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Péter Esterházys letztes Buch. Es ist das Tagebuch seiner Krankheit, in dem er seiner Erkrankung begegnet, wie er Gott und der Welt und dem Leben immer begegnet ist: aufrichtig und neugierig, spielend, voll Geist und Witz und Liebe zum Leben. Und mit dem Stift in der Hand: schreibend. Doch was ist, wenn sich der eigene Körper auf einmal gegen das Schreiben wendet? Wie hält der Schriftsteller, dessen Werk auf die Unentwirrbarkeit von Wirklichkeit und Dichtung aufbaut, seine Tage fest? Was passiert mit der "ontologischen Heiterkeit", wenn die tödliche Krankheit zur täglichen Übung wird? Kann der…mehr

Produktbeschreibung
Péter Esterházys letztes Buch. Es ist das Tagebuch seiner Krankheit, in dem er seiner Erkrankung begegnet, wie er Gott und der Welt und dem Leben immer begegnet ist: aufrichtig und neugierig, spielend, voll Geist und Witz und Liebe zum Leben. Und mit dem Stift in der Hand: schreibend. Doch was ist, wenn sich der eigene Körper auf einmal gegen das Schreiben wendet? Wie hält der Schriftsteller, dessen Werk auf die Unentwirrbarkeit von Wirklichkeit und Dichtung aufbaut, seine Tage fest? Was passiert mit der "ontologischen Heiterkeit", wenn die tödliche Krankheit zur täglichen Übung wird? Kann der Bauchspeicheldrüsenkrebs als Liebesgeschichte beschrieben werden? Keine einfache Geschichte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Best.Nr. des Verlages: 516/25544
  • Seitenzahl: 238
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 240 S. 209 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 365g
  • ISBN-13: 9783446255449
  • ISBN-10: 3446255443
  • Best.Nr.: 47022426
Autorenporträt
Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren, wo er auch heute lebt, seit 1978 als freier Schriftsteller. 2004 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und 2012 mit dem Bremerhavener Jeanette-Schocken-Preis für Literatur.
Rezensionen
Besprechung von 06.05.2017
Oh, Lord
In seinem letzten Buch
schreibt Péter Esterházy gegen
die Diktatur der Wirklichkeit
VON LOTHAR MÜLLER
Im Mai 2015 teilten die Ärzte dem ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy, der sich wegen eines leichten Schmerzes unterhalb der Rippen hatte untersuchen lassen, die Diagnose mit: Bauchspeicheldrüsenkrebs, mit Metastasen in der Leber. Er musste nun, wie jeder Mensch, ein Verhältnis zu der Krankheit gewinnen, und zu der Todesdrohung, die das Wort „Bauchspeicheldrüsenkrebs“ enthält. Und er musste entscheiden, ob er die Diagnose als schriftstellerische Herausforderung begreifen, auf sie mit einem Text reagieren wollte. Und wenn ja, in welcher literarischen Form. Péter Esterházy war ein Autor, der sich ungern von der Wirklichkeit die Form vorschreiben ließ, in der er sie in seinem Werk zur Darstellung brachte.
Am 24. Mai 2015 begann Esterházy sein „Bauchspeicheldrüsentagebuch“, und das war durchaus nicht selbstverständlich. Schon im ersten Eintrag findet sich der Satz: „Ich habe immer Zettel zur Hand, um alles jederzeit notieren zu können, aber ich bin kein (richtiger) Tagebuchschreiber.“ Nein, diese Form, die so demonstrativ den Schein der Anwesenheit des Lebens im Text erzeugt, war nicht sein Genre. Sie war ihm unbehaglich, aber es half nichts, hier musste sie sein. Und er hatte Übung darin, in einer Form zu schreiben, die ihm unbehaglich war: „Die Situation nervt, sie erinnert mich an die Verbesserte, hier wie dort dieser ärgerliche Zwang zum Realismus.“
Die „Verbesserte Ausgabe“ (2002, dt. 2003), das war der erzwungene Nachtrag zur „Harmonia Caelestis“, in der er den Stoff seiner eigenen Familiengeschichte mit der ungarischen und europäischen Geschichte gekoppelt und durcheinandergewirbelt hatte. In diesem Zwitter aus modernem Sprachfuror und barocker Wunderkammer spielte das Wort „Vater“ eine Hauptrolle. Es schloss auch den Vater von Péter Esterházy in sich ein. Als der Sohn kurz vor Abschluss seines Hauptwerkes entdeckte, dass sein Vater unter einem Decknamen jahrzehntelang inoffizieller Mitarbeiter der Geheimpolizei gewesen war, widmete er diesem Schock und den Akten, die ihn ausgelöst hatten, seinen Nachtrag zur „Harmonia Caelestis“, eben die „Verbesserte Ausgabe“.
