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"Alle, die mich geliebt und bis zur letzten Minute genervt haben, sind fort. Zuerst wollte ich abhauen, sobald ich die Alte geküßt hatte - Laura mochte mir nicht einmal die Hand geben -, aber dann beschloß ich, auf die Aussichtsterrasse zu gehen und bis zum Schluß zu bleiben. Das Flugzeug setzte sich träge in Bewegung und röhrte über die Piste; danach verlor es sich leise in der Luft."
So beginnt der wohl ungewöhnlichste Roman aus Kuba nach der Revolution: als Selbstbehauptung radikaler Einsamkeit. Der Erzähler Sergio ist nach Castros Sieg im Land geblieben, obwohl das Möbelgeschäft seiner
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Produktbeschreibung
"Alle, die mich geliebt und bis zur letzten Minute genervt haben, sind fort. Zuerst wollte ich abhauen, sobald ich die Alte geküßt hatte - Laura mochte mir nicht einmal die Hand geben -, aber dann beschloß ich, auf die Aussichtsterrasse zu gehen und bis zum Schluß zu bleiben. Das Flugzeug setzte sich träge in Bewegung und röhrte über die Piste; danach verlor es sich leise in der Luft."

So beginnt der wohl ungewöhnlichste Roman aus Kuba nach der Revolution: als Selbstbehauptung radikaler Einsamkeit. Der Erzähler Sergio ist nach Castros Sieg im Land geblieben, obwohl das Möbelgeschäft seiner Eltern enteignet wurde und die gesamte Familie die Insel in Richtung USA verlassen hat. Mit den Augen des Fremdgewordenen registriert er die Veränderungen bei sich und den anderen, und wie am lebenden Objekt seziert er seine Frauenbeziehungen. Edmundo Desnoes gelingt in diesen nur halbfiktiven Aufzeichnungen das Unerhörte: Ambivalenz, wo Standpunkt gefordert wird.
  • Produktdetails
  • Bibliothek Suhrkamp Bd.1435
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 153
  • Erscheinungstermin: 16. Oktober 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 115mm x 17mm
  • Gewicht: 210g
  • ISBN-13: 9783518224359
  • ISBN-10: 3518224352
  • Artikelnr.: 23865285
Autorenporträt
Desnoes, Edmundo
Edmundo Desnoes, 1930 in Havanna geboren, arbeitete als Schriftsteller und Redakteur auf Kuba, bis er 1979 in die USA emigrierte. Heute lebt er in New York. Sein Roman Memorias del subdesarrollo wurde 1968 von Tomás Gutiérrez Alea verfilmt.

