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Péter Nádas' schmales Erstlingswerk enthält bereits die Anlagen für seinen Welterfolg "Buch der Erinnerung".
Eine Kindheit in der stalinistischen Rákosi-Ära: Ein Junge lebt mit seinen Eltern und Großeltern in einem privilegierten Stadtbezirk von Budapest. Wenig beaufsichtigt, lässt er seine sadistischen Neigungen an dem Dienstmädchen vom Land aus. An der Bibel, die er vor den Augen des gläubigen Mädchens zerreißt, um es zu provozieren, entzündet sich der Konflikt: Für das Bauernmädchen ist das Buch der Bücher ein Quell des Trostes und der moralischen Haltung und für die Mutter ein teures Andenken an die Zeiten des Widerstands.…mehr

Produktbeschreibung
Péter Nádas' schmales Erstlingswerk enthält bereits die Anlagen für seinen Welterfolg "Buch der Erinnerung".

Eine Kindheit in der stalinistischen Rákosi-Ära: Ein Junge lebt mit seinen Eltern und Großeltern in einem privilegierten Stadtbezirk von Budapest. Wenig beaufsichtigt, lässt er seine sadistischen Neigungen an dem Dienstmädchen vom Land aus. An der Bibel, die er vor den Augen des gläubigen Mädchens zerreißt, um es zu provozieren, entzündet sich der Konflikt: Für das Bauernmädchen ist das Buch der Bücher ein Quell des Trostes und der moralischen Haltung und für die Mutter ein teures Andenken an die Zeiten des Widerstands.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher .68
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • Originaltitel: A Biblia
  • Artikelnr. des Verlages: 22385
  • Seitenzahl: 92
  • Erscheinungstermin: 15. Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 121mm x 13mm
  • Gewicht: 140g
  • ISBN-13: 9783499000683
  • ISBN-10: 3499000687
  • Artikelnr.: 56523118
Autorenporträt
Nádas, Péter
Péter Nádas, 1942 in Budapest geboren, ist Fotograf und Schriftsteller. Bis 1977 verhinderte die ungarische Zensur das Erscheinen seines ersten Romans "Ende eines Familienromans" (dt. 1979). Sein "Buch der Erinnerung" (dt. 1991) erhielt zahlreiche internationale Literaturpreise. Zuletzt erschienen der große Roman "Parallelgeschichten" und seine Memoiren eines Erzählers: "Aufleuchtende Details". Unter anderem wurde Nádas mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (1991), dem Kossuth-Preis (1992), dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung (1995) und dem Franz-Kafka-Literaturpreis (2003) ausgezeichnet. 2014 wurde ihm der Würth-Preis für Europäische Literatur verliehen. Péter Nádas lebt in Budapest und Gombosszeg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.04.2010

Rákosi gibt den Weihnachtsmann
Als Einstiegsdroge: Ein kleines Frühwerk des ungarischen Autors Péter Nádas

Kann man Literatur kondensieren? Eine solche Methode hätte durchaus praktische Folgen: Statt des unendlichen Menüs von Prousts "Recherche" nur einen Suppenwürfel davon. Oder Tolstois "Krieg und Frieden" als Kurzgeschichte? Schon die Beispiele zeigen, dass sich Tempo und Dichte großer Texte nicht beliebig verändern lassen. Immerhin gibt es hier und da die Möglichkeit eines "amuse gueule", eines Probierhäppchens. Péter Nádas hat ein solches geschaffen, als er 1965 seinen drei Jahre vorher geschriebenen Erstling unter Mühen in Budapest herausbringen konnte: "Die Bibel", der stolze Konkurrenztitel zum Buch der Bücher, verspricht ironischerweise eine ganze Kultur und eine Metaphysik dazu. Und dann sind es gerade einmal fünfundneunzig Seiten.

Die aber haben es in sich. Nádas erzählt scheinbar kalt und beiläufig die kargen Erlebnisse eines Heranwachsenden in einem Budapester Villenviertel: Der große Garten mit einem blasierten Nachbarsnymphchen, die herrschaftlichen Zimmer, die mittelmäßig bewältigten Hausaufgaben, die öde Abfolge der Tage mit der primitiven und herrschsüchtigen Großmutter, der stets zum Büro hin und her eilende Vater voller Flüchtigkeit; dazu die Mutter, die ihren Sohn zwar zärtlich zu lieben scheint, aber im Staatsapparat zu beschäftigt ist für eine wirkliche Erziehung. Nádas schildert hier keine späthabsburgische Idylle im Geiste Ferdinand von Saars, sondern den Alltag der "neuen Klasse", die nach der kommunistischen Machtübernahme in den alten Fabrikantenvillen auf den Hügeln der ungarischen Hauptstadt residierte und das Land nicht nur im stalinistischen Regime bis 1956 an den Abgrund manövrierte.