Der Zwang zum Realismus entspringt nun der Krebsdiagnose. Der Autor muss dem Stoff folgen, den sein Leben, der Krankheitsverlauf ihm vorschreibt. In der Rebellion gegen den „Sozialistischen Realismus“ ist er als junger Mann zum Autor geworden, der das Sprachspiel ins Zentrum seines Werks stellte, für den im Text nur die Wirklichkeit zählt, die sich in der Sprache bewährt, ihren Möglichkeiten aussetzt. „Die Wirklichkeit als ästhetischer Maßstab – wer hat so etwas je gehört!“
Mit Sätzen wie diesen rebelliert Esterházy gegen die Form, in der er schreibt, aber aus dem Zugleich von Unbehagen am Tagebuch und Unwillen gegenüber der Krankheit entsteht hier große Literatur. Esterházy war kurz vor der Diagnose 65 Jahre alt geworden, ist Großvater, die Kinder und Enkel durchqueren das Tagebuch, ein Enkel schenkt ihm einen Bleistift mit einem Gepardenmuster, das Wort Gepard macht sich selbständig im Text.
Rasch wird klar, dass hier jemand in Notwehr schreibt, jemand, der sich seine Waffe nicht aus der Hand schlagen lassen will, die Fähigkeit, Sätze zu bauen, Wörter zu wenden, das, was ihm auf den Leib rückt, durch Benennung und Beschreibung auf Distanz zu halten. So nennt er die Bauchspeicheldrüse, wenn er sie schon nicht loswird, seine „Fee“, sein „Bauchspeichelchen“, und weil der schärfste Trost gegen das Sterblichkeitsbewusstsein der Sex ist, hüllt er seine Krankengeschichte in die Form einer Liebesgeschichte, die nur in der Sprache stattfindet und immer wieder das frivole Register zieht: „Meine liebe Fee oder mein Bauchspeichelchen oder wie du auch immer heißen magst, kannst du mir wohl von innen einen blasen?“
Die Krankengeschichte kommt darüber nicht zu kurz, sie tritt schärfer hervor, in den kurzen, refrainartig wiederkehrenden Sätzen über die Haare, die berühmte Esterházy-Haarpracht, die zu allen Porträts gehört, die von ihm kursieren: „ein zwei Haare schweben vor mir“ „ich lese meine Haare einzeln auf“, „überall einzelne Haare“. Und dann gibt es die Litaneien mit den Medikamenten-Namen, den Refrainsatz „Ich höre den Tropf in mich hineintropfen“, die Begegnungen auf Krankenhausfluren, die verschiedenen Therapien, nein, nicht „Chemo“, das klänge verniedlichend: „Richtig heißt es Chemotherapie.“
Der Autor ist in diesem Krebstagebuch nicht nur die Stimme des Kranken. Er ist auch die Stimme seines Werks. Er korrigiert die Fahnen der deutschen Ausgabe seines Buches „Die Markus-Version“, der zweiten seiner „Einfachen Geschichten“. Wer diesen Werk-Anspielungen nachgehen will, dem sei das lange Gespräch empfohlen, das Mariann D. Birnbaum noch vor seiner Erkrankung mit Péter Esterházy geführt hat (Die Flucht der Jahre. Ein Gespräch mit Péter Esterházy. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Hanser Berlin Verlag, München 2017. 160 S., 20 Euro.).
Zur Selbstbehauptung des Autors Esterházy gegenüber seiner Krankheit gehört die Skizze einer ironischen Antwort auf Hemingway, ein turbulenter Slalom mit Jean-Claude Killy und dem Tschechen Jan Kovalent, angeblich Erfinder der Kovalent-Bindung. Die hat aber mit Skiern nichts zu tun, sondern stammt aus der Molekularchemie und gehört zum Bauchspeichelchen. „Wie gern stürbe ich.“ In der Form eines Dementis probiert Esterházy diesen Satz aus. Immer wieder regt sich sein Widerstand gegen die Diktatur der Wirklichkeit: „Wie die Drüse den Sinn der Sätze verdreht, sie umzingelt; plötzlich ist sie der Kontext von allem, ob ich es will oder nicht. Das nenne ich interessant.“