Haefs, Gisbert
Gisbert Haefs, 1950 in Wachtendonk am Niederrhein geboren, lebt als freier Autor und Übersetzer in Bonn. Er übersetzte u.a. Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Mark Twain und Jorge Luis Borges. Als Autor wurde er nicht nur durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen Bonner Privatdetektiv Baltasar Matzbach berühmt, sondern auch durch seine farbenprächtigen historischen Romane Hannibal, Alexander und Troja, die allesamt Bestseller waren.
Rezensionen
Besprechung von 22.01.2009
Das milde Klima und der Ernst der Revolution
Edmundo Desnoes’ Roman „Erinnerungen an die Unterentwicklung” erzählt von Castros Kuba
Ein Pokerface? Der neununddreißigjährige Held und Ich-Erzähler in Edmundo Desnoes’ Roman „Erinnerungen an die Unterentwicklung” trägt eine unbewegte Miene zur Schau, als gingen ihn die Umwälzungen nichts weiter an. Dabei bricht im Spätsommer 1962 kurz nach der kubanischen Revolution so ziemlich alles in sich zusammen, was vorher seine Existenz ausmachte. Der Familienbesitz wird beschlagnahmt, das elterliche Möbelgeschäft enteignet, sein Vater, seine Mutter und seine Ehefrau Laura gehen ins Exil nach New York. Er bleibt allein zurück, klemmt sich hinter seine Schreibmaschine und erforscht den neuen Daseinszustand. Ein „Luxustierchen” sei Laura gewesen, lässt er verlauten, „und ich bin ein ziemlicher Arsch”.
In einem schroffen, schnoddrigen Tonfall mit selbstironischer Macho-Gebärde nimmt der neu geborene Freizeitschriftsteller sein kubanisches Leben ins Visier. Er zählt die zurückgelassenen Lippenstifte seiner Frau (achtzehn Stück!), schneidet sich die Zehennägel, streift durch Havanna und fängt aus Langeweile mit einem Mädchen eine Liebschaft an, die ihn schließlich in den Knast bringt, weil seine Gespielin noch minderjährig ist. Der glücklose Müßiggänger entgeht knapp einer Verurteilung und landet kurz nach seiner Entlassung wieder im Bett, dieses Mal mit seiner Haushaltshilfe.
Aber just in diesem Moment wird er abgelenkt: Es ist der Tag der Kubakrise, und im Rundfunk droht Kennedy mit Krieg. „Erinnerungen an die Unterentwicklung” endet mit drei von dem Helden verfassten Kurzgeschichten, auf die im Verlauf des Romans bereits angespielt wurde – wunderbare Miniaturen, die man als metaphorische Verdichtungen der kubanischen Revolution deuten kann. „Ich bin ein Träumer, und ich bin unterentwickelt; das Schlimme daran ist, dass ich es weiß”, erklärt Edmundo Desnoes’ Alter Ego schlecht gelaunt. „Das Klima ist sehr mild, es verlangt wenig vom Individuum. Jeder Kubaner verwendet sein ganzes Talent darauf, sich dem Moment anzupassen. Dem Anschein.” In Kuba ertrage man nicht viel, ohne in Gelächter auszubrechen. Passt das zum Ernst der Revolution?
Desnoes, 1930 in Kuba geboren, 1979 in die USA emigriert und als Journalist zunächst aktiv an den Umbrüchen nach der Revolution beteiligt, verarbeitet autobiographische Erfahrungen und legt den schmalen Roman nach dem Muster eines Tagebuchs an. Das Ergebnis ist ein großartiges Zeugnis des inneren Zustands seines Landes. Im Zentrum steht eine Erfahrung von Mehrdeutigkeit – das fällt inmitten der politisch eindeutig positionierten Literatur jener Zeit ins Auge. Desnoes’ Held schwankt nämlich zwischen extremen Stimmungslagen: Mal überwiegt ein Gefühl der Befreiung und der Teilhabe am tatsächlichen Leben, mal beherrschen ihn Empfindungen von Ungenügen und Depression. Für intellektuelle Energien scheint es gar keinen Raum zu geben, durch die Revolution fühlt er sich seinem Land entfremdet. Auf einmal ist man eingesperrt in Kuba, die internationalen Anbindungen sind gekappt, Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr verfügbar, Reisen unmöglich: „Ich habe keine Zukunft; die Zukunft plant der Staat”, beschreibt er seine Lähmung.
Uneindeutiges Leben
Berühmter als der Roman wurde 1968 die suggestive Filmfassung von Tomás Gutiérrez Alea; es war eines der ersten international beachteten Produkte aus dem kubanischen Filminstitut ICAIC in Havanna. Man hatte über dem Film den ästhetischen Wert der literarischen Vorlage bald vergessen – trotz lobender Besprechungen der ersten, leicht gekürzten englischen Übersetzung von 1967. Bereits 1965 im Original erschienen, bricht Desnoes in „Erinnerungen an die Unterentwicklung” mit den erzählerischen Prinzipien des sozialistischen Realismus, schwelgt auch nicht in den Phantasiewelten des magischen Realismus, sondern leuchtet stattdessen das Innenleben seiner Hauptfigur aus.
Wie der Schriftsteller im Nachwort erklärt, ist der Titel „Memorias del subdesarrollo” von Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch” inspiriert, das auf Spanisch „Memorias del subsuelo” heißt. Atmosphärisch ist eine Nähe zu Camus’ „Der Fremde” spürbar, wobei Desnoes mit dem moralischen Rigorismus der Existentialisten nichts am Hut hatte. Ein bisschen fühlt man sich an frühe Erzählungen von Juan Carlos Onetti erinnert. Als Desnoes Roman 1965 herauskam, warf man dem Verfasser in Kuba „bürgerlichen Idealismus” vor, aber seine literarische Intensität bezieht der Roman gerade aus dem schwer greifbaren Unbehagen des Helden. Das Uneindeutige ist eben auch an der Revolution das Spannende. MAIKE ALBATH
EDMUNDO DESNOES: Erinnerungen an die Unterentwicklung. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Gisbert Haefs. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 154 Seiten, 13,80 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Grandios findet Maike Albath diesen Roman von Edmundo Desnoes, in dem ein unentschlossener Ich-Erzähler die kubanische Revolution und die Kubakrise zwischen Befreiung und Depression erlebt. Bereits 1965 im Original erschienen, wurde die Wirkung des Buches trotz positiver Reaktionen  - allerdings bezichtigte man ihn in Kuba des "bürgerlichen Idealismus" - durch die Verfilmung von 1968 durch Tomas Gutierrez Alea überdeckt, meint die Rezensentin. Besonders beeindruckt hat Albath, dass der kubanische Autor, der 1970 ins amerikanische Exil ging, in seinem autobiografisch getönten Roman weder Zuflucht im Magischen noch im Sozialistischen Realismus sucht, sondern sich faszinierend auf die Darstellung des höchst ambivalenten Innenlebens seiner Hauptfigur konzentriert. Und die Ambivalenz sei es doch gerade, was sowohl in der Literatur als auch in der Revolution fessle, so die Rezensentin gebannt.

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