Provokant muss 1967 schon der Beginn gewirkt haben, in dem Nádas keinen kommunistischen Heldenspross, sondern einen unangenehmen und dazu noch feigen Sadisten schildert: Der Knabe prügelt den Familienhund mit einer Gartenhacke tot - aus Langeweile, aus allgemeiner Lieblosigkeit vielleicht auch. In der neu errungenen, recht eigentlich strindbergschen und streng von Ritualen geregelten Bürgerlichkeit engagiert sich die Funktionärsfamilie gegen den erbitterten Widerstand der praktischen Oma ein einfältiges, frommes Hausmädchen. In fortlaufend nüchternem und gefühlsarmem Tonfall, der bei aller Detailgenauigkeit sichtlich an Hemingway geschult ist, schildert der Autor das präpubertäre Verhalten des Sohns des Hauses: Er belauert die nackte Szidike im Bad, lässt sie von der Oma kujonieren und zerrupft als Provokation die Hausbibel, bis das fromme Mädchen eingreift und das dampfende Bügeleisen auf einem Nachthemd vergisst.

Damit ist sie einerseits gefeuert, andererseits hat sie dabei die Bibel der gottlosen Leute mitgehen lassen - und wusste nicht, dass unter ihr die Mutter einst unter Lebensgefahr kommunistische Kassiber versteckt hielt und darum ans verachtete Buch sentimental gebunden ist. Solche Details über Menschen, die von mutigen Widerständlern zu kalten Henkern mutierten, verleihen der Personenschilderung Glaubwürdigkeit. Genau wie die Erwähnung zweier höchst rarer Orangen, die - nach der Phantasie der Mutter - Genosse Rákosi dem Jungen wie ein neuer Weihnachtsmann geschenkt haben soll.

Am erbarmungslosen Ende ist die Familie der neuen Herren unfreiwillig zu echten Patrons mutiert, Szidike landet wieder in dreckiger Armut auf dem Land, und aus dem Erzähler kann wohl nichts anderes mehr werden als ein emotionsloser Widerling. Kein Wunder, dass Nádas durch diese Studie, die unmerklich Lebenslügen der kommunistischen Oberschicht bloßlegt, unliebsam auffiel. Die Bibel wird hier - ohne jede religiöse Konnotation - nicht zum überkommenen Symbol stumpfer Volksfrömmigkeit, wie das auch nach dem Aufstand von 1956 die staatliche Propaganda sah, sondern zum Inbegriff menschlicher Gefühle, für die im kalten Gehäuse der Ideologie kein Platz mehr ist.

Für die Leser ist die exakte und gebührend lakonische Übersetzung dieses Frühwerks ein Glücksfall, zeigt sie uns doch den damals zwanzigjährigen Schriftsteller als veritables Junggenie. Darüber hinaus hatte Nádas mit der detaillierten Schilderung von Alltagsgefühlen auch Stil und Thema für sein monumentales, nicht zu Unrecht mit Proust verglichenes "Buch der Erinnerung" gefunden. Wen diese kondensierte Minibibel fasziniert, der sollte getrost in den Kosmos von Péter Nádas eintauchen.

DIRK SCHÜMER

Péter Nádas: "Die Bibel". Erzählung. Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky. Berlin Verlag, Berlin 2009. 95 S., geb., 18,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Jörg Plath begrüßt Peter Nadas' Erzähldebüt "Die Bibel" aus dem Jahr 1962, das nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Die kurze, aber intensive Erzählung zeigt in seinen Augen einen "unbekannten Nadas", einen Autor der "kühlen Grausamkeit". Die mit "harten Strichen" erzählte Geschichte um einen Heranwachsenden, der einen Hund erschlägt und dem Dienstmädchen seiner Eltern zusetzt, handelt für ihn von der Erniedrigung des Menschen im Sozialismus und von den Gepflogenheiten der privilegierten "neuen Klasse". Fast erstaunt zeigt er sich darüber, wie "direkt und ökonomisch" der Autor von dieser Zeit erzählt. Das Buch, das sich für Plath auch durch seine "ungeheure Wucht" auszeichnet, macht auch deutlich, welch weiten Weg Nadas seit damals zurückgelegt hat.

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