Nicht zuletzt in den Pausen, den nicht aufgezeichneten Tagen des Tagebuchs, dort wo das Bauchspeichelchen nicht Fee ist, nur Krebs, entfaltet sich die Krankheit: „Ist der Tag draußen recht heftig, vermindern sich seine Chancen hier im Heft.“ Das Echo des Ausgelassenen im Tagebuch: „Ich bin kraftlos, dieser Satz trifft jetzt leider am meisten zu.“ „Mein Herz ist schwer.“ Dazu die Anrufungen: „Oh, allmächtiger Wittgenstein, hilf!“, „Liebe Sprache, hilf mir“ oder „Herr, hilf“.
Zur Familie, den Ärzten, Patienten gesellt sich das Defilee der ungarischen Autoren, László Földenyi, László Darvasi, Péter Nádas, der Geburtstag von Imre Kertész wird gefeiert, die Teilnahme an der Beerdigung des großen ungarischen Politikers und Autors Árpád Göncz versagt sich der Kranke. Aber er registriert die Ankunft der Flüchtlinge in Ungarn, die Reaktion der Bischöfe und der ihm unangenehmen Regierung Viktor Orbáns.
Das Bauchspeichelchen, der mögliche künftige Tod und der Autor sind nicht die einzigen Hauptfiguren des Tagebuchs. An ihre Seite tritt von Beginn an der Leser Péter Esterházy. Er exzerpiert, freilich nicht im Tagebuch, Susan Sontags Essay „Krankheit als Metapher“, liest viel tagebuchartige Schriften, etwa von Max Frisch, den Brief von Georges Simenon an seine Mutter, einen Band mit Dokumenten zu Krankheit und Tod seines literarischen Vorbildes Dezső Kosztolányi, vor allem aber immer wieder Harold Brodkeys „Geschichte meines Todes“. In diesem Buch, das er immer wieder zitiert – „So endete mein Leben. Und mein Sterben begann“ –, findet der Autor Esterházy sein Vorbild, und man kann seinem eigenen Buch kein größeres Kompliment machen, als ihm zu bescheinigen, dass es am Ende brüderlich an der Seite dieses großen Vorbilds steht.
Das Tagebuch endet mit dem Eintrag vom 2. März 2016. Ende März 2016 starb Imre Kertész, die Grabrede, die Esterházy auf den Freund Ende April hielt, kommt nicht mehr vor. Am 14. Juli 2016 starb Péter Esterházy. Im Juni 2015 hatte er notiert: „Ich sagte, sie sollen sich noch heute den Song Mercedes Benz anhören, mit besonderem Augenmerk auf das Lachen am Ende. Mitics, der Älteste, der sich am meisten bedeckt hielt, fragte, sollen wir dann das auch beim Begräbnis spielen? Ja nun, wenn du das schaffst … Gitti schüttelt den Kopf, also bitte ….“ Der 2. August 2016, an dem Péter Esterhâzy in der Familiengruft in Ganna beigesetzt wurde, war ein sonniger, heißer Tag. Und aus den Lautsprechern vor dem Mausoleum kam am Ende das Lachen von Janis Joplin.
Dieser Schriftsteller will sich
seine Waffe nicht aus der
Hand schlagen lassen
Der Autor ist nicht nur die
Stimme des Kranken, er ist
auch die Stimme seines Werks
Péter Esterházy:
Bauchspeicheldrüsentagebuch. Aus dem Ungarischen von György Buda.
Hanser Berlin, Berlin 2017.
240 Seiten, 20 Euro.
E-Book 15,99 Euro.
„Steige auf, Sonne, gesegnete Sonne – wie geht es weiter?“: Péter Esterházy.
Foto: Lenke Szilágy / Hanser Berlini
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Keine leichte Lektüre hat Tilman Spreckelsen hinter sich. Das Sterben am Krebs, wie es Peter Esterhazy hier tagebuchartig festhält, bestürzt den Rezensenten durch das Ringen ums Wort, um die Bezeichnung für das Unsägliche. Wenn der Patient Krankengeschichten von Brodkey oder Susan Sontag liest, sein kleines Glück, noch in der Sonne sitzen zu können beschreibt, oder die Krankheit als launische Geliebte schildert, atmet Spreckelsen auf. Um dann festzustellen, dass der Text eigentlich Vermächtnis sein will und die Sprache an ihre Grenzen stößt. Rührend und beeindruckend ist das für den Rezensenten fast immer, da die Würde des Sterbens in der Sprache erhalten bleibt, wie er findet.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.07.2017
Wie man das Unheil unter das Joch der Sätze zwingt
Mit Witz und Würde dem Tod entgegen: Péter Esterházys "Bauchspeicheldrüsentagebuch"

