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Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte.
Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.…mehr

Produktbeschreibung
Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte.

Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.
  • Produktdetails
  • btb Bd.73423
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 672
  • Erscheinungstermin: März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 120mm x 45mm
  • Gewicht: 548g
  • ISBN-13: 9783442734238
  • ISBN-10: 3442734231
  • Artikelnr.: 14114943
Autorenporträt
Proulx, Annie
Annie Proulx, 1935 in Connecticut geboren, lebt heute in der Nähe von Seattle. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award, sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Außerdem wurde sie in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte »Brokeback Mountain« wurde 2005 mit drei Oscars ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 25.03.1997
Langer Balg mit viel Quetsch
Hundert Jahre Drücken und Ziehen: E. Annie Proulx spielt Akkordeon / Von Harald Jähner

Es ist das Instrument der Schiffer und Emigranten. Klein, aber von ausladender Klangfülle, in den Grundschritten leicht zu erlernen und mit innigem Saugen und Pressen zum Tönen zu bringen, ist das Akkordeon das Instrument der Sehnsucht schlechthin. In diesem Fall ist es grün, ziemlich klein, "aber mit einem schönen langen Balg, viel Quetsch drin". Es ist mit seinem italienischen Erbauer gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nach Amerika gekommen, wo es nun von einem armen Teufel zum anderen gelangt, ihnen allen zur musikalischen Klageführung dienend, zum Ablassen von Wut, zum Geldverdienen, zum Vertreib von Zeit und übler Laune.

Mit dem "grünen Akkordeon" hat die Pulitzer-Preisträgerin E. Annie Proulx wieder einen Bestseller auf die Präsentiertische der Buchhandlungen gelegt, dem die Kunde vorauseilt, sogar noch besser zu sein als der vorangegangene. Hatte mit den "Schiffsmeldungen" das umsatzstarke Fräulein Smilla aus Dänemark heftige Konkurrenz und in der Hauptfigur Quoyle einen potentiellen Ehemann gefunden, so gibt der Nachfolgeroman Gelegenheit, gleich mehrere Dutzend Lebensläufe in einer Intensität verglühen zu sehen, als hätte man sie alle selbst durchgestanden. Was beim Film längst toleriert, im Roman aber noch der Trivialität verdächtigt wird, weiß E. Annie Proulx gekonnt einzusetzen und zugleich zu verstecken: die spekulative Dramaturgie der Effekte, das Steigern von Kontrasten und Widersprüchen, bis es im Herz des Lesers leise knackst und er restlos gepackt ist.

Nachdem der italienische Akkordeonbauer von einem aufgebrachten Lynchmob erschlagen wurde, gelangt sein grünes Akkordeon auf verschlungenen Wegen durch den Text. Es wird geraubt, verkauft, versetzt, verloren, vererbt, verschenkt, aufgegeben, ins Spülwasser getaucht und anschließend auf den Müll geworfen. Müllmänner holen es aus der Tonne, mißbrauchen das mürb gespielte Instrument als Furz- und Lachsack, bevor es aus dem fahrenden Auto geworfen und für immer kompostiert wird. Ein Jahrhundert ist dahingegangen, das Akkordeon hat die ethnische Palette durchwandert, aus der die Vereinigten Staaten gemixt sind. Auf seinen Knöpfen versuchen sich Deutsche, Mexikaner, Franzosen, Polen, Basken, Skandinavier und Nachkommen von Afrikanern - Amerikaner sie alle, und doch so verschieden wie die Musikstile, die sie aus dem Ding herausquetschen. Die Deutschen spielen "Auf der Alm, da steht 'ne Kuh", die Mexikaner Tex-Mex, Louisiana ist wie Quebec erfüllt vom Cajun und den Gigues und Musettes aus Paris. Gegen die "polnische Polka-Konkurrenz" in Chicago trumpft der abermals emigrierte Tango auf, während der baskische Schäfer in den Bergen von Montana aus dem greisen Instrument "die Akkorde und wahnsinnigen Töne" der Einsamkeit von den kalten Felsen widerhallen läßt.

Der Roman ist voller traditioneller Musiken, umspült von Country, Hillbilly, Blues und Rock 'n' Roll. "Wir machen viel auf ethnisch", meint ein italienischer Kapellmeister: "Hochzeiten, Geburtstagsfeiern. Da wollen die Leute nichts Amerikanisches hören." Im Aufeinanderprallen der Volksmusiken entwickelt der amerikanische melting pot seine größte Hitze. Eloquenter als im mühsam angeeigneten Englisch oder der fast schon verlernten Herkunftssprache drücken sie Stolz und Heimweh aus, Arroganz und Haß. Rassismus und Ethnozentrismus ziehen sich durch den ganzen Roman; aus Karl Messermann wird Charlie Sharp, aber immer wieder schlägt die Sehnsucht, als Amerikaner akzeptiert zu werden, in den Affekt um, den Nachbarn auf seine Herkunft festzunageln.

Vielleicht emigrieren Musiker schneller als andere, vielleicht macht die Emigration Menschen verstärkt zu Musikern - Amerika, so macht dieses Buch deutlich, steckt voller importierter Melodien, voller weitgereister Rhythmen, die unterwegs ins Stolpern kamen, sich um eine Synkope verschrägten und mit jener Kraft aufluden, dank der die amerikanische Musik jetzt die Welt beherrscht, aus der sie einst kam.

