ein Mann einer Frau ihren Mann abkaufen will. Zwar sei der Plot reizvoll, gelängen dem Autor einige Überraschungseffekte. Insgesamt allerdings findet er das Buch überfrachtet mit ambitionierten Nebensträngen, dessen Haupthandlung aus seiner Sicht zudem mit Plausibilitätsproblemen kämpft. Denn so recht plastisch wird der Kritikerin nicht, wie nun das Ehepaar mit den Folgen dieses Angebots verfährt, zumal Autor Andrew Sean Greer den verkauften Ehemann auch noch der Tochter seines Vorgesetzten verfallen lässt, wie Korsmeier schreibt. Das findet die Kritikerin nun vollkommen abwegig konstruiert. Dennoch bleiben bei ihr einige eindringliche Fragen, die der Roman stellt, hängen.

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