"Krebs, das ist das richtige Anfangswort", heißt es im allerersten Notat dieses Bandes, schließlich geht es genau darum: um die Krankheit, die bei dem damals fünfundsechzigjährigen ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy im Mai 2015 diagnostiziert worden ist. Aber es geht zugleich auch darum, wie das, was geschildert werden soll, sprachlich zu fassen ist, um "das richtige Anfangswort" also ebenso wie um den Krebs. Dazu gehört, dass die Krankheit, die sich offenbar schon seit dem Vorjahr in Esterházys Körper ausbreitet, einen Namen bekommt und damit sichtbar wird, eine Entwicklung, die der Kranke gegenüber den zögerlichen Ärzten selbst übernimmt, indem er sie, wie er schreibt, "heiter" danach fragt, ob es Krebs ist: "Ich versuchte, versuche, das Unheil am Schlafittchen zu packen. Es unter das Joch der Sätze zu zwingen. Das Joch der Sätze - ja, das Unheil zeigt sich in diesen Bildern."

Das Ergebnis ist ein Band namens "Bauchspeicheldrüsentagebuch", der als Tagebuch daherkommt und sehr viel mehr enthält, als der Titel verheißt. Die Diagnose ist alarmierend, "Bauchspeicheldrüsenkrebs, mit Metastasen in der Leber", es folgen Arztbesuche und Chemotherapie, Begegnungen mit anderen Patienten und mit Gesunden, die auf einmal, weil sie ihren Alltag weiter leben, auf der anderen Seite stehen. Esterházy schildert, wie ihm das Gift, das ihn heilen soll, durch einen Schlauch in den Körper rinnt, er notiert die umgestellte Verdauung, die Mattigkeit, aber auch die Glücksmomente, wenn er zwischen den Behandlungen im Garten in der Sonne sitzt. "Noch am Leben", so signiert er einer Ärztin ein Buch.

Es bleibt nicht bei dem einen, natürlich nicht, Esterházys Ruf als Schriftsteller reicht weit über seine ungarische Heimat hinaus, und spätestens mit dem großen Familienerinnerungsroman "Harmonia Caelestis", der 2001 auf Deutsch erschien, war Esterházy als feste Größe der internationalen Literatur etabliert. Er schrieb eine Reihe funkelnder Romane, in denen er große literarische Traditionen mit der eigenen Biographie verband, erhielt 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und wirkte als Vermittler vor allem der ungarischen Literatur der Zwischenkriegszeit, etwa indem er nachdrücklich für Autoren wie Dezso Kosztolányi warb, auf dessen Geschichten von Kornél Esti er auch in diesem Krankentagebuch verweist.