Wie schon bei den "Schiffsmeldungen", die in die Kunst der Seemannsknoten einführte, ist es E. Annie Proulx auch mit ihrem Bestiarium von Akkordeonspielern gelungen, in die Tiefe eines Milieus vorzudringen, die sonst nur echter Kennerschaft vorbehalten ist. Wie in einer "Sendung mit der Maus" für Erwachsene lernt man Bau, Spielweise und Besonderheiten der unterschiedlichen Instrumente kennen, Feinheiten der Pflege und Reparatur, Glaubenskonflikte hinsichtlich Design und Klang. Einem Habicht gleich, schwebt die Autorin auf der Suche nach Musikanten über Kontinent und Jahrhundert. Hat sie ihre literarische Brennweite blitzschnell auf einen Akkordeonisten scharfeingestellt, gelingt es ihr, in den oft berückend genauen Details Grundprobleme des Säkulums mitschwingen zu lassen. Ihr Verbrauch an Lebenszeit ist enorm; so stillt sie den aktuellen Bedarf des Buchmarktes nach biographischer Erzählung gleich dutzendweise.

Nicht nur die zahlreichen Hauptfiguren werden ausgezählt, auch den Randgestalten gilt noch ein Ausblick auf ihr bitteres Ableben. Der eine verbrüht sich beim Besichtigen von Geysiren, andere erhängen sich mit der Sägekette, fallen vom Karussell, werden von Klapperschlangen und Spinnen zu Tode gebracht, durch einen Kurzschluß in der Wurmsonde getötet, von einem "Cadillac mit elektrischem Anlasser" überfahren, in der Wüste ausgesetzt, von heruntersegelnden Blechplatten erschlagen. Letzteres Opfer hört noch, während die Blutfontänen aus den Armstümpfen schießen, "das feuchte Aufplatschen ihrer Unterarme an der Stallwand". Fürwahr, Annie Proulx hat Sinn für Details. Sie weiß ihrem Leser zu vermitteln, daß sich das Leben eigentlich nicht in der vermeintlichen Distanz des Zeitungs- oder Buchlesens abspielt, sondern mit der Nase ziemlich nah an der Schleifmaschine.

Zwischen den Toden wird Akkordeon gespielt, das grüne Ding ist ja die Hauptfigur des Romans. Dieses sogar etwas lächerliche Instrument ist kein schlichter Gegenstand, sondern von vertrackter Magie. Wem es zufällt, dem wird es zum Schicksal. Erst stachelt es nur den Ehrgeiz auf, kreiert Maßstäbe für Qualität, für Wettbewerb und Meisterschaft und damit für Kummer und neues Leid. Einer trennt sich seiner Frau zuliebe vom Akkordeon, verliert daraufhin allen Lebensmut und hängt sich auf. Schließlich ist das Akkordeon ein biomorphes Organ, eine pulsierende Junggesellenmaschine von zweideutiger Identität. Gedrückt, gezogen und gestoßen, "hört es sich an wie meine Alte", sagt ein beeindruckter Zuschauer. Für den einen spielt der Musikant, als "massiere er die Brüste einer Frau", für die andere ist es "ein Männerinstrument", weil die Männer sich beim Spiel verhalten, als ginge es um den Liebesakt.

Mehr als einmal aber spielen sie, Männer wie Frauen, um ihr Leben, als sprängen sie dem Tod von der Schippe: "Ihre Balgführung war außerordentlich, mit dramatischen Crescendi und erstickten Sforzati-Explosionen" - Melodien wie Schätze, "dem Leben abgewonnen." Einmal sind sogar die Tasten angesengt, vor lauter Spielfeuer. Der Weg des Akkordeons führt von einer kleinen Künstlerparabel zur nächsten; ob Kellner, Farmer, Gauner, Profi oder Dilettant - die Musiker der Proulx spielen an der Quetschkommode Urszenen der Kunst durch. In den seltsamsten Fällen sind dies Erfolgsszenen: "Es ist ein Instrument für Versager", erklärt die Tochter des Musikanten. "Dann hat er das Akkordeon runterhängen lassen, mit aufgezogenem Balg einfach das eine Ende hängen lassen, und ich hab' das große, moderige Ding herunterhängen sehen und hab' ihn gehaßt."

Die expressive Rede ihrer Musikanten beherrscht die Proulx nicht minder als die mitten ins Herz zielende Metapher. Während wieder einmal ein armer Kerl zugrunde geht, wird er umlauert von Kojoten, "deren Kauen und Schlabbern seine Nachtmusik wurde, während am sengenden Tag der Himmel mit Bussarden gepfeffert war". Der Wald trägt "weiche Leder- und Genitalfleischfarben", eine Ehefrau "verdreht die Augen wie ein vergiftetes Pferd", und ein Mord geschah, "als der Himmel sich blaßblau färbte wie das Innere einer Austernschale".

Jugendliche Kinozuschauer bezeichnen ähnliches Virtuosentum im Film als "geile Einstellung". Das Schreiben der E. Annie Proulx gilt weder dem Experiment noch der Erkenntniskritik. Sie baut auf Leser, die die Tricks des erzählerischen Illusionismus internalisiert haben wie die Kids im Kino die Technik der Effekte. Ihre literarische Ethik spiegelt sie im Wetteifern der Musikanten um Effekte und Suggestionen. "Das würde richtig gut klingen", sagt einer am Anfang seiner Karriere, "wenn wir die verdammten Dinger nur spielen könnten." Die Proulx kann es. Ihr Buch ist selbst ein Akkordeon, ein ganzes Orchestrion zum Ziehen und Quetschen, Abschußbahn knalliger Effekte. Ein bißchen billig mögen sie sein, aber ihrer krachenden Wirkung tut das keinen Abbruch.

E. Annie Proulx: "Das grüne Akkordeon". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wolfgang Krege. Luchterhand Literaturverlag, München 1997. 558 S., geb., 48,- DM.

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