Der Patient liest die Krankenberichte von Susan Sontag oder Harold Brodkey, vor allem aber findet er zu einer bemerkenswerten Haltung der eigenen Krankheit gegenüber, jenem Krebs also, der sich seinem Körper so eng verbunden hat: Esterházy findet dafür eine Fülle von sexuellen Metaphern, der Krebs wird als launische Geliebte beschrieben, die vom Geliebten Beachtung heischt, und der Autor, der mit seinem gesamten Werk vor allem für seine literarische Spielfreude bekannt geworden ist, treibt dieses ernste Spiel auch hier sehr weit, mit sichtbarer Freude am expliziten Vokabular. Auch hier geht es um die sprachliche Formung, darum, nichts einfach geschehen zu lassen, sondern ihm die eigene, sprachlich fixierte Deutung zu verleihen. Hinzu kommt, dass mit einer Krankheit, die zur Person wird, auch zu reden ist, dass man sich der Hoffnung hingeben kann, bei ihr etwas zu erreichen. Dass Esterházy der Geschwulst nahelegt, "früher oder später das Weite zu suchen", berichtet er seinem Freund Péter Nádas, der ihn am Krankenbett besucht. "Ruhe dich aus", antwortet Nádas. "Gut, ich ruhe mich aus."

Für sich behält er das alles nicht, wie die Notizen weiter verraten: Teile des entstehenden Werks liest er seiner Familie vor, deren Präsenz er wiederum festhält. So finden immer wieder Beschreibungen gestohlener Stunden statt, etwa mit den Brüdern, die den Kranken auf einen ausgelassenen Kurzurlaub mitnehmen. Besonders seinen Kindern, die ihn aufsuchen oder bei denen er eingeladen ist, gelten liebevolle Betrachtungen, und hier offenbart der Text am ehesten, dass er auch ein Vermächtnis sein will. Das aber ist eine schleichende Entwicklung über das gesamte Buch hinweg. Am Anfang überwiegt in den Notaten das Bemühen des Autors, den Dingen eine komische Seite abzugewinnen, etwa wenn es um die Spuren geht, die die Krankheit in seiner Physiognomie hinterläßt: "Heute beginnt der Sommer", heißt es am 21. Juni 2015: "Ich wiege 83,4 Kilo, also habe ich abgenommen, das sind 10 Kilo weniger seit Weihnachten. Ohne Krebs wäre das super."

Manches ändert sich, als die Nachricht von der Krankheit über den engsten Kreis der Familie und Freunde hinausdringt, als Esterházy bei öffentlichen Auftritten darauf angesprochen wird. Beim Besuch eines Sohnes heißt es: "Wir sprachen über die vielen Reaktionen der letzten Tage, wie viele Menschen mir so nett und besorgt geschrieben haben usw. Als ich sagte, mir gehe es gut, musste er weinen. Ich beinahe auch. Es tut mir ehrlich leid, Kummer zu verursachen. Ein Kummermacher."

In solchen Momenten stößt die Sprache an ihre Grenzen, und auch das bildet das "Bauchspeicheldrüsentagebuch" ab. Wo die körperlichen Reaktionen auf die Chemotherapie registriert und in ihrer wachsenden Beschwernis auch beschrieben werden ("Ich sabbere. Speichel, Tränen, Rotz. Keine Kraft."), da ist auch mit der so liebevoll umgarnten Krankheit nicht mehr zu reden. Esterházy versucht es trotzdem, mitten im Elend der Behandlung: "Ich gebe zu, diesmal hast du gute Karten. Allerdings habe ich dir die Karten mit beiden Händen zugespielt, brauchst du Karten, brauchst du Karten? Du grinst, grins nicht."

Es sind Passagen wie diese, die ebenso anrühren wie beeindrucken. Denn das Aufbäumen gegen das Sterben, das hier abgebildet wird, besitzt noch im Elend eine ganz eigene Würde, die sich in einer Sprache ausdrückt, die dem Tod die Zähne zeigt. Im letzten Eintrag, datiert auf den 2. März 2016, heißt es: "Diese Hefte werden doch noch ein Buch ergeben. Jetzt beginne ich, das Bisherige in die Maschine zu schreiben. Irgendwo muss ich es abschließen und natürlich weiterschreiben." Genau das geschieht dann, dem Erlebnis der Krankheit wird ein weiteres Mal die Hand des Autors entgegengesetzt, die das Notierte formt, bis es Literatur geworden ist.

Vier Monate nach diesem Eintrag, am 14. Juli 2016, ist Péter Esterházy gestorben.

TILMAN SPRECKELSEN

Péter Esterházy: "Bauchspeicheldrüsentagebuch".

Aus dem Ungarischen von György Buda. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017. 